Ausgabe: 01 / 2003
Seite: 78

Die Träumer und Pragmatiker der Daten-Moderne

Von Dietmar M. Steiner

AUSSTELLUNGEN IM JANUAR - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / GRAZ: LATENTE UTOPIEN / Dietmar Steiner, 51, seit 1993 Direktor des "Architekturzentrums Wien", suchte im Landesmuseum Joanneum nach der Architektur von morgen

Hier sollen die "latenten Utopien" zu finden sein, die noch unentdeckten neuen Lebenswelten? Angekündigt als Großausstellung zur Architektur der Zukunft zeigt sich die Hauptschau des "Steirischen Herbsts" 2002, zugleich die erste Ausstellung der "Kulturhauptstadt Europas - Graz 2003", ziemlich versteckt im ersten Stock des Landesmuseums Joanneum. Keine Plakate, nur ein paar Klebebuchstaben an der gläsernen Eingangstür verweisen auf das Ziel des Besuchs.

Doch plötzlich befindet man sich im flackernden Zauberkabinett zeitgenössischer multimedialer Installationen. Zwei- und dreidimensionales organisches Gewürm breitet sich aus - Architektur wie Bildschirmschoner. Der technologische Aufwand einiger Präsentationen ist beachtlich, sie empfehlen sich als zukünftige Erlebnisräume und werden demnächst wohl die Event-Kultur von Freizeitparks und Disney-World prägen.

Die Utopien der Ausstellung sind keine umfassenden Zukunftsentwürfe, sondern reduzieren sich auf "ein weiteres formal-ästhetisches Projekt", wie Andreas Ruby im klugen Katalog resigniert anmerkt. Inhaltlich versprechen uns die 26 mehr oder weniger bekannten Architekten- und Designerteams keine ganz neue Welt, aber immerhin "radikal neue Raumkonzepte". Das ist in einigen Fälle auch zweifellos gelungen. Tendenziell ist die Ausstellung eine Bühne der inzwischen so genannten "Blobjects" - ein treffender Wortbastard aus "Blobs" (Blasen) und Objekten, weitgehend ohne bestimmte Nutzung oder für jede nur denkbare gedacht. Also eine Revue der biomorphen Retro-Bewegung der Pop-Kultur aus den siebziger Jahren, wobei die Modelle nun nicht mehr handgeschnitzt werden, sondern endlich vom Computer mit seiner Industrie-Software, dem so genannten "computer-aided design" (CAD), zu generieren sind.

Die New Yorker Gruppe "Asymptote", Teilnehmer der diesjährigen Documenta, lässt sich für ihre Gebäude von verformten Autokarrosserien inspirieren, der Amerikaner Greg Lynn entwickelt Kaffee-Sets und Schachspiele in organischen Formen, und die Restaurants des New Yorkers Karim Rashid, zum Beispiel das Morimoto in Philadelphia, erinnern an Verner Pantons Kantine des Hamburger "Spiegel"-Verlags. Man stellt sich vor, wie Panton gemeinsam mit Luigi Colani milde lächelnd auf diese Zauberschüler blickt, die einen heute modischen Lifestyle treffen, deren Objekte aber bald dem Zivilisationsmüll übergeben werden wie schon vor 20 Jahren die ihrer Vorgänger.

Spannender als die kurzlebigen "Blobjects" sind die ausgeführten Architekturprojekte - meist Fremdkörper in der Stadt oder in der Landschaft - in denen Science-Fiction-Fantasien Wirklichkeit werden: zum Beispiel die imposante "World of Sports", den die Schweizer Architektengruppe angelil, graham, pfenninger, scholl für Adidas im deutschen Herzogenaurach gebaut hat, oder der Entwurf für die Bergisel-Sprungschanze in Innsbruck von Zaha Hadid. Die in London lebende Architektin zeichnet gemeinsam mit Patrik Schumacher auch für die Auswahl der Beiträge zur Ausstellung verantwortlich.

Zum Schluss finden sich in dieser den Computer als Planungsinstrument verherrlichenden Ausstellung doch auch die Pragmatiker der Daten-Moderne. Das durch den niederländischen Expo-Pavillon bekannte Büro MVRDV hat das Programm "Functionmixer" entwickelt, mit dem man Stadtplanung am Bildschirm betreiben kann. Gruppen wie UN Studio (NL) und branson coates architecture (GB) testen aus, was die Zukunft der Architektur unter den neuen Produktionsbedingungen an räumlichen Formen bringen könnte, und schrecken nicht davor zurück, reale Lebenssituationen zu simulieren.

Der im Titel geäußerte Anspruch "Latente Utopien" offenbart sich zwar als inhaltsleerer Marketing-Gag. Dennoch bleibt es eine ambitionierte Ausstellung mit zum Teil gelungenen Raumerlebnissen über die Formenträume einer Architektur, die allerdings zunehmend im selbstreflexiven Ausstellungsbetrieb verharrt. Denn sie wird modisch verenden, bevor sie überhaupt gebaut werden kann.

Termin: bis 2. März 2003. Katalog: Springer-Verlag, Wien, 52 Euro. Internet: www.latentutopias.at

Bild(er):

Bild: Ein Fantasieentwurf von Zaha Hadid Architects: "exEcuting God - VAZI MALL", 1999