Ausgabe: 04 / 1995
Seite: 16-23

Alles Ernste liegt dem Hasen fern

Von Hans Pietsch

Handwerker der Unvernunft" -Barry Flanagan schmunzelt über den Titel eines Aufsatzes im Katalog seiner Einzelschau in der Madrider Fundacion "la Caixa" (1993).Er mag den Namen, denn er sieht sich tatsächlich als einen, der mit den Händen wirkt - "Künstler" ist ihm ein viel zu erhabener Begriff.Zudem erinnert ihn der Begriff "Unvernunft" an den französischen Dramatiker Alfred Jarry, dessen antirationale, schwerkraftlose, "Pataphysik" genannte Metaphysik des Absurden sein Gesamtwerk durchdringt.Er erinnert ihn auch an den Spanier Joan Miro, den er verehrt, und an den gegen Windmühlen kämpfenden Don Quichotte, mit dem er oft in Verbindung gebracht wurde.

Seit sieben Jahren lebt Barry Flanagan auf Ibiza, einer Insel voller Windmühlen.Doch die selbst im tiefen Winter bezaubernde Schönheit seiner Wahlheimat - weiß blühende Mandelbäume, rostrote Erde, Orangen- und Zitronenbäume voller Früchte, silbrig glänzende Olivenhaine, Pinienwälder, die sich bis ans Meer hinunterziehen -, das alles scheint an ihm abzuprallen.Dem ruhelosen Reisenden ist sein jeweiliger Wohnort einerlei: "Wo ich lebe", sagt er - "das berührt meine Arbeit wenig." Wir sitzen in der Küche seines Hauses in den Hügeln nicht weit von der Hauptstadt Ibiza.Seine kräftigen Hände sind ständig in Bewegung.Einmal kritzelt er mit einem Bleistift wie mechanisch auf dem blankgescheuerten Küchentisch, dann wiederverschlingt er die Hände ineinander, als wolle er sie verformen.Seine Augen fixieren sein Gegenüber und lassen nicht locker, bis man den Blick erwidert. Die meisten seiner Antworten sind einsilbig, kommen beinahe widerwillig, doch wenn er gelegentlich weiter ausholt, werden fast druckreife theoretische Abhandlungen daraus.Plötzlich springt er auf und verschwindet ohne ein Wort aus dem Zimmer.Erst nach mehreren Minuten kehrt er zurück und knüpft genau dort wieder an, wo das Gespräch unterbrochen wurde. Dann bittet er mich nach draußen.Schon bei meiner Ankunft fiel mir die riesige grüne Plastikplane auf, die einen ans Haus grenzenden Teil des Gartens überspannt - sein Atelier.Unter der Plane stehen mehrere unfertige Gipsmodelle: ein gigantischer, fast drei Meter hoher stehender Hase, daneben ein raubkatzenähnliches Tier, das ein Tiger werden soll, "auf den sieben Hügeln Roms stehend", wie Flanagan erläutert, "mit zweigeteiltem Schwanz, aus dem zwei Exocet-Raketen wachsen werden", und schließlich ein kleinerer Hase, der sich eine Maske vors Gesicht hält.Die Maske soll Picassos Gesichtszüge tragen, auf der Küchenwand fielen mir mehrere Bleistiftzeichnungen auf-"erste mühsame Versuche", wie der Künstler bescheiden einräumt, den großen Spanier zu porträtieren. Mit den Händen bricht er große Stücke des noch feuchten Gipses ab und flucht leise über das Wetter, das jetzt noch zu naß ist, um das Material schnell genug trocknen zu lassen."Im Sommer aber wird es sehr heiß", sagt er, "da muß man sich beeilen."Ein Mitarbeiter seiner Londoner Gießerei hilft ihm bei der Herstellung der Drahtgerüste für die Gipsmodelle."Wenn das Gerüst steht", sagt Flanagan scherzhaft, "ist die eigentliche Arbeit getan.Dann möchte ich am liebsten aufhören." Seit 15 Jahren treiben die Bronzehasen des 1941 im walisischen Prestatyn geborenen Plastikers im internationalen Kunstbetrieb ihr Unwesen: Mit weit ausgestreckten Läufen segeln sie durch die Luft, überspringen Hindernisse, von der Schwerkraft frei, also "pataphysisch".Alles Ernste liegt ihnen fern; sie seien, so beschrieb es der Kritiker Lewis Biggs einmal, "von der amoralischen Energie der Natur genährt": Tänzerisch balancieren sie auf einer Glocke, einem Amboß, einer Schildkröte.Sie boxen wie Känguruhs und spielen Kricket.Sie vollführen akrobatische Kunststücke einer etwa jongliert mit vier Keulen, zwei davon sind seine langen Ohren. Die Lebensfreude der verrückten Tiere ist ansteckend, die Grazie ihrer muskulösen Körper entzückt, ihre gelegentliche Melancholie stimmt traurig.Mit noch mehr Witz als König Ubu, dem Anti-Helden in einem Stück von Jarry, geben sie dessen skurriler, humorvoller Lehre Leben und Form.Und noch eines haben sie alle gemeinsam: Trotzig vergnügt strecken sie der künstlerischen Avantgarde die Zunge heraus. Seinen ersten Bronzehasen - er überspringt eine vergoldete Pyramide - goß Flanagan am 