Ausgabe: 03 / 1998
Seite: 46-54

Mit einem Teekännchen kam der Ruhm

Von Anna Brenken

Lange Zeit war der Name Marianne Brandt (1893 bis 1983) nur Kennern der Bauhaus-Geschichte ein Begriff - dabei gehörte die zeitweilige Leiterin der Metall-Werkstatt schon als Studentin zu den produktivsten Entwerfern der Schule für Formgebung; ihre Lampen, Aschenbecher und Service werden heute wieder als Klassiker Produziert. 1996 erzielte ihr Tee-Extraktkännchen einen Rekordpreis

VON Nur Nichteingeweihten erschien der Preis von 341 000 Mark brutto astronomisch. Kenner der Szene waren kaum überrascht, als das daumenhohe Silberkännchen der Bauhauskünstlerin Marianne Brandt (1893 bis 1983) im Herbst 1996 im Kölner Auktionshaus Lempertz für den Rekordpreis nach Amerika ging. "Erstklassige Meisterstücke aus der Weimarer und Dessauer Zeit der Hochschule für Gestaltung", erläutert Magdalena Droste, Vize-Direktorin des Bauhaus-Archivs in Berlin, "sind rar und inzwischen international hochbegehrt. Zudem haben die Museen auf diesem Gebiet Nachholbedarf."

Das Medienrauschen um das kostbare Objekt von 1924 ruft noch immer Menschen auf den Plan, die meinen, in ihrem Besitz ein Marianne-Brandt-Kännchen entdeckt zu haben. "Oft kopiert, nie erreicht," sagt Magdalena Droste lakonisch dazu. Fünf Exemplare der genialen Arbeit aus dem ersten Jahr der Künstlerin in der Metallwerkstatt am Weimarer Bauhaus sind heute bekannt. Besitzer sind das Berliner Archiv, das British Museum London, die Kunstsammlungen zu Weimar, das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg und jetzt der anonyme Sammler in Amerika.

Trotzdem ist nicht auszuschließen, daß dieses oder jenes weitere Exemplar noch im Geheimen verwahrt wird. Auch das New Yorker Kännchen - es kam aus einer Privatsammlung in der Pfalz - war lange Zeit unbekannt. Für seine 341 000 Mark erhielt der Käufer auch den Verkaufsbrief des Bauhauses in Dessau aue dem Jahr 1927, in dem das "handgearbeitete modell" zu einem Preis von 70 Mark ausgewiesen ist.

Das Tee-Extraktkännchen von Marianne Brandt gilt heute - wie die unendlich oft kopierte Tischlampe von Wilhelm Wagenfeld/Carl Jakob Jucker und der Stahlrohrsessel von Marcel Breuer - als Inkunabel des Bauhaus-Designs. Wie in einer kostbaren Ikone scheint das Credo der 1919 von dem Architekten Walter Gropius in Weimar gegründeten Schule zusammengefaßt: Als Regel galt, sich an die Grundformen von Kreis, Quadrat und Dreieck zu halten - bis auf den kreuzförmigen Fuß folgt das Kännchen dieser Vorgabe. Und obwohl es vollkommen mit der Hand gearbeitet ist, erscheint es wie maschinell gefertigt. Auch damit kam Marianne Brandt einem Ideal entgegen, das die zweite Phase des Bauhauses ab 1925 in Dessau prägen sollte: die Ablösung des Handwerks durch die industrielle Fertigung.

Der breiten Öffentlichkeit ist der Name Marianne Brandt kaum bekannt, in Fachkreisen aber genießt die Designerin den Ruf einer herausragenden Begabung. Die metallenen Aschenbecher, Schalen, Dosen und Becher der Entwerferin sind heute kostbare Ausstellungsstücke der Bauhaus-Sammlungen von Berlin, Dessau und Weimar. Ihre Lampenentwürfe wurden tausendfach produziert, nach dem Zweiten Weltkrieg plagiiert. Erst langsam kommt ans Licht, daß neben dem umfangreichen gestalterischen Werk auch ein beachtliches fotografisches OEuvre und eine Vielzahl von Fotocollagen entstand - und all dies in erstaunlich kurzer Zeit: 1924 begann die kometenhafte Karriere der Marianne Brandt; nach nur fünf Jahren wurde es merkwürdig still um sie.

Marianne Brandt, geborene Liebe, war 30, als sie 1923 am Weimarer Bauhaus aufgenommen wurde. Aufgewachsen in Chemnitz, von 1911 bis 1917 Studium der Malerei und Bildhauerei an der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für Bildende Kunst; 1919 hatte sie den norwegischen Maler Erik Brandt geheiratet - die Künstlerehe war offenbar nicht besonders glücklich. Erik Brandt, heute noch in seiner Heimat ein angesehener Maler, mochte die Bilder seiner Frau nicht. In den zwanziger Jahren vernichtete sie einen Großteil ihres in der Tradition des deutschen Expressionismus stehenden Frühwerks.

