Ausgabe: 07 / 2009
Seite: 20-33
90 Jahre Bauhaus - Das wilde Bauhaus
Von Barbara Hein
Vor 90 Jahren wurde die bedeutendste Kunstschule des 20. Jahrhunderts gegründet: das Bauhaus. Eine große Berliner Ausstellung zeigt das ganze Spektrum der Innovationen, die dort entstanden sind: In Architektur und Design wurden neue, bis heute gültige Maßstäbe gesetzt. Längst scheint das Bauhaus historisch entrückt, und sein Image ist das einer nüchternen Architekten schule. Dabei sah die Wirklichkeit anders aus: In Dessau und Weimar sollte auch das Leben reformiert werden, die "Freiheit der Individualität" stand im Mittelpunkt. art zeigt das andere Gesicht des Bauhauses: spirituelle Zirkel und wilde Kostümfeste, Liebschaften und Ehen, Politik und Musik
Am ersten Abend war ein wundervolles Fest, man spürte gleich, was da für ein Geist weht", schrieb Gunta Stölzl am 8. Oktober 1919 in ihr Tagebuch. Es war ihr zweiter Tag am Bauhaus, und sie fühlte sich wie in einem Rausch: "Eine große Halle mit weiß gedeckten Tischen, grüne Wände, Musik, fröhliches Spielen dringt uns entgegen, die Menschen, die alle hergekommen sind, hier ernst zu schaffen, sind sich noch ganz fremd, sie wollen sich aber näher treten, gibt es da eine bessere Idee, als bei fröhlichem zwecklosen Zusammensein, Tanz und Spiel? Wir waren ganz begeistert von diesem Anfang." Die Party, die Gründungsdirektor Walter Gropius zur Begrüßung des allerersten Semesters gegeben hatte, war der Auftakt zur Geschichte des Bauhauses, einer Schule, die von Anfang an mehr sein wollte, als nur eine neue Form von Kunstakademie: eine Innovationsmaschine, ein Labor für ein besseres Leben.
Die 22-jährige Gunta Stölzl war eine typische Bauhaus-Schülerin, mit bürgerlichem Hintergrund und geprägt von der Erfahrung des eben zu Ende gegangenen Kriegs. Sie stammte aus einer Münchner Lehrerfamilie, ihr Vater engagierte sich in der Reformbewegung und legte Wert auf die umfassende Bildung seiner Tochter. Bevor sie im Ersten Weltkrieg als Rotkreuzschwester arbeitete, hatte sie mehrere Semester an der Münchner Kunstgewerbeschule studiert, an der Akademie waren damals keine Frauen zugelassen. Anders hier am Bauhaus, in dessen Manifest und Programm es bereits hieß: "Aufgenommen wird jede unbescholtene Person ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, deren Vorbildung vom Meisterrat des Bauhauses als ausreichend erachtet wird, und soweit es der Raum zulässt." Diese Toleranz und Offenheit zog Andersdenkende und Individua listen aus der ganzen Welt nach Weimar, vereinzelt sogar Amerikaner und Japaner.
Als oberstes Ziel verankerte Gropius dort auch die "Wiedervereinigung aller werkkünstlerischen Disziplinen - Bildhauerei, Malerei, Kunstgewerbe und Handwerk - zu einer neuen Baukunst". Die neuen Lehrmethoden umfassten "Vermeidung alles Starren", "Freiheit der Individualität", "Mitarbeit der Studierenden an den Arbeiten der Meister", "Fühlung mit dem öffentlichen Leben" und die "Pflege freundschaftlichen Verkehrs zwischen Meistern und Studierenden außerhalb der Arbeit; dabei Theater, Vorträge, Dichtkunst, Musik, Kostümfeste".
Angestrebt war eine ganzheitliche Bildung der Studenten, die ausdrücklich das Privatleben einbezog - ein Gedanke, dessen Wurzel der Wunsch war nach Wiedervereinigung aller gestalterischer Disziplinen im Sinne mittelalterlicher Bauhütten sowie von serieller Produktion und individuellem Schöpfungsakt. Gropius, damals 36 Jahre alt und schon ein anerkannter Architekt, wollte alles, nur keinen akademischen Zeichendrill und Gipsmasken.
