Ausgabe: 01 / 2003
Seite: 56-61

Konkurrenzlos: Documenta 11 war das Ereignis des Jahres

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Nicht bejubelt, aber mit Respekt aufgenommen: die D 11, das "Museum der 100 Tage in Kassel". Was zehn Kritiker im zurückliegenden Jahr noch bewegte, ärgerte oder überraschte, lesen Sie in der internationalen art-Umfrage / 22. Internationale Kritiker-Umfrage

1. Welche Ausstellung des Jahres 2002 war für Sie die wichtigste und warum?

2. Welche Ausstellung des Jahres 2002 hat Sie am meisten enttäuscht oder geärgert und warum?

3. Welche Künsterlerin, welcher Künstler, der/dem Sie 2002 erstmals begegnet sind, hat sie am meisten interessiert?

Harald Fricke

Kunstkritiker der überregionalen "Tageszeitung" in Berlin

1.Die Documenta 11 zeigte, dass in der Kunst durchaus Möglichkeiten stecken, um ökonomische, ideologische und soziale Konflikte mit Intelligenz und Leidenschaft sichtbar zu machen - und sei es nur an einem regnerischen Nachmittag in Thomas Hirschhorns Bibliothekshüttendorf. Dazu bildete wiederum Matthew Barneys "Cremaster"-Zyklus im Kölner Museum Ludwig das ideale Passstück: glamourös, erratisch, zitatverliebt und vollkommen der Schönheit von Momenten ausgeliefert. So viel gegenseitige Ergänzung war bislang selten.

2.In der Ausstellung "Art& Economy" in den Hamburger Deichtorhallen durften sich Wirtschaftunternehmen als verantwortungsbewusste Mäzene in Szene setzen, während das Gros der Kunstwerke zur illustrierenden Dekoration reduziert wurde oder nur naive Synergievorstellungen präsentierte. Das Ergebnis: viel Rückschritt, kaum Gedanken, auf beiden Seiten.

3.Der Kanadier David Rokeby benutzt computermanipulierte Video-Technologie, um in Langzeitaufnahmen das Geschehen an öffentlichen Orten zu dekonstruieren. Die Zeit als Faktor menschlichen Handelns wird dabei blitzartig in Bildern festgehalten und in einem irrwitzigen Allover aus Licht, Bewegung und Schatten aufgeschichtet. Diese Architekur aus Leben im Kanada-Pavillon war interessanter als die gesamte restliche Architektur-Biennale in Venedig.

Patricia Grzonka

Nachrichtenmagazin "Profil", Wien

1."Ausgeträumt", Secession Wien. Überzeugend wurde hier von der Kuratorin Kathrin Rhomberg die These einer "andern" Kunst und Kunstgeschichte vertreten, ohne sich dem momentan so penetranten Gute- Laune-Gestus im aktuellen Ausstellungsgeschehen anzugleichen. Mutig in der Konzeption, stellte "Ausgeträumt" die Frage nach der Relevanz von sozialen und künstlerischen Utopien in Ost und West - und ermöglichte darüber hinaus die Entdeckung zahlreicher Kunstschaffenden.

2.25. Biennale Sao Paulo. Eine Enttäuschung. Vielleicht, weil die in diese Ausstellung gesetzten Erwartungen zu hoch waren: Die zweitälteste Kunstbiennale der Welt ist leider von den Zersetzungserscheinungen der Postmoderne eingeholt worden. Die Kunst ist auch hier vor einem globalisierten Kommerzdiktat nebensächlich geworden.

3.Paulina Olowska. Die 1976 geborene polnische Künstlerin setzt auf avanciertes Dandytum, indem sie bislang marginalisierte Positionen zu erstrangigen Statements erhebt. Malerei, im Sinne Olowskas, dient zur Bestimmung von neuen Botschaften und führt die "postideologische" Verquickung von Medien, Lifestyle und Konsumkultur mit der Ästhetik und den Zielen der historischen Avantgarden vor. Anlässlich der Wiener Ausstellung "Dobrze, in Ordnung" konnte man sich nicht nur von Olowskas Talent überzeugen, sondern auch von zahlreichen anderen viel versprechenden neuen künstlerischen Energien aus Polen.

Anja Lösel

Redakteurin für Kunst, Architektur und Design beim Magazin "Stern"

1.Die Documenta 11. Und da ganz besonders Thomas Hirschhorns Skulptur für Georges Bataille. Ein Kunstwerk, das so viel bewegte und in Gang brachte, gab es lange nicht mehr. Eine ganz andere Spielklasse, aber sehr anrührend: die Ausstellung der vor der Flut geretteten Skulpturen im Dresdner Albertinum, die aus der Not entstand und gerade deshalb so dicht und aufregend war.

2."Mirroring Evil: Nazi Imagery" im Jewish Museum, New York. Welch ein wichtiges Thema - und welche Enttäuschung. Vom Lego-KZ bis zu den Katzen mit Hitlergesicht waren viele alte Bekannte zu sehen: trivial und leider kaum mehr als eine Ansammlung platter Schocker.

