Ausgabe: 07 / 2005
Seite: 26-35
Wo das Haus zum Mitarbeiter wird
Von Silke Mller Werner Huthmacher
TITEL: Fabrik der Zukunft - Das Leipziger BMW-Werk von Zaha Hadid / In Leipzig hat BMW eine neue Fabrik eröffnet. Die Stararchitektin Zaha Hadid entwarf das Zentralgebäude - als Struktur, die Produkte und Information im Fluss hält
VON SILKE MÜLLER UND WERNER HUTHMACHER (FOTOS)
Was ging dem Kanzler wohl durch den Kopf, als sein Dienst-Phaeton am 13. Mai auf diese endlos lange, hellgraue, anonyme Industriefassade zufuhr, auf dem flachen Land bei Leipzig? Kein aus der Ferne schon sichtbares, triumphierendes Firmenlogo wie bei Volkswagen in Wolfsburg oder auf den berühmten Hochhaus-Zylindern am BMW-Konzernstandort München. Keine Wachmänner, Werkstore oder kamerabewehrten Schranken, kein Zaun, kein Pförtner. Nur ein aus der öden Geometrie der drei Fabrikhallen herausschießender, halbtransparenter Riegel auf Stelzen, der Besucher in sich hineinzuschlürfen scheint.
Autofabriken sehen eigentlich anders aus. Sirene zum Schichtende, ölverschmierte Blaumänner und Thermoskannen durchs Tor, weiße Hemdkragen und Aktentaschen in den Paternoster. Was hat sich schon groß verändert seit der Erfindung des Fließbandes? In Leipzig ist alles anders. Wie ein Magnetfeld wirkt das zentrale Gebäude, eine bumerangförmige Struktur, fest verkeilt zwischen den drei Produktionsstätten. Hier gehen alle Mitarbeiter hinein, hier läuft jeder Wagen mehrmals durch, hier wird vorausgedacht und nachgeprüft, erprobt und optimiert, hier schlägt das Herz der Fabrik.
Grund dafür ist ein "Kommunikationsmodell", dass sich Werksleiter Peter Claussen für den neuen Standort ausgedacht hat: Alle sollen möglichst oft und direkt miteinander reden, und jeder soll jederzeit mitbekommen, wie die Produktion läuft. Deswegen gibt es kein einziges abgeschlossenes Büro. Über alle Hierarchien hinweg wird an den gleichen Schreibtischen gearbeitet, die auf zwei zentralen kaskadenhaft ansteigenden Ebenen angeordnet sind. Ein Zeichen, ein Zuruf - kurze Wege und Blickkontakt ermöglichen unmittelbaren Informationsaustausch.
Auf einem Band fahren die Autoteile aus dem Karosseriebau quer durch die Zentrale hinüber in die Lackiererei um dann, nun in Farbe, wiederum quer durchs Haus in die Hallen der Endmontage zu wandern. Ein steter Fluss silbriger Wagen, von unten futuristisch blau angestrahlt, fließt fast lautlos über die Köpfe der Ingenieure und Monteure - egal, ob sie auf dem Marktplatz im Foyer einen Kaffee trinken, in der Kantine zu Mittag essen oder an ihrem Schreibtisch arbeiten. Ein Haus, das keine Identitätskrise zulässt: Hier weiß jeder Mitarbeiter immer, wo er sich befindet und was er zu tun hat. Hakt der Produktionsprozess an irgendeiner Stelle, bildet sich das Problem sofort im gesamten Gebäude ab und die einzelnen Abteilungen können frühzeitig reagieren.
Dass all diese Ideen und Funktionszusammenhänge optimal und zugleich elegant umgesetzt wurden, ist der Experimentierfreude des Werkleiters Peter Claussen zuzuschreiben. In Zusammenarbeit mit dem Berliner Büro Phase 1 entschloss er sich, einen internationalen Wettbewerb für die Planung des Zentralgebäudes auszuschreiben - die drei Fabrikteile Karosseriebau, Lackiererei und Endmontage wurden unabhängig davon und allein ihren Produktionsprozessen angemessen gebaut.