Über die Gründe für den Wechsel von der freien in die angewandte Kunst hat sich die Künstlerin nie geäußert. Fest steht: Der Neuanfang war für sie ein Glücksfall. Josef Albers, Wassily Kandinsky und Paul Klee waren ihre Lehrer; ihr großer Förderer aber wurde Laszlo Moholy-Nagy. Der Ungar, eine der prägenden Persönlichkeiten des Konstruktivismus, erkannte auf Anhieb ihre große Begabung als Formgestalterin und nahm sie in der Metallwerkstatt auf, die er seit 1923 leitete.

Für Marianne Brandt war das ein kühner Schritt. Am Bauhaus herrschte noch die Vorstellung, daß Frauen in die Weberei gehörten, während die Metallwerkstatt eine Domäne der Männer war. "Wie viele kleine Halbkugeln in sprödem Neusilber habe ich mit größter Ausdauer in der Anke geschlagen und gedacht, das müsse so sein", erinnerte sie sich an die Mühen des Anfangs. "Später haben wir uns dann prächtig arrangiert und uns gut aufeinander eingestellt." Ihre Erinnerungen faßte sie Anfang der siebziger Jahre in einem "Brief an die junge Generation" zusammen - er ist ihre einzige schriftliche Äußerung über die Zeit am Bauhaus. Die Jahre in Weimar müssen, so ist dort zu lesen, eine glückliche Zeit gewesen sein. Sie erlebte das Geigenspiel von Paul Klee, Kurt Schwitters trug seine "Ursonate" vorund Marianne Brandt hatte Erfolg. Ihre Entwürfe wurden veröffentlicht und verkauft; ihr Aschenbecher von 1924 ist immer noch eine Standardform, ebenso ihre 1928 zusammen mit Hin Bredendieck entworfene "Kandem- Schreibtischleuchte", die von der Leipziger Firma Körting & Mathiesen produziert wurde. Nachahmungen dieser Lampe stehen heute auf ungezählten Arbeitstischen. Nur tropffreie Kannen verließen die Werkstatt "Wir waren so auf einfache Formen versessen, daß sogar der Einlaß bei dem halbkugeligen Ascher ein Dreieck war", erinnerte sie sich, "aber das exzentrisch angeordnete Oval war viel besser. So versessen waren wir auch, weil uns der Kitsch der Gründerzeit noch viel näher war." Vorrang aber hatte stets die Qualität: "Wir wollten zwar zurück zu den einfachen Formen, aber das wichtigste war: Keine Kanne ist aus der Werkstatt gegangen, die nicht tropffrei goß. Das Benutzen und besonders das Gießen haben wir ausprobiert, das war ganz selbstverständlich für uns." Die politischen Anfeindungen gegen die Schule erschwerten die Arbeit; 1925 zog das Bauhaus nach Dessau um - Marianne Brandt war dabei. Zwar packte sie der Schwindel, wenn ihre Kommilitonen auf dem Flachdach und den Balkongittern des von Walter Gropius entworfenen Schulgebäudes herumturnten, doch verdiente sie sich mit Führungen durch das 1926 eingeweihte, programmatisch karge Haus ein gutes Taschengeld.

Das Bauhaus war inzwischen seiner frühen Phase entwachsen; waren die Entwürfe vordem in kleiner Zahl von Hand gefertigt worden, so ging es nun um Vorgaben für die industrielle Serienproduktion. Marianne Brandts Arbeiten aus dieser Zeit zeugen von ungeheurer Produktivität. Anders als ihre Kollegen jedoch schloß sie das Studium vorerst nicht ab, sondern ging - viele waren überrascht - 1926 mit ihrem Mann für neun Monate nach Paris. Für die Karriere am Bauhaus war es zunächst das Ende, die Künstlerin wandte sich neuen Arbeiten zu, deren Resultate erst in den achtziger Jahren entdeckt wurden.

In Paris entstanden ihre ersten Fotocollagen, in denen Marianne Brandt bisweilen überraschenden Einblick in ihr Privatleben gewährt. Am bekanntesten ist das Bild "me" von 1927/28 aus dem Walter Gropius gewidmeten Portfolio "9 jahre bauhaus". "me" steht für Metallwerkstatt - auf der Collage gruppierte die Künstlerin ihre Kollegen und Kommilitonen um den Werkstattleiter Moholy-Nagy. Sie selber liegt dem Lehrer zu Füßen; Lucia Moholy dagegen, die Prau des Meisters, die Marianne Brandts Entwürfe fotografisch dokumentiert hatte, taucht in dem Bild nicht auf.

