Ausgabe: 12 / 1998
Seite: 46-53

"Ich sammle gegen das Vergessen"

Von Frank Nicolaus Kurt Wyss

CARL LASZLO hat Auschwitz überlebt, mit dem Dalai-Lama geplaudert und mit Timothy Leary gefeiert. Seine Sammlung ist wild wie sein Leben: von ungarischem Konstruktivismus bis zum burmesischen Tempel in seinem Garten in Basel

VON FRANK NICOLAUS FOTOS: KURT WYSS earl Laszlo lustwandelt durch seine Villa am Basler Sonnenweg. Sein irdisches Paradies. Seligkeiten allüberall, vom Keller bis ins Dachgeschoß: Gemälde, orientalische Teppiche, Skulpturen, chinesische Vasen. Bücher, Götterstatuen, Flipperautomaten, kostbares Porzellan, Wurlitzer-Musikboxen, Schmuck und Stilmöbel. Gotik, Pop Art, Jugendstil, Renaissance und Konstruktivismus, Dadaismus, Surrealismus, Futurismus und Barock: In der Villa am Sonnenweg sind die Schätze weder nach Stilrichtungen noch nach Epochen geordnet. Kunstgewerbe ist unter Kunst gemischt, Kuriosa unter Kostbarkeiten.

Der Hausherr lustwandelt auf schmalen Pfaden. Die auf 14 Zimmer verteilten Werke, ein Zehntel seiner 15000 Arbeiten umfassenden Sammlung, lassen kaum Raum zum Wohnen. Selbst an den Zimmerdecken sind Gemälde angebracht, im Treppenaufgang ist kein Zentimeter frei, und das Klo ist ein kleines Kunstkabinett mit Barockbildern und surrealistischen Zeichnungen.

Carl Laszlo setzt sich in einen Empire-Sessel, zündet sich eine Havanna an (die sechste in Folge) und läßt sich von seinem jungen ungarischen Assistenten ein Glas mit kalorienfreiem Himbeersaft servieren. "Meine Sammlung repräsentiert mein Urteilsvermögen, meine Ansichten und meine Beziehung zur Kunst", sagt er. "Ich sammle vor allem wider das Vergessen." Der gebürtige Ungar will mit seinen Schätzen "eine eigene Kunstgeschichte inszenieren". Zwar sind in seinem privaten Orbis pictus auch international bekannte Künstler vertreten, Rene Magritte und Yves Tanguy etwa, Otto Dix, Laszlo Moholy-Nagy, Francis Picabia und Salvador Dali. Aber "noch näher am Herzen" liegen ihm hochtalentierte Maler und Bildhauer, die noch nicht oder nicht mehr auf den kunsthistorischen Podesten stehen. Er besitzt beispielsweise fast das gesamte Werk des französischen Malers Auguste Herbin (1882 bis 1960). Auch der "Sturm"-Künstler William Wauer ( 1866 bis 1962) und der belgische Surrealist Marc Eemans, ein früher Weggefährte von Rene Magritte, sind mit zahlreichen Werke in seiner Sammlung vertreten.

"Einen großen Teil meiner Energie widme ich ungarischen Künstlern", sagt Laszlo. "Mein ausgeprägter Lokalpatriotismus spielt dabei nur eine Nebenrolle. Viel wichtiger ist für mich die Tatsache, daß Ungarn seit Jahrzehnten von den Auguren des internationalen Kunstmarkts übersehen wird." Also sammelt er Werke von Vilmos Huszar ( 1884 bis 1959), Lajos Kassak (1887 bis 1967) und Alfred Reth ( 1884 bis 1966), von Jozsef Csaky (1888 bis 1971 ), Bela Kadar ( 1877 bis 1956) und Laszlo Péri (1889 bis 1967). Die Museumsdirektoren haben die Sammlung längst als Bilderquelle entdeckt. Unter dem Titel "Facetten der Moderne" war eine Auswahl der Werke Anfang des Jahres in der Potsdamer Orangerie und im Erfurter Angermuseum zu sehen. Zur Zeit gastiert die Schau in der Galerie der baden-württembergischen Stadt Fellbach (bis 3 . Januar 1999).

Am Eröffnungstag in Potsdam fiel einer aus dem Rahmen: Der seltsame Typ trug ein Hippie-Hemd, ein halbes Dutzend goldener Ringe an der rechten Hand und eine üppige Kette um den Hals. Er wirkte wie 50; seine Augen blitzten hellwach und vergnügt durch den Rauchschleier seiner dicken Havanna - es war der 74jährige Carl Laszlo.

