Ausgabe: 12 / 2009

Ai Weiwei

Ai Weiwei, braucht die chinesische Gesellschaft Künstler als Sprachrohr für die Wahrheit?

BIRGIT SONNA\RALF SCHLÜTER

Das Café "Goldene Bar" im Münchner Haus der Kunst wurde umgestaltet:

Normalerweile sitzen die Gäste hier auf Designerstühlen, jetzt ist das Lokal bestückt mit antikem chinesischen Mobiliar. In der Luft liegt jener süßsaure Geruch, den man aus Chinarestaurants kennt. Ai Weiwei ist im Haus! Die Möbel und den Koch hat er aus der Heimat mitgebracht.

Der 52-jährige Künstler hat das Talent, auch in der Fremde zum Gastgeber zu werden.

In München ist er permanent von Helfern und Assistenten umgeben, 16 Leute sind aus Peking mitgekommen. So viele sind auch nötig, um die Ausstellung aufzubauen: 19 große Container wurden gebraucht, um all die Riesenbaumstümpfe und Tempeltüren, die Vasen und Krüge, die Tische und Stühle nach Deutschland zu bringen. Ai Weiwei ist kein einsam im Atelier vor sich hin arbeitender Künstler, sondern längst schon eine Art Pate der Kunstszene Chinas. 1979 gehörte er zur Gruppe "The Stars", mit der die Geschichte der Gegenwartskunst in China begann. Heute hat er mehrere Ateliers im Land, das größte davon in Caochangdi bei Peking ist zum Mittelpunkt einer Künstlerkommune geworden.

In den letzten Jahren hat sich Ai, der früher selten offen über Politik sprach, mit zunehmend schärferen Worten vom Regime der Kommunistischen Partei distanziert. Er ist zum wohl bekanntesten Dissidenten des Landes geworden, der mit seinem Blog und seinen Twitter-Einträgen die Opposition informiert und mobilisiert. Zuletzt prangerte er das Versagen der Behörden beim Erdbeben in Sichuan 2008 an und recherchierte die Namen der umgekommenen Kinder. Im Vorfeld eines Prozesses dazu wurde Ai von der Polizei geschlagen, erlitt ein Hämatom im Gehirn und wurde in München operiert. art: Herr Ai, wie fühlen Sie sich momentan?

Laut des Bulletins der Neurochirurgischen Klinik in München ist Ihnen eine lebensgefährliche Verletzung zugefügt worden.

Ai Weiwei: Ich bin okay! Ich habe meinem Befinden nach der Polizeiattacke wenig Aufmerksamkeit beigemessen, weil ich dachte, dass die Verletzung von selbst heilt. Aber dann stellte sich heraus, dass sich Blut im Kopf angesammelt hatte - und das ist natürlich gefährlich. Nach der Operation habe ich mich relativ gut erholt.

Wie reagiert man denn in China auf Ihre Ver öffentlichung des Vorfalls?

In China wird das in den Medien nicht weiter zur Kenntnis genommen. Allerdings informieren sich über Twitter vor allem jene jungen Menschen, die meine Arbeit seit einiger Zeit verfolgen. Sie sind sehr betroffen und schicken mir ständig Kommentare.

Welche Möglichkeiten hat denn die zeitgenössische Kunstszene in China überhaupt, um sich darzustellen?

Die Bedingungen sind mittlerweile fast wie überall auf der Welt, mit der Ausnahme, dass eine Schau mit einer konkreten politischen Botschaft, wie ich sie jetzt im Haus der Kunst mache, nicht möglich wäre. Man darf keine Tabus brechen. Die chinesische Gesellschaft ist voller Tabus, ob das nun die Vergangenheit oder zu diskutierende Fragen der Gegenwart betrifft. Aber in der Regel nimmt niemand daran Anstoß, wenn man Bilder und Skulpturen in einer Ausstellung präsentieren will.

Die Themen, die Sie jetzt in Ihrer Ausstellung im Haus der Kunst verhandeln, sind stark mit der chinesischen Politik und Kultur verknüpft. Wie gelangt Ihre Botschaft zu rück nach China?

