Catherine David Die Fachwelt war verblüft: Nicht einer der großen Favoriten ist zum Leiter der 10. documenta berufen worden, sondern - zum ersten Maleine Frau.Catherine David, 39, will der Weltaustellung zeitgenössischer Kunst 1997 in Kassel ein völlig neues Gesicht geben: vorwärtsgewandt und weltumspannend

Die erste Reaktion war Flucht.Vom Mantel eines Kollegen geschützt, entzog sich Catherine David, 39, den wartenden Fotografen und Reportern im Foyer des Pariser Jeu de Paume, nachdem die Findungs-Kommission in Kassel am 12 " März ihre einstimmig getroffene Entscheidung für die Außenseiterin aus Frankreich als Leiterin der 10, documenta 1997 bekanntgegeben hatte.

"Ich bin völlig überrascht", sagt sie dann später im Cafe der Kunsthalle, das leer ist, weil gerade eine neue Ausstellung im Hause aufgebaut wird."Ich hatte mich ja gar nicht beworben.Aber auf ihre Weise", so gibt sie gleich darauf zu, "kam mir die Berufung sehr gelegen." Catherine David war auf dem Absprung aus Paris.Zum Oktober wollte sie ihre Stelle im seit 1990 gemeinsam mit Alfred Pacquement aufgebauten Jeu de Paume, der staatlichen Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst, aufgeben und nach Madrid gehen.Spanisch und Portugiesisch spricht die Halbspanierin fließend, und in Paris hatte sie das Gefühl, in eine Sackgasse geraten zu sein: Pacquement, der Direktor der Galerie, war ins Kulturministerium gewechselt, die Zusammenarbeit mit Daniel Abadie, dem neuen Leiter, war schwierig.Außerdem waren die Zeiten vorbei, in denen sie als junge Kuratorin im Centre Pompidou - sie arbeitete dort von 1981 bis 1990 - unter dem Kulturminister Jack Lang noch Großes bewegen konnte. Die Versöhnung von Öffentlichkeit und zeitgenössischer Kunst war damals das Programm einer kleinen Revolution in der französischen Kulturpolitik: Lang hatte den Mut gehabt, entscheidende Stellen in der Pariser Museumsszene mit Kustoden zu besetzen, die noch nicht einmal 30 waren.Catherine David gerade 27, war eine von ihnen.Ebenso einflußreich wie diskret entfaltete sie ihre Konzepte im Team der "Galeries contemporaines", verantwortlich für Ausstellungen von Gegenwartskunst. Mit Alfred Pacquement und Bernard Blistene, heute Direktor der Museen von Marseille, organisierte sie vielbeachtete Einzelausstellungen, unter anderen von Blinky Palermo ( 1985) und Lucio Fontana ( 1987), sowie im selben Jahr den umstrittenen Zeitgeist-Überblick "L'Epoque, La Mode, La Morale, La Passion".Neben dem quirligen Blistene wirkte die ruhige, dunkelhaarige Catherine David damals schon bescheiden, fast schüchtern."Wirklich wohl fühle ich mich nur bei der Vorbereitung einer Ausstellung", sagt sie auch heute, "wenn ich Werkabbildungen und Leihscheine vor mir sehe." Ihr Fleiß und ihre Ernsthaftigkeit haben der Junggesellin längst den Ruf eingetragen, zu den führenden Ausstellungsmachern ihrer Generation zu gehören.Retrospektiven der Klassiker Marcel Broodthaers ( 1991 /92), Laszlo Moholy-Nagy und Raymond Hains (beide 1990), Ausstellungen etablierter und engagierter Zeitgenossen wie Robert Gober ( 1991 ), Nan Goldin und Kiki Smith (beide 1992) oder eine Werkschau der 1970 gestorbenen Deutsch-Amerikanerin Eva Hesse ( 1993) verschafften ihr Reputation und Selbstbewußtsein - heute kann sie gelassen zugeben, daß ihr vor lauter Ausstellungsbetrieb gar nicht die Zeit blieb, detaillierte Konzepte für die documenta vorzulegen, wie es ihre hochfavorisierten Mitbewerber Kasper König, Harald Szeemann oder Germano Celant getan hatten."Was mir vorschwebt", so kündigt sie jedoch