"Ich bin eine verkrachte Existenz", behauptet der Basler Sammler, Kunsthändler, Verleger und Schriftsteller gern. Wenn er weniger kokett aufgelegt ist, umschreibt sich der studierte Psychoanalytiker auch schon mal als "MehrfachÜberlebender, Abenteurer und Erotiker, Enttäuscher, Verwandler und Versöhner". Daß solche Etikettierungen an der Realität vorbeigehen, ist ihm klar wie keinem sonst: "Ich habe mich nie verstehen können", sagt er. "Ich weiß nicht und wußte nie, was ich mache, was ich rede, was mit mir geschieht." Prominente Zeitgenossen haben sich Gedanken über ihn gemacht. So weiß der Börsen-Guru André Kostolany: "Carl Laszlo ist ein großer und profunder Kenner der menschlichen Seele." Der Maler Christian Schad (1894 bis 1982) schrieb über seinen Freund: "Er ist einer, der permanent zwischen den Fronten spazierengeht - zwischen allen Fronten, nicht nur in der Kunst." Und derrumänische, in Frankreich zu Weltruhm gekommene Philosoph Emile Michel Cioran formulierte die These: "Jemand, dem widerfuhr, was Carl Laszlo erlebt hat, ist auf dieser Erde alles erlaubt." "Unsinn! " meint Laszlo. "Ich käme nie auf die Idee, aus meiner KZ-Erfahrung irgendwelche Sonderrechte abzuleiten." Auch sein obsessives Sammeln, so meint er, sei nicht einfach mit dem Auschwitz-Trauma zu erklären. "Die Wahrheit ist viel interessanter", sagt Laszlo: "Ich habe schon als Kind gesammelt. Und ohne gewisse Sammlertugenden hätte ich Auschwitz oder die anderen Konzentrationslager wahrscheinlich nicht überlebt." Carl Laszlo, 1923 in der südungarischen Bischofsstadt Pecs (Fünfkirchen) geboren, wuchs wohlbehütet in einer großbürgerlichen Familie auf. Sein Vater Leo handelte mit Leder und vertrat den deutschen Gummikonzern "Continental" in Ungarn. Seine Mutter Rosa repräsentierte Weltläufigkeit und Eleganz, sie empfing Künstler und Politiker in ihrem Salon und glänzte auf festlichen Bällen. Im Hause Laszlo fühlte man patriotisch und dachte kosmopolitisch, man pflegte die ungarische Sprache und parlierte polyglott. Der kleine Karoly hatte privaten Sprachunterricht bei einer französischen Mademoiselle und einer englischen Miss; seine deutsche Erzieherin weckte in ihm schwärmische Sehnsucht nach dem Land von Goethe und Heine.

Sein früh entwickelter Sammlertrieb jedoch richtete sich zunächst auf die Umgebung: Als selbsternannter "Dorf-Porscher" besuchte Laszlo nahe und ferne Marktflecken, notierte die lokalen Bräuche und Geschichten in eine dicke Kladde und erwarb ortstypisches Kunsthandwerk. Seine Volkskundesammlung wuchs schnell, das städtische Museum von Pecs bat schon bald um Leihgaben.

1941 begann derjunge Mann ein Medizinstudium. Am 19. März 1944 fielen deutschen Truppen in Ungarn ein. Innerhalb weniger Tage ließ Adolf Eichmann mehr als ein halbe Million ungarische Juden in Vernichtungslager verschleppen. Anfang Juni 1944 wurde auch die Familie Laszlo in einem Eisenbahnwaggon nach Auschwitz transportiert. In der Nacht ihrer Ankunft trieben SS-Männer den 20jährigen Carl mit einigen anderen Gefangenen ins Lager. Seine Eltern und 51 Verwandte wurden in die Gaskammern geprügelt. "Ich habe vom ersten Tag an versucht, mich nicht als Opfer zu fühlen", erinnert sich Laszlo, "sondern die Position eines Beobachters einzunehmen. Ich war ein Zuschauer, der Eindrücke sammelte, wie einst als Dorf-Forscher, nur daß dieses Dorf die Hölle war." In Auschwitz überlebte er als Schreiber in den Krankenbaracken. Nach seiner Verschleppung in das KZ Buchenwald mußte er im Steinbruch arbeiten. Auf dem Weitertransport in Richtung Dachau lag er sechs Wochen lang in einem offenen Viehwaggon, an Flecktyphus erkrankt und von Fieber geschüttelt. Als amerikanische Soldaten den Todeszug an der deutsch-tschechischen Grenze stoppten, wog Laszlo nur noch 38 Kilo. Bei seiner Befreiung, so erinnert er sich, geriet er "in eine lange Ekstase: Hitler war tot, ich lebte. Ich hatte gesiegt." Im Herbst 1945 zog Laszlo nach Basel. Zunächst studierte er weiter Medizin, wechselte dann aber das Studienfach. "Nach Auschwitz interessierte mich die Seele des Menschen mehr als sein Körper." Er nahm Privatstunden bei dem ungarischen Psychoanalytiker Lipot Szondi und wurde schließlich in die "Psychoana-. lytische Gesellschaft" aufgenommen doch praktizierte er nur wenige Monate: "Die individuellen Probleme meiner Patienten interessierten mich nicht." Schon damals hielt er Selbsterkenntnis für einen kleinbürgerlichen Bluff; er wollte die Welt nicht durch die Konfliktoptik eines Sigmund Freud sehen. Er suchte die "Faszination unergründbarer Geheimnisse" - und wurde fündig in der Kunst. Zunächst bei den Surrealisten.

