Ausgabe: 11 / 1997
Seite: 64-70
Die Idylle als Modell für eine bessere Gesellschaft
Von Ira Diana Mazzoni Leandro Mazzoni
Geistige Harmonie und Nähe zur Natur: Vor 90 jahren entstand die Arbeitersiedlung Hellerau bei Dresden. jetzt nimmt der Deutsche Werkbund das Experiment wieder auf
VON IRA DIANA MAZZONI FARBFOTOS: LEANDRO MAZZONI Hinter einem Wald versteckt, acht Kilometer von der Residenzstadt Dresden entfernt, liegt Hellerau, ländlich-sittlich und herzig-grün _ die erste Gartenstadt Deutschlands. Die Idealstadt wurde in den Jahren 1906/07 von dem Möbelfabrikanten Karl Schmidt für seine Angestellten geplant und von dem Münchner Künstler und Architekten Richard Riemerschmid angelegt.
Schmidt, Inhaber der Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst, gehörte zu den reformorientierten Unternehmern des Wilhelminischen Reiches, die meinten, mit Kunst soziale Probleme auch wirtschaftlich erfolgreich lösen zu können. "Kunst für alle" lautete sein Erziehungsprogramm für eine bessere Gesellschaft. Als aufmerksamer Leser war er mit den Schriften des Architekten Hermann Muthesius vertraut, der als technischer Attaché der preußischen Regierung aus London über die neuesten Entwicklungen in Architektur und Kunstgewerbe berichtete und die Gartenstadtidee des Ebenezer Howard nach Deutschland vermittelte. Früh nahm Schmidt Kontakt zu Muthesius auf und diskutierte mit ihm seine Projekte. Die Werkstätten florierten, doch eine Expansion in der Stadt war unmöglich. Also schwang sich der Fabrikant aufs Fahrrad und suchte nach geeignetem Terrainjenseits des Dresdner Kasernen-Gürtels. In aller Diskretion kaufte er von 73 Bauern 140 Hektar Land zusammen und gründete eine gemeinnützige Gartenstadtgesellschaft, um das Gebiet vor Bodenspekulanten zu schützen. In Umfragen klärte er die Wohnbedürfnisse seiner Angestellten: Anzahl der Zimmer und Raumhöhe, Keller oder Trockenboden, Holzschuppen oder Stall fürs Kleinvieh, maximale Miete. Von den monoton gerasterten Arbeitersiedlungen sollte sich seine Modellstadt durch die malerisch sensible Einbettung in die hügelige Landschaft unterscheiden. Zudem bekamen alle Mieter Erbpachtverträge. Niemand mußte fürchten, auch sein Heim zu verlieren, wenn er einmal nicht mehrfür Schmidt arbeitete. Heute sind alle Häuser in Privatbesitz. Die grüne Hanglage ist als Feierabend-Ruheplatz beliebt. Aber manch ein Eigentümer steht vor dem Problem, auf 50 denkmalgeschützten Quadratmetern ein komfortables Bad einzubauen. Vor 90 Jahren tat es noch eine Zinkwanne in der Waschküche. Am Bachlauf im Tal liegt die Möbelfabrik, schön wie ein alter Gutshof. Die Deutschen Werkstätten waren das ökonomische und topografische Fundament derSiedlung. Die Firma existiert immer noch. Auch die neue Firmenleitung residiert hinter der kunstvoll geschnitzten Tür inden von Riemerschmid eingerichteten Direktionszimmern. Vor edler Holzvertäfelung entwickeln Wilhelm Zörgiebel und Fritz Straub seit 1992 Erfolgsstrategien für den "industriellen Handwerksbetrieb": Keine Massenmöbelfertigung mehr, sondern "moderne Innenarchitektur im Präzisionsbereich". Das beste Beispiel dafür: Die elegant gebauchte Akustikwand im neuen sächsischen Landtag. Künstler, Architekten und Designer haben sich im würdevoll gealterten Gemäuer der Möbelfabrik eingemietet, in dem einst nach Riemerschmids Entwürfen die ersten formschönen und preiswerten "Maschinenmöbel" für komplette Wohnungseinrichtungen gefertigt wurden. Die Produktion gestylter Bank- und Hotelinterieurs läuft computergesteuert in den Hallen des ehedem volkseigenen Betriebs auf dem hinteren Werksgelände. Ein Neubau ist geplant. Nördlich der Werkstätten beginnt die Gartenstadt: Am Hang zur Linken sonnen sich schmucke Landhäuser - einst bevorzugte Residenz von Künstlern, Literaten und Verlegern. Zur Rechten, gleich hinter der verfallenen