Das Feedback auf die Ausschreibung überraschte sogar den selbstbewussten BMW-Mann: "Ich hätte nie gedacht, dass an so einem Fabrikgebäude Architekten wie Helmut Jahn, Dominique Perrault, Ian Ritchie oder auch Zaha Hadid überhaupt interessiert sind." Das Londoner Büro der Stararchitektin Zaha Hadid erhielt schließlich den Zuschlag - für ein Modell, dass schon zu Beginn der Diskussion so kongenial die Ideen des Autobauers in eine dynamische, hochästhetische und funktionale Form gefasst hatte, dass es im Verlauf der Debatte nur noch um Feinjustierung ging. Zaha Hadid (geboren 1950 in Bagdad), die 2004 als erste Frau mit dem bedeutenden Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde, ist berühmt für ihre raumsprengenden, dynamisch-aggressiven Bauskulpturen, die eher der modernen Kunst als der Tradition der Architektur verpflichtet sind.
Erstaunlicherweise sind es vor allem deutsche Investoren, die an die radikale Raumforscherin glauben und ihre Verstöße gegen die typologischen und tektonischen Normen der Zeit aushalten: Der Möbelfabrikant Vitra in Weil am Rhein ließ sich 1993 von Hadid ein Feuerwehrhaus aufs Werksgelände stellen - die Architektin nennt es ihr erstes gebautes Manifest. Ebenfalls in Weil entstand ein Ausstellungsgebäude für die Landesgartenschau (1999), und in Wolfsburg steht das Phaeno Science Center kurz vor der Vollendung.
In Leipzig war "weniger die Expressivität, sondern die Funktionalität im Sinne eines Kommunikationsraums ausschlaggebend", beschreibt Hadids Partner Patrik Schumacher das Projekt. "Exemplarische Arbeitswelten zu schaffen ist vielleicht noch wichtiger als exemplarische Bauten der kulturellen Kommunikation und der Freizeitgestaltung."
Typisch für Hadids kalligrafisch geprägten Entwürfe sind die rasanten Kurven aus selbstverdichtendem Beton, der makellos in jede komplexe Form oder Schalung fließt und eine weiche, saubere Oberfläche garantiert. Zusammen mit den Balustraden aus langgezogenen, durchgängig geschweißten Stahlelementen fließen diese beiden konstruktiv notwendigen Elemente völlig homogen durch den Raum und bestimmen die Orientierung und Ästhetik im Innern des Zentralgebäudes. Überhaupt ist es eine nach innen gerichtete Architektur, die ihre Sensationen für die Nutzer entfaltet und nicht zur äußeren Repräsentation.
Eine nagelneue Fabrik, die bei Vollauslastung 5500 Arbeitsplätze bietet und noch mal so viele als Folgewirkung in der Region schaffen wird, ist ein Ereignis in Deutschland. Doch das BMW-Werk in Leipzig ist mehr als eine struktur- und selbstbewusstseinsstärkende Job-Maschine für Deutschlands Osten: Es ist eine auf Nachhaltigkeit bedachte Produktionsstätte, die sowohl technisch als auch ästhetisch das Maximum wagt - eine bessere Definition können sich die Automobilhersteller für ihre "Corporate Identity" kaum wünschen.
Literatur: Peter Noever (Hrsg.). Zaha Hadid Architektur. Hatje Cantz Verlag 2003
Hier weiß jeder immer, wo er ist und was er zu tun hat
Die Idee, eine fortlaufende Bewegung in Architektur zu übersetzen, bestimmt den Gesamteindruck des Hauptgebäudes
Selbstverdichtender Beton lässt sich makellos in jede Form gießen. Er bildet den Rahmen für die Aktivitäten im Haus
Bild(er):
Bild: Als halbtransparenter Keil schiebt sich Zaha Hadids Zentralgebäude zwischen den Fabrikhallen hervor
Bild: Über den Köpfen der Mitarbeiter schweben die Karossen fast lautlos durchs Haus - eine Mikrowelle macht mehr Krach
Bild: Der Haupteingang liegt direkt unter der mächtigen Brücke, die zugleich das Dach für die Zufahrt bildet
Bild: Der größte Teil von Hadids Entwurf erschließt sich von innen. Blick auf den Hauptriegel aus dem Foyer
Bild: Blick aus der äußersten Ecke des Bürobereichs auf den Parkplatz. Für künftige Erweiterungen sind bereits Flächen reserviert
Bild: Im Foyer befindet sich die Cafeteria. Kommunikation ist das oberste Gebot des Hauses
Bild: Die Empfangshalle ist Marktplatz mit Cafeteria und vertikales sowie horizontales Kraftfeld der Anlage. Hier kreuzen sich alle Wege
Bild: Selbst in der Kantine kommt kein Zweifel auf: Autos spielen hier die Hauptrolle
Bild: Die Frau, die Räume zum Fließen bringt: Architektin Zaha Hadid in ihrem Londoner Büro (Porträt: Frank Bauer)