Der "Erotiker" folgte seinem Lieblingstrieb: "Ich nahm in Besitz. Ich sammelte." Er erwarb Arbeiten von Hans Bellmer, Salvador Dali, Marc Eemans, Rene Magritte, Roberto Matta und Edgar Ende. Daß er gleichzeitig mit surrealistischen Bildern auch konstruktivistische Werke von ungarischen Künstlern wie Laszlo Peri, Lajos Kassak und Laszlo Moholy-Nagy sammelte, war für den Seelenforscher nur konsequent: "Die Welt und der Mensch sind aus Gegensätzen zusammengefügt." Als die Kunstwelt in den fünfziger Jahren nach Paris schaute, ging dort auch der ehemalige Dorf-Porscher auf Eindrücke aus. Er wurde Stammgast in den Szene-Cafés und praktizierte eines seiner größten Talente: das Sammeln von Freunden. Anzustrengen brauchte er sich nie. Eines Tages wurde er im "La Coupole" von einem "netten, eher unauffälligen Herrn" angesprochen, der sich als Bildhauer vorstellte und ihn in sein Atelier einlud. Es war Alberto Giacometti. Auch den Sammel-Künstler Arman lernte Laszlo in Faris kennen, Christo, Victor Vasarely und den Theaterdichter Eugene Ionesco. 1955 veröffentlichte Carl Laszlo ein Buch über seine KZ-Erlebnisse, "Ferien am Waldsee" (der Titel bezieht sich auf einen besonders widerwärtigen Zynismus der KZ-Verwaltung). Die UNESCO erklärte es zu einem der "wichtigsten Dokumente dieses Jahrhunderts"; ein Kritiker urteilte: "Es ist nicht zuletzt Laszlos unpathetische Sprache, die dieses Buch so erschütternd und wahrhaftig macht." Doch Laszlo, gleichsam über Nacht zum "Kronzeugen des Grauens" ausgerufen, fühlte sich in dieser Rolle falsch besetzt. Um nicht, wie er sagt",als Held oder Heiliger verkannt" zu werden, inszenierte er "ein ganz persönliches Dada-Revival". In seiner 1958 gegründeten Kunst-und Literaturzeitschrift "Panderma" veröffentlichte er fettgedruckte Aufrufe und Manifeste gegen alles und für nichts. "Es ging mir nicht um irgendwelche Programme", erinnert er sich. "Ich war Aktivist. Ich wollte einfach nur Bewegung." Die Zeitschrift brachte ihm Ansehen, aber kein Geld; das Sammeln von Kunst bescherte ihm "orgiastische Freuden" und seinem Konto rote Zahlen. "So kann es nicht weitergehen", meinte 1962 ein guter Freund, der Maler und Bildhauer Hans Arp. Er hatte einen Vorschlag parat, für den sich auch noch andere Künstler stark machten, unter ihnen Friedensreich Hundertwasser und Victor Vasarely: "Wir geben dir unsere Werke, und du verkaufst sie. Kurzum, du wirst Kunsthändler." Das Geschäft entwickelte sich prächtig. Bald konnte Carl Laszlo aus seiner Drei-Zimmer-Wohnung in die Villa am Sonnenweg ziehen.