Es gelang ihm, Avantgardisten und Freidenker wie Lyonel Feininger, Johannes Itten, Paul Klee, Oskar Schlemmer, Georg Muche oder Wassily Kandinsky für sein revolutionäres Lehrkonzept zu gewinnen. Vor der Spezialisierung wurden die Studenten im erst ein-, später zweisemestrigen "Vorkurs" mit Materialeigenschaften und Prinzipien der Produktgestaltung vertraut gemacht.
In den nächsten sechs Semestern - dem eigentlichen Studium - wurde ein Handwerk erlernt. Das fand nicht in Professorenklassen statt, sondern in Werkstätten für Ton, Stein, Holz, Metall, Gewebe, Farbe und Glas, wo die Lehrer "Meister" hießen und die Schüler "Lehrlinge".
Eine der charismatischsten Persönlichkeiten der frühen Bauhaus-Geschichte war Vorkursleiter Johannes Itten. Felix Klee durfte als Sohn von Bauhaus-Meister Paul Klee bereits mit knapp 14 Jahren seine Ausbildung bei Itten beginnen: "Er kam mir wie ein Priester vor mit seiner rotvioletten, hoch geschlossenen Uniform, seinem kahl geschorenen Schädel und seiner Goldrandbrille.
Vom ersten Augenblick an faszinierten mich seine Persönlichkeit, sein pädagogisches Können und seine überreiche Fantasie." Im Zentrum von Ittens Unterricht stand das Erkennen und Gestalten von Kontrasten durch unterschiedliche Materialien, um die Studierenden zu sensibilisieren und vom mitgebrachten Erziehungsballast zu befreien. Zur Entkrampfung ließ er beim Aktzeichnen Musik laufen - die Schüler sollten in schwungvollem Malen den Rhythmus des Körpers und des Lebens erfassen.
Ittens merkwürdige Tracht war Ausdruck seiner religiösen Überzeugung: Er bekannte sich zum heute beinahe vergessenen Mazdaznan- Kult, einer kruden Mischung aus zarathustrischen, christlichen und esoterischen Elementen. Die Regeln waren strikt:
Meditationen, Vegetarismus, Heilfasten, Atemübungen. Itten wirkte wie ein Missionar am Bauhaus. Zeitweise hatte sein Zirkel so viel Einfluss, dass sogar die Kantine auf schmale Kost wie "Knoblauch-Kaltschale", "Isländisch-Moos-Pudding" oder "Nerven- Brot" umstellte. Das schränkte den durch die Nachkriegszeit ohnehin mageren Speiseplan noch zusätzlich ein. "Eine allgemeine Unterernährung war die Folge, Magen- und Darmkatarrhe an der Tagesordnung und unser Aussehen dementsprechend", erinnert sich Paul Citroen, der als Student dem Zirkel angehörte. Itten und seine Jünger wurden immer radikaler: "Unser Kreis wurde immer sektiererischer. - Welchen offensichtlichen Blödsinn wir zugleich mit dem gewiss Vorzüglichen und Beherzigenswerten aus den Schriften schöpften und uns aneigneten, ist unglaublich, und jener Besucher, den ich einmal als Gast zu einer Übungsstunde mitnahm, wo wir uns singend verrenkten, muss uns wirklich für wahnsinnig gehalten haben." Auf Dauer konnten der Esoteriker Itten und der Rationalist Gropius nicht zusammenarbeiten, 1923 kam es zum Bruch, Itten verließ die Schule.
Die Bauhäusler begriffen sich als Avantgarde - und gebärdeten sich auch so: "Am Anfang ließ man sich erst einmal gehen", erinnerte sich Tut Schlemmer, die als Frau von Bauhausmeister Oskar Schlemmer rund acht Jahre lang das Bauhaus erlebte.
