Ausgabe: 01 / 2005
Seite: 50-56
Ein spendabler Schwabe
Von Hans-joachim Mller
Als Geschäftsmann ist er Stratege, als Sammler liebt er Zufälle. Zuletzt ließ sich Reinhold Würth, ganz gegen seine Vorlieben, zum Kauf der spätmittelalterlichen Schätze aus dem Hause Fürstenberg überreden. Nun hängen die Werke im Würthschen Kunsthaus - und der Sammler ist "neu verliebt"
VON HANS-JOACHIM MÜLLER
Die Winde des heiligen Erasmus. Unschönes Gerät zur Aufwicklung von christlichen Gedärmen. Der Gottesmensch hält hier Kurbel und Innereien wie der Schützenkönig die Vereinsfahne. Und natürlich hat damals im Anblick des rohen Instruments niemand ahnen können, dass sich mit der verfeinerten Gewindetechnik 500 Jahre später Milliardenumsätze erzielen lassen würden. Wie ja auch der Schraubenunternehmer Reinhold Würth vor Jahresfrist noch nichts davon wissen wollte, mittelalterliche Heilige mit oder ohne Vorrichtung zur Darmentnahme im Firmenmuseum zu beherbergen.
Es ist der erste Wintertag, die wellige Hohenlohe liegt unter nassem Weiß, die bunte Stahlskulptur von Robert Jacobsen auch, und der bald 70-jährige Reinhold Würth hat jetzt genau eine Stunde Zeit. Dann kommen die Herren von der Bank. Dann die Gäste aus China. Dann müsste man über das neu angebotene Bild von Horst Antes entscheiden. Und dann wird es Zeit für den Flughafen Schwäbisch Hall Hessental, wo die Cessna Citation parkt, der Firmenjet, den der Unternehmer auf dem linken Cockpitsitz nach Venedig fliegen wird - zur Gala im wieder eröffneten Teatro La Fenice.
Als die Altmeistergalerie voller Heiliger mit krausen Leibesschicksalen unlängst feierlich der Öffentlichkeit präsentiert worden ist - Würth hat sie en bloc aus Fürstlich Fürstenbergischem Besitz übernommen -, da war auch der Ministerpräsident Erwin Teufel zugegen und sagte: "Vielen herzlichen Dank, sehr verehrter Herr Professor Reinhold Würth." Und sein honoriges Idiom bekam einen ganz samtigen Klang, und samtig sagte er dann: "Sie leisten einen unschätzbar wertvollen Dienst für die Kulturlandschaft in Baden-Württemberg." Das war, als sie sich noch nicht ohrfeigten um der präsidialen Nachfolge willen, und der erfolgreiche Landesvater von Baden-Württembergsich gerne bei seinen erfolgreichen Landessöhnen zeigte. Und beim sehr verehrten Herrn Professor Reinhold Würth eben besonders gern, weil dessen Erfolgsgeschichte so urgesteinsmäßig schwäbisch klingt, dass all den amerikanischen Tellerwäschern, die irgendwann mal Millionär geworden sind, ihr pausbäckiger Stolz vergehen muss.
Tatsächlich hatte die Mutter dem reisenden Schraubenverkäufer, der Ende 1954 mit 19 Jahren die Großhandlung des gestorbenen Vaters übernahm, noch die Butterbrezeln geschmiert. Damals betrug der Jahresumsatz knapp 150000 Mark. Heute belegt Würth nach indiskreter Forbes-Auskunft Platz 16 auf der Liste der reichsten Deutschen - und zu den reichsten Schwaben gehört er ohnehin. Und das ist ja nicht alles. Über 7500 Kunstwerke in der Sammlung. Ein eigenes Museum am Firmensitz in Gaisbach bei Künzelsau. Eine eigene Kunsthalle im 20 Kilometer entfernten Schwäbisch Hall, vom dänischen Architekten Henning Larsen kühn über der Altstadt errichtet. Ein umgewidmetes Fabrikgebäude in Bad Mergentheim als Depot. Über eine Million Besucher in den Ausstellungen seit 1991. Vier Kuratorinnen. Ein Hofbiograf. Und zwei Bände Bestandskatalog, so schwer, dass wir ums Überleben der Haushaltswaage fürchten, und Flick noch allerhand Bestandsaufnahme machen muss, bis er mal so gewichtig ist. Wie kommt einer, der sich mit Befestigungsmaterialien, Klebstoffen, Montageschäumen und Lagersystemen eine fest verschraubte, hart verleimte, zuverlässig sortierte, also garantiert haltbare Welt geschaffen hat, zur ungleich haltloseren, leichter löslichen, weniger belastbaren und auch wesentlich unübersichtlicheren Kunst? Natürlich nicht qua Unternehmensentscheid.
