Ausgabe: 11 / 2009
Seite: 162-164
Welt voller Schönheit
Von Petra Bosetti
Edward Burne-Jones - Das irdische Paradies Staatsgalerie, Stuttgart, 24.10.-7.2.2010
Als der schottische Erfinder James Watt am 5. Januar 1769 das englische Patent Nr. 913 für seine Dampfmaschine erhielt, kam die industrielle Revolution in Schwung.
Fortschrittsgläubige feierten die Ablösung der menschlichen Handarbeit durch Maschinen als Möglichkeit, Dinge des täglichen Lebens schnell und effizient herzustellen. Es entstand das industrielle Proletariat. Schöngeister jener Zeit sahen noch ganz andere Probleme: Der englische Kunsthandwerker William Morris (1834 bis 1896) etwa sprach "von der Gefahr, dass die gegenwärtige Entwicklung der Zivilisation jegliche Schönheit des Lebens zu zerstören im Begriff steht".
Beim Maler Edward Burne-Jones (1833 bis 1898) fielen solche Worte auf fruchtbaren Boden. Vor allem Morris' Schrift "The Earthly Paradise" wurde die wichtigste Inspirationsquelle für ihn. Mit seiner Kunst lieferte er der harten Wirklichkeit des viktorianischen Zeitalters einen Gegenentwurf - eine Welt voller elegischer Schönheit. Seine Inspiration schöpfte er aus einer heroisierten Antike, einem idealisierten Mittelalter, aus alten Mythen, Sagen, Märchen und christlichen Werten. Künstlerisch orientierte er sich an der italienischen Malerei des 14. und 15. Jahrhunderts, also hauptsächlich der Zeit vor der Renaissance, und wurde damit zu einem Hauptvertreter der so genannten Präraffaeliten.
Die Staatsgalerie besitzt den grandiosen "Perseus"-Zyklus, der aus sechs Gemälden und zwei Kartons besteht und die Geschichte des Zeus-Sohnes erzählt, der der Medusa das Schlangenhaupt abschlug und Andromeda vor dem Meeresungeheuer rettete. Die Graphische Sammlung besitzt außerdem neun Zeichnungen. Diese Werke sind der Grundstock zur ersten monografischen Ausstellung von Burne-Jones in Deutschland (Katalog: Hatje Cantz Verlag, 29,80 Euro, im Buchhandel 39,80 Euro).
Sie stellt ihn auch als Gestalter von Möbelstücken sowie Glasmalereien, Buch illustrationen, plastischen Arbeiten und Tapisserien vor, die nach seinen Entwürfen bei Morris & Co. realisiert wurden.
Seine großen Erzählzyklen stehen im Mittelpunkt. Neben dem "Perseus" etwa "Dornröschen" - Burne-Jones hat sich mit dem Märchen der in 100-jährigen Schlaf versetzten Königstochter immer wieder beschäftigt. So auf Keramikkacheln für den Kamin im Hause des Males Myles Birket Foster, in einem unvollendeten Ölgemälde und in einem Zyklus, der im Museo de Arte de Ponce in Puerto Rico bewahrt wird und aus konservatorischen Gründen nicht reisen darf. Dafür aber werden in Stuttgart mehrere Gouachen gezeigt. Ein weiterer Zyklus ist die Legende des christlichen Ritters und Drachentöters Georg gewidmet - vier Gemälde sowie mehrere Zeichnungen zu dieser Folge sind in Stuttgart zu sehen.
Dass eines der ganz großen Meisterwerke in Stuttgart gezeigt werden kann, "Der Schlaf des König Artus in Avalon", ist fast ein kleines Wunder: Das Gemälde ist das Herzstück des privaten Museo de Arte de Ponce, wohin es der Sammler Luis Antonio Ferré in den sechziger Jahren gegeben hatte und das seither noch nie ausgeliehen worden ist. Nachdem die Staatsgalerie bereits eine Absage bekommen hatte, traf "eines Tages im Mai", wie die Veranstalter sagen, "völlig unerwartet" aus Puerto Rico die Meldung ein, das Meisterwerk dürfe nun doch nach Stuttgart reisen, wo es vielleicht sogar das Highlight der Ausstellung sein wird.
Bildunterschrift:
"Der Pilger im Garten oder Das Herz der Rose", Tapisserie (150 x 201 cm), Entwurf um 1890, gewebt 1901 bei Morris & Co.
Perseus befreit Andromeda:
"Der Schicksalsfelsen" (1885/88, 155 x 130 cm)
