Ausgabe: 01 / 2000
Seite: 54-59

Zaha Hadid: Ihre Vision ist der Urknall

Von Peter M. Bode

ART Perspektiven Architektur / Wettbewerbe gegen männliche Kollegen gewinnt sie dauernd, nur bauen ließ man sie bisher kaum. Die Projekte der in London lebenden Irakerin, 49, sind kühne Visionen einer Architektur der Zukunft

Die Differenz ist verblüffend: In der südbadischen Stadt Weil am Rhein hat die in London lebende Irakerin Zaha Hadid im Abstand von sechs Jahren zwei Bauwerke verwirklicht, wie sie verschiedener nicht sein könnten - wild bewegt und von ungestümem Drang nach Freiheit das eine, harmonisch eingebunden in die Natur das andere. Ihre 1993 erbaute Feuerwache auf dem Fabrikgelände des Designmöbel-Herstellers Vitra besitzt die Anmutung eines gefrorenen Blitzes, scharf, spitz und voller Angriffslust. Auslöser und Vorbild war die splittrige, schräge Ästhetik des Dekonstruktivismus - Zaha Hadids Bauwerk sollte fliegen.

Es galt das Dogma von der detonierenden Dynamik. Aufstand gegen die Schwerkraft, labiles Gleichgewicht, Mauern auf dem Sprung. Räume werden durchschnitten, Volumen dehnt sich explosionsartig, Fragmente umstellen die Leere. Das abgespaltene Flugdach scheint zu schweben. Ein Dreieck und ein extrem gestrecktes Parallelogramm durchdringen einander: So ergibt sich der Grundriss. Keilförmig über- und nebeneinander geschobene Baukörper streben wie Strahlen nach außen. Die Visionen der russischen Kunstrevolutionäre Kasimir Malewitsch, Wladimir Tatlin, El Lissitzky - Zaha Hadid hat sie mit kalter Leidenschaft verwirklicht.

Das Haus ist ein funkelnder Kristall, ein Schleifstein zur Schärfung der Sinne, in Schwung gebracht von einer energiegeladenen Frau, die einmal gesagt hat, man müsse die Dinge nur in ihrem Kraftzentrum packen, dann explodierten sie von alleine. Mit ihrem Entwurf für die Feuerwache wollte sie die Architektur zum Sinnbild für Bewegung und Geschwindigkeit erheben. Die vierte Dimension, die Zeit, sollte den drei Dimensionen des Raumes Beine machen. Inzwischen ist die Werksfeuerwehr aus dem extravaganten Gehäuse ausgezogen, die Kommune hat ihre Aufgaben übernommen - und Vitra nutzt den Raum zur Erweiterung seines Design-Museums.

Das Gebäude war eine Art Visitenkarte; ein paar Jahre später bekam Zaha Hadid den Auftrag zum Bau des Info-Pavillons auf der baden-württembergischen Landesgartenschau in Weil - ein vergleichsweise bescheidenes Projekt, doch die Architektin ergriff die Gelegenheit, ihr Können erneut zu demonstrieren. Immer wieder geht sie aus internationalen Architektur-Wettbewerben als Siegerin hervor, immer wieder verweist sie männliche Konkurrenz auf die Plätze. Wenn es aber ans Bauen geht, zögern viele Bauherren: Zu unbequem erscheint die Architektin, zu unkonventionell ihre Entwürfe - doch Zaha Hadid kann warten, "bis jemand kommt, der ohne Kompromisse meine Häuser bauen will".

Klaus Eberhardt, Bürgermeister von Weil, war zu solchem Abenteuer bereit. Er wollte sich nicht die Chance entgehen lassen, die ansonsten biedere Gartenschau durch ein Bauwerk aufzuwerten, in dessen Anlage Landschaft und Architektur eine ungewöhnliche Symbiose eingehen. Für Zaha Hadid war es eine Gelegenheit, ihre Kritiker Lügen zu strafen: Exaltiertes Bauen ohne Rücksicht auf die Umgebung hatten die ihr vorgeworfen, kreative Ego-Trips - hier konnte sie beweisen, dass sie sehr wohl auch im Kontext entwerfen, dass sie Bezüge zur Geschichte des Ortes und zu seiner Umgebung aufnehmen und in ihren Entwürfen wiedergeben kann.

In Weil waren es die Wege durch die Gartenschau, von denen sich die Architektin zur Erfindung fließender Räume inspirieren ließ. Wie ein Bumerang schmiegt sich das dreischiffig abgestufte und zum Teil in die Erde versenkte Gebäude in die Krümmung eines verflochtenen Bündels aus drei Pfaden, deren einer Zweig über das flache Dach gelenkt wird, während der andere den Bau auf halber Höhe diagonal durchkreuzt. Passage, Bewegung sind die Motive - auch im mehrfach verschränkten Inneren, wo plastisch markante Brückenstege den Luftraum durch kühne Querungen dramatisieren.

Beim Verschmelzen der Architektur mit den vorgefundenen Kraftlinien bezieht sich die Architektin auf analoge Phänomene in der Natur: Sie erforschte, wie sich ein Strom im Delta seinen Weg sucht, wie sich Gebirge, Wälder, Wüsten, Schluchten, Eisschollen oder die Wogen des Meeres bilden. Die offene Landschaft, in der das Einwirken der Elemente Veränderungen erzeugt und mal sanfte, mal schroffe Übergänge entstehen, stand metaphorisch Pate für die künstliche geologische Schichtung in Weil. Der mit seinen Ausläufern auf 140 Meter gedehnte Pavillon aus Beton, Holz und Glas erhebt sich zunächst fast unmerklich aus der Ebene; eine langgezogene und leicht gebogene Rampe leitet, sacht ansteigend, den Besucher auf die reizvolle Promenade des Dachdecks. Am Ende dieser schmalen Plattform führt eine fast ebenso lange Freitreppe wieder in die Gärten zurück. Auch die geschlossene Stirnseite des konisch geformten Haupttrakts biegt sich mit konkavem Schwung der Erde entgegen und endet gleichsam in einer Bugwelle.