Sammler wird man nicht, wie man ein neues Profitcenter aufbaut und in schraubenarme Weltregionen expandiert. An ein musisches Elternhaus erinnert sich Reinhold Würth, aber gesammelt worden sei dort nicht. Jedenfalls keine Kunst. Mit Bildern ist der schaffige junge Firmenchef erst in den sechziger Jahren vertrauter geworden. "Wolkenspiegelung in der Marsch", das Emil-Nolde-Aquarell von 1935, wird im Inventar als "Nr. 3" geführt. Das war so ein sammlerisches Wiegenerlebnis des schönen Jahres 1972, und die Rechnung über 65000 Deutschmark, die damals zu begleichen war, empfindet der milliardenschwere Kunsteigner noch immer als gelinde Provokation - hart am Rande unschwäbischer Umtriebe. Eigentlich verstehe er bis heute nicht, warum das Werk eines lebenden Künstlers Millionen kosten soll. Sagt's und war erst vor ein paar Wochen in Barjac, im Ardeche-Tal, wo er im abgeschiedenen Refugium des Anselm Kiefer eine repräsentative Ausstellung für seine Kunsthalle besprochen und dabei gleich mehrere Millionen für sechs ausladende Werke des lebenden Künstlers bezahlt hat.
Doch nun sind wir schon bei den Inventarnummern 7751 bis 7756 angelangt und wissen noch gar nicht, wie es zu den jährlich rund zweihundertfünfzig Bildern und Skulpturen gekommen ist, um die die Würthsche Sammlung in etwas über drei Jahrzehnten gewachsen ist. Wobei wir die Progressionslinie linear stark vereinfacht haben, was natürlich genauso wenig erlaubt ist wie die Annahme, mit der ebenmässigen Gewindeschraube ließen sich keine sprunghaften Geschäfte machen. Auch der Sammler selber kann die vielen Zufälle, Gelegenheiten, Empfehlungen und Ratschläge kaum mehr entwirren, aus denen seine Sammlung entstanden ist. Eine bestimmte Strategie habe er nie verfolgt, auch sei er nicht der Typ des Kunstjägers, der hartnäckig eine Spur aufnehme, bis er sein Opfer erlegt habe.
Ganz anders als der Geschäftsmann, dessen "Kompetenz zu 90 Prozent im Verkaufsmarketing" liege, lebt der Sammler Würth von der Gunst der Stunde, von der Empfindung des Augenblicks, vom klugen Zuspruch, von der Tiefe der Beziehung, von Treue, die etwas gänzlich anderes ist als die Logik gesammelter Erfahrungen. An lange Ferien war in den Aufbaujahren nicht zu denken. Aber die paar Tage Salzburger Festspiele, das war ein Fixpunkt im Jahr. Tagsüber zog man durch die Galerien. Welz, Academia, Salis & Vertes, Ropac. Und Würth fand, ohne dass er suchte. Fand immer mehr.
Mario Mauroner von der Galerie Academia machte ihn auf Chillida aufmerksam. Der Fotograf und Galerist Paul Swiridoff, Schwäbisch-Hall, auf den dänischen Bildhauer Robert Jacobsen. Annely Juda, London, auf Anthony Caro. Denise Rene, Paris, auf den Zirkel der konstruktiven Künstler. Thaddaeus Ropac auf Sandro Chia und Mimmo Paladino. Ernst Hilger in Wien auf Alfred Hrdlicka. Und immer sind aus den Begegnungen, Jahre, Jahrzehnte respektvoller Auseinandersetzung, intensiver Freundschaft, unersättlicher Neugier geworden. Man wird der Sammlung manches vorwerfen können: ihr XXL-Format vielleicht, die Maßlosigkeit ihrer Proportionen, die Gulliverschritte durch die Kunstgeschichte, das Additive der Blöcke, die Uneinheitlichkeit in Temperament, Stimmung und Klima. Und man wird über allem doch anzuerkennen haben, wie wunderbar diese Sammlung ein kunsterfülltes Lebens spiegelt.
"Für mich", hat der Sammler in seinem dicken Sammlungsbuch bekannt, "war beim Erwerb eines Kunstwerks immer als Kriterium wichtig, ob das Werk mir gefällt, ob eine gewisse Expression, ob Tiefgang, eine gewisse Kraft erkennbar ist." Gefallen, Expression, Tiefgang, Kraft, diese vier - in der kurzen Stunde am runden Konferenztisch in Gaisbach/ Künzelsau kehrt die stolze, schlichte Konfession fast wörtlich wieder.