Die Botschaft kommt gar nicht in China an, weil sich aktuell niemand darum schert. Ich spreche jetzt nicht nur von der großen Allgemeinheit, sondern auch von der Kunstwelt.

Es gibt keine Diskussionen in den Kunstmagazinen oder auf den mit Kunst befassten Websiten. Die Leute in China betrachten Kunst immer noch als ein Feld, das stark mit Mode oder Lifestyle zu tun hat, während das Involviertsein in die mentalen Kämpfe einer Gesellschaft nicht bedacht wird.

Heißt das, dass Sie jetzt eigentlich die falsche Öffentlichkeit haben? Schließlich liest und erfährt nur das deutsche Publikum etwas von jenen mehr als 5000 Schulkindern, die aufgrund von staatlichem Pfusch am Bau von Schulgebäuden Opfer des Erdbebens in Sichuan wurden.

In erster Linie richtet sich die Botschaft natürlich an die chinesische Öffentlichkeit.

Das ist ja auch der Grund, warum ich seit mehreren Jahre blogge.

Glauben Sie, dass die Eltern der beim Erdbeben in Sichuan 2008 zu Tode gekommenen Kinder Ihre Arbeit verfolgen oder die Installation "Remembering" mit den 9000 Kinderrucksäcken am Haus der Kunst zu Gesicht bekommen?

Einige bestimmt! Rund 200 Eltern der Opfer kennen mich. Der aus Rucksäcken zusammengesetzte Satz "Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt" an der Fassade vom Haus der Kunst stammt aus der E-Mail einer Mutter. Sie hat mir geschrieben, dass ihre mit sieben Jahren ums Leben gekommene Tochter ein talentiertes und reizendes Mädchen gewesen sei. Es sei geradezu lächerlich gewesen, als die Regierung ihr Geld als Entschädigung angeboten habe.

Geld dafür, wenn sie ein Papier unterzeichnete, in dem sie versprechen sollte, keine lästigen Fragen zu stellen. Die Mutter sagte:

"Ich kann doch kein Geld für den Tod meiner Tochter annehmen. Alles, was ich will, ist, dass die Welt sich daran erinnert, dass meine Tochter sieben Jahre lang glücklich in dieser Welt lebte." Braucht die chinesische Gesellschaft Künstler als Sprachrohr für die Wahrheit?

Künstler suchen immer nach der Wahrheit, aber nicht unbedingt wie ich aufgrund von Fakten. Meine Stimme wird in China nach wie vor wahrgenommen. Viele junge Menschen sehen mich als Vorbild dafür, dass man seinen klaren Verstand behalten und handeln kann.

Glauben Sie, dass Ihr Ruhm in der westlichen Welt Sie vor Zugriffen in China schützt?

Möglicherweise, aber meine Sicherheit hängt letztlich davon ab, wie weit ich gehe.

Sie sprechen von Jahr zu Jahr immer deutlicher aus, was Sie denken.

Das stimmt, ich kann mich in diesem Punkt nicht mehr zurücknehmen. Ich bin heute persönlich bestimmt mehr in Gefahr als noch vor einem halben Jahr.

Haben Sie keine Angst?

Doch, natürlich habe ich Angst.

Sind Sie in Peking geschützter als in anderen Städten?

Ja, in Peking habe ich eine größere private Sphäre, weil die Stadt selbst mit einer Menge anderer Probleme beschäftigt ist. Richtig sicher ist es dort aber auch nicht.

Das Haus der Kunst ist ein sehr spezielles Museum in Deutschland. Wie haben Sie sich dem Gebäude, seiner Geschichte und architektonisch gewaltigen Dimension genähert?

Natürlich kann man in diesem Haus keine Ausstellung machen, ohne diese Themen aufzugreifen - und damit meine ich nicht nur die Nazi-Geschichte, sondern auch die menschlichen Bedingungen in dieser Umgebung.