Im Vergleich der beiden Entwürfe für die Stadt Weil zeigt sich, wie sehr Zaha Hadid ihr Repertoire bereichert und erweitert hat. Zwar scheinen ihre neueren Entwürfe immer noch vor Dynamik bersten zu wollen, die Baukünstlerin bekennt sich zu ihren Visionen und Utopien; doch geht es ihr nicht mehr nur um die klirrende Härte, das zentrifugale Herausschleudern der Teile, die Vorherrschaft von Schrägen und Spitzen. Mehr denn je sucht sie nach der Sensation ganzheitlicher, hochkomplexer Raumerlebnisse - und zwar so radikal, wie es einst ihr Vorbild, der russische Maler Kasimir Malewitsch, gefordert hatte: "Den Raum können wir nur dann empfinden, wenn wir uns von der Erde losreißen, wenn der Stützpunkt verschwindet."

In Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio, wo die Architektin nach einem (wie so oft schon) mit Bravour gewonnenen Wettbewerb erstmals auch den definitiven Auftrag für ein größeres Projekt bekommen hat, muss sie allerdings noch auf dem Boden bleiben: Die Vorgabe verlangt, dass sich Zaha Hadids "Contemporary Arts Center" (Zentrum für zeitgenössische Kunst) in das rechtwinklige Straßenraster des Stadtzentrums einzufügen hat. Trotzdem legte die Baumeisterin für das transparente Ausstellungsgebäude einen Entwurf vor, den ein Kollege in einer Mischung aus Erstaunen und Bewunderung ein "furchterregendes Juwel" nannte: Die Modelle, Pläne und Computerdarstellungen zeigen, wie eine halsbrecherisch balancierte Komposition aus vor- und zurückspringenden Quadern und Kuben die längs und quer geschichteten Raumkörper schwebend zum Tanzen bringt. Erschlossen wird das dreidimensionale Puzzle durch im Zickzack geführte Treppenrampen über sieben Etagen - die "New York Times" ahnt schon nach der Begutachtung des Entwurfs "noch atemberaubendere Ausblicke als die in der Rotunde des Guggenheim Museum".

Wenn das so schwer errungene Glück, endlich richtig bauen zu dürfen, ihr weiterhin gewogen sein sollte, wird Zaha Hadid demnächst auch in Rom ein riesiges "Zentrum für zeitgenössische Kunst" realisieren können. Im Wettbewerb gegen so prominente Konkurrenten wie Jean Nouvel, Rem Koolhaas (ihr früherer Lehrer), Vittorio Gregotti, Steven Holl und Michele de Lucchi konnte sie sich unangefochten als erste Preisträgerin mit einem Entwurf durchsetzen, dessen Säle und Flure sich wie ein vielarmiges Flusssystem zwischen bestehenden Gebäuden hindurchwinden.

Bleibt zu hoffen, dass es der Architektin in Rom nicht so ergehen möge wie vor fünf Jahren in Cardiff. Im Wettbewerb für das Opernhaus der Stadt in Wales hatte sie sogar zweimal hintereinander gesiegt, doch das half ihr gar nichts. Intrigen und eine üble Pressekampagne brachten sie um den Erfolg - obwohl die National Opera ihr bestes und innovativstes Projekt überhaupt war: Ein gläserner und durchlässiger Kranz von Bauten für Verwaltung, Technik, Foyers, Probenräume und für die Bühne hätte einen geschützten Platz geschaffen; in der Mitte dieser leicht nach oben gewölbten Binnenfläche sollte sich der sechseckige Zuschauerraum als fast frei stehender Solitär erheben - verbunden mit dem ihn umgebenden Gebäudering nur duch die Nahtstelle zwischen Saal und Bühne. Diese geniale Umkehrung aller bisherigen Hierarchie und Ordnung im Theaterbau hatte zwar die Fachleute fasziniert, aber die Bevölkerung verhielt sich ablehnend bis feindlich.

Nun erhält Cardiff ein Mehrzweck-Center mit Rugby-Arena. Jedem das Seine.

Bildunterschrift: Zaha Hadid (Foto: Steve Double) gibt ihren Bauten utopische Explosivkraft. Wie ein zuckender Blitz ragt das Dach der Feuerwache auf dem Gelände der Firma Vitra in Weil am Rhein in den Himmel / Linienbündel weisen den Weg in die Zukunft - Ausgewählt, preisgekrönt, doch noch nicht realisiert: Wie ein fließendes System von Kraftlinien fügt sich das römische "Zentrum für zeitgenössische Kunst" in seine Umgebung / Der alte Traum der Architekten ist die Schwerelosigkeit - Kasimir Malewitsch träumte vom Fliegen - Zaha Hadids Pläne für das Zentrum für zeitgenössische Kunst (Modell) bringen den Raumkörper zum Tanzen. Rechts: Apartmenthaus für die IBA in Berlin / Die Kraftlinien der Umgebung gaben Form und Struktur vor: Wie eine geologische Schichtung fügte Zaha Hadid einen Pavillon der Landesgartenschau in Weil am Rhein in die Landschaft /