Gesehen hat sie bisher ja noch niemand, diese monströse Sammlung mit all ihren su-perlativischen Departementen. Auch Reinhold Würth muss die völlige Übersicht verloren haben - über die größte Kollektion zeitgenössischer österreichischer Kunst auf nichtösterreichischem Boden, über den lückenlosesten Querschnitt durchs Verhüllungswerk des Künstlerpaars Christo und Jeanne-Claude, über das weltweit schwerste Ensemble an Skulpturen von Robert Jacobsen, den dichtesten Bestand an Max-Ernst-Grafik, das kompletteste Leidenschaftsalbum des Alfred Hrdlicka, über die bedeutendste Altmeister-Sammlung in privater Hand.
Da reicht auch kein schraubenfreies Wochenende mehr, um das alles in Ruhe und mit unversiegender Faszination besichtigen zu können. Zumal wir ganze Relaisstationen ausgelassen haben, für die man noch viel mehr schraubenfreie Tage bräuchte. Das klassische Vorkapitel zum Beispiel, das sich etwas behäbig über Carl Spitzweg, Heinrich von Zügel, Andreas Achenbach, Wilhelm Trübner, Max Liebermann, Alfred Sisley, Maurice de Vlaminck, Raoul Dufy, Hans Purrmann, Lovis Corinth, Ernst Ludwig Kirchner, Max Beckmann, Franz Kupka ins verworrene 20. Jahrhundert hineinschleicht. Oder Pablo Picasso mit einer gefälligen Kollektion, die in den dreißiger Jahren einsetzt und erst wieder vor dem sinnlichen Outing des Spätwerks zurückschreckt. Oder Ben Willikens. Oder Markus Lüpertz. Oder Rudolf Hausner. Oder Raimund Girke. Werkblöcke, aus denen sich bauchige Monografien zusammenstellen ließen. Oder die "Wilden" der achtziger Jahre und die pathetischen Dekorateure der italienischen Bewegung "Transavanguardia", Kunstbetriebsbehauptungen von gestern, Namen, von denen die Jüngeren nie gehört haben, hier im gargantuesken Alphabet der Sammlung Würth haben sie alle ihren angestammten Platz. "Was drin ist, ist drin", sagt der Sammler. Irren gilt nicht. Verkauft habe er noch nie. Jedenfalls keine Kunst.
Dass sich aus seinen Vorlieben und Spezialitäten kein vorschriftsmäßig museales Menü komponieren lässt, weiß Würth. Aber der Ehrgeiz, dies alles dereinst unter einem Dach vereint zu finden, plagt ihn auch nicht. Für seine Sammlerkollegen mit ihrem Drang zum öffentlich finanzierten Privattempel hat er keinerlei Verständnis. Er habe, und jetzt wird er für einen Augenblick der Wahrheit ganz landsmannschaftlich, er habe noch nie einem das Revolverle auf die Bruscht gesetzt.
Umgekehrt muss auch jeder Beeinflussungs- oder gar Erpessungsversuch an der Kunstsammelzentrale scheitern. Würth weiß, was er will, und er weiß vor allem, was er nicht will. So unbeirrbar er sich in seinen Engagements zeigt, so ungeziert steht er auch zu seinen Abneigungen. Joseph Beuys zum Beispiel. "Ich bitte Sie!" Nicht solange die Würth-Sonne über der welligen Hohenlohe aufgeht. Und wenn die Direktricen seines Kunstreichs doch einmal eine Beuys-Ausstellung vorschlagen würden? So, jetzt wird aber herzhaft gelacht, und so herzhaft ist am runden Konferenztisch schon lange nicht mehr gelacht worden. Nein, nein, das würde nicht funktionieren. Da sei er auch viel zu sehr Pragmatiker und meint damit "Montageprofi", Filz- und Fettskeptiker, dem man in puncto Kunstdauer und Kunststabilität nichts vormachen kann.
Überhaupt habe er etwas gegen die großen Namen, die alle im Munde führten. Und finde es beträchtlich langweilig, wenn sich Museen zeitgenössischer Kunst wie ein Ei dem anderen glichen. Er wolle gute, interessante Qualität, aber nicht nur und nicht auch noch jene Top-Ten-Kunst, die den Markt und die Aufmerksamkeit beherrsche. Wie im Sport: Breiten-, nicht bloß Spitzenförderung. Weshalb viel drin ist in der Sammlung Würth und ebenso viel fehlt. Und weshalb der Sammler geradeso zufrieden auf seine Galerie südwestdeutscher Malerei und Plastik blickt, wie ihn die geschlossene Abwesenheit der amerikanischen Kunst in keiner Weise beunruhigt. Mit Provinzialität sollte das niemand verwechseln. Prompt kommt die Antwort auf die Frage nach seinem Lieblingsmuseum: "MoMA, New York".
