Ausgabe: 11 / 2009
Seite: 173
Ein übles Spiel
Von Claudia Bodin
VORSCHAU Die flirrenden LED-Schriftbänder der amerikanischen Künstlerin gaukeln eine poetische Schönheit vor - um auf den zweiten Blick zu verstören
Jenny Holzer - Protect Protect Fondation Beyeler, Basel/Riehen, 1.11.-24.01.2010
Sie hat uns schon immer gewarnt. "Abuse of Power Comes as No Surprise", "dass Macht missbraucht wird, ist keine Überraschung", war einer dieser Sätze aus Jenny Holzers "Truisms"-Serie, die sie Ende der siebziger Jahre auf Poster druckte, um damit die Straßen von Manhattan zu pflastern. In der Fondation Beyeler, die gemeinsam mit dem Museum of Contemporary Art in Chicago eine große Werkschau organisierte (Katalog: Hatje Cantz Verlag, 39,80 Euro), durchfluten Holzers Textbotschaften Räume.
LED-Bänder überkreuzen sich, Wortfetzen fließen über den Boden und gaukeln eine poetische Schönheit vor. Doch die wird, sobald man die Aphorismen verinnerlicht, harte Wirklichkeit. Die Arbeiten der 1950 in Ohio geborenen Holzer erzählen von zerbrochener Liebe, von verwirrten Gefühlen und von Krieg, Tod und Grausamkeiten.
Weil Persönliches bei Jenny Holzer schon immer auch politisch war, setzt sie Auszüge aus ehemals geheimen Militär- und Regierungsdokumenten zum Irak-Krieg ein. Dazu zählen verstörende Berichte von Verhören in Guantanamo Bay und Autopsieberichte von Folteropfern aus Abu Ghraib. In einer Arbeit mit menschlichen Knochen aus der "Lustmord"-Serie (1993-95) beschäftigt sich Holzer mit dem Krieg im früheren Jugoslawien und sexueller Gewalt. Eine Bilderserie zeigt die Handabdrücke von amerikanischen Soldaten, die im Irak unterschiedlichster Verbrechen beschuldigt wurden.
Wie im Spielkasino flirren ihre Anklageschriften als Leuchtdioden vorbei. Die Künstlerin liebt es, mit dem Betrachter zu spielen. Sie würde gern "Momente der Erleichterung kreieren", die kurzfristig vom Inhalt ihrer Arbeiten ablenken, erzählte Holzer belustigt, als ihre Ausstellung im New Yorker Whitney Museum ein Gastspiel gab. Ihrem Ruf als Meisterin der Verführung macht die Amerikanerin alle Ehre. Sie bringt einen dazu, in die dunklen Ecken des Lebens zu blicken.
Bildunterschrift:
"Monument" (2008) zitiert aus einem von Holzers "Inflammatory Essays" (1979-82):
"... make them get their hands dirty.
Send them away ..."
