Ausgabe: 05 / 2005
Seite: 86-87

Der Malerei soll keine Zumutung erspart bleiben

Von Jrgen Hohmeyer

AUSSTELLUNGEN IM MAI / NÜRNBERG: ALBERT OEHLEN / Die Kunsthalle zeigt die Retrospektive "Selbstportrait mit 50millionenfacher Lichtgeschwindigkeit" des Deutschen

Zuerst ging es angeblich darum, Schlimmeres zu verhüten. "Bevor ihr malt, mach ich das lieber", nannte Albert Oehlen 1981 seine erste Einzelausstellung. Zu Farbe und Pinsel hatte der Kunststudent gegriffen, um sich nicht in medialen Spielereien zu verlieren. Doch vor einer leeren Leinwand grübelte er tagelang vergebens, bis Kommilitonen die Fläche mit hämischen Parolen besprühten. Dann erst legte er wütend los und ließ das Graffito unter einer grauen Strichgewitter-Landschaft mit orientierungslos daherstaksendem trojanischen Pferd verschwinden; Titel: "Gegen den Liberalismus".

Überlagerung von Bildschichten betreibt Oehlen heute, 50-jährig, so intensiv wie nur je. Allerdings sind die trivialen oder rätselhaften, revolutionär gemeinten und rigoros verschmierten Motive von einst gründlich in einem Stil versackt, den der Künstler ("natürlich albern") mit dem Terminus "postungegenständlich" belegt. Vorbei die Zeit, da Oehlen "Morgenlicht ins Führerhauptquartier" projizierte, "Nahrungsmittel und höhere Wesen" als Haferflocken-Reliefs und altorientalische Potentaten in Parallele setzte, sich selber aber mit Totenkopf oder, sein Idol Salvador Dali zitierend, "mit verschissener Unterhose" darstellte. Statt dessen lässt er jetzt dank Computerhilfe verschlungene Lineamente und Fließformen durch unabsehbare Räume taumeln und eröffnet Durchblicke auf immer fernere Hintergründe. Nur vereinzelt tauchen Realienbruchstücke wie ein hochgezwirbelter Dali-Schnurrbart aus dem dicht gewebten bunten Chaos hervor. Ein "Selbstportrait mit 50millionenfacher Lichtgeschwindigkeit" heißt laut Oehlen auch deswegen so, weil man bei dem Tempo eben nichts erkennen könne.

Sinnig dient dieser Werktitel zugleich als Devise einer Retrospektivausstellung, die nach Stationen in Lausanne und Salamanca jetzt in Nürnberg gezeigt wird. Sie schlägt den großen Bogen von jenem "Bad Painting", das Albert Oehlen oft im Verein mit seinem Bruder Markus, mit Werner Büttner und dem 1997 gestorbenen Martin Kippenberger betrieb und das er gar nicht gern der in den frühen achtziger Jahren aufschäumenden Welle junger Malerei zurechnen möchte, bis hin zur turbulenten Collagenwelt aktueller Produktion. Man sieht: Ähnlich wie der gleichaltrige Kollege Jirii Georg Dokoupil (siehe Seite 56) hat er seine Arbeit bravourös weiterentwickelt.

Nun schart Oehlen an der Düsseldorfer Kunstakademie seinerseits lauter Jungmaler um sich, und im SzeneMythifax Jonathan Meese hat er kürzlich einen Partner aus der nachrückenden Generation gefunden, der zu schaurig-schönen Gemeinschaftsbildern beispielsweise viele monströse Genitalien beisteuert. Aber die, meint Oehlen, solle man nicht als Provokation betrachten, sondern als "Grußformeln".

Die Malerei liegt ihm am Herzen, gerade darum möchte er ihr keine Zumutung ersparen. Auch nicht die, im Rotlicht einer Installation des Künstlers Heimo Zobernig alle Buntwerte einzubüßen. Farbenglanz und Formensog der neuen Bilder beschreiben ja doch nur, so ein weiterer Bildtitel, die "Blumen am Arsch der Hölle".

Sein buchstäblich größtes, von vornherein aber schon zum Abbruch bestimmtes Werk hat Oehlen zur hannoverschen Expo 2000 liefern dürfen - ein allenfalls aus der Luft richtig überschaubares Mosaik, auf den 2500 Quadratmetern einer Brunnenmulde aus 7,5 Millionen bunten Steinchen zusammengesetzt, die ebenso vielen Pixeln im Computerentwurf entsprachen. Die Komposition verquickte das Motiv eines defekten Wasserschlauchs mit einem Foto des früh gestorbenen Vaters Oehlen und wiederum der Künstlerfigur persönlich. Den zweiten Platz im Größenwettbewerb dürfte das "Selbstportrait mit 50millionenfacher Lichtgeschwindigkeit" belegen. Aber Pech gehabt: Der nach ihm benannten Ausstellung muss es in Nürnberg fernbleiben. Das Format von 3,50 mal 2,90 Metern passt durch keine Tür des Hauses. JÜRGEN HOHMEYER

Termin: bis 26. Juni. Katalog: Verlag JRP Ringier, 39 Euro. Internet: www.kunsthalle.nuernberg.de

Bild(er):

Bild: Trojanisches Pferd im Strichgewitter: "Gegen den Liberalismus" (190 x 160 cm, 1980)

Bild: Verschlungene Lineamente und Fließformen taumeln durch unabsehbare Räume: "Panza de burro" (240 x 330 cm) aus dem Jahr 2001