"Die Haare lang bei den Jungen, die Röcke kurz bei den Mädchen. Man ging ohne Kragen und Strümpfe, was damals schockierte ... Man konstruierte ein Bauhaus-Gewand, erfand den Bauhaus-Pfiff, den Bauhaus- Gruß, und man saß gerne im Mondschein im Goethepark an der Ilm ... Man fror aber auch und hungerte für seine Ideale." Frauen hatten aber selbst an einer auf Fortschritt und Wertemodernisierung eingestellten Institution wie dem Bauhaus mit Benachteiligungen zu kämpfen. Marianne Brandt, eine der berühmtesten Schülerinnen, schrieb um 1970 in ihrem "Brief an die junge Generation": "Zuerst wurde ich nicht eben freudig aufgenommen. Eine Frau gehört nicht in die Metallwerkstatt, war die Meinung. Man gestand mir das später ein und hat dieser Meinung Ausdruck zu verleihen gewusst, indem man mir vorwiegend langweilig-mühsame Arbeit auftrug. Wie viele kleine Halbkugeln in sprödem Neusilber habe ich mit größter Ausdauer in der Anke geschlagen und gedacht, das müsse so sein und ‚aller Anfang ist schwer'." Später leitete Brandt die Metall werkstatt in Dessau ein Jahr lang kommissarisch. Die einzige je in den Meisterkreis erhobene Frau blieb die Weberin Gunta Stölzl.
Das undogmatische Leben am Bauhaus sorgte bei den Bürgern immer wieder für Empörung. Am 13. Juni 1924 schrieb ein Journalist in der "Weimarischen Zeitung":
"Ich muss es als Ausfluss eines völlig verwahrlosten Empfindens und zwar als einen Niederschlag der destruktiven Lehr- und Erziehungsmethoden des Bauhauses geißeln, wenn solche Mutterschaft [gemeint ist eine "uneheliche"] mit allerlei Tamtam öffentlich gefeiert wird, wenn die Wiege von beteiligten Jünglingen gefertigt und dann in einer Art von Triumph zur Wohnung der Hereingefallenen gefahren wird. Wer sich solcher Vorkommnisse nach ihrem seelischen Niederschlage klar zu vergegenwärtigen vermag, muss jeden dringend davor warnen, einen Sohn, geschweige denn eine Tochter, dieses Institut beziehen zu lassen." In der Tat führte die enge Verquickung von Leben und Lehre zu 71 Bauhaus-Ehen.
Gelegenheiten, um sich näher zu kommen, gab es viele. Regelmäßige gemeinsame Feste, Laternenumzüge, Maskenbälle, Ausflüge oder Sportkurse gehörten zum Grundprogramm.
Diese Tradition wurde nie vernachlässigt - weder nach dem Umzug von Weimar nach Dessau 1925 noch unter dem neuen Direktor, dem Architekten Hannes Meyer, der 1928 Nachfolger von Walter Gropius wurde. Eine der legendären Veranstaltungen war das "Metallische Fest", das in der klirrend kalten Nacht des 9. Februar 1929 in Dessau stattfand.
Tagelang hatten die Bauhäusler das Gebäude mit Hunderten von der Decke hängenden silberfarbenen Glaskugeln geschmückt.
Die Wände waren mit reflektierendem Weißblech verkleidet und warfen verzerrte Spiegelbilder der tanzenden, vorübereilenden, plaudernden Gäste zurück. Überall klingelte und läutete es, und es gab eine Treppe, die beim Betreten jeder Stufe einen musikalischen Ton produzierte.
Den Festsaal erreichte man über eine Rutsche, und die Bauhaus-Band begrüßte jeden Ankommenden mit einem Tusch. Schraubenschlüssel, Büchsenöffner und andere Werkzeuge wurden verteilt, damit jeder nach Herzenslust und in seinem eigenen Rhythmus rumlärmen konnte. Alle waren dem Motto gemäß verkleidet. Oskar Schlemmer teilte später seinem Tagebuch mit, wer von den Gästen ihn besonders beeindruckt hatte: "... die Dame in runden Weißblechscheiben, die kokett den Schraubenschlüssel am Armband trug und den jeweiligen Kavalier damit betraute, die gelockerten Schrauben anzuziehen." Anders als in Weimar wirkte in Dessau auch schon das von Gropius entworfene Schulgebäude als Monument einer neuen Zeit und Lebensart: "Das Bauhaus Dessau war ein imposanter Bau", erinnerte sich die Hamburgerin Ursula Schuh, die 1931 dort ihr Studium in der Kandinsky-Klasse begann.