3.Zilla Leutenegger. Der Schweizerin gelingt es, Zeichnung, Fotografie und Video in äußerst glücklicher und humorvoller Weise zu kombinieren. Sehr schön ihre Arbeit "In an hour of a girl, there are only 50 minutes" bei der Berliner Galerie Kamm.

Dorothee Müller

Redakteurin und Kritikerin der "Süddeutschen Zeitung", München

1.An der Documenta 11 kommt man trotz mancher Ärgernisse - etwa den Plattformen - nicht vorbei. Okwui Enwezor öffnete, konsequenter noch als seine Vorgängerin Catherine David, das Fenster zur Welt. Der westliche Kunstmonopolanspruch gehört nun der Vergangenheit an.

2.Das Wiener Museumsquartier erweist sich auch ein Jahr nach der Eröffnung noch als Ärgernis. Das Museum moderner Kunst wurde bereits wenige Monate nach der Eröffnung wegen Unbespielbarkeit wieder umgebaut. Und die Sammlung Leopold, auf fünf Etagen ausgebreitet, wirkt über weite Strecken wie ein schlechter Witz: tönernes Geschirr in Küchenbuffets neben Werken von Schiele, Klimt und Kubin. Wann endlich kommt es hier zur Entrümpelung?

3.Tania Bruguera auf der Documenta 11. Die kubanische Künstlerin provoziert mit Themen wie Macht und Widerstand, sie arbeitet gegen das Vergessen - sinnlich und qualvoll. So auch in Kassel, wo sie mit ihrer Installation an den Ort der Rüstungsindustrie erinnerte.

Richard Cork

Kunstkritiker der Londoner Tageszeitung "The Times"

1.Die Eröffnungsausstellungen des Kunstzentrums The Baltic in seiner aufsehenerregenden Lage am Ufer des Tyne in Gateshead. Ein großartiger neuer Schaukasten für zeitgenössische Kunst - von Sune Nordgren mit viel Gespür inszeniert.

2.Am meisten geärgert habe ich mich als Mitglied des Auswahlkomitees für den Diana-Gedenk-Springbrunnen im Londoner Hyde Park. Vier Jurymitglieder entschieden sich für einen brillanten Entwurf von Anish Kapoor und den Architekten von Future Systems, aber die anderen vier bevorzugten eine Idee von Kathryn Gustafson. Der zuständige Minister beendete die Patt-Situation mit der Entscheidung, dass Gustafson die Siegerin sei - für mich eine herbe Enttäuschung.

3.In einer Ausstellung namens "Trauma" im Museum of Modern Art in Oxford sah ich den Film "Nocturnes" des jungen albanischen Künstlers Anri Sala. Er erforscht darin die schmerzhaften Nachbeben des Krieges und gibt zu bedenken, dass die Erinnerungen an die Metzeleien nie verblassen werden.

Elisabeth Lebovici

Kunstkritikerin der Pariser Tageszeitung "Liberation"

1.Diesmal haben mich zwei Ausstellungen in Pariser Privat-Galerien besonders beeindruckt: Roni Horn bei Yvon Lambert und Georges Tony Stoll bei Agnes b. Die Amerikanerin Roni Horn und der Franzose Georges Tony Stoll haben bei allen Unterschieden in ihrer Arbeit für aufwühlende Begegnung mit aktueller Kunst gesorgt.

2.Auch hier ein Pariser Doppel: Die Ausstellung "Cher Peintre" zur Malerei im Centre Pompidou und die Retrospektive mit Bildern von

Georges Mathieu in der Galerie du Jeu de Paume. Der reine Horror! Dass zwei nationale Kunstzentren zeitgleich an Bernard Buffet (in "Cher Peintre") und Georges Mathieu erinnern, belegt eine revisionistische Tendenz. Als ob es den Mai 1968 und alles, was danach

kam, in der Kunst nicht gegeben hätte.

3. Alice Anderson. Die junge französische Künstlerin, Absolventin der Ecole Nationale Superieure des Beaux Arts, folgt einer eigenen Strategie des Registrierens und Bewahrens. In ihren kleinen Editionen, Installationen und Videos archiviert sie das Absurde. Und zugleich ironisiert sie die bürokratisch anmutenden Vorgänge.

Ludmila Vachtova

Freie Kunstkritikerin, unter anderem für die Zürcher "Weltwoche"

1.Documenta 11, was denn sonst? Nun aber, mit wachsendem Zeitabstand, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob dieser humanistische Schub tatsächlich ein Zeichen "neuer Ernsthaftigkeit" oder eher eine Folge allgemeiner Suggestion war: Kunst als Verführung.

2.Keine. Eine lauwarme Saison, ohne ausgiebige Niederschläge. Ich konnte mich leider nicht ärgern.

3.Wilhelm Sasnal (* 1972 Tarnow, Polen). Die Intelligenz des einfachen, doch hintergründigen Realismus ist stärker als sein Ehrgeiz.

