Ausgabe: 11 / 2006
Seite: 36-44

Meditationen in Weiß

Von Till Briegleb

Das japanische Architektenduo SANAA zählt zu den gefragtesten Entwerfern für Kulturbauten weltweit. Ihre kühlen Kuben und Wellenlandschaften sind fast barocke Kompositionen aus Räumen und Perspektiven

Die Regel, dass zum internationalen Architekturstar nur taugt, wer Selbstdarstellung noch besser beherrscht als Design, trifft für Kazuyo Sejima, 50, und Ryue Nishizawa, 40, nicht wirklich zu. Um ehrlich zu sein, sind die beiden Japaner, die unter dem Firmenname SANAA gerade in den Club der Spektakelarchitekten aufgerückt sind, extrem spröde. Während die meisten Chefs internationaler Büros mehr Zeit mit Promotion als am Schreibtisch verbringen, präsentiert sich SANAA nicht einmal auf einer eigenen Website. Auf Interviewanfragen erfährt man, dass Sejima und Nishizawa keinen großen Wert auf Öffentlichkeitsarbeit legen, weil ihre Bauten für sich sprechen würden, und wenn ein Termin doch zustande kommt, gestaltet sich ein Gespräch - freundlich gesagt - hölzern.

Steif wie in einer Prüfungssituation sitzt das Paar am Tisch und ein mürrisch dreinblickender Ryue Nishizawa eröffnet die Unterhaltung mit der Frage, wie lange das Interview denn dauern solle. Auf die Antwort, dass eine Stunde verabredet wurde, springt er fast vom Stuhl auf: "Unmöglich, absolut unmöglich." Mehr als eine halbe Stunde braucht das Gespräch aber auch nicht zu dauern, denn auf Fragen zu Fakten erhält man von beiden nur einsilbige Antworten.

Zur Interpretation ihrer asketischen Formensprache in Weiß wollen sie sich gar nicht äußern, und gelächelt wird nur einmal: Weil manche ihrer Entwürfe einen ironischen Umgang mit Architektur vermuten lassen, schien die Frage möglich, ob in ihrem Büro in Tokio viel gelacht würde.

Darauf grinsen beide verlegen, sehen sich hilfesuchend nach ihrer deutschen Kontaktarchitektin um, und dann sagt sie "Ja" und er "Nein". Am Ende erklärt ein weiteres Mitglied des Büros dem verdutzten Frager, dass das Gespräch ja "super" gelaufen wäre.

Ohne den flüchtigen Eindruck, den man in Interview-Situationen von Menschen gewinnt, zu stark in Verbindung mit ihrem Werk zu bringen, sind die Parallelen bei Sejima und Nishizawa doch frappant. Auch ihre Gebäude kann man mit Vokabeln wie spröde und introvertiert beschreiben.

Stark reduzierte Grundformen, extreme Beschränkung in den Materialien und die neutrale Farbe Weiß wirken auf den ersten Blick nahezu temperamentlos. Eine stille Fiktion von Raum, von Sinnlichkeit und erhabener Umgebung eröffnet sich aber sehr schnell, sobald das komplexe Innenleben und die Liebe zum Detail offensichtlich werden.

Das ist in Europa jetzt das erste Mal in Essen möglich, wo SANAA die "Zollverein School of Management and Design" auf der Zeche Zollverein fertiggestellt haben. Der weiße Betonwürfel fällt zwar bereits von außen wegen seiner sommersprossig verteilten Fenster auf. Aber innen hat sich die Liebe zur Architektur in so atemberaubende Räume übersetzt, dass auf die profanen Anforderungen eines Schulbetriebs scheinbar keine Rücksicht mehr genommen werden konnte.

Lediglich ein Viertel des Gebäudes beherbergt auf zwei schmalen Stockwerken so etwas wie Arbeitsräume, den Rest teilen sich Foyer, Aula und Dachloggia in einer verschwenderischen Inszenierung aus Licht, Fensterballett und räumlicher Großzügigkeit.