Ehrfürchtig versetzte sie sich in ihre ersten Schritte in dem Haus: "Eisenbeton, Glas, große, weiße, quadratische oder rechteckige, von spiegelnden Fensterreihen unterbrochene Raumblöcke in freier Landschaft ... Bei meinem Eintritt ist es, wie immer in Akademien, sehr überheizt, und lautlose Stille überfällt mich ... Ich gebe mir Mühe, auf dem spiegelnden Linoleumboden nicht auszurutschen." Ihre erste Begegnung mit Kandinsky war beeindruckend:
"Alles Schattenhafte verfliegt im Nu vor diesem lebendigen, schnellen hellblauen Blick durch die scharf geschliffenen Brillengläser.
Ein Blick, der für alles Interesse hat ... Dann ist man schon unversehens durch Fragen und Antworten mittendrin in den Problemen seiner Farbenlehre. Er hat eine große Anzahl verschiedenfarbiger Rechtecke, Quadrate, Scheiben und Dreiecke mitgebracht, die er uns in verschiedenen Kombinationen vorhält, um unser Sehvermögen zu prüfen und zu bilden." Außerhalb der Klassenzimmer begegnen sich Studierende und Lehrende zum Beispiel auf dem Dach des Atelierkomplexes "Prellerhaus" in Dessau. Eine als Bank genutzte Brüstung lud zum Sitzen, Schwatzen, Sonnen, Lesen oder Essen ein. Die Flachdachfläche wurde für Gymnastikkurse genutzt, die in Dessau allerdings nicht mehr mystischer Kö;rper-Geist-Entkrampfung im Sinne Johannes Ittens galten, sondern lediglich der Beweglichkeit und der Fitness. Überhaupt ließ das Bauhaus mit dem Wegzug aus Weimar den expressionistischen, esoterischen, individualistischen Ballast zurück.
Der bereits unter Gropius neu eingeschlagene Kurs der Prototypen-Entwicklung für die Wirtschaft rückte noch weiter in den Mittelpunkt. Der Marxist Hannes Meyer gab die Parole aus: "Volksbedarf statt Luxusbedarf". Im Gegensatz zu Gropius, der Bauaufträge von seinem eigenen Büro realisieren ließ, beteiligte er die Studenten an allen Schritten vom Entwurf bis zur Realisierung, wie zum Beispiel beim Bau der Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds in Bernau bei Berlin zwischen 1928 und 1930. Einigen Meistern missfiel die Politisierung von Direktor und Studenten. Meyer wurde von der Stadtregierung Dessau 1930 entlassen, woraufhin er sich mit einer Gruppe von Studenten als rote Bauhaus-Brigade nach Moskau absetzte.
Der Maler und Fotograf Kurt Kranz begann sein Studium im April 1930 und erlebte die Entlassung Meyers und die Berufung Ludwig Mies van der Rohes hautnah, ebenso die Schließung der Schule in Dessau und die letzten verzweifelten Monate in Berlin: "In Dessau hatten wir uns bis über beide Ohren in die Arbeit gestürzt, um die herauf ziehende Katastrophe nicht zu sehen.
1932 war sie da! Das Studium musste abgebrochen werden. Das Bauhaus wurde geschlossen. Das Hitler-Regime warf seine Schatten weit voraus. Als Privatschule sollte das Bauhaus in Berlin unter Mies van der Rohe in einer Telefonfabrik weiterarbeiten.
Erst nach der zweiten Hausdurchsuchung durch die Sicherheitspolizei sah ich die Unmöglichkeit, sich gegen die Nazis durchzusetzen, ein." Am 20. Juli 1933 beschloss eine Konferenz der Lehrkräfte, die Schule unter den von der Gestapo gestellten Bedingungen - zum Beispiel die sofortige Entlassung von Lehrkräften wie Wassily Kandinsky - nicht weiterzuführen, sondern aufzulösen (siehe Bericht ab Seite 36).
