Ausgabe: 11 / 1995
Seite: 42-55

Neue Architektur zeigt Phantasie am Bau

Von Peter M. Bode Monica Nicolic

FOTOS: MONIKA NIKOLIC In der Architektur spielt Österreich international eine Hauptrolle. Zu Beginn der Moderne waren Otto Wagner und Adolf Loos stilprägend. Später folgten Wilhelm Holzbauer und Hans Hollein sowie die Baurevoluzzer von Coop Himmelb(l)au. Auch in den neunziger Jahren glänzt die Architekten-Elite des Landes mit Spitzenleistungen. Zehn Beispiele für progressives Bauen bestätigen Österreichs guten Ruf

Seit dem Ersten Weltkrieg ist Österreich ein kleines Land. Gleichwohl hat sich in der Alpenrepublik die letzten 30 Jahre eine überaus fortschrittliche Architekturszene entwickelt, die sich undogmatisch, pluralistisch, phantasiebegabt und originell zeigt. In dieser Dichte, Vielfalt und Qualität laufen ihre Protagonisten sogar dem Architekturgeschehen in weitaus größeren (und reicheren) Ländern den Rang ab. Der erste Innovationsschub ereignete sich, als so provozierende Gruppen wie "Coop Himmelb(l)au" ("Architektur muß brennen"), "Haus-Rucker-Co", "Missing Link", "Salz der Erde" oder "Zünd up" ihre revolutionär-utopischen Visionen auf den Ideenmarkt warfen. Und als Hans Hollein, analog zu Joseph Beuys, behauptete: "Alles ist Architektur." Hollein und Walter Pichler - der seine Skulpturen inzwischen in selbst errichteten Schrein-Häusern zelebriert- erhoben das Bauen, das Design und die Kunst zum Ritual. Ihr Anspruch der Weltaneignung durch Umsturz und Verwandlung war total. Sie dachten dabei so unkonventionell, daß zum Beispiel ein imaginär im Binnenland gestrandeter Flugzeugträger als bizarres Superbauwerk propagiert wurde.