schon an (und grenzt sich dabei von Szeemanns Idee einer "documenta der documenten" ab), "ist das Gegenteil einer "Fin de siecle' -documenta: ein Ausblick, ein Blick nach vorne." Sie geht es nüchtern an; das Medienspektakel und die Spekulationen um die Künstler-Auswahl ihres Vorgängers Jan Hoet sind ihr dabei ein abschreckendes Beispiel."Mein Plan ist es", so erläutert sie, "etwa ein Jahr in Ruhe über die verschiedenen künstlerischen Situationen des Globus zu arbeiten und dann Berater aus allen Kulturen hinzuzuziehen, die nicht unbedingt aus dem Kunstbereich stammen müssen."Das Ergebnis soll eine documenta sein, die sich deutlich von der traditionellen Beschränkung auf europäische und amerikanische Moderne abwendet - "aber keine Dritte-Welt-documenta! wirft sie gleich ein."Ich hasse diese Vorstellung, das finde ich unmöglich, modisch." Nein, Erwartungen will sie mit ihrer Planung nicht erfüllen."Auch nach dem Osten bin ich ständig geklagt worden", berichtet sie."Selbstverständlich befindet sich auch Osteuropa auf meiner Landkarte - aber ich halte gar nichts davon, daraus eine programmatische oder prinzipielle Frage zu machen."Und weil sie gerade so schön in Schwung ist, gibt sie auch gleich ihre Antwort auf die Spekulationen, die sich um die Tatsache ranken, daß sie die erste Frau wird, die eine documenta leitet: Von einer Frauenquote auf den Künstlerlisten hält sie gar nichts."Ich bin jetzt seit 40 Jahren eine Frau", sagt sie lachend, "und ich finde nichts Besonderes mehr daran." Ihr Interesse für das außereuropäische Geschehen trieb sie schon zu Studienzeiten um.Als Studentin der - neben Kunstgeschichte - spanischen und portugiesischen Literatur konnte sie sich bei Atelierbesuchen in Buenos Aires ganz ungezwungen bewegen, und auch Asien oder die arabische Welt schienen ihr damals schon interessanter als die mondänen Treffen der französischen Kunstszene.Es grenzte an Wagemut, als sie nach dem Studium zu ihren Ausstellungen im Centre Pompidou und später im Jeu de Paume immer wieder Künstler einlud, die in Frankreich bis dato kaum jemand kannte: den Düsseldorfer Objektkünstler Reinhard Mucha etwa ( 1986), der mit seinen Installationen vier Jahre später auf der Biennale von Venedig vor großem Publikum auftrat, den deutschen Konzeptkünstler Lothar Baumgarten ( 1987) oder zur Zeit die Iranerin Chorey Feyzdjou ( 1993). Die französische Presse dankte es ihr entsprechend: Ihre programmatischen Gruppenausstellungen "Passages de l'Image" ( 1990 im Centre Pompidou) über den neuen Bildbegriff in der Medienkunst und "Generique I: Desordres" (deutsch: Vorspann I: Unordnungen, Jeu de Paume 1992) zur politischen Ästhetik der neunziger Jahre wurden heftig getadelt: Die gängigen Namen und vor allem die Franzosen waren zu kurz gekommen. Sie läßt sich nicht leicht beeindrucken, auch die bevorstehende Aufgabe bei der documenta sieht sie gelassen: "Außerhalb Deutschlands", so schränkt sie ein, "wiegt die symbolische Bedeutung dieser Ausstellung nicht so schwer.Es ist eine große internationale Schau wie andere auch, mit einem keineswegs unbegrenzten Budget."Dennoch brennt sie vor Tatendurst und Energie, und wenn sie ihre laufenden Verpflichtungen - Retrospektiven von Pier Paolo Calzolari, Jeff Wall und der Filmemacherin Chantal Akerman und die Beschickung der Biennale von Sao Paulo - erfüllt hat, ist sie uneingeschränkt frei für ihre Aufgaben in Kassel: "Weit mehr als etwa die Biennale von Venedig bietet die documenta die Möglichkeit, zu zeigen, was die Kunst unserer Gegenwart ist."Robert Flec

Abo