Ausgabe: 04 / 2006
Seite: 115
Glänzendes Ungeheuer - Erfolgsteam
Von
Architektur: Stuttgarts Mercedes-Benz-Museum
Wenn der Architekt klotzt, kann man vom Auftraggeber nicht erwarten, dass er kleckert: "Wir bekommen das, was für die Katholiken der Petersdom ist", sagt Daimler-Chrysler-Sprecher Josef Ernst und spannt ungeniert den Bogen vom Mercedes-Stern zum Kreuz. Reine Großspurigkeit kann man ihm nicht vorwerfen: Erstens hat der Abgott Auto mit dem Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart, das am 20. Mai eröffnet wird, tatsächlich eine Art Tempel bekommen. Zweitens dürfte es dem Amsterdamer Büro UN Studio der Architekten Ben van Berkel und Caroline Bos gelungen sein, der Stadt ein neues Wahrzeichen zu geben.
Übersehen werden jedenfalls kann der mehr als 100 Millionen Euro teure Bau nicht: Schon von weitem springt der fast 50 Meter hohe Klotz am Neckarufer mit seinen silbrig-glänzenden, runden Formen ins Auge. Die Fassaden sind mit Aluminium verkleidet, für Lichteinfall sorgen breite Fensterbänder, die sich um das Gebäude herumziehen. Der niederländische "Volkskrant" sprach vom "silbernen Kolosseum". Ben van Berkel findet: "Das Gebäude hat etwas Grobes, Unbehauenes!"
Umso komplizierter gestaltet sich das Innenleben des glänzenden Ungeheuers, das wie alle Projekte des Büros statisch erst durch modernste Computersoftware möglich wurde. Grundlage aber sind auch hier Bleistiftskizzen, mit denen van Berkel nach dem perfekten Grundriss sucht - vorzugsweise Endlosschleifen. Auch den Plan des Stuttgarter Museums - zwei ineinander verschlungene Bänder in dem Umriss eines Wankelmotors - kann man zeichnen, ohne den Stift abzusetzen. Am Computer wurden diese Schleifen dreidimensional auseinander gezogen und verdreht.
Resultat: Um ein haushohes Atrium winden sich zwei riesige, gegeneinander laufende Spiralen. Sie bilden ein Raum-Kontinuum ohne Schwellen oder Treppen. Über Aufzüge im Atrium kommt das Publikum nach oben, wo der Ausstellungsparcours beginnt. In einer fließenden Bewegung wandern Besucher über sechs Plateaus nach unten - vorbei an Autogeschichte: von den ersten Modellen bis hin zu den Formel-1-Wagen, die als Apotheose des Autokults in einer Steilkurve hängen. KERSTIN SCHWEIGHÖFER
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Bild: Fahrstühle im fast 50 Meter hohen Atrium des Mercedes-Benz-Museums bringen Besucher nach oben, wo der Ausstellungsparcours beginnt
Bild: Außen ein "silbernes Kolosseum" (siehe oben), innen ein fließendes Raum-Kontinuum, das sich über sechs Plateaus erstreckt
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Erfolgsteam
Caroline Bos, 46, und Ben van Berkel, 48, leiten das Amsterdamer Büro "UN Studio". Der Durchbruch gelang ihnen 1996 mit der Erasmusbrücke in Rotterdam. 1998 bauten sie mit dem Möbius-Haus bei Hilversum, das eine raffiniert verdrehte Endlosschleife formt, ein viel beachtetes Unikum. Weitere Bauten: Museum Valkhof in Nijmegen (1998), Umspannwerk Innsbruck (2000), Kaufhaus in Seoul (2004).
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Bild: Fotos