Waldschänke, schlängeln sich Riemerschmids Reihenhäuschen den Hügel zum heimattümeligen Marktplatz hinauf. Eine denkmalpflegerisch kontrollierte Idylle: Sonnig gelbe Fassaden, bläulichgrün gestrichene Holztüren und Fensterläden, üppig blühende Gärtchen, von einfachen Knüppelzäunen begrenzt. Jeder Jägerzaun stört. Jede kassettierte Baumarkttür, jedes sprossenlose Fenster und jeder Windfang wird mit Rückbauforderungen geahndet. Daß so mancher Vorgarten zum Carport wurde, dagegen sind die Stadtbildpfleger machtlos. Ganz oben auf dem Hügel thront in exquisiter Abgeschiedenheit das Festspielhausvon Heinrich Tessenow. Die Reformstadt der Freigeister kannte keine Kirche, leistete sich aber eine "Bildungsanstalt" für die rhythmisch-musische Erziehung neuer, freier Menschen.Vor allem Wolf Dohm, Geschäftsführer der Werkstätten, trieb das Projekt voran.Kein Preis war ihm zu hoch, die Ansprüche des Musikpädagogen Emile Jaques-Dalcroze zu erfüllen. Schmidt sah sein solides Gartenstadt-Unternehmen gefährdet und zog sich verärgert zurück. Auch in der Bau- und Kunstkommission gab es Krach: Drei Entwürfe mußte Tessenowvorlegen, bis er den Auftrag bekam. Der Bauplatz wurde vom Zentrum an den Rand verschoben. Riemerschmid konnte sich mit der frostig exakten Klassizität des Tanztempels nicht anfreunden. Auch Theodor Fischer und Hermann Muthesius traten aus der Kommission aus. Das architektonisch konzentrierte Experimentierfeld für Ausdruckstanz und neuesTheater wurde von den Nazis gründlich entstellt: lange Kasernenflügel ersetzten die seitlichen Pensionshäuser der Eleven. Wo einst junge Mädchen in engen Trikots synkopische Rhythmen figurierten, entstand ein Appellplatz. Das mit dem Yin-Yang-Symbol geschmückte "Laboratorium einer neuen Humanität"wieder fanzösische Dichter Paul Claudel es genannt hatte - diente dem Drill von Polizei- und SS-Einheiten. Die Sowjets übemahmen und nutzten das Theater als Sporthalle. Hellerau verschwand als militärische Sperrzone von der Landkarte. Noch heute passieren die Besucher Betonmauer und Wachhäuschen, bevor sie irritiert auf dem asphaltgrauen Platz vor dem strengen, sachlich monumentalen Portikus stehenbleiben. Unwillkürlich assoziiert das Bildergedächtnis andere Tempel kalter Größe: Tessenows vielgelobtes Frühwerk der funktionalen Moderne erscheint als Präfiguration nazistischer Großarchitektur. Heute ist das Ensemble ein Zentrum kontroverser Vergangenheitsbewältigung und weit gespannter Zukunftsvisionen. Um die Wiederbelebung der Ruine kümmert sich eine neugegründete Betreibergesellschaft, zu der sich der Förderverein für die Europäische Werkstatt für Kunst und Kultur Hellerau mit der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und der Heinrich-Tessenow-Gesellschaft zusammengeschlossen hat. Die Wüstenrot Stiftung, die bereits zwei der vom Hausschwamm zerfressenen Pensionshäuser von Grund auf rekonstruiert hat, ruft zusammen mit der Kulturstiftung zu einem Ideenwettbewerb auf: Bildende Künstler und Literaten, Theatermacher und Architekten, Landschafts- und Städteplaner sollen tragfähige Nutzungskonzepte entwickeln. Langsam belebt sich der Ort: Die Theaterwerkstatt hat Nachbarn bekommen. Die Kulturstiftung ist demonstrativ aus dem Dresdner Schloß in eines der frischrestaurierten Pensionshäuser gezogen. Lärmend reparieren Handwerker die Seitendächer des Festspielhauses, während inden Übungssälen elektronische Musik zu einer Videoinstallation gemischt wird. Nicht die "Asche konservieren" wolle er, sondern "das von den Gründern entfachte Feuer bewahren und neu entzünden", verkündete der Städteplaner Peter Zlonicky, als der Deutsche Werkbund (DWB) im Herbst 1996 nach Hellerau zurückkehrte. Unter seiner Leitung sollte das blütenweiß herausgeputzte Pensionshaus auf demFestspielgelände "Zukunftswerkstatt" für die "Weiterentwicklung