Laura Cherubini

Autorin und Kunstkritikerin von "Il Giornale", Mailand

1. Aufgrund des Umfangs, des Aufwands und der langen Vorbereitung muss man die Documenta 11 als wichtigste Ausstellung des Jahres anführen. Aber die interessantesten und schönsten Ausstellungen, die mich am meisten fasziniert haben, waren die Retrospektiven von Tobias Rehberger im Museum für Neue Kunst in Karlsruhe und in der Turiner Galleria Civica d'Arte Moderna e Contemporanea. Rehberger ist ein Künstler, der die Kunst (eigentlich: die Art, Kunst zu machen) tiefgreifend erneuert.

2. Sehr langweilig fand ich die Frankfurter Manifesta 4, weil sie einige der gleichen Mängel hat wie die Documenta 11, aber keinen ihrer Vorzüge. In Frankfurt waren die Ausstellungsorte schlecht, und viele Arbeiten haben nur Schemata des politisch Korrekten bestätigt. Eine schlampige Inszenierung und eine unerklärliche Auswahl der Künstler - abgesehen von den Auftritten Massimo Bartolinis und Pierre Bismyuths, die man gelten lassen kann.

3. Diego Perrone.

Kim Levin

Kritikerin des New Yorker Kultblattes "The Village Voice"

1. Elegant, intelligent, großzügig und bemerkenswert schlüssig - die Documenta 11 war die wichtigste Ausstellung. Nicht nur, weil sie Arnold Bodes ursprüngliche Absicht weiterführte, die erschreckenden Probleme der globalisierten, postkolonialen Welt nach Europa zu holen, sondern auch weil die Documenta belegte, dass Kunst, trotz letztlicher Unzulänglichkeit, von überragender Bedeutung sein kann.

2. Die Whitney Biennale, die Ausstellung, die wir zu hassen lieben, war dieses eine Mal mit großen Erwartungen herbeigesehnt worden. Das trug zu der Enttäuschung bei, als sich die Ausstellung als totales Desaster erwies.

3. Der Schweizer Künstler Christoph Büchel war 2001 ein später Anwärter auf seine DebütInstallation in einer abgelegenen New Yorker Galerie. Das zweigeschossige psycho-architektonische Labyrinth von Räumen (das man durch ein Loch in der Wand des Badezimmers betreten musste, das von Leitern gesteuert wurde, das man durch ein Dach verlassen musste, auf das Regen tropfte) war eine faszinierende Reise für die Jungen und Tapferen. Auch während der Manifesta 4 forderte Büchel heraus: Er versteigerte seine Einladung zur Teilnahme an der Ausstellung über E-Bay im Internet.

Axel Hecht

Redakteur des Kunstmagazins art in Hamburg

1.Trotz aller Einschränkungen: die Documenta 11, weil Okwui Enwezors Bemühen, die Kulturen der Welt über die Kunst in Kontakt zu bringen, ein großer Kraftakt zum Nutzen aller war. Fortan wird Kassel mit noch mehr Gewicht die "Weltausstellung der zeitgenössischen Kunst" ausrichten - eine Erweiterung, so ganz im Sinne des Documenta-Gründers Arnold Bode.

2. Die Manifesta 4 (Frankfurt/Main) - weil die drei Kuratorinnen noch nicht einmal den Anflug eines Konzepts ahnen ließen. Wer an öffentlichen Orten mit öffentlichen Geldern eine Ausstellung macht, steht unter Legitimationszwang.

3. Chohreh Feyzdjou. Der künstlerische Rückzug der gebürtigen Iranerin aus der Malerei, ihre rigide Verweigerung gegenüber jeglicher Erwartungshaltung ist beeindruckend und wirkt verstörend. Ihr persönliches Archiv, aus geschwärzten, gerollten und verschlossenen Werken machte das Fridericianum während der Documenta-Zeit trotz der eleganten Inszenierung zu einem Ort wehmütiger Poesie.

Bild(er):

Bild: Dunkelheit und Licht, Bewegung und Ruhe: Dave Rokebys manipulierte Computerbilder definieren urbane Räume wie den Markusplatz in Venedig neu

Bild: Paulina Olowska: Gemälde "The Observer" (50 x 40 cm, 2002)

Bild: Zeichnung (29 x 21 cm) von Zilla Leutenegger aus der Serie "Brüssel-Basel", (2002)

Bild: Installation der Kubanerin Tania Bruguera zum Thema Macht und Angst, die auf der Documenta die Besucher blendete und einschüchterte

Bild: Traumatisierte Erinnerung: In seinem Film "Nocturnes" verarbeitet der junge Albaner Anri Sala die jüngst erlebten Schrecken des Kosovo-Krieges

Bild: Still aus dem Video "N.I.H.R" (2002) von der französischen Künstlerin Alice Anderson

Bild: Wilhelm Sasnal: "O. T. (Kühlschrank)" (190 x 190 cm, 2000)

Bild: Tapfere Besucher kletterten über das Dach: Christoph Büchels Installation in New York

Bild: Lapidare Anspielung: "Die Lochdenker" (80 x 80 cm, 2002) von Diego Perrone

Bild: Rollbilder und verpackte Kunst von Chohreh Feyzdjou

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