Auch Marianne Brandt hatte fotografieren gelernt. In bester Bauhaus-Manier experimentierte sie mit Doppelbelichtungen, Spiegelungen, Vogelperspektiven. Auffallend in ihrem fotografischen Werk ist die Vielzahl von Selbstporträts. In immer wechselnden Aufinachungen und Frisuren erscheinen diese Selbstbildnisse wie die Selbstbefragung einer Frau, die sich in ihrer Rolle als erfolgreiche Designerin durchaus noch nicht sicher fühlt.

Als Moholy-Nagy im April 1928 das Dessauer Bauhaus verließ, übernahm die ehemalige Schülerin bis Juli 1929 kommissarisch seine Nachfolge. Dann aber ging, noch im gleichen Jahr, Walter Gropius nach Berlin, der strenge Formalist Hannes Meyer übernahm die Leitung der Schule - und Marianne Brandt scheint sich in Dessau nicht mehr wohlgefühlt zu haben. Im September 1929 erhielt sie ihr Diplom - doch da arbeitete sie schon in Gropius' Berliner Büro.

Wenige Monate später, 1930, wechselte sie nach Gotha aufeine Stelle als Designerin bei der Metallwarenfabrik Ruppelwerk.

Obwohl dort viele ihrer Entwürfe-Uhren, Stövchen, Tintenfaß - umgesetzt wurden, klagte sie in Briefen an ihren Vater über die spießige Atmosphäre. Bis heute ist unklar, ob Marianne Brandt dort Ende 1932 die Kündigung bekam, oder ob sie von sich aus ging - in jedem Fall zog sich die so überaus erfolgreiche Bauhaus-Künstlerin 1933 völlig zurück ins Privatleben. In ihrem Elternhaus in Chemnitz, wo sie als mittlere von drei Schwestern aufgewachsen war, begann sie wieder, etwas zu malen, zu weben - eine Arbeit, die ihr früher zuwider gewesen war- und fertigte niedliche Engel.

Moholy-Nagy hielt den Kontakt zu seiner begabten Schülerin. Er forderte sie zu Entwürfen auf, mahnte sie, Englisch zu lernen. Auch als er 1937 die Leitung des "new bauhaus" in Chicago übernahm, ließ er nicht locker - doch Marianne Brandt verharrte in der Isolation. "Sie hatte großes Talent", meint die Bauhaus-Kennerin Magdalena Droste. "Aber wie vielen Frauen dieser Generation fehlte ihr die Fähigkeit, die Begabung professionell in eine Berufskarriere umzusetzen." Nach 1945 war es wieder Moholy-Nagy, der sich für Marianne Brandt einsetzte. Aufgrund seiner Empfehlung wurde sie 1949 Dozentin an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Während viele ihrer links gesinnten Kollegen aus der Bauhaus-Zeit, die in der damals sowjetisch besetzten Zone auf eine Erfüllung ihrer politischen Träume gehofft hatten, sich bald enttäuscht in den Westen absetzten - Marianne Brandt blieb, folgte lediglich dem Architekten und Entwerfer Mart Stam 1951 an die Hochschule für angewandte Kunst nach Berlin-Weißensee.

Drei Jahre später zog sie sich endgültig ins Privatleben zurück. Kaum einer ihrer Entwürfe aus den letzten sechs Arbeitsjahren war verwirklicht worden. Ob ihr ungewöhnliches Talent erloschen war oder ob ihre Umgebung keinen Sinn dafür hatte? Beides ist wohl richtig. 1983, kurz vor Vollendung ihres 90. Lebensjahrs, starb Marianne Brandt in einem Pflegeheim in Kirchberg bei Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt.

Heute werden die Entwürfe aus ihrer immens kreativen Zeit zwischen 1924 und 1929 hoch geschätzt; zwei anerkannte Design-Firmen produzieren Repliken ihrer Arbeiten für Liebhaber in aller Welt: Die Bremer Firma TecnoLumen konnte sich bei ihrer Wiederauflage der 17,5 Zentimeter hohen Teekanne von Marianne Brandt auf die genaue Vermessung eines Originals aus dem Museum of Modern Art in New York stützen. Die Firma Alessi in Italien widmet der Metallwerkstatt, die "zweifellos zu den schöpferischsten Werkstätten am Bauhaus gehörte" (Zitat aus dem Begleitbuch "Opere postume - progettate in vita") eine umfassende Reihe von Neuauflagen - besonderer Beliebtheit bei Sammlern erfreuen sich dabei Marianne Brandts Teeservice und ihr Aschenbecher von 1924.

Eine Replik des Kännchens für Tee-Extrakt ist nicht darunter. Das handgefertigte kleine Meisterwerk, das mit seinem halbkugelförmigen Korpus prädestiniert schien für die industrielle Herstellung, erwies sich als untauglich für die Serienproduktion.