urbaner Lebensräume" werdendoch im Dezember wurden der Frankfurter Zentrale des Werkbundes die Subventionen gestrichen. Anfang Juni war die Tür der Außenstelle verschlossen. Kurzfristig soll jetzt derjunge Sächsische Werkbund mit Ausstellungen und Seminaren Präsenz zeigen. Auch die anderen Landesbünde sind aufgerufen, den historischen Ort als Relais zu nutzen, doch das Interesse scheint gering. So geht der zerstrittene und wirtschaftlich angeschlagene Bund zum 90. Jahrestag seiner Gründung erst einmal in Hellerau in Klausur. Die Durchhalteparole lautet wieder einmal: Die Krise als Chance nutzen. Gegründet wurde der Werkbund am 5./6. Oktober 1907 als PR-Agentur und moralische Anstalt zur Durchsetzung der "gutenForm" - vom "Sofakissen bis zum Städtebau". Hermann Muthesius, der Architekt, machte Front gegen die Stileskapaden des Historismus und die wuchernden Gewächse des Jugendstils. Sein Rezept: die "ungeschmückte Sachform", funktional, maschinell herzustellenund doch schön. In Karl Schmidt fand er einen vehementen Mitstreiter. Elf weitere kunstgewerbliche Betriebe und zwölf Künstler schlossen sich an. Der erste Vorsitzende des Reformbündnisses wurde Wolf Dohrn. Die erste Geschäftsstelle wurde deshalb in den Deutschen Werkstätten in Dresdeneingerichtet und zog mit diesen im April 1910 nach Hellerau um. Das Gesamtkunstwerk Gartenstadt war eine Koproduktion der Werkbundmitglieder Riemerschmid Muthesius, Tessenow und Theodor Fischer. Beratend wirkten Fritz Schuhmacher und Hans Poelzig in der Baukommission mit. Schon 20 Jahre vor dem Dessauer Bauhausprogramm von Walter Gropius war industrielles Design zentrales Thema des Werkbundes. Doch von Anfang an litt das Bündnis an der Uferlosigkeit seines Programms. Zu sehr divergierten auch die Interessen der Künstler und Fabrikanten. Der Werkbund war ein Zusammenschluß der "intimsten Feinde", wie Muthesius feststellen mußte, als der Konflikt zwischen Industrie und Handwerk 1914 fast zur Auflösung führte. In den zwanziger Jahren förderte der Werkbund zusammen mit dem Bauhaus, das ausihm hervorgegangen war, das "Neue Bauen" und das "Neue Leben". Schmidt hatte schon 1907 von der Produktion eines "Maschinenhauses" geträumt. Jetzt bauten Werkbundarchitekten Minimalwohnungen in Serie gegen die akute Wohnungsnot. Die Weißenhofsiedlung in Stuttgart 1927 wurde zum Aushängeschild des DWB. Doch gleichzeitig gab es eine starke Fraktion, die sich gegen den mechanischenFunktionsbegriff der Modemisten wandte. Als Folge mangelnder Geschlossenheit ist der Werkbundim Gegensatz zum Bauhaus -heute kaum mehr jemandem ein Begriff. Fast unbemerkt blieb auch, daß der DWB die junge Bundesrepublik mitprägte: 1947/50 entsprechend der föderalen Ordnung im Land neu formiert, trat er als Institution kaum in Erscheinung _ es zählten nur die Leistungen seiner Mitglieder: der von Sep Ruf und Egon Eiermann entworfene Deutsche Pavillon auf der Brüsseler Weltausstellung 1958 etwa oder der erste Deutsche Bundestag. Die Ulmer Hochschule für Gestaltung wurde von Werkbundmitgliedern geleitet; derRat für Formgebung ging aus dem DWB hervor. Und Theodor Heuss, der erste Präsident der Republik, war lange Geschäftsführerder von den Nazis aufgelösten idealistischen Vereinigung gewesen. Mit der Ausstellung "Große Landzerstörung" machte der DWB 1959 - früher als andere - auf die ökologische Katastrophe einer rücksichtslos ausufernden Industrialisierung aufmerksam. Zeitgemäß wandelte sich der Bund zur Aktionsgemeinschaft, 1974 drohte die Spaltung; Landesverbände beklagten eine "Politisierung nach links", und das Innenministerium kündigte an, seine Fördermittel zu streichen. Und heute? Der DWB kümmert sich um die Braunkohlewüsten im Süden von Leipzig und um Industriedenkmale, er sorgt sich um die Alpenregion und hilft beim Wiederaufbauim zerstörten Sarajevo. Auch