Ausgabe: 07 / 2003
Seite: 122
"Brachiale Eingriffe"
Von
Interview: Museumsgeneral Martin Roth übt harsche Kritik
Die geplante Auslagerung der Dresdner Skulpturensammlung nach Chemnitz beunruhigt die Fachwelt. Der deutsche Kunsthistorikerverband hat gegen das Vorhaben protestiert. art-Korrespondentin Susanne Altmann sprach mit Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, über seinen Konflikt mit der Staatskanzlei.
art: Herr Roth, was veranlasst Judith Oexle dazu, Dresden Teile seiner Skulpturensammlung wegzunehmen?
Martin Roth: Eine rationale, plausible Begründung dafür fällt mir nicht ein. Vielleicht agiert sie als Vorreiter für einen Ministerpräsidenten, der gerne die Kunstschätze seines Landes neu verteilen möchte. Die archäologischen Objekte unseres Kunstmuseums werden als Fundus betrachtet. Nach 450 Jahren erscheint die Kollegin und will hier aufräumen. Das ist so absurd, dass es vielerorts noch gar nicht richtig ernst genommen wird.
Sie haben erst kürzlich für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mehr Unabhängigkeit in Verwaltung und Betrieb eingefordert. Nun denkt man über deren Auflösung nach. Wird da an Ihrem Stuhl gesägt?
Das "Macher"-Image, das mir seit der Expo 2000 anhaftet, erregte nach dem Regierungswechsel von Biedenkopf zu Milbradt offenbar Missfallen. Die Flut im letzten Jahr hat uns einen kurzen Aufschub und weltweite Aufmerksamkeit beschert. Aber schon mit der Diskussion um das neue Depot sind die Widerstände gegen die Generaldirektion wieder aufgeflammt. Hinter den Kulissen spielt sich da eine eifrige und geschickte Lobbyarbeit ab, die sehr persönliche Züge annimmt.
Wie verhält sich der sächsische Kultusminister, Matthias Rößler, in diesem Konflikt?
Die Staatskanzlei regiert an seinem Ressort vorbei. Wie er darauf reagiert, weiß ich nicht, aber ich weiß, dass es Pläne gibt, die Kunst ohnehin aus seinem Ministerium auszugliedern und direkt der Staatskanzlei zu unterstellen. Wenn man so willkürlich mit der Kultur umgeht, wie mag es dann erst auf sozialem Gebiet aussehen?
Derzeit erarbeitet eine Expertenkommission eine neue Museumskonzeption für den gesamten Freistaat Sachsen. Sind Sie darin eingebunden?
Ich bin Mitglied in dieser Arbeitsgruppe, aber ich bin dort überflüssig. Eine ConsultingFirma evaluiert Museen einzeln nach Besucherzahlen pro Quadratmeter. Dann findet eine Einstufung in mehrere Klassen statt, völlig unabhängig, ob dieses Kunstmuseum zu einer Institution wie den Kunstsammlungen gehört. Die Häuser mit den besten Zahlen werden zusammengefasst und solche, die weniger Besucher bringen, fallen unter den Tisch.
Halten Sie diese Entwicklung für unabwendbar?
Ich kenne solche brachialen Eingriffe in die Kulturpolitik nicht. Als Präsident des Museumsbundes habe ich immer davor gewarnt, aber nie geglaubt, dass es derart kafkaeske Situationen wirklich gibt. Meine Leute hier in Dresden sagen mir, dass diese Methode eher in einen totalitären Staat passen würde. Jetzt schafft man, was die DDR nicht hingekriegt hat. Wie damals hilft nur, das Problem öffentlich zu machen. Darüber reden und nicht nachdenken, ob man Freund oder Feind vor sich hat.
Bild(er):
Bild: Wehrt sich: Martin Roth