Besonders begehrt waren seine Jugendstil-Arbeiten, die er in den fünfziger Jahren "spottbillig und en masse" auf Flohmärkten erworben hatte. Anfang der sechziger Jahre gehörte er auch zu den ersten Wiederentdeckern der Präraffaeliten: Einmal erstand er in einem Londoner Trödelladen sieben Werke von Edward Burne-Jones für umgerechnet 2000 Mark pro Gemälde.

Carl Laszlo konnte zufrieden sein. Er hatte Erfolg, Renommee und reichlich Geld. Aber: "Es fehlte mir die Ruhe, ich war weiter unterwegs nach Neuem." Der Weg führte ihn nach New York. Dort zog er durch die Ateliers und lernte Künstler wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Robert Rauschenberg kennen. Richtig zu Hause fühlte er sich jedoch bei der literarischen Guerilla um William S . Burroughs und Allen Ginsberg.

Für den damals fast 50 Jahre alten Laszlo begann ein langer Trip durch die Labyrinthe von Sex, Drugs and Rock 'n' Roll. Und als im Zeichen des Aquarius die Flower-Power ausgerufen wurde, machte er sich als bekennender Hippie mit schulterlangen, stahlblau gefärbten Haaren wieder auf den Weg, diesmal nach Fernost. Mehrmals reiste er durch Indien, Burma, Tibet und Thailand, meditierte mit Mönchen, plauderte mit dem Dalai-Lama und kaufte - "Sammler bleibt Sammler" - Skulpturen von Göttern und Dämonen.

1987 endete sein Trip in einer Gefängniszelle. Während einer sechswöchigen Untersuchungshaft schrieb er sein zweites Erinnerungsbuch "Der Weg nach Auschwitz". Es begann mit dem lapidaren Satz: "Ich sitze in Basel in Haft wegen Kokainbesitz." Die Verhaftung hatte ihn nicht sonderlich überrascht. Denn immer wieder einmal war er in der Villa am Sonnenweg via Kokain und LSD in die künstlichen Paradiese abgedriftet, manchmal begleitet von seinen amerikanischen Freunden Burroughs, Ginsberg und Timothy Leary.

"Diese wilden Zeiten sind vorbei", sagt Laszlo durch den Rauch seiner Havanna. "Neue wilde Zeiten sind herzlich willkommen." Er hat noch viel vor. Vor allem will er die 15 000 Arbeiten seiner Sammlung unter ein gemeinsames Dach bringen. Nach der Ausstellung in Potsdam bot ihm das Land Brandenburg ein kleines Schloß als Museum an. "Eine gutgemeinte Geste", sagt der Sammler",aber das Anwesen war viel zu klein." Am liebsten sähe er seine Schätze in Ungarn untergebracht: "Ich habe mich immer als ein Beauftragter gefühlt, der für das ungarische Volk sammelt." Auf Gegenliebe ist er freilich noch nicht gestoßen. "Ungarn ist zur Zeit noch völlig auf den Konsum fixiert. Kunst kommt an letzter Stelle." 1996 konnte er immerhin 1300 Werke seiner Sammlung in der "Hauptstädtischen Gemäldegalerie" von Budapest zeigen.

Die Ausstellung hatte Folgen. Der unverbesserliche Patriot Laszlo, der jetzt in seiner alten Heimat als schwerreicher Mann gilt, kann nur noch in Begleitung eines Bodyguards durch Ungarn reisen. Die Villa, die er in Budaspest gekauft hat, wurde bereits mehrmals ausgeraubt.

Carl Laszlo läßt sich ein neues Glas kalorienfreien Himbeersaft servieren und zündet sich seine zwölfte Havanna in Folge an . Nach ein paar tiefen Zügen springt er unvermittelt aufund bahnt sich - vorbei an Gemälden und Skulpturen - einen Weg zum Garten. "Ich habe eine wahnsinnige Idee", sagt er und lehnt sich an ein altes Honda-Motorrad, das in einem nachgebauten burmesischen Tempel aufgebockt ist. "Wenn ichkeinpassendes Museum finde, werde ich in Ungarn ein großes Gebäude kaufen und meine komplette Sammlung darin einmauern lassen. Dieses mit Wachhunden und Alarmanlagen gesicherte Kunstmausoleum darf erst in 50 Jahren wieder geöffnet werden." Der Sammler rechnet damit, daß er bei dieser Eröffnung zuschauen kann - von höherer Warte aus: "Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. Für mich ist das jenseitige Leben eine Tatsache." Für die irdische Nachwelt hat sich der "Abenteurer und Erotiker, Enttäuscher, Verwandler und Versöhner" bereits ein Epitaph ausgedacht. Auf seinem Grabstein soll stehen: "Er war zu viel."

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