Ausgabe: 09 / 1994
Seite: 90-91
Schöpferkraft durch Gemüse und Atemübungen
Von Angelika Kindermann
Weimar: Das frühe Bauhaus und Johannes Itten Vor 75 Jahren wurde das Bauhaus gegründet - zum Jubiläum erinnert eine Ausstellung in der Kunsthalle an die Aufbauphase der Kunstschule
Die bittere Einsicht, "daß in diesem rückständigen Bierdorf Weimar alles nicht so glattgehen würde", ereilte Walter Gropius rasch.Das staatliche Bauhaus, der Zusammenschluß der Weimarer Hochschule für bildende Kunst und der Kunstgewerbeschule, existierte erst wenige Monate, als Ende 1919 ein Bürgerausschuß der thüringischen Stadt beim Staatsministerium Beschwerde führte:
Beklagt wurden die "Lebensführung" der Bauhäusler sowie der angeblich allein auf den "Expressionismus" ausgerichtete Unterricht
Direktor Gropius konnte den Angriffabwehren, doch die Weimarer beäugten die reformerische Schule, ihre Lehrer und Studenten weiterhin argwöhnisch.Hinzu kamen andere Probleme: Es mangelte an Handwerkszeug, das Geld war ständig knapp, und interne Richtungskämpfe spitzten sich zu."Das Bauhaus kracht hier in allen Fugen", schrieb Gropius 1920, "die Menschen zerfleischen sich und mich, aus Liebe, aus Dummheit, aus Haß." Die aufregenden Aufbaujahre des Instituts sind Thema einer Ausstellung, die das Bauhaus-Archiv Berlin, die Kunstsammlungen zu Weimar und das Kunstmuseum Bern erarbeitet haben.Gemälde, Plastiken, Grafiken, Architekturentwürfe und Gebrauchsgegenstände - insgesamt 400 Arbeiten von Meistern und Schülern geben Einblick in die Zeit zwischen 1919 und 1923.Erste Station der Schau ist die Kunsthalle in Weimar. Wie einst beim Bau der Kathedralen sollten im Bauhaus Handwerker und Künstler Hand in Hand zusammenarbeiten.Sie leiteten gemeinsam die Werkstätten, in denen die Lehrlinge und Gesellen unter anderem Weben, Drucken, Schmieden und Tischlern erlernen konnten.Malerei diente vor allem der Raumgestaltung.Bauhaus-Meister wie Lyonel Feininger, Paul Klee, Oskar Schlemmer und ab 1922 auch Wassily Kandinsky standen den Studierenden zur Seite. Statt des später so berühmten nüchternen Stils herrschte in den Anfangsjahren der Kunstschule noch erfrischende Vielfalt.Kernstück der Ausbildung war der obligatorische Vorkurs, den der Schweizer Maler Johannes Itten (1888 bis 1967) einführte.Die Ausstellung widmet dem genialen Pädagogen, der am Bauhaus eine große Anhängerschaft um sich scharte, ein eigenes Kapitel. Itten ließ seine Schüler mit verschiedenen Materialien experimentieren und versuchte, sie von konventionellen Vorstellungen zu befreien.Der Lehrer und Maler aber, der sich selbst auf keinen Stil festlegen ließ, wollte mehr: Ittens Ziel war, "den Menschen in seiner Ganzheit als schöpferisches Wesen aufzubauen".Zum Wegweiser wurde ihm dabei Mazdaznan, eine orientalische Lehre zur Lebensführung mit vegetarischer Ernährung und rhythmischer Atemkultur, die er seinen Schülern empfahl. Der Bruch mit dem pragmatischen Walter Gropius, der eine praxisorientierte Ausbildung anstrebte, war vorprogrammiert.Als das Bauhaus 1923 erstmals mit einer Ausstellung an die Öffentlichkeit trat, war Itten, der die Entwicklung des Instituts entscheidend mitgeprägt hatte, schon nicht mehr dabei.Mit seinem Ausscheiden wurde besiegelt, was Oskar Schlemmer dem Bauhaus bereits im Juni 1922 prophezeite: die "Abkehr von der Utopie".Zur Ausstellung (16.September bis 13.November) erscheint ein 550 Seiten starker Katalog, Preis: 45 Mark.Weitere Stationen: Bauhaus-Archiv Berlin (27.November 1994 bis 29.Januar 1995) und Kunstmuseum Bern (7.Februar bis 7.Mai 1995)
