Ausgabe: 03 / 2008
Seite: 87

Le Corbusier tropft von der Decke

Von Michael Kohler

ESSEN: FUSION // CONFUSION

Das Museum Folkwang zeigt junge Perspektiven auf die historische Moderne. Ach, wir Epigonen, seufzen zehn internationale Nachwuchskünstler und erheben ihr epochales Minderwertigkeitsgefühl gleich darauf listig zum Programm.

Halb präsentieren sie sich als kritische Nachlassverwalter der klassisch gewordenen Avantgarde und halb als deren Erbschleicher.

So würfelt Simon Dybbroe Møller das berühmte Minimal-Art-Ensemble "L-Beams" von Robert Morris bunt durcheinander oder ziert einen gemalten Wasserfleck unter der Zimmerdecke mit dem Porträt des Flachdacharchitekten Le Corbusier.Während hier der stete Tropfen die Erosion betonierter Utopien illustriert, wird Yves Kleins heldenhafter Sprung ins Leere auf einem Bild Ciprian Muresan zur schmerzhaften Bauchlandung in der Wirklichkeit:

Dazu stellt Muresan Kleins fotografisches Selbstporträt nach und dreht die Uhr einfach drei Sekunden weiter.

Das Problem der unter dem Titel "Fusion // Confusion" zusammengefassten neuen Arbeiten ist natürlich, dass auch der künstlerische Lausbubenstreich schon einmal da gewesen ist. Am dadaistischen Vergnügen, der "Mona Lisa" einen Schnurrbart anzumalen, kommt man heute ebenso wenig vorbei wie an den radikalen Positionen der amerikanischen Hard-Edge-Malerei. Die Düsseldorfer Gruppe Konsortium sucht ihr Heil in der selbstbewusst zur Schau gestellten Nachahmung, wird darin allerdings noch von einem Beitrag übertroffen, der ausgerechnet gar kein Kunstwerk ist: In seinem Sony-Werbespot "Paint" lässt Jonathan Glazer eine Trutzburg des sozialen Wohnungsbaus in einem barocken Feuerwerk der Farben und Töne regelrecht "explodieren", was wiederum Cyprien Gaillard zur Ehrenrettung dieses schlecht beleumundeten Bautyps animiert. Statt lustvoll gesprengt sähe er die Mietskaserne lieber in einem romantischen Ruinenpark und liefert die altmeisterlichen Radierungen gleich mit dazu. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass im Feld des Epigonalen die populäre Kultur der Kunst immer einen Schritt voraus ist.

Termin: bis 30. März. Katalog: Verlag für moderne Kunst, 18 Euro, im Buchhandel 24 Euro.

Internet: www.museum-folkwang.de

Zurück in die Zukunft: Lars Breuer/Konsortium erweisen Marinetti die Ehre ("Gazourmah", 2007)