Vor allem der Dachgarten mit seinen riesigen himmelwärtigen Auslassungen und den großen Fenstern mit Blick über die Zeche und das Flachland um Essen wirkt wie eine Hollywood-Residenz im Kohlenpott.

"Wir sind Minimalisten", erklären die beiden ihre Entwurfshaltung, "aber wir sind nicht rigide. Das Wichtigste ist uns, dass die Menschen die Räume genießen, die wir entwerfen." Um dieses Ziel zu erreichen, diskutieren Sejima und Nishizawa mit einer geradezu versponnenen Ausdauer immer neue Lösungen - versponnen, weil sich wohl nur den beiden selbst erschließt, was die qualitativen Unterschiede von Entwürfen darstellt, die dem Fremden nahezu gleich erscheinen.

Die kargen Studios in Tokio, in denen Sejima und Nishizawa mit 25 Angestellten arbeiten, sind vollgestopft mit Modellen, an denen sie ihre Vorstellungen überprüfen. Das New Museum of Contemporary Art in New York, das 2007 an der Bowery eröffnet wird, entwickelten SANAA beispielsweise aus zahllosen Türmen mit Klebeband verbundener brauner Pappkartons, die minimal anders gegeneinander verschoben wurden.

Auch auf den Baustellen verflüssigen sich die Betrachtungen von Sejima und Nishizawa in einen Prozess, der für Außenstehende schwer nachzuvollziehen ist. In Essen konnte man sie minutenlang in einer Ecke stehen sehen, vertieft in eine leise Unterhaltung über ein Detail, bevor sie eine Entscheidung bekannt gaben. Für die auf Effizienz strukturierte deutsche Baustellenorganisation ein Alptraum, aber im Ergebnis - das geben auch die Organisatoren zu - hat die japanische Baustellenmeditation ein beeindruckendes Gebäude erbracht.

Und es ist auch nicht so, dass SANAA sich weigern würden, von deutschen Vorlieben zu lernen. Die Ästheten aus Japan haben sich von den Ingenieuren vor Ort den ökologischen Vorteil einer Erdwärmeheizung erklären lassen und daraus wiederum eine ästhetische Lösung gewonnen: Da die Rohre mit dem warmen Grubenwasser, das auf der stillgelegten Zeche ohnehin permanent aus dem Schacht gepumpt werden muss, direkt durch die Außenhaut geführt werden, konnte bei der Betonwand auf die Dämmung verzichtet werden; so war eine extrem dünne Wand möglich. Dadurch gewinnt der scheinbar massive Kubus eine Leichtigkeit, die so in der Architektur noch nicht zu sehen war.

Entwickelt hat sich SANAA aus dem Büro von Kazuyo Seijma, das sie nach ihrer Arbeit bei Toyo Ito 1987 gründete und mit dem sie diverse beachtete Projekte in Japan realisiert hatte (unter anderem Pachinko-Spielhallen und Villen). Als Nishizawa in das Büro eintrat, gründeten sie 1995 die Gemeinschaftsfirma, die aber erst 1999 wirklich in Funktion trat, nachdem der Wettbewerb für das Museum für die Kunst des 21. Jahrhunderts in Kanazawa gewonnen wurde, mit dem SANAA der internationale Durchbruch gelang. Eine flache, rundum verglaste Scheibe mit 113 Metern Durchmesser beherbergt ein Puzzle an Räumen unterschiedlichster Größe, die das Dach durchbrechen und den Innenraum nach außen stülpen.

Obwohl das Galerienlabyrinth im Geiste Ludwig Mies van der Rohes äußerst klar und kühl gehalten wurde, erlaubt diese Struktur eine Vielfalt an Raumerlebnissen, die schon fast barock genannt werden kann.

Mittlerweile bauen SANAA vor allem in Europa nach diversen Wettbewerbssiegen viele prominente Kulturbauten:

Im nordfranzösischen Lens eine Dependance des Louvre als Ansammlung vernetzter Schachteln oder in Berlin die Erweiterung des Bauhaus- Archivs als Glaswürfel - was kongenialer kaum hätte entschieden werden können. Zwei besonders prägnante Projekte, die beispielhaft für die Entwurfssprache von SANAA stehen können, entwickelt das Paar gerade in Valencia und Lausanne.