Es geht mir immer darum, wie wir unsere Vergangenheit betrachten. Das ist eine große Aufgabe! Wir wissen heute sehr viel über die verhängnisvolle Nazi-Periode in Deutschland, und ich finde durchaus Parallelen zu dem China unserer Tage mit einer extremen Diktatur, einer seit 60 Jahren währenden Kontrolle durch den Kommunismus.

Als Künstler beziehe ich mich natürlich auf die architektonischen Koordinaten.

Zum Beispiel ist die in China handgefertigte Bodenarbeit, ein 380 Quadratmeter großer Wollteppich, quasi die Kopie der darunter liegenden Steinfliesen im Haus der Kunst, erlaubt aber durch die Differenzen zum Original mehrere Interpretationsvarianten.

Und dann habe ich die ganze Fassade wie eine große Werbefläche behandelt, erinnere dabei aber an eine große menschliche Tragödie.

Sie arbeiten auch als Architekt. Wie finden Sie denn das Haus der Kunst?

Das Gebäude bietet gewisse Überraschungen in seinen extremen Proportionen. Diktatoren lieben bekanntlich einen derart monumentalen Stil. Innen wirken die Strukturen des Gebäudes wie schnell aufgebaut, außen hingegen ist das Haus in diesem römischantiken Stil verkleidet, so als habe man keine eigene Sprache gefunden.

Sie haben dem Haus der Kunst jetzt antike chinesische Möbel einverleibt.

Ja, ich wollte die "Goldene Bar" etwas wärmer und freundlicher im Sinne eines Teehauses gestalten.

Entwerfen Sie weiterhin Gebäude in China?

Wir haben uns im Atelier darauf geeinigt, keine offiziellen Bauaufträge mehr anzunehmen, aber von Zeit zu Zeit planen wir etwas für freundschaftlich verbundene Interessenten.

Wenn man Ihr Werk betrachtet, so sind die meisten Arbeiten skulptural ausgerichtet.

Einerseits machen Sie nahezu klassische Skulpturen, dann wieder Objekte, die an Ready-Mades von Marcel Duchamp erinnern.

Seltsam, diese Frage hat mir bislang noch niemand gestellt. Manche sprechen mich auf meine Architektentätigkeit an, dann antworte ich immer: "Ich habe mich nie als Architekt gefühlt!" Aber das mit der Bildhauerei macht Sinn: Ich gehe von manuell zu bearbeitenden Materialien und einer dritten Dimension aus. Darüber hinaus beziehen sich meine Arbeiten natürlich auch auf die plastischen Vorstellungen der Minimal Art oder der Konzeptkunst.

Erstaunlich ist, dass Sie zwar das Internet als Kommunikationsmittel schlechthin benutzen, sich aber in ihrer künstlerischen Arbeit auf traditionelle Medien und Materialien konzentrieren.

Wenn ich traditionelle chinesische Materialien einsetze, dann nicht unbedingt, weil ich die alten Techniken bewundere, sondern um sie in eine zeitgenössische Kunstsprache einzubringen. An dem Prüfstein der Vergangenheit lässt sich die Qualität der heutigen Skulptur bemessen. Oft ist es mir selbst nicht so klar, wie etwa Holz in der zeitgenössischen Kunst substanziell verwendet werden kann. Ich gehe ja nicht wie ein Produzent vor. Ich sehe mich mehr als ein Medium.

Glauben Sie, dass die Dinge und Materia lien animiert sind, eine Art Seele besitzen?

Ich glaube, dass jedes Material und jede Form eine Art von Botschaft in sich trägt, auch wenn ich sie nicht unbedingt verstehe.

Man spürt das eher instinktiv, wenn man ein Material auf eine ganz bestimmte Weise benutzt und keine andere vorstellbar wäre.

Reflektiert diese Vorgehensweise nicht den Taoismus?

In der Philosophie des Taoismus herrscht zumindest der Gedanke des "Everything goes" vor und dass man dies zu akzeptieren hat. Jede Beschaffenheit in der Welt hat demzufolge einen Grund und reflektiert das große Ganze.

Wenn man an berühmte Bildhauer wie Alberto Giacometti denkt, so haben die meisten einen gewissen Stil entwickelt. Sie hingegen setzen mit ihrer Arbeit nicht auf Wiedererkennbarkeit.

