Ausgabe: 12 / 2002
Seite: 78-83
Die Schattenfrau
Von Adrienne Braun
Serie: Frauen am Bauhaus - Serie: Frauen am Bauhaus (3) / Sie war eine brillante Theoretikerin und Fotografin, doch Lucia Moholy stand immer hinter ihrem Mann Laszlo Moholy-Nagy zurück. Er wurde berühmt - doch ohne ihre Aufnahmen von Gebäuden, Designprodukten und Menschen wüssten wir heute weit weniger über das Bauhaus. Lucia Moholy wurde zu einer Pionierin der neuen, sachlichen Fotografie
Die Aufgaben sind klar verteilt: der Mann produziert, die Frau reproduziert. Eine fragwürdige These, doch Lucia Moholy hat sie selbst mit formuliert, weil sie immer alles mit ihrem Mann Laszlo Moholy-Nagy machte. Der kleine Unterschied: Laszlo Moholy-Nagy wird heute als einer der innovativsten Fotokünstler der zwanziger Jahre gewürdigt. Der Name Lucia Moholy aber taucht in den wenigsten Publikationen auf. Dabei schrieb sie mit Laszlo Bücher - die freilich unter seinem Namen erschienen. Sie dokumentierte mit der Kamera die Arbeit am Bauhaus - es waren vornehmlich ihre Fotografien, die das Bauhaus weltweit bekannt machten.
Es war eine kurze, aber intensive Ehe. 1921 heiratet die Tschechin Lucia Schulz den Ungarn Laszlo Moholy-Nagy. Sie ist 1894 in Prag geboren, wo sie als Tochter eines angesehenen Anwalts das deutsche Lyzeum besucht. Nach der Schule arbeitet sie als Englischlehrerin, doch sie ist wissbegierig und hört nebenher Vorlesungen zur Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität - legt den Grundstein zu ihrer späteren wissenschaftlichen und theoretischen Arbeit, die besonders ihrem Mann von Nutzen sein wird.
Die junge Frau zieht es hinaus: Sie arbeitet bei der Wiesbadener Zeitung, wo ihr Interesse für die Fotografie geweckt wird. Sie ist bei verschiedenen Verlagen tätig, veröffentlicht 1919 ihren ersten eigenen Text. Sie lebt in Leipzig, Hamburg und kommt schließlich nach Berlin, wo sie bei Freunden Laszlo kennenlernt. Es muss eine spontane Liebe gewesen sein. Sie zieht mit ihm in eine Pension, wenige Monate später heiraten die beiden.
In Berlin bekommt Lucia Moholy eine Stelle beim Verlag Ernst Rowohlt. Damit finanziert sie sich und ihren Mann. Denn Laszlo ist als Künstler längst noch nicht anerkannt. Er hatte zunächst Jura studiert, brach das Studium aber ab, um sich der Kunst zu widmen. Während seine Kollegen meist eine Akademie besucht haben, ist er Autodidakt. Das kratzt an seinem Selbstbewusstsein und schwächt seine Position in Künstlerkreisen. Lucia Moholy dagegen ist als brillante Intellektuelle allseits anerkannt.
Ihre Erfahrung im Verlagswesen und ihr theoretisches Wissen beeinflussen in den folgenden Jahren maßgeblich die Arbeit ihres Mannes. 1922 erscheint in der holländischen Zeitschrift "De Stijl" der Aufsatz, in dem das Paar die Grundzüge seiner künstlerisch-theoretischen Position schildert, wenngleich auch nur Laszlos Name erwähnt wird. "Produktion - Reproduktion" lautet der Titel des Aufsatzes: Foto- und Filmkamera, also reproduzierende Apparate, sollten auch für produktive, künstlerische Tätigkeiten genutzt werden.
Der Aufsatz vermittelt eine klare Rollenzuweisung: Der Mann steht auf der Produktionsseite, die Frau ist für die Reproduktion zuständig, die "im besten Fall nur als virtuose Angelegenheit zu betrachten" sei. Hier der Schöpfer, dort die Verwalterin der Kunst.
Langsam stellt sich für Laszlo der Erfolg ein: Er ist in Ausstellungen vertreten und veröffentlicht Kritiken. Angeregt durch Dada und den Konstruktivismus experimentiert er mit dem Fotoapparat. Er entdeckt die Fotomontage und das Fotogramm, worüber bereits in den zwanziger Jahren gestritten wird. Auch der Amerikaner Man Ray und der Deutsche Christian Schad beanspruchen, Urheber dieser Technik zu sein, bei der ein Gegenstand auf eine lichtempfindliche Schicht - zum Beispiel Fotopapier - gelegt und belichtet wird.
1923 wird Laszlo Moholy-Nagy von Walter Gropius ans Bauhaus in Weimar berufen. Doch der Ungar ist bei den älteren Mitgliedern wie Paul Klee und Oskar Schlemmer unbeliebt, weil er die traditionelle Malerei brüsk ablehnt. Die Rechnung, die Gropius angestellt hatte, geht auf: Mit Laszlo kommt frischer Wind ins Bauhaus.
In der Gründungsphase des Bauhauses stand das Individuum im Vordergrund. Gropius beschwor einen romantischen Aufbruch, der "den neuen Menschen in neuer Umgebung aufbauen und schöpferische Spontaneität in allen auslösen" sollte. Doch das fast religiös-weltverbesserische Denken weicht nach und nach einer Begeisterung für die industrielle Fertigung. "Kunst und Technik - eine neue Einheit" lautet die neue Devise.
Bei den Studenten hat Laszlo Erfolg. Auch wenn es erst viel später, 1929, eine eigenständige Fotowerkstatt geben wird, versuchen sich viele in der Fotografie. Auch Lucia Moholy greift nun zur Kamera, doch sie will nicht dilettieren. Sie lässt sich bei einem Berufsfotografen in Weimar ausbilden. Ab 1925 belegt sie an der Akademie für Graphische Künste und Buchgewerbe (Leipzig) Kurse in den fotomechanischen Werkstätten und bildet sich fort zur Reprofotografin.
Lucia Moholy hat die ihr zugewiesene Rolle akzeptiert, eine Fotografin ohne Kunstanspruch zu sein. Sie fotografiert Modelle und Prototypen aus den Werkstätten für Musterbücher, die an Kunden geschickt werden. In der Werkstatt richtet sie ein Studio ein, im Hintergrund Karton oder Stoff, vor den sie eine Glasplatte auf zwei Hocker legt. Auf diese stellte sie die Objekte - ein Arrangement, das charakteristisch für ihre Sachfotografie ist: Die Gegenstände scheinen vor der Wand zu schweben. Lucia Moholy fotografiert die Ikonen der Metallwerkstatt - Marianne Brandts Silberkannen, Wilhelm Wagenfelds Lampen und Marcel Breuers Stahlrohrstühle.
Was immer sie fotografiert, sie versucht stets, das Persönliche, den eigenen Blickwinkel zu vermeiden. Sie will sachlich sein, die Objekte neutral in ihrer Beschaffenheit darstellen. Bisher hatte die Fotografie versucht, die Malerei zu imitieren. Lucia Moholy dagegen verkörpert die Ideen eines "Neuen Sehens", einer "Neuen Sachlichkeit".
Indem sie versucht, jeden künstlerischen Ehrgeiz herauszufiltern, sich ganz in den Dienst der Motive zu stellen, entwickelt Lucia Moholy in ihren Aufnahmen Bilder von strenger Schönheit. In Porträtserien fotografiert sie die Bauhäusler, als seien sie Objekte, die sie unkommentiert abbilden will. "Ich habe Menschen fotografiert wie Häuser", hat sie einmal gesagt.
Dass eine Frau fotografiert, ist nichts Ungewöhnliches zu jener Zeit. Viele Töchter aus gutem Hause drängen seit Beginn des Jahrhunderts in die Ateliers. "Frauenzimmerarbeit" wird die Fotografie abschätzig genannt. Lucia Moholy macht angewandte Fotografie, ihr Mann dagegen Kunst. Er hat so gut wie nie eine Dunkelkammer betreten - musste er auch nicht, Lucia übernahm dort für ihn die Arbeit.
Das Paar führt eine "symbiotische Arbeitsgemeinschaft". 1925 wird unter seinem Namen das Bauhausbuch "Malerei, Fotografie, Film" veröffentlicht, in das ihre umfassenden theoretischen und praktischen Kenntnisse einfließen. Lucia Moholy fotografiert nicht nur für die Musterbücher, sondern ist auch redaktionell tätig bei den zahlreichen Publikationen in dieser Zeit, weil sie solide Verlagserfahrung mitbringt. Diese junge Frau, gerade Anfang 30, nützt dem Bauhaus auf vielen Feldern.
1928 verlässt Walter Gropius das Bauhaus, und damit ändert sich vieles. Hannes Meyer wird neuer Direktor und tritt mit einem funktional ausgerichteten Programm an. Abfällig spricht er vom Bauhaus als einer "Kathedrale des Sozialismus", in der als "Teppiche die seelischen Komplexe junger Mädchen" lägen. Er will die Akademie einer Fabrik gleichmachen. Viele der Meister gehen, auch das Ehepaar Moholy-Nagy packt seine Kisten und zieht nach Berlin.
Mit dem Ende ihrer Bauhauszeit kommt auch das Ende ihrer Ehe: Im Frühjahr 1929 trennen sich Lucia und Laszlo, auch wenn sie weiterhin miteinander arbeiten. Laszlo ist als Designer in der Werbung tätig, sie macht die Laborarbeit für seine Plakatentwürfe, Bücher und Buchumschläge. Doch sie beginnt allmählich, aus seinem Schatten herauszutreten, hat erste öffentliche Erfolge als Fotografin und ist in Ausstellungen vertreten.
1930 wird sie Leiterin der Fotoklasse der Kunstschule in Berlin, die Johannes Itten 1926 gegründet hat. Da sie mit einem kommunistischen Reichstagsabgeordneten befreundet ist, muss sie 1933 aus Hitler-Deutschland fliehen und gelangt über mehrere Stationen nach London. Sie hält sich mit konventionellen Porträts der High-Society über Wasser und schreibt ein Buch über "Einhundert Jahre Fotografie".
Während des Zweiten Weltkriegs verfilmt Lucia Moholy wichtige Dokumente und Handschriften - eine andere, neue Seite der Reproduktion, die künftig ihre Arbeit bestimmen wird. Nach dem Krieg wird sie so genannte Verfilmungsbeauftragte der UNESCO und reist durch die Welt, um kulturell wichtige Dokumente auf Mikrofilmen zu sichern.
Zu eigenen fotografischen Arbeiten hat sie kaum mehr Zeit. Viele Jahre ist Lucia Moholy damit beschäftigt, ihr Archiv aufzutreiben, das sie bei der Flucht zurücklassen musste. Nur einige Reproduktionen ihrer 600 Glasnegative kann sie zurückkaufen. Ein herber Verlust, der obendrein mit finanziellen Einbußen verbunden ist: Da sie in den meisten Publikationen nicht namentlich genannt wurde und nun die Negative fehlen, wird sie allzu oft um ihr Urheberrecht betrogen.
Erst 1985 gab Rolf Sachsse die erste Monografie über sie heraus, und der wohl beste Kenner ihres Werkes versucht seither ihre Verdienste publik zu machen. Viel hatte Lucia Moholy nicht mehr von diesem späten Ruhm. 1989 starb sie in Zürich - im Alter von 95 Jahren.
Zwei Einzelgängerinnen mehren in frühen Jahren den Ruhm des Bauhauses
Lilly Reich (1885 bis 1947) wird heute meist als Zulieferin für das Werk von Ludwig Mies van der Rohe erwähnt - zu Unrecht. Sie waren ein Paar - privat und beruflich. Doch als Lilly Reich den Architekten kennen lernte, war sie 39 Jahre alt und hatte bereits Karriere gemacht: Die Berlinerin war als Kurbelstickerin ausgebildet und hatte seit 1908 in der Wiener Werkstatt bei Josef Hoffmann gearbeitet. Sie war Schaufenster- und Ausstellungsgestalterin, machte Möbel und entwarf eine hochgelobte Arbeiterwohnung. In Frankfurt, wo Lilly Reich von 1924 bis 1926 ein Atelier für Ausstellungsgestaltung und Mode betrieb, lernte sie Mies van der Rohe kennen. Bei der Stuttgarter Werkbundausstellung von 1927, deren künstlerischer Leiter Mies van der Rohe war, stattete sie das Innere des von ihm geplanten Wohnblocks aus und entwarf die begleitende Hallenschau, die ihr zahlreiche Folgeaufträge einbrachte. Die zwei Wohnungen, die sie 1931 für die Berliner Bauausstellung gestaltete, gelten als Höhepunkt ihres Schaffens und verfestigten ihren Ruf als Meisterin des Innenausbaus von höchster Eleganz. Mies van der Rohe, der 1930 die Leitung des Bauhauses in Dessau übernahm, berief sie 1932 zur Leiterin der Weberei. Sie verhalf zwar dem Textildruck zu mehr Geltung, als aber das Bauhaus Dessau im selben Jahr von den Nationalsozialisten aufgelöst wurde, waren gerade noch drei Studenten in der Klasse. Bis zum Ausbruch des Krieges hatte sie kleine Aufträge, entwarf Sessel für die Firma Thonet und plante Interieurs. 1938 wanderte Mies van der Rohe nach Amerika aus, Lilly Reich blieb in Deutschland. Doch die Aufträge nahmen zusehends ab. Nach 1945 eröffnete sie in Berlin ein neues Atelier, beschäftigte sich notgedrungen mit der Schneiderei. Einen Lehrauftrag an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin musste sie wegen Krankheit abbrechen. 1947 mit erst 62 Jahren starb Lilly Reich.
Marianne Brandt (1893 bis 1983) kam 1924 ans Bauhaus. Sie wurde in die Metallklasse von Laszlo Moholy-Nagy aufgenommen. Der ungarische Konstruktivist entdeckte sofort das Talent seiner neuen Schülerin: Die junge Frau aus Chemnitz entwickelte sich schnell zur wohl erfolgreichsten Künstlerin der Bauhaus-Ära und zählt heute zu den wichtigsten Vertreterinnen der Design-Geschichte. Sie hatte zunächst Malerei und Bildhauerei an der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für Bildende Künste in Chemnitz studiert, anschließend jedoch den größten Teil ihrer Bilder vernichtet.
Das Tee- und Kaffeeservice, eine ihrer ersten Arbeiten am Bauhaus, die metallenen Aschenbecher, Schalen, Dosen und Lampen, die sie noch im Jahr ihres Eintritts entwarf, wurden veröffentlicht und sind bis heute begehrte Sammelobjekte. Doch es war eine kurze Glückssträhne. Als Moholy-Nagy und viele andere Meister 1928 das Bauhaus verließen, ging Marianne Brandt nach Berlin und arbeitete im Büro von Walter Gropius. Zwei Jahre war sie anschließend Designerin in einer Metallwarenfabrik in Gotha, 1933 zog sie sich aus bis heute noch immer ungeklärten Gründen zurück ins Privatleben. Sie nahm die Malerei wieder auf, webte auch, doch entstanden fortan nur noch Arbeiten von geringer Qualität. Moholy-Nagy versuchte seine Musterschülerin 1937 nach Chicago zu holen, doch Marianne Brandt blieb in Chemnitz. Im Jahr 1949 wurde sie dank seiner Vermittlung Dozentin an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden und später an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee.
Doch fast keiner ihrer in dieser Zeit entstandenen Entwürfe wurde verwirklicht. So zog sie sich endgültig zurück, und bis heute ist ungeklärt, ob ihr Talent früh erloschen war oder ob sie nicht mehr das passende Umfeld für ihre Arbeit gefunden hatte. Es wurde ruhig um Marianne Brandt, die mit knapp neunzig Jahren in einem Pflegeheim starb. Ihre Produkte aus der Frühzeit aber leben bis heute weiter - als kostbare Ausstellungsstücke in Museen, als neu aufgelegte Klassiker und oft genug als schlechte Kopien.
Literatur: Rolf Sachsse: Lucia Moholy, Edition Marzona 1985. Lucia Moholy Bauhaus-Fotografin. Mit Texten, Briefen und Dokumenten, bearbeitet von Rolf Sachsse und einem Verzeichnis der Fotografien, bearbeitet von Sabine Hartmann. Museumspädagogischer Dienst/Bauhaus-Archiv Berlin, Berlin 1995. Lucia Moholy: Marginalien zu Moholy-Nagy. Dokumentarische Ungereimtheiten. Scherpe Verlag, Krefeld 1972
Bild(er):
Bild: Frühes Fotogramm: Das kombinierte Doppelbildnis des Künstlerpaares "Laszlo und Lucia" entstand um 1923
Bild: Paradebeispiel der neusachlichen Fotografie: Lucia Moholy ließ 1924 die Teegläser des Bauhaus-Designers Max Krajewski fast schweben Lampe von Marianne Brandt, aufgenommen 1926
Bild: Aus der Chronik der Dessauer Jahre. Lily, Frau von Wolfgang Hildebrandt, einem Mitglied der Bauhausbühne, wurde 1926 porträtiert. Lucias Kommentar: "Ich habe Menschen wie Häuser fotografiert"
Bild: Fotografie frontal: Ihrer Kollegin Florence Henri kam Lucia Moholy 1927 fast porentief nahe. Die Blüte der "Magnolie" lässt Lucia im selben Jahr dagegen geheimnisvoll aus dem Dunkel wachsen
Bild: Der Lebensraum als künstlerisches Bekenntnis: Um 1927 fotografierte Lucia das Wohnzimmer im Dessauer Meisterhaus, das sie mit Laszlo Moholy-Nagy bewohnte
Bild: Strenge Schauseite: Die Ansicht (Ausschnitt) entstand 1927
Bild: "Georg Muches Hände": Den Maler und Formmeister porträtierte Lucia Moholy en Detail
Bild: Menschenbild: Sozialistin Clara Zetkin um 1929
Bild: Entwurf von Reich/Mies van der Rohe: Textilschau "Mode der Dame", Berlin 1927
Bild: Legendärer Entwurf aus Marianne Brandts erstem Studienjahr: Service (Silber/Ebenholz, 1924)