Die beiden Grundzustände, die in SANAAs Design kontinuierlich variiert werden - der Kubus und das Flüssige - finden sich hier als Superzeichen, deren Umsetzung sicherlich zu den aufregendsten Bauvorhaben der Gegenwart zählen.

In der Schweiz entsteht bis 2008 auf einem riesigen Areal eine mehrgeschossige Wellenlandschaft mit kreisrunden Einschnitten für die École Polytechnique in Lausanne. In Valencia wird ein bestehendes Museum für moderne Kunst erweitert und das Ensemble dann unter einer gigantischen weißen Box versteckt. Die perforierten, dünnen Metallwände der Schachtel sollen den Wind in der Seestadt abhalten und die spanische Sonne mit mildem Schatten abdämpfen.

Das Erstaunliche an diesen Riesenstrukturen ist, dass sie trotz ihrer Größe so gar nicht auftrumpfend erscheinen. Ähnlich wie beim persönlichen Auftreten von Sejima und Nishizawa, die selbst bei der Eröffnung in Essen das Glück ihrer architektonischen Elternschaft meist hinter verspannten Gesichtszügen (er) und Zigarettenqualm (sie) verbargen, ist man auch bei ihren Gebäuden bereit, die spröde und abweisende Fassade als schüchterne Geste, als extrem durchlässige und sensible Haut wahrzunehmen.

Hier gestalten zwei Architekten ihre Welt offensichtlich in der großen Angst vor Verletzung und Missverständis. Und das führt sie zu dem Wunsch, wirkliche Freiräume zu schaffen: "Wir mögen Beschränkungen und starre Regeln nicht. Deswegen erlauben unsere Bauwerke den Besuchern auch, so viel Freiheit zu finden, wie möglich." Ein Gang durch die Hallen der Zollverein School in Essen mit ihrem Fenstertanz und der eleganten Luftigkeit erreicht sofort diesen gewünschten Effekt. Und am Ende bleibt sogar Dankbarkeit, dass es zwei Architekten gibt, denen ihr Design so viel wichtiger ist als ihre Selbstdarstellung.

Ausstellung: bis 20. November Bauhaus-Archiv Berlin. Broschüre: zur Erweiterung des Bauhaus- Archivs, Workbook 1, 3,50 Euro. Literatur: Kristin Feireiss (Hrsg.): Sanaa. Kazuyo Sejima + Ryue Nishizawa. The Zollverein School of Management and Design Essen, Germany. Prestel Verlag, 34,95 Euro; Yukio Futagawa (Hrsg.): Kazuyo Sejima, Ryue Nishizawa 1987-2006. A.D.A. Edita

ZOLLVEREIN SCHOOL OF MANAGEMENT AND DESIGN, ESSEN Die im Juli 2006 auf einem alten Zechengelände eröffnete Schule ist der erste fertiggestellte Bau von SANAA in Europa. Der Sichtbetonkubus besteht aus extrem dünnen Wandscheiben, die dem massiven Gebäude mit seinem Fensterballett große Transparenz verleihen. Die zehn Meter hohe Aula im ersten Stock kann als Studio genutzt werden, eine imposante Dachloggia bildet den luxuriösen Abschluss des Hauses.

Innen und Außen verbinden sich in einem erhabenen Raumgefühl in der Aula

Der Würfel für die Essener Designschule auf dem Gelände des Welterbes Zeche Zollverein wirkt trotz der spröden Betonwände offen und einladend

Direkt hinter der Glasfront des runden Museums werden Arbeiten von Issey Miyake und Dai Fujiwara gezeigt

21ST CENTURY MUSEUM OF CONTEMPORARY ART, KANAZAWA Das 2004 in Japan eröffnete Museum bedeutete den internationalen Durchbruch für SANAA. In einer Scheibe von 113 Metern Durchmesser puzzelte das Büro 44 unterschiedlich dimensionierte Räume zusammen, von denen etliche durch die Decke stoßen. Innerhalb der kompakten, rundum verglasten Form entstand so eine labyrinthische Vielzahl an Einzelgalerien.