7.November 1979: "ein bedeutendes Datum in meiner Entwicklung", sagt er ganz ernst.Der Hase war nicht Abbild der Natur, sondern eine "figurative Abstraktion", ein Bedeutungsträger.Natürlich ist sich der Plastiker der besonderen Stellung des Hasen in der Mythologie bewußt: Das Tier steht für das Leben selbst; die ägyptische Hieroglyphe des Hasen umschreibt das Wort "Dasein", einer chinesischen Sage zufolge besucht der Hase den Mond, wo er hofft, das Kraut der Unsterblichkeit zu finden.In der abendländischen Kultur wurde der Hase mit den Göttern Hermes und Merkur in Verbindung gebracht, später mit Christus und der Auferstehung. Doch in Flanagans Zirkus ist der Hase nur das am häufigsten vorkommende Tier: Auch Frösche, Elefanten und vor allem Pferde hat der Bildhauer modelliert.Die berühmten Pferde von San Marco in Venedig etwa inspirierten ihn zu einem goldenen Einhorn und auch zu einem patinierten "Bronzepferd" (1983), das in seiner Monumentalität, wie Flanagan erläutert, "in der Mitte zwischen Konzept und Skulptur" angesiedelt ist: Die Anatomie des Körpers scheint unwichtig, lediglich der Kopfist perfekt ausgeformt. Die Einführung menschlicher Attribute in die Tierwelt hat eine lange Tradition, von den Fabeln des Äsop bis zu Walt Disneys Mickymaus.Doch für Flanagan ist kein Tier so ausdrucksstark und symbolträchtig wie der Hase: "Wenn man sich vor Augen hält, was in einer menschlichen Figur deren Situation, Bedeutung und Gefühle ausdrückt", erläutert er, "dann wird klar, daß die Ausdrucksmöglichkeiten beim Menschen sehr viel begrenzter sind.Die Ohren eines Hasen vermitteln zum Beispiel sehr viel mehr als das Augenzwinkern oder die Grimasse eines Menschen." Einmal lobte ein Kritiker, daß die Hasen weder männlich noch weiblich seien, was den Künstler von der Darstellung sexueller Stereotypen befreie.Flanagan reagierte mit einem Hasen, dem er in seinen Entwürfen einen gewaltigen, erigierten Penis gab - den er in der endgültigen Bronzefassung auf menschliche Größe reduzierte. Ironie hat im Schaffen des Bildhauers von Anfang an eine wichtige Rolle gespielt.Von seinem Lehrer an der Londoner St.Martin's School of Art, dem Eisenplaetiker Anthony Caro, setzte er sich ab, indem er dessen hartem Material bewußt weiches entgegensetzte, zum Beispiel Stoff, und indem er die Ecken und Kanten im Werk Caros in organische und pflanzenhafte Formen verwandelte.Dabei entwickelte er eine ganz eigene Variante der italienischen Arte Povera; mit den unentschlüsselbaren Titeln seiner Arbeiten - wie "pdreeo" (1965) - verwies er zudem auf die Konkrete Lyrik, der er sich damals verschrieben hatte. Gemeinsam mit jungen Künstlern wie Richard Long und Gilbert & George gehörte Flanagan einer Gegenkultur an, deren künstlerische Haltung vor allem in Aktionen Ausdruck fand: Einmal etwa zerkauten sie, Seite für Seite, das verhaßte Kultbuch "Art and Culture" von Clement Greenberg - weil der amerikanische Kunstkritiker schon im Titel Kunst und Kultur kategorisch voneinander trennte. Für Flanagan waren solche Aktionen auch Studien am Material - wie es ihm auch bei den abstrahierenden Steinskulpturen der siebziger Jahre um die Transformation von einem Medium in ein anderes ging: Dazu formte er zunächst kleine Tonmodelle, die er, auf das Vierfache vergrößert, im italienischen Pietrasanta in Marmor meißeln und schließlich in London in Bronze gießen ließ. Auch die Gruppe der "Gallifa-Keramiken" (1992), teils gefäßähnliche, teils pflanzliche Formen, die im Atelier des katalanischen Töpfers Llorenc Artigas nördlich von Barcelona gebrannt wurden, ließ er anschließend in Bronze gießen - die traditionellen Materialien, so faßt der Künstler das Ergebnis seiner Studienreihen zusammen, seien "immer noch die besten". Anhand solcher Transformationen untersucht Flanagan auch die Bedeutung von Urheberschaft in der Kunst: Er selbst sieht sich dabei insofern als Autor, als er etwas erfindet - doch auch die Ausführenden, sagt er, seien wie Co-Autoren am Werk beteiligt: "Als ich einmal einen Steinmetz unterbrach, wurde mir klar, daß ein Dirigent, der nach dem Bogen des Ersten Geigers greift, nicht weiß, wo er hingehört."Literatur zum Thema: Katalog Whitechapel Art Gallery, London 1983.Katalog Fundacion "la Caixa", Madrid 1993.Ausstellung: Plastiken im Park der Villa Hajo Rüter, am Rheinufer 4, in Eltville, vom 1.Juli bis zum 31.August.