Ausgabe: 05 / 2001
Seite: 88-90
Sünder und Heilige in neuem Licht
Von Alexandra Reininghaus
AUSSTELLUNGEN IM MAI - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / WIEN: EL GRECO / Das Kunsthistorische Museum feiert den Manieristen, einen der bedeutendsten Maler des 16. Jahrhunderts, mit der ersten Werkschau in Mitteleuropa
Behutsam hält der Knabe eine Kerze in der Hand; sein Gesicht ist in strahlendes Licht getaucht, aber die Konturen seines Kopfes und Teile des Körpers verschwinden im Dunkel. Das Bild aus dem Museo di Capodimonte in Neapel, entstanden um 1570, ist ein charakteristisches Beispiel für das Frühwerk des aus Kreta stammenden Malers Domenikos Theotokopoulos (um 1541 bis 1614), der als junger Mann in Italien seine Ausbildung erhielt und in Spanien unter dem Namen El Greco (der Grieche) zu Ruhm kam.
Das Bild "Knabe mit Kerze" beeindruckt wie viele Werke El Grecos durch die gezielte Inszenierung von Hell und Dunkel, durch den Umgang mit dem Licht, das förmlich aus der Leinwand herauszustrahlen scheint.
Die Kunst von El Greco, die über die malerischen Konventionen seiner Zeit weit hinausging, rief bei den Zeitgenossen unterschiedlichste Reaktionen hervor: Die einen bewunderten den Maler, die anderen verdammten seine mit expressivem Pinselstrich gemalten, manieristisch zerdehnten Figuren.
Im 18. Jahrhundert wurde er wegen dieser eigenwilligen Malweise nachträglich sogar für wahnsinnig erklärt; die lang gezogenen Körper und Gesichter seien außerdem das Resultat eines Sehfehlers, wurde allen Ernstes behauptet. Heute ist sein Platz in der Kunstgeschichte längst gesichert: El Greco gilt als einer der herausragenden Maler des 16. Jahrhunderts, der die verschiedensten Strömungen der modernen Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts mit vorbereitete.
Das Kunsthistorische Museum Wien zeigt jetzt eine Retrospektive mit rund 40 Werken. Die Ausstellung ist die erste monografische Schau des Malers in Mitteleuropa, obwohl in Museen in München, Prag und Budapest einige wichtige Werke vorhanden sind. Erleichtert wurde das Projekt durch die Tatsache, dass das Kunsthistorische Museum in jüngster Zeit großzügig Leihgaben in den Prado geschickt hatte. Nun leiht dieser im Gegenzug bedeutende Werke aus. Weitere Bilder kommen aus der National Gallery of Art Washington, dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Museum der schönen Künste in Budapest und dem Nelson-Atkins Museum of Art in Kansas City.
El Greco bevorzugte nicht zufällig religiöse Themen: Um 1541 in Candia (Heraklion) auf Kreta geboren, begann er seine Ausbildung mit hoher Wahrscheinlichkeit als Ikonenmaler bei orthodoxen Mönchen. Wie viele Künstler seiner Zeit zog es ihn aus der Provinz in die Kunstmetropole Venedig, wo er unter anderem in den Werkstätten von Bassano (um 1507 bis 1592) und Tizian (um 1488 bis 1576) arbeitete. Besonders der alte Tizian, zu dieser Zeit laut El-Greco-Biograf Ramon Gomez de la Serna bereits "verbraucht und unwillig", beeinflusste den Griechen. In seinen Arbeiten entdeckte der spanische Schriftsteller "etwas von dem Einfluss der versengenden Glut des Vulkankraters, der Tizian war".
Bei einem kurzen Aufenthalt in Rom lernte El Greco spanische Humanisten kennen, unter anderen den Toledaner Don Luis de Castilla. Wohl durch dessen Vermittlung erhielt er den Auftrag, in Toledo mehrere Bilder für den Hochaltar der Kirche Santo Domingo el Antiguo zu malen. Er siedelte in die zentralspanische Stadt über und vollendete sein Werk 1579. Während Künstlerkollegen eine zur gleichen Zeit für die Kathedrale gemalte "Entkleidung Christi" feierten, bemängelte das konservative Domkapitel die Behandlung der Figuren, die leuchtenden Farben und die Tatsache, dass El Greco Frauen in die Szene eingebaut hatte. Um El Grecos unkonventionelle Darstellung religiöser Themen gab es danach immer wieder Streit.
Auch mit König Philipp II.: Der hatte El Greco 1580 den Auftrag gegeben, das Bild "Martyrium des Heiligen Mauritius" für die Kirche im Escorial zu malen. Da der Maler auch hier jene leuchtenden Farben verwendete, die konservative Betrachter für unangemessen hielten, gefiel das Bild dem Herrscher nicht. El Grecos Traum, Hofmaler zu werden, zerplatzte.
Die Aufträge mehrten sich dennoch. Es entstanden heute als zentral angesehene Werke wie das Monumentalbild "Das Begräbnis des Conde de Orgaz" in der Kirche Santo Tome in Toledo, die Innendekorationen der Kirche des Hospital de la Caridad in Illescas oder Altarbilder für die Kirche des Hospital Tavera in Toledo. Letztere hat er nie vollendet - El Greco starb 1614 während der Arbeiten an den Gemälden.
Info
Ausstellung: 4. Mai bis 2. September. Katalog: 490 Schilling. Internet: www.khm.at/static/ page1646.html
Bildunterschrift: Spiel mit dem Licht: "Knabe mit Kerze" (61 x 51 cm, um 1573). Rechts: "Blick auf die Stadt Toledo" (121 x 109 cm), entstanden um 1598 / "Die Heilige Dreifaltigkeit", 300 x 178 cm, um 1578 /