Gerade durch die Vertreibung vieler Lehrer und Schüler ins Exil verbreitete sich die Idee des Bauhauses über die ganze Welt. Vor allem in den USA wurden die Ideen der Bauhäusler begierig aufgenommen: Josef Albers unterrichtete am "Black Mountain College", das John Andrew Rice, ein Altphilologe, bereits 1933 als Gegenentwurf zur strikten Frontalunterrichtpädagogik amerikanischer Colleges in den Bergen North Carolinas gegründet hatte. Ohne festes Pogramm und festen Lehrplan war jeder Schüler für sich und seinen Studienplan selbst verantwortlich. Der ehemalige Frontman der Bauhaus-Band Xanti Schawinsky hielt neben Malerei- und Zeichenkursen auch Theaterkurse ab, Anni Albers unterrichtete Weberei. Bis 1956 wurden dort vorwiegend und interdisziplinär Kunst, Theater und Literatur unterrichtet, aber auch Geschichte und Ökonomie. Noch enger an die Bauhaus- Ideale angelehnt war das "Chicago Bauhaus", das 1937 von der Chicago Association of Arts and Industries, einer amerikanischen Version des Deutschen Werkbunds, gegründet worden war. Man bot Gropius den Direktorenposten an, der jedoch ablehnte und statt seiner László Moholy- Nagy empfahl, den er für "den feurigsten Stimulator des Bauhauses" hielt.
Moholy-Nagy versuchte viele der ursprünglichen Bauhaus-Ideen in Chicago zu verwirklichen: die Bedeutung des Vorkurses, den er selbst am Bauhaus unterrichtet hatte, die enge Anbindung an die Wirtschaft.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gab es auch in Deutschland Versuche, das Bauhaus neu erstehen zu lassen. Die konsequenteste Wiederbelebung war die 1953 eröffnete Ulmer Hochschule für Gestaltung, deren erster Rektor Max Bill war.
Der ehemalige Bauhaus-Student und erfolgreiche Architekt, Maler, Industrie- und Grafikdesigner versuchte dort, unter strenger Führung an Traditionen wie Werkstattpraxis, Leben auf dem Campus und Festkultur anzuknüpfen. Zu den Dozenten der ersten Stunde gehörten auch Johannes Itten und Josef Albers. Walter Gropius, der zur Einweihung aus dem amerikanischen Cambridge angereist war, attestierte der neuen Hochschule die "echtesten Wurzeln". Wieder entstand ein ganz eigenes Klima gelebter Avantgarde mit eigenem Look und eigenen Regeln - und wieder scheiterte das Experiment an der Politik. Ministerpräsident Hans Filbinger strich der Schule die Mittel - im Reformjahr 1968.
Ein großes Dossier zum Bauhaus unter: www.art-magazin.de/bauhausjubilaeum
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Die Bauhaus-Chronik Der Gründer des Bauhauses ist ein junger, von modernen Ideen beseelter Architekt: Walter Gropius (1883 bis 1969) hat als Mitglied des Deutschen Werkbunds und Mitarbeiter des Architekten und Gestalters Peter Behrens erste Erfahrungen gesammelt. Am 1. April 1919 gründet er das Staatliche Bauhaus Weimar, im gleichen Monat veröffentlicht er ein Manifest dazu.
Es geht ihm nicht nur um die zeitgemäße Integration aller Künste, sondern um die Reform künstlerischer Arbeit selbst durch Rückkehr zum Handwerk: "Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Künstler und dem Handwerker.
Der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers." In den ersten Jahren wird der Unterricht durch Künstler wie Paul Klee, Wassily Kandinsky, Johannes Itten und László Moholy- Nagy geprägt. Im Februar 1924 kommt in Thüringen eine bürgerlich-konservative Mehrheit an die Macht, die das Bauhaus ablehnt, die Verträge der Meister werden gekündigt. Der liberal gesinnte Oberbürgermeister Fritz Hesse holt das Bauhaus 1925 nach Dessau, Gropius richtet das Programm nun stärker auf eine Zusammenarbeit mit der Industrie aus. Im Dezember 1926 eröffnet das von Gropius entworfene Schulgebäude in Dessau. 1928 wechselt mit dem Rücktritt von Walter Gropius die Führung; neuer Direktor wird Hannes Meyer. Der wird wegen seiner marxistischen Gesinnung 1930 durch den Architekten Ludwig Mies van der Rohe ersetzt.
Er legt den Schwerpunkt noch stärker als seine Vorgänger auf die Architekturausbildung. Im August 1932 wird die Schule auf Antrag der Nationalsozialistischen Fraktion im Dessauer Gemeinderat geschlossen. Mies van der Rohe entschließt sich, das Bauhaus in Berlin-Steglitz als Privatinstitut fortzuführen. Es wird nach der Machtergreifung der Nazis zum Ziel staatlichen Terrors; im Juli 1933 beschließen die Lehrkräfte, das Bauhaus aufzulösen.
