VORSCHAU Es gab Pioniere der modernen Kunst, die berühmter wurden als der belgische De-Stijl-Künstler Georges Vantongerloo - jetzt ist Zeit für eine Revision

Georges Vantongerloo Lehmbruck-Museum, Duisburg, 10.10.-10.1.2010

MICHAEL KOHLER

Für die Schönheiten der Natur war der Maler und Bildhauer Georges Vantongerloo (1886 bis 1965) durchaus empfänglich.

Blumen malte er besonders gern, allerdings blieben von ihnen auf seinen Bildern nur abstrakte Formen und Farben übrig. Für den Mitbegründer der De-Stijl- Bewegung war das Ausdruck der höchsten Harmonie: Wie sein berühmter Weggefährte Piet Mondrian, zerlegte er die Welt vor seinem geistigen Auge in ihre Bestandteile und setzte sie anschließend neu zusammen.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Künstlern von De Stijl wollte Vantongerloo aber über die Malerei hinaus. Dazu übertrug er die Prinzipien des Konstruktivismus auf Bildhauerei, Gestaltung und Architektur, richtete seine Wohnung als Ausstellungsraum für abstrakte Möbel ein und entwarf neben einer spiegelnden Brücke einen unterirdischen Flughafen.

Diese Experimentierfreude ließ ihn bald eine neue künstlerische Heimat suchen: 1931 schloss sich Vantongerloo der Pariser Gruppe Abstraction- Création um Max Bill an, brachte fortan statt Quadraten streng geschwungene Linien auf die Leinwand und entdeckte zuletzt die lyrische Abstraktion feingliedriger Drahtgeflechte und welliger Plexiglasgebilde für sich.

Im Lehmbruck-Museum in Duisburg ist nun eine Retrospektive mit rund 120 Werken zu sehen, die Georges Vantongerloos Schaffen in sämtlichen Verästelungen präsentiert und zudem mit ausgewählten Arbeiten von Zeitgenossen wie Mondrian, Bill, Alexander Archipenko, Theo van Doesburg oder László Moholy-Nagy vergleicht (Katalog: Verlag Scheidegger & Spiess, 55 Euro). So lernen wir einen Pionier der modernen Kunst kennen, der lediglich das Pech hatte, dass es immer jemanden gab, der seine Ideen prägnanter und schöner ausdrücken konnte als er selbst.

Um ihm gerecht zu werden, stellt man sich die Moderne am besten nicht als Ahnengalerie großer Meister vor, sondern wie in Duisburg als Laboratorium. Hier arbeiten viele Hand in Hand, aber nicht alle ernten den Ruhm, der ihnen gebührt.

Bildunterschrift:

Georges Vantongerloo: "Aéroport plus armature, type A, serie A, Paris" (1928)

"Komposition aus dem Ovoid", (1917, 17 x 6,5 x 6,5 cm)

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