Als ich in den achtziger Jahren mit meiner Kunst in New York begann, sagten mir Galeristen:

"In Ihrer Arbeit gibt es keine Kontinuität." Das war ungefähr das Schlimmste, was man in den Achtzigern zu einem Künstler sagen konnte. Ich wollte aber immer wieder ein neues, unbekanntes Feld er obern und nicht etwa ein leicht verkäufliches Markenzeichen entwickeln.

Sie haben jetzt im Haus der Kunst Ihre Arbeit von der Documenta 12, 2007, wiederaufgebaut: die berühmte Installation "Template" aus Fenstern und Türen chinesischer Abrisshäuser, die infolge eines Sturms in sich zusammenfiel.

Diese Arbeit ist für mich so wertvoll, weil sie quasi zweimal realisiert wurde. Durch die Natur wurde das Unvorhersehbare geschaffen.

Das tat zwar weh, aber gleichzeitig bestach die Gewalt, die sich gegen die künstlerische Perfektion richtete. Wir haben zwei Jahre gebraucht, um die in viele Teile zerborstene Arbeit in ihrer zufälligen Schönheit wieder zu rekonstruieren.

Was geschah eigentlich mit den 1001 Chinesen, die Sie damals für einige Wochen nach Kassel gebracht hatten, nach der Documenta? (Grinst): Seit "Fairytale" - Märchen - leben sie sehr glücklich und zufrieden in China bis an ihr Lebensende ... Die Deutschen sind in ihrem Gedächtnis geblieben. Manchen erschien es wie ein Traum, als sie etwa in die Berge zurückgekehrt sind.

Wie damals in Kassel gibt es auch hier in München gigantische Aufbauten. Werden Ihre Skulpturen immer größer?

Ich hoffe nicht! Auch wenn ich heute maßstäblich mehr Möglichkeiten habe, geht es mir eher darum, präziser zu werden.

Gleichzeitig vermitteln einige Ihrer Arbeiten etwas höchst Luxuriöses. In der Ausstellung gibt es eine überdimensionale Porzellanschale angefüllt mit Süßwasserperlen.

Ich komme aus einer kommunistischen Gesellschaft.

Da fließt über Jahre viel Wasser den Bach herunter, bis sich Veränderungen abzeichnen. Natürlich spiegeln meine Arbeiten die Gesellschaft und unser Denken wider - und sei es, dass sie wie die Perlenakkumulation die Summe menschlicher Aktivitäten symbolisch fassen. In der chinesischen Gesellschaft wird dem Einzelnen und seiner Arbeitskraft nicht die nötige Wertschätzung beigemessen.

Inwiefern spürt man die Krise nach dem immensen Boom, den die chinesische Kunst vor drei Jahren noch erfahren hat?

Der Boom hat seine besonderen Ursachen.

China ist in der ökonomischen und politischen Landschaft immer weiter in den Fokus gerückt, deshalb gab es auch eine verstärkte Nachfrage nach Künstlern. Plötzlich drehte aber der Kunstmarkt durch. Das Gute an der Krise: Sie hat uns wieder mit der Realität in Berührung gebracht.

Sie haben 1994 die "China Art Archives & Warehouse" in Peking gegründet. Diese Art von Galerieraum existiert nach wie vor.

Es ist eine Non-Profit-Galerie, in der lokale Kultur gefördert werden soll. Wir waren die Ersten, die etwas derartiges in China gemacht haben. Zu der Gründungszeit gab es keine Galerie für zeitgenössische Kunst in unserem Land.

Stimmt es, dass Sie immer eine gewisse Abneigung gegen Museen hatten?

Es ist eher so, dass ich von Museumsseite lange abgelehnt wurde. 2004 hatte ich im Kunsthaus Bern meine erste Einzelausstellung überhaupt. Die Leute kannten mich zwar bereits, weil ich viel Getöse verursacht habe, aber eben nicht von Ausstellungen.

Es heißt, dass Sie ein gewisses Faible für deutsche Kunst hätten, vor allem für Gerhard

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