Im kühlen Stil Mies van der Rohes gehalten wirkt das Innere wie eine elegante Museumstadt.

NEW MUSEUM OF CONTEMPORARY ART, NEW YORK 2007 wird das Museum für zeitgenössische Kunst in New York nach dem Entwurf von Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa eröffnet. Um die ideale Form für den Ausstellungsturm im Stadtteil Bowery zu finden, bastelte das Architektenpaar in ihrem Studio in Tokio zahlreiche Versionen aus Karton, deren feinfühlige Unterschiede Fremden nur schwer erkenntlich sind. Neun Stockwerke in sieben gestapelten Kisten werden 6000 Quadratmeter neue Ausstellungsfläche bieten.

Animation und Pappmodelle des Museumturms, wie er 2007 in der Bowery eröffnet werden soll

AUSBILDUNGSZENTRUM, ÉCOLE POLYTECHNIQUE FÉDÉRALE DE LAUSANNE Vielleicht ist es das größte architektonische Wagnis der Gegenwart, jedenfalls hat es kein Vorbild. Auf der riesigen Fläche von 176 mal 122 Metern baut SANAA in der Schweizer Kantonshauptstadt einen Universitätsbau als wellenförmige Landschaft, die ohne Zimmer auskommt. Der fließende Raum, eine der Grundutopien der modernen Architektur, wird in dieser Riesenstruktur absolut wörtlich genommen. 2008 soll das 100 Millionen Franken teure Wunderwerk eröffnet sein.

Kreisförmige Ausschnitte und scheinbar flüssige Wände als neue Lernanstalt

Ein Wohnblock, aufgesplittet in ein Stadtviertel, macht den Reiz dieses Quartiers aus

MORIYAMA HAUS, TOKIO Neben ihrer Arbeit als SANAA führen Sejima und Nishizawa eigene Büros, mit denen sie kleinere Projekte bearbeiten. Diese Ansammlung von Einraumhäusern, mit der die kleinräumliche Struktur des alten Tokio in die Moderne geholt werden soll, hat Nishizawas Büro gebaut. Im Zentrum steht ein Badezimmer in einer Glaskiste frei im Raum, drum herum gruppieren sich neun unterschiedliche Pavillons, die als Studios vermietet werden können, inklusive einem Wohnhaus mit Bibliothek.

"Wir sind Minimalisten, aber wir sind nicht rigide", sagen SANAA

HAUS FÜR DIE INTERNATIONALE BAUAUSTELLUNG NANJING, CHINA Auflösung eines Blocks in eine offene Struktur war auch der Grundgedanke dieser Ringbebauung in China. Anstatt - wie gefordert - eine Villa mit Gästezimmern und Konferenzräumen auf einen Hügel zu bauen, löste SANAA die Räume voneinander, verteilte sie über das Gelände bis in den See und verband die einzelnen Teile mit einem kreisförmigen Flurbauwerk. Der Wechsel zwischen den Räumen verbindet sich also stets mit einem kleinen Spaziergang.

Landschaftlich eingebettete Glaspavillons an einem Rundflur statt eines Solitärs auf dem Hügel

Ryue Nishizawa (links) und Kazuyo Sejima arbeiten seit 1995 zusammen als SANAA

Leichter geht es nicht: Erweiterung des Berliner Bauhaus-Archivs (im Hintergrund)

ERWEITERUNG DES BAUHAUS-ARCHIVS, BERLIN In einem prominent und international besetzten Wettbewerb gewann SANAA 2005 den Auftrag für die Vergrößerung des Museums für Gestaltung. Das alte, 1979 nach Entwürfen von Walter Gropius errichtete Gebäude am Landwehrkanal wird demnächst um den klaren Eiswürfel ergänzt, den die Japaner in einer radikalen Reduktion moderner Bauprinzipien vorgeschlagen haben. Variable unterirdische Räume ergänzen die kristalline überirdische Landmarke.

"Unsere Bauwerke erlauben es, so viel Freiheit zu finden, wie möglich"