modellhafte Werkbundsiedlungen sind wieder im Gespräch. Jede Ländergruppe setzt ihre eigenen Schwerpunkte. Das gemeinsame Programm besteht in der Summe guter Absichten für Stadtentwicklung, Landschafts- und Regionalplanung. Ob das ein Überleben des Bundes bis zum 100. Geburtstag sichert? Die Klausur in Hellerau könnte zur Positionsklärung beitragen. Wenn der Hauptkonservator Wolfgang Haehle über den Festspielplatz schlendert, sieht er bereits wieder die "schönen Brunnen" sprudeln. Der rechte Kasernenflügel soll auf der Breite des alten Zufahrtsweges durchbrochen werden, um die alte Verbindung zur Gartenstadt wiederherzustellen.Wie einst soll das Dach des Festspielhauses rotleuchtender Höhepunkt der Siedlung sein. Sandsteingelb wird sich das Portal von der grauen Rücklage des Mitteltraktes abheben - doch über die Farbbefunde wird heftig gestritten. Vorerst wurde ein Pensionshaus gelb und eines weiß gestrichen. Wenn es nach den Vorstellungen des Denkmalpflegers Haehle geht, werden die Treppensäle Tessenows ihre schlichte Eleganz der Frühen Moderne zurückerhalten.Dafür müßten allerdings die Sowjet-Wandbilder verschwinden, die in heroischer Farbkraft die Route zweier Panzerdivisionen von Moskau nach Dresden illustrieren. Wenn die schlanken Messinggeländer wieder installiert sind und 49 Tütenlampen das quadratische Treppenhaus erhellen, wird alles so sein wie auf den Fotos, dieder Berliner Franz Stroedtner 1912 für das von Karl Ernst Osthaus ins Leben gerufene Deutsche Museum für Kunst und Handel machte - übrigens auch eine Werkbund-Gründung. Vor dem Zeitpunkt, wo alles wieder "in Ordnung ist", fürchtet sich Claudia Reichardt vom Förderverein. Für sie ist das Provisorium der Ruine täglich Herausforderung für neue künstlerische Arbeit. Der erste multifunktionale Raum der Kunstgeschichte ist für sie ein VermächtnisTessenows und eine Verpflichtung zugleich. Nach Vorstellungen des Schweizer Bühnenbildners Adolphe Appia, der mit dem Tanzpädagogen Jaques-Dalcroze zusammenarbeitete, baute Tessenow einen 49 Meter langen und zwölf Meter hohen Raum ohne Bühne und ließ ihn rundum mit wachsgetränkten Leintüchern abhängen. Hinter diesen Tüchern, an der Decke genauso wie vor den Wänden, befanden sich Tausende von Glühbirnen, deren Helligkeit, späterauch Farbigkeit, stufenlos regelbar war - ein Patent des deutsch-russischen Künstlers Aiexander von Salzmann. Die 5000 zur "Orpheus und Eurydike"-Inszenierung 1913 angereisten Gäste waren begeistert von der "Einheit von Musik, Körpern und Licht" (Claudel). Als Offenbarung erlebten George Bernard Shaw, Konstantin Sergejewitsch Stanislawski, Upton Sinclair, Sergei Diaghilew und Max Reinhardt den leeren Raum, in dem nach Bedarf Holzblöcke zu Bühne und Zuschauergalerie treppenartig zusammengeschoben werden konnten. Mit einem ähnlich offenen und variablen System würde der TheaterwissenschaftlerDetlev Schneider, Leiter des Fördervereins, nach einer zurückhaltenden Reparatur des Gebäudes gerne weiterarbeiten. In jedem Fall aber möchte er, daß die Spuren der Geschichte nicht ausgelöscht werden. Bloß keine detailgetreue Beschwörung alter Utopien, statt dessen das permanenteExperiment - in bester Werkbundtradition. Literatur zum Thema: Klaus-Peter Arnold: Vom Sofakissen zum Städtebau. Die Geschichte der Deutschen Werkstätten und der Gartenstadt Hellerau. Verlag der Kunst. Dresden 1993. Zwei Männer entwerfen eine Idealstadt Ihr Ziel vor eine bess Gesellschaft: derDresdner Möbelfabrikant Karl Schmidt (links) und der Münchner Maler und Architekt Richard Riemerschmid jetzt wird in Hellerau wieder gebaut I . Deutsche Werkstätten Mit neuen Produktionstechniken und dem Wachstum des Unternehmens wird der Neubau der Fabrik notwendig. Gegenüber dem denkmalgeschützten Ensemble "Schraubzwinge" entsteht am Moritzburger Weg ein optisch [Text nicht OCR-lesbar]