Zwar erhielten die radikalen Gegner des Establishments seinerzeit kaum Gelegenheit, ihre Gedanken in die Tat umzusetzen, aber ihre ebenso witzige wie fundamentale Kritik an der lebensfeindlichen Banalität des alltäglichen Bauens zeigte doch allmählich Wirkung. Die Grundsätze der allein auf ordinäre Zweckerfüllung fixierten Spät-Funktionalisten begannen nach und nach zu wanken. Die schräge Linie setzte dem recten Winkel zu. Symbole, Bilder, Metaphern, Erinnerungen bekamen wieder eine Bedeutung. Forcierte Expression opponierte gegen die Ödnis sprachloser Behälter. Wohnen statt Unterbringen, Lust statt Langeweile wurden gefordert. Die Neuerer stritten auch leidenschaftlich für die aktive Teilnahme künftiger Nutzer an den Entscheidungen des Bauprozesses. Mit Partizipation wider Entmündigung und Lethargie. Doch zunächst führten dieser geistige Aufbruch und die Absage an die nichtssagende Bedarfsdeckungs-Architektur auch in Wien dazu, daß die Protagonisten der damals weltweit aufkommenden Postmoderne für etliche Jahre die Meinungsführerschaft an sich reißen konnten. Die spezifisch wienerische Variante jener Richtung begnügte sich aber nicht nur mit einem Wühlen im Baukasten vordergründig historisierender Versatzstücke. Vielmehr bereicherten Hans Hollein (der sich vom Tabuverletzer zum geistreichen Designer gemausert hatte) und Gustav Peichl - um nur zwei der auch international bekanntesten Überwinder der völlig sinnentleerten Nachkriegs-Moderne zu nennen - ihre Projekte auf verschiedene Weise um psychologische, literarische und theatralische Dimensionen. Man denke nur an Peichls fast sakrale Inszenierung des Kunstforums Bank Austria, wo die goldene Kugel über dem weihevollen Entree zum pathetischen Zeichen für die Vereinigung von Kunst, Macht und Geld wird. Unvergessen auch die sinnliche Beschwörung der Reisesehnsucht in Holleins Verkehrsbüro, dessen erzählfreudige Exotik (mit Messingpalmen, Marmorflagge, Minitempel und Bühnendraperie) nach nur zehnjährigem Bestehen leider dem Biedersinn der Touristikmanager geopfert wurde. Ein anderes Exempel für die gestalterische Raffinesse des postmodernen Meisters: Die edle polierte Steinfassade eines Juweliergeschäfts im Zentrum Wiens präsendert höchste Perfektion und zeigt zugleich ihre Wunde (die Frontwand ist aufgerissen). Glänzendes und Morbides liegen nahe beieinander. Bestätigung und Widerspruch betreiben ein dialektisches Spiel. Wenn freilich die im Rahmen von Interior Design geschätzten Einfülle unbesehen auch auf das Äußere angewandt werden, produziert der latente Wiener Hang zur Dekoration zuweilen grell Unangemessenes - wie Holleins oberflächenverliebtes Haas-Haus gegenüber dem Stephansdom. Im Schatten der erfolgreichen Postmoderne hatten es die gänzlich unangepaßten Quertreiber von Coop Himmelb(l)au (Wolf Prix und Helmut Swiczinsky) naturgemäß schwer, größere Aufträge zu erhalten. So wurde viel Theorie produziert, und die meisten Projekte standen nur auf dem Papier. Das war das frühe Los dieser ersten europäischen Dekonstruktivisten, die noch vor ihren amerikanischen Artverwandten auf die "schiefe Bahn" gerieten und die Architektur auf den Kopf stellten. Wände neigen sich, Decken schießen übers Ziel hinaus, Dächer klappen zusammen, sperrige Gestänge durchbrechen die Fassaden, monochrome Farbflächen machen sich selbständig, einst Waagrechtes und Senkrechtes kippt ineinander, Rampen ersetzen Treppen. Kurzum: Die bisherige Vorstellung vom aufrechten Gang der Architektur erhielt einen empfindlichen Schlag. 1989 konnte Coop Himmelb(l)au nach den umstürzenden Attacken gegen alle Regeln des erstarrten Bauwesens erstmals das Gedachte in größerem Umfang in die Praxis umsetzen: Die für Avantgardistisches empfängliche Firma Funder ließ sich ihr Werk III in St. Veit (Kartnen) von Prix & Swiczinsky als reizvoll bewegte Fabrik-Collage bauen. Für die Entwicklung und Niveausteigerung der zeitgenössischen Architektur sicher noch wichtiger als die ästhetischen Debatten in Wien sind die Anstöße gewesen, die von Graz- der steirischen Landeshauptstadt - ausgingen. Die Provinz zeigte der Metropole, wie man Qualität institutionell fördern kann. In der Steiermark gab es Mitte der siebziger Jahre eine Art Revolution von oben. So setzten damals der