Ausgabe: 10 / 1999
Seite: 93

Alptraum aus Stalin und Brueghel

Von Gerhard Mack

Zürich: Weltuntergang & Prinzip Hoffnung

Die Sonnenfinsternis haben wir ohne größeren Schaden überstanden, jetzt lässt sich der Weltuntergang als Spektakel für die Augen genießen. So oder ähnlich mag es sich Harald Szeemann gesagt haben, als er im Kunsthaus Zürich die Ausstellung "Weltuntergang & Prinzip Hoffnung" eingerichtet hat. Und ihm ist Bemerkenswertes gelungen: Wer geglaubt haben sollte, der künstlerische Direktor der Biennale von Venedig hätte am Lido sein Pulver verschossen und in Zürich eine Aufreihung mehr oder weniger netter Katastrophenbilder arrangiert, wird angenehm überrascht: Szeemann bebildert und kategorisiert die Weltuntergangsfantasien aus den vergangenen 1400 Jahren unserer Kultur nicht - er inszeniert sie.

Das beginnt gleich mit dem Auftakt. Wer die Treppe zum großen Ausstellungssaal des Kunsthