Ausgabe: 11 / 2002
Seite: 60-66

Die späte Schülerin

Von Adrienne Braun

Serie: Frauen am Bauhaus (2) / Malerei am Bauhaus war Männersache. Frauen verordnete Direktor Walter Gropius die Weberei, damit das "weibliche Element" in den anderen Kursen nicht zu stark werde. Dennoch kamen Malerinnen an die Schule, um ein neues Verständnis von Farben, Bildaufbau und Material zu entwickeln. Ida Kerkovius war eine von ihnen - sie verband Konstruktion mit Intuition

Eine gestandene Frau. Selbstbewusst, weit gereist, versiert in Sachen Kunst. 41 Jahre ist Ida Kerkovius alt, als sie sich zum Studium am Bauhaus in Weimar einschreibt. Sie kommt aus Neugier - "um zu sehen, wie da gelehrt wird". Eine Studentin, die anders ist als die typischen Bauhäusler. Mit jungen Leuten, die eben erst der Pubertät entwachsen sind, sitzt sie im Vorkurs, lässt sich einführen in die Vision vom neuen Menschen und der Vereinigung von Kunst und Handwerk. Wissbegierig ist sie, fleißig, aufgeschlossen - aber Euphorie will sich nicht einstellen. "Aufreibend sei es am Bauhaus", schreibt Ida Kerkovius während der Ferien an ihre Freundin Hanna Bekker vom Rath. Aufreibender als für die "meist ganz jungen Leute", die offenbar eher diesen "despotischen Zwang", der von Gropius und Itten ausgehe, ertragen könnten.

Ausgerechnet Johannes Itten lässt Kerkovius sein strenges Regiment spüren. Keine zehn Jahre ist es her, dass Itten ihr Schüler war. Von 1913 an ging er zwei Stunden pro Woche bei ihr in die Lehre. Itten hatte in der Klasse des einflussreichen Malers und Theoretikers Adolf Hölzel (1853 bis 1934) an der Kunstakademie in Stuttgart studieren wollen. Doch der Lehrerkonvent ließ ihn nicht dorthin, sondern verordnete ihm die unterste Zeichenklasse. Hölzel war entrüstet, und weil er als Professor selbst keinen Privatunterricht geben durfte, schickte er Itten zu seiner Assistentin: Ida Kerkovius. "Als Itten in mein Atelier kam", erzählt sie später, "war er höchst erstaunt, eine Frau zu finden, die ihm Unterricht geben sollte. Trotzdem blieb er da, als er meine Bilder sah."

A dolf Hölzel - während ihres lan gen Lebens stand Ida Kerko vius immer im Schatten dieses Vorkämpfers der abstrakten Malerei. Freiwillig, wohlgemerkt. Es muss eine Verbindung besonderer Art gewesen sein, symbiotisch nannten es die Freunde, doch vor allem verband beide die Kunst. Hölzels Lehre habe sie "tief beeindruckt", so Kerkovius.

1879 wird Ida Kerkovius in Riga geboren in einer alteingesessenen Gutsbesitzerfamilie. Deutsche Oberschicht, wohlhabend, zwölf Kinder. Wie es sich für eine Tochter aus gutem Hause gehört, bekommt sie Klavier- und Gesangsunterricht und geht auf die Töchterschule. Sie will Künstlerin werden und besucht eine private Malschule in Riga, wo sie mit Mädchen aus dem Adel zeichnet - Stillleben, Landschaften, Kopfstudien. Eine solide Grundausbildung, doch weit entfernt von der aktuellen westlichen Kunst.

1901 besucht sie im Rigaer Kunstsalon eine Ausstellung deutschbaltischer Künstlerinnen. Eine darunter sticht ihr ins Auge: Martha Hellmann. Deren "Bildhaftigkeit" begeistert Kerkovius. Hellmann ist eine Schülerin von Adolf Hölzel, der zu dieser Zeit in Dachau bei München junge Künstlerinnen und Künstler in seine Lehre einweist. Wenige Monate später macht Kerkovius nach einer Italienreise Station in Dachau bei Hölzel - der Beginn eines neuen Abschnitts.

Adolf Hölzel gehört in dieser Zeit zu den wegweisenden Künstlern der Moderne. 1905 leitet er mit seiner "Komposition in Rot I" die Epoche der absoluten Malerei ein und entwickelte sich radikal zur Abstraktion. Er ahmt nicht nach, was die Wirklichkeit vorgibt, sondern setzt die Malerei als autonomes Ausdrucksmittel ein. Hölzel erarbeitet eine Lehre, die immer mehr Schüler anzieht; von der Farbe her solle sich das Bild logisch aufbauen. "Können, Wissen, Empfinden, die große Dreieinigkeit für das künstlerische Schaffen" - so lautet sein Credo.

Kerkovius nimmt bald eine besondere Rolle ein. "Fräulein Kerkovius aus Riga über Rom - eine ganz moderne Malerin", sagt Hölzel nach der ersten Begegnung. Fünf Monate bleibt sie bei ihm in Dachau, dann rufen die Eltern die Tochter zurück in die baltische Abgeschiedenheit. Erst fünf Jahre später darf sie nach Deutschland zum Studium.

Sie versucht es in Berlin, wo sie im Privatatelier von Adolf Mayer "Akt und Kopf" studiert. Doch der Unterricht ist ihr zu akademisch. Sie geht nach Stuttgart - als Meisterschülerin von Hölzel, der seit 1906 Professor an der Königlich Württembergischen Akademie der Bildenden Künste ist. 1911 wird Kerkovius Hölzels Assistentin und übernimmt ein Meisteratelier an der Akademie. Ihre Aufgabe: die Schüler in die Bildlehre Hölzels einzuführen. Sie vermittelt ihnen die Idee der "subjektiven Farbenklänge".

1914 - der Erste Weltkrieg bricht aus. Obwohl sie deutschstämmig ist, wird Kerkovius die russische Staatsangehörigkeit aufgezwungen. Da Ausländer nicht an die Akademie dürfen, verliert sie das Meisteratelier. Auch der Schweizer Johannes Itten muss die Akademie verlassen. Kerkovius verlegt den Unterricht ins eigene Atelier und nimmt nun auch die ausländischen Studenten auf, denen das Studium an der Akademie verwehrt ist. Bisher hatte sie gut gelebt vom Vermögen ihrer Familie, während des Kriegs verliert sie große Teile ihres Besitzes.

A ls Kerkovius 1920 ans Bauhaus in Weimar geht, lässt sie in Stutt gart eine große Schülergemeinde zurück. Das Subjektive spielt eine wichtige Rolle in ihrer Arbeit, weshalb die Grundideen des Bauhauses ihr entgegenkommen. "Formen und Farben gewinnen ihre Bedeutung erst durch die Beziehung zu unserem inneren menschlichen Wesen", lautet ein Kernsatz von Walter Gropius, dem Gründer des Bauhauses. Kerkovius erhofft sich "neue künstlerische Anregungen". Auch wenn sie in den Kursen bei Itten, Schlemmer und Kandinsky auf Bekanntes trifft, entwickelt sie sich hier zu voller Größe. Figuren und Gegenstände verlieren in Kerkovius' Bildern ihr Eigenleben; Menschen haben meist keine Gesichter, Tiere erkennt man an ihren Umrissen. Der eigentliche Gegenstand ihrer Malerei sind die kräftigen Farben, die sie am Bauhaus in ein konstruktives Bildgerüst einzubinden lernt.

Auch in der Weberei betritt sie Neuland. Die wird den Frauen am Bauhaus nach dem Vorkurs verordnet, Kerkovius aber kommt das entgegen. "Ganz abgesehen davon, dass ich einen Hang für das Stoffliche habe, bin ich gezwungen, mir eine neue Erwerbsquelle zu schaffen, denn was soll aus mir in Zukunft werden, da wir alles verloren haben", schreibt sie an Hanna.

Ihre Rechnung geht auf, denn sie entwickelt große Begabung beim Weben: Gropius und Klee bestellen Teppiche bei ihr, sie entwirft die Kostüme für eine "Turandot"-Aufführung in Kassel. 1924 kehrt sie nach Stuttgart zurück, und neben Unterricht und Ausstellungen entwickelt sich die Weberei tatsächlich zu einer wichtigen Erwerbsquelle. Während des Zweiten Weltkriegs sichert sie ihr das Überleben, nachdem sie nun auch das letzte Familienvermögen verloren hat und von den Nazis verfemt wird.

Die Freundin Hanna Bekker vom Rath wird die wichtigste Förderin ihrer Kunst. Zunächst war sie bei Kerkovius in die Lehre gegangen, wechselte aber bald auf die Händler-Seite. Während der Nazizeit handelt sie heimlich in ihrer Berliner Wohnung und im Freundeskreis des "Blauen Hauses" in Hofheim im Taunus, 1947 dann in der Galerie des Frankfurter Kunstkabinetts, wo Kerkovius regelmäßig ausstellt.

Kerkovius hat viele Förderer. Als 1944 Wohnung und Atelier ausgebombt werden, richtet ihr der Stuttgarter Porzellanhändler Erich Schurr ein "Behelfsheim" auf seinem Grundstück ein, auf der Schwäbischen Alb kann sie zudem im Haus einer befreundeten Familie arbeiten. Sie lernt den Stuttgarter Nervenarzt und Sammler Ottomar Domnick kennen und bekommt Aufträge für Teppiche und für Glasfenster in öffentlichen Gebäuden. 1958 wird sie zur Professorin ernannt und gehört neben Otto Dix, Willi Baumeister und Erich Heckel zu den Gründungsmitgliedern des Künstlerbundes Baden-Württemberg.

Trotz ihres Erfolges macht Ida Kerkovius kein Aufhebens um ihre Person und erst recht nicht um ihre Kunst. Ausstellungen sind ihr eine lästige Unterbrechung der Arbeit, schließlich folgt sie Hölzels Maxime der "täglich tausend Striche" und gibt bis ins hohe Alter regelmäßig Unterricht.

Kerkovius hat nie geheiratet, und auch wenn die Freundschaften zu Hölzel bis zu dessen Tod 1934 und zu Hanna Bekker vom Rath innig waren, so wahrte sie stets Distanz und beharrte bei ihrer besten Freundin Hanna auf dem Sie. Erst Anfang der sechziger Jahre, nach 45 Jahren, ging sie zum Du über. Die Briefe, die sie sich in all den Jahren schrieben, behandeln fast ausnahmslos künstlerische Fragen. "Sie ist ganz Kunst", hat Alexej Jawlensky einmal über sie gesagt.

Obwohl Kerkovius immer unter Hölzels Einfluss stand, hat sie doch ihr eigenes künstlerisches Profil entwickelt. Für Hölzel stand die Theorie im Vordergrund, Kerkovius aber hat die Kompositionssprinzipien, die auf Kreis, Dreieck und Viereck basieren, gelöster, freier, lebendiger umgesetzt als er. Ihre Bilder, egal, ob Stillleben, Landschaftsansichten oder Alltagsszenen, offenbaren eine ungetrübte Freude an fröhlichen Farbkombinationen, ihre Arbeiten sind leichtfüßig und munter. "Sie macht meine Lehre", sagte Hölzel, "aber komisch, sie macht ganz andere Sachen." Diese "anderen Sachen" waren stets begehrt. Als sie 1964 ihren 85. Geburtstag feierte, war Kerkovius auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs. Die Liste der Kaufinteressenten war lang. Bis heute sind ihre Pastelle und Gemälde auf dem Kunstmarkt begehrt.

1970 starb Ida Kerkovius kurz vor ihrem 91.Geburtstag. "Der Nachruhm fiel etwas mager aus", hieß es später in einem Pressebericht, "was daran liegen mag, dass ihre Bilder so gar keine Nuss zum Knacken aufgeben" Den Schritt in den internationalen Handel hat Kerkovius nie geschafft, sie erzielte nicht die Preise wie vergleichbare Künstler ihrer Generation. Die öffentlichen Sammlungen verwahren ihre Arbeiten im Magazin, obwohl einiges von Museumsqualität ist.

In ihrem Spätwerk tauchen gelegentlich dekorative Effekte auf, und das Gegenständliche wird mitunter plump vereinfacht. Aber gerade die früheren Arbeiten und die vom Bauhaus geprägten Werke sind ausgereift in der Komposition und bestechen durch Intuition und den sicheren Umgang mit der Farbe. Vermutlich ist es gerade das Eintreten für die Intuition, die den Wissenschaftlern das Werk von Kerkovius suspekt macht. Es entzieht sich dem rein intellektuellen Zugriff; Kunst wird niemals zum reinen Konzept.

In der Durchgangsstation: Zwei Malerinnen am Bauhaus

Lou Scheper (1901 bis 1976). Ein paar Wochen ist Lou Scheper am Bauhaus, da kommt schon der erste Großeinsatz: Die Kantine soll ausgemalt werden. Übermütig schleudern die Studenten farbgetränkte Schwämme in die Ecken, die mit der Leiter nicht zu erreichen sind. "Wir waren uns bewusst, dass unser Tun gänzlich unfunktionell sei", so Lou Scheper. Auch wenn der Meister Johannes Itten schließlich ein dezenteres Bild durchsetzt, ist das Erlebnis wegweisend für die junge Frau vom Niederrhein. Unmittelbar nach dem Abitur war sie 1920 als Lehrling in die Werkstatt für Wandmalerei am Bauhaus gekommen - Wandgestaltung sollte zeitlebens Schwerpunkt ihrer Arbeit sein.

1922 heiratet die gebürtige Lou Berkenkamp den Bauhäusler Hinnerk Scheper. Er wird 1925 zum Jungmeister und Leiter der Wandmalerei-Werkstatt ernannt, und auch wenn Lou Scheper eine vielseitige Künstlerin ist, steht ihr Werk immer im Schatten ihres erfolgreichen Mannes. Lou Scheper wirkt an der Bauhaus-Bühne von Oskar Schlemmer mit, und sie malt. Als das Bauhaus von den Nazis 1933 geschlossen wird, gehen die Schepers nach Berlin und arbeiten in der Denkmalpflege. 1957 stirbt Hinnerk. Lou Scheper lebt in den letzten Jahren von Aufträgen zur Farbgestaltung von Architektur. Hier kann sie an die Bauhaus-Ideen anknüpfen, an die Verbindung von Handwerk und Form.

Magda Langenstraß-Uhlig

(1888 bis 1968). Als Magda Langenstraß-Uhlig 1911 ihr Studium an der Großherzoglichen Kunstschule in Weimar abschließt, ist sie eine der ersten Frauen mit Malerei-Diplom. 1914 heiratet sie einen angehenden Arzt und folgt ihm während des Ersten Weltkriegs ins Lazarett, wo sie verwundete Soldaten zeichnet. Später kommt sie in Kontakt mit der Berliner "Sturm"-Galerie, stellt 1919 mit Kurt Schwitters aus. Doch ihre Kunst stagniert, als sie 1920 das erste und 1923 das zweite Kind bekommt.

1924 versucht sie einen Neubeginn am Bauhaus Weimar. Sie ist 36 Jahre alt, Mutter und Ehefrau. Sie macht auf Anregung Kandinskys und Klees Studien zur Farb- und Formenlehre und kommt schließlich in die Weberei. Inzwischen ist ihr Mann nach Amerika ausgewandert. Langenstraß-Uhlig verlässt das Bauhaus, zieht nach Potsdam und hält losen Kontakt zu der Berliner Künstlergruppe "Die Abstrakten". Nach Einrichtung der Reichskulturkammer werden 1933 alle Organisationen der Künstler aufgelöst. Langenstraß-Uhlig zieht sich ins Private zurück.

1952 geht sie vom Osten in den Westen, wechselt oft den Wohnsitz. Sie malt Landschaftsimpressionen mit reduzierten Formen, verabschiedet sich zunehmend von den kräftigen Farben des Frühwerks. Den Bruch durch den Zweiten Weltkrieg vermag sie nicht mehr zu kitten. Nach ihrem Tod 1965 gerät Langenstraß-Uhlig in Vergessenheit, erst Anfang 2002 würdigen die Kunstsammlungen zu Weimar das Frühwerk in einer großen Ausstellung.

Literatur: Stiftung Ostdeutsche Galerie: Ida Kerkovius: Gemälde, Pastelle, Aquarelle, Zeichnungen, Teppiche - Retrospektive, Regensburg, 2001. Ida Kerkovius: Im Zauber der Farbe, Städtische Galerie Böblingen und Verlag Gerd Hatje, 1998. Kurt Leonhard: Ida Kerkovius - Leben und Werk, Köln 1967

Im nächsten Heft: Lucia Moholy, Marianne Brandt und Lilly Reich

Bild(er):

Bild: Das "Selbstbildnis" (um 1929, 80 x 61 cm) spiegelt die coole Attitüde der zwan-ziger Jahre wieder. Die Pose ist selbstbewusst, der Bildaufbau streng konstruiert

Bild: Zwischenschritt auf dem Weg vom Realismus zur reinen Farbkomposition: "Interieur" (um 1918, 62 x 70 cm)

Bild: Abstrakte Komposition, dominiert von den Grundelementen Quadrat, Rechteck und Kreis: Der Bodenteppich aus der Zeit um 1925 (143 x 101 cm) zeigt den Einfluss des Bauhauses

Bild: Mensch, Tier und Natur im Einklang: Die "Polnische Landschaft" (67 x 85 cm) malte Ida Kerkovius 1943

Bild: Kerkovius (links) 1949 mit ihrer engen Freundin Hanna Bekker vom Rath

Bild: Der Meister: Ida Kerkovius mit Adolf Hölzel, um 1930

Bild: Voller Bewegung: Aquarell "Wer will" (1923, 28 x 18 cm) von Lou Scheper

Bild: Dreidimensionale Tiefe: Magda Langenstraß-Uhligs "Revuetänzer" (um 1927, 105 x 65 cm)

Bild: Märchenhaftmystisches Spätwerk: "Figürliche Komposition mit Sonne" (1958, 52 x 42 cm)