aufgeschlossene Landeshauptmann Josef Krainer (vergleichbar einem deutschen Ministerpräsidenten) und sein Baubeauftragter Dieter Dreibholz gegen massive Widerstände durch, daß alle Vorhaben des sozialen Wohnungsbaus ab einer Projektgröße von 50 Einheiten durch einen Architektenwettbewerb entschieden werden mußten. Parallel dazu verzichteten wenig später die Behörden auf eigene Planungen im Hochbau,und vergaben statt dessen alle staatlichen Aufträge etwa für Schulen, Ämter und Krankenhäuser per Wettbewerb oder direkt an freie Architekten. Das war die Reaktion der Regierenden auf eine äußerst vitale Architekturszene, die sich schon vorher im Umfeld der Grazer Technischen Hochschule entfaltet hatte. Die Leitfigur dieser Bewegung ist der ewige Nonkonformist Günther Domenig gewesen, dessen expressiv-biomorphe und wildwuchernde Entwürfe seit jeher Aufsehen erregten (siehe Seite 42). In Kenntnis des breit gestreuten kreativen Potentials, das in Graz vorhanden war, gründete Dieter Dreibholz zudem das "Modell Steiermark", mit dem im öffentlich geförderten Wohnungsbau Experimente im ökologischen, technischen und kommunikativen Bereich angeregt werden sollten. Das Modell besagte, daß ein bestimmter Teil der staatlichen Subventionen ausschließlich für derartige Innovationen eingesetzt werden mußte. Mittlerweile pilgern ganze Heerscharen auswärtiger Architekten nach Graz und in die Steiermark, um vor allem das ebenso sympathische wie oft kühne Bemühen um eine humane Wohnwelt in verdichteten Siedlungen zu studieren (siehe diese Seite). Bedauerlicherweise hat der progressive Schwung in den letzten Jahren deutlich nachgelassen. Das Pendel schlägt wieder mehr in die konservative Richtung aus; Populismus macht sich unter den ängstlich gewordenen Politikern breit. Demzufolge ist auch die Zahl der Wettbewerbe erheblichzurückgegangen. Dennoch sind Graz und die Steiermark immer noch eine architektonische Entdeckungsreise wert. Zu einem weiteren Schwerpunkt der aktiven Auseinandersetzung mit heutiger anspruchsvoller Architektur ist Salzburg geworden. Dieser glückliche Umstand ist paradoxerweise einem großen Zorn zu verdanken. Es war eine Bürgerinitiative, die gegen die vielen Bausünden in und außerhalb der berühmten historischen Altstadt zu Felde zog. Ihre Bewegung wurde schließlich so stark, daß sie als "Bürgerliste" bei der Kommunalwahl von 1982 den Stadtbaurat bestimmen konnte: Johannes Voggenhuber. Dieser engagierte Reformer startete mit seinem überraschenden Amtsantritt sogleich das "Salzburg Projekt", dessen Ziel wer, zur Lösung der anstehenden städtebaulichen Probleme und architektonischen Aufgaben Baukünstler von Rang heranzuziehen. Abgesichert wurde der Aufstieg in die höhere Liga durch die Gründung eines international besetzten Gestaltungsbeirats, der alle bedeutenden Vorhaben zu begutachten hatte - vom räumlich faszinierenden Bau der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität (durch Wilhelm Holzbauer) bis zum kunstvoll komponierten, aber äußerlich gar nicht so sehr auffälligen Salzburger Umspannwerk, bei dem die Schweizer Marie-Claude Betrix, Eraldo Consolascio und Eric Maier höchst sensibel das Wesen der Materie und ihrer Gewichtung bis in die feinste Nuance ergründet und gestaltet haben. Im Westen Österreichs, im Land Vorarlberg, schlossen sich zu Anfang der achtziger Jahre junge Architekten aus der alternativen Szene zur losen Gruppierung der "Vorarlberger Bauschule" zusammen. Sie wollten der Verschandelung ihrer heimatlichen Region durch die bei Touristen und Eingesessenen so beliebten Pseudo-Bauernhäuser im Jodlerstil die klaren und schlichten Formen einwandfrei konstruierter Holzbauten entgegensetzen. Sparsam im Aufwand, mit rationalem Grundriß, ökonomisch im Energieverbrauch und technologisch auf der Höhe der Zeit. So entstanden beispielhaft sachliche - jedoch nichts destoweniger behagliche - Wohnhäuser, Hotels, Gemeindebauten (siehe Seite 52) und kleine kompakte Genossenschaftssiedlungen, die allerdings gegenüber der Masse des rustikalen Alpinkitsches immer noch arg in der Minderheit sind. Wenn nur die Menschen in den Hochtälern den Rat beherzigen würden, den einst Adolf Loos gegeben hat: "Baue nicht malerisch. Überlasse solche Wirkung den Mauern, den Bergen und der Sonne."