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Berlin, Weimar, Dessau: Die Ausstellungen zum Bauhaus-Jahr Drei große Bauhaus-Sammlungen gibt es in Deutschland: Das Berliner Bauhaus-Archiv die Stiftung Bauhaus Dessau und die Klassik-Stiftung Weimar. Jetzt tun sich erstmals alle drei zusammen für die große Jubiläumsausstellung Modell Bauhaus im Berliner Martin-Gropius-Bau (22. Juli bis 4. Oktober, www.modell-bauhaus.de, Katalog: Hatje Cantz Verlag. 376 S., 305 Abb., 39,80 Euro). Die Schau, die danach im New Yorker Museum of Modern Art zu sehen sein wird (8. November bis 25. Januar 2010), ist die größte und vielfältigste Bauhaus-Ausstellung aller Zeiten: Sie schlägt mit den besten Stücken der Museen und vielen Leihgaben aus aller Welt den Bogen von der Gründung in Weimar vor 90 Jahren über die entscheidenden Jahre in Dessau bis zur erzwungenen Schließung 1933 in Berlin. Es gibt Räume zur pädagogischen Konzeption, zur Arbeit in den verschiedenen Werkstätten, zur Fotografie, zur Malerei, zur Bauhaus-Bühne, der Architektur und zu den Wechselwirkungen mit anderen internationalen Strömungen der Moderne. Die wichtigsten Bauhaus-Lehrer wie Walter Gropius, Hannes Meyer, Johannes Itten, Wassily Kandinsky, Paul Klee und László Moholy-Nagy werden ebenso vorgestellt wie Schülerarbeiten aus allen Bereichen. Offen bleibt eigentlich nur eine Frage: Wie wird die Schau zu übertreffen sein, wenn in zehn Jahren das Bauhaus 100 wird?
Nur noch für kurze Zeit ist in verschiedenen Museen und Institutionen in Weimar Das Bauhaus kommt aus Weimar (bis 5. Juli, www.das-bauhaus-kommt.de, Katalog: Deutscher Kunstverlag. 380 S., 500 Abb., 35 Euro) zu sehen, eine opulente Schau zur Frühgeschichte der bedeutendsten deutschen Kunstschule der Moderne.
In Dessau (siehe Bericht in art 6/2009, www.bauhaus-dessau.de) kann man sich in der exzellent sanierten Schule, den Meisterhäusern, der Siedlung Dessau-Törten und etlichen anderen Gebäuden aus der Bauhaus-Ära jederzeit bestens informieren. Zum Jubiläum ist hier zusätzlich die Schau Bauhaus in Aktion (bis 4. Oktober) mit Filmexperimenten und Dokumentationen aus der Bauhaus-Zeit zu sehen. Auf der Bauhaus-Bühne ist die Rekonstruktion von László Moholy-Nagys bislang nie realisiertem spektalulären Raum der Gegenwart (bis 24. September) zu sehen, eine Vorwegnahme von Multimediainstallationen unserer Zeit.
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Aktuelle Bücher zum Thema Außer den Katalogen zu den großen Ausstellungen in Berlin und Weimar (siehe oben) sind im Bauhaus-Jahr viele Bücher zum Thema erschienen. Besonders empfehlenswert:
Anja Baumhoff/Magdalena Droste (Hrsg.): Mythos Bauhaus. Reimer Verlag. 340 S., 120 Abb., zirka 39 Euro, erscheint voraussichtlich im Juli // Hajo Düchting (Hrsg.): Seemanns Bauhaus-Lexikon. E. A. Seemann Verlag. 352 S., 174 Abb., 35 Euro // Gert Kähler:
Route der Moderne. Vom Welterbe Breslau zum Welterbe Dessau. Architektur 1900-1930. Jovis Verlag. 160 S., 216 Abb., 19,95 Euro // Klassik-Stiftung Weimar: (Hrsg.): "Half-moon, red wings, form and function - Weißt Du, was das Bauhaus ist?" Kinderkatalog zum Bauhaus in Weimar. deutsch/englisch, 38 S., 20 Abb., 8 Euro // Bernd Polster/Askan Quittenbaum (Hrsg.): Bauhaus-Design. DuMont Buchverlag.
360 S., 500 Abb., 39,95 Euro // Josef Strasser: 50 Bauhaus-Ikonen, die man kennen sollte. Prestel Verlag. 176 S., 200 Abb., 19,95 Euro // Wolfgang Thöner/Ute Ackermann:
Das Bauhaus lebt. E. A. Seemann Verlag. 236 S., 315 Abb., 19,90 Euro Eine ausführliche Liste mit Neuerscheinungen und bewährten Klassikern der Bauhaus- Literatur unter www.art-magazin.de/bauhausbücher
Bildunterschrift:
Noch stark vom Expressionismus geprägt: Walter Determanns nie realisierter Entwurf für eine Bauhaus-Siedlung in Weimar, 1920 07_
Theaterinszenierungen gehörten zum Programm der Schule - hier führen Studenten auf der Bauhaus-Bühne in Dessau einen Sketch auf (1929)
Die neuen Lehrmethoden umfassten "Vermeidung alles Starren" und die "Pflege freundschaftlichen Verkehrs zwischen Meistern und Studierenden außerhalb der Arbeit"
Bild und Vorbild:
Das Foto zeigt Studentinnen aus der Weberei 1927, Oskar Schlemmer ließ sich davon zu seinem berühmten Gemälde "Bauhaustreppe" anregen (1932, 161 x 113 cm)
Der schillerndste Lehrer der frühen Bauhaus-Zeit:
Johannes Itten 1920 in der Tracht des Mazdaznan- Kreises; im Hintergrund seine "Farbenkugel"
Mit der "Farbkugel bandräumlich" (1919/20, 23 x 22 cm) wollte Itten das Denken und Empfinden in der Dreidimensionalität veranschaulichen
Rudolf Lutz: Entwurf für ein Plakat für einen Vortrag von Johannes Itten (1919)
Der Meister Itten trat an der Schule wie ein Priester auf - er war Anhänger des esoterischen Mazdaznan-Kultes
Der Gründer Walter Gropius wollte an der neuen Kunstschule alles - nur keinen akademischen Stillleben- und Gipsmaskendrill
Am Bauhaus wurde die "Freiheit der Individualität" zelebriert, von oben links im Uhrzeigersinn:
Werbeklappkarte der Bauhauskapelle (um 1931); Gruppe von Bauhäuslern in Dessau (um 1929); Frau mit Bauhaus-Theatermaske im Stahlrohrsessel von Marcel Breuer (um 1926), grandiose Laune: Direktor Hannes Meyer (Zweiter von links) umarmt eine Schülerin auf dem "Metallischen Fest", das 1929 in Dessau gefeiert wurde
Bauhaus-Design für den öffentlichen Raum:
Herbert Bayers "Entwurf für einen Kiosk zum Zeitungsverkauf" von 1924
Gestylt wie eine New-Wave- Band in den achtziger Jahren:
Bauhaus- Lehrer Marcel Breuer mit Martha Erps- Breuer und den Schülerinnen Katt Both und Ruth Hollós
Für den Direktor von Lehrern und Studierenden gebastelt: Zum 44. Geburtstag am 18. Mai 1927 bekam Walter Gropius diese Kussmund-Collage geschenkt
Die Geschichte des Bauhauses begann mit einer Party, mit "fröhlichem zwecklosen Zusammensein, Tanz und Spiel. Man spürte gleich, was da für ein Geist weht"
Picknick im Badedress:
Walter und Ise Gropius (Mitte) beim Sonnenbad mit Gästen auf der Dachterrasse ihres Dessauer Meisterhauses
Das Direktorenzimmer von Walter Gropius in Weimar, hier in der Rekonstruktion von 1999, war ein Musterkatalog des frühen Bauhauses: vom Teppich bis zur Leuchte ein Statement der Moderne
Die Bauhäusler begriffen sich als Avantgarde - und gebärdeten sich auch so: "Die Haare lang bei den Jungen, die Röcke kurz bei den Mädchen"
Hohes Idealbild: Schema der Lehre am Bauhaus, 1922 entworfen von Walter Gropius
Die Gymnastikkurse galten nun nicht mehr mystischer Körper-Geist-Entkrampfung, sondern lediglich der Beweglichkeit und der Fitness