Rechtlich ist die Würthsche Kollektion heute eine Firmensammlung, deren Ausbau und Beweglichkeit vom globalen Schraubenbedarf abhängt. Reinhold Würth, der sich vor ein paar Jahren aus dem operativen Geschäft des Unternehmens zurück-gezogen hat, ist zumindest in Kunstdingen noch an jeder Entscheidung beteiligt. In Tranchen wird die Sammlung ausgeliehen, zumeist an die interessierten Satelliten und Tochtergesellschaften in ganz Europa. Längst ist die Kunst ein Pfeiler der prämierten Firmenkultur.
Und dass es bei all dem auch immer darum geht, den guten Ruf des Hauses zu pflegen und mehren, das versteht sich. Besonders wenn Prestige-Projekte anstehen wie die Res-taurierung der erdbebengeschädigten Cappella Palatina im Normannenpalast von Palermo. Oder der Erwerb der in der Goethe-Zeit zusammengetragenen Fürstenbergischen Altmeister-Sammlung, die in alle Welt verstreut zu werden drohte.
Christoph Graf Douglas, der im Auftrag des Adelshauses nach einer neuen Bleibe für den legendären Spätmittelalter-Schatz suchte, stieß bei Reinhold Würth nicht gerade auf ungestümen Enthusiasmus. Der Kaufpreis - nach Expertenmeinung um die 50 Millionen Euro - war es nicht einmal. Und auch die kulturpolitische Herausforderung, doch noch im Lande zu halten, was Generationen in Donaueschingen bestaunen konnten, hat Würth sogleich erkannt. Es war eher der Gegenstand, der ihn zunächst befremdete. Diese vielen Heiligen mit aufgespultem Darm und ohne, das war doch nicht ganz nach seinem Geschmack.
Buchstäblich in letzter Minute ließ sich der Mäzen überzeugen oder besser überreden. Und erst nachdem die kostbaren Tafeln, frisch gereinigt, in seinem Schwäbisch Haller Kunsthaus hingen, habe er begriffen, was ihm da für ein Kauf gelungen sei. Es sei halt gewesen wie bei einer verstrubbelten Frau, erzählt der Connaisseur, und gebannt hören wir zu: "Soeben dem Bett entstiegen, vielleicht noch mit Lockenwicklern im Haar, und dann kommt sie aus dem Bad, fein hergerichtet, schön gemacht, und aller Schrecken ist vergessen, und schon ist man neu verliebt." Ja, so ist das mit den Frauen und dem heiligen Erasmus. Wie ideal dessen Marterwinde in die Gerätesammlung des "Schräuble"-Imperiums passt, hat Reinhold Würth womöglich noch gar nicht entdeckt.
Für geschätzte 50 Millionen Euro erwarb Würth die bedeutendste private Altmeistersammlung
"Was drin ist, ist drin", sagt Würth. Irren gilt nicht. Verkauft habe er noch nie. Jedenfalls keine Kunst
Information: Tel. (07940) 152200. Internet: http://kunst.wuerth.com/
Bild(er):
Bild: Schatzkästchen für die prachtvollen Altmeister: Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall
Bild: Weltweit erfolgreicher Unternehmer, Pilot, Professor, Museumsbesitzer, Kunstsammler: Reinhold Würth, 69, auf Tuchfühlung mit einer Arbeit von Anselm Kiefer (Fotos: Boris Schmalenberger)
Bild: Als er Anselm Kiefer kürzlich besuchte, wurde Reinhold Würth schwach: Neuerwerbung "Himmelspaläste 1 (Hydra)", 560 x 500 cm, 2001, ganz links. Daneben: Kiefers "Die Frauen der Antike" (200 x 330 cm, 1995/98)
Bild: Schon lange im Hause Würth: "Der Engel" (131 x 162 cm, 1976/78) von Anselm Kiefer
Bild: Als Väter noch Löwen erschlugen, um Frau und Kinder zu beschützen: "Familie der Naturmenschen" (27 x 18 cm, um 1530) von Lucas Cranach dem Älteren
Bild: Erasmus mit seiner Winde (rechts oben) im Kreise der "Heiligen Märtyrer" (105 x 72 cm), aus dem Allerheiligenaltar (um 1535) von Hans Schäufelein
Bild: Barthel Beham: "Bildnis der Maria Jacobäa von Baden" (um 1530, 77 x 55 cm)
Bild: XXL-Sammler: "Ohne Titel (Porträt Reinhold Würth zum 50-jährigen Dienstjubiläum)", 160 x 120 cm, 1999, von dem ehemaligen "Neuen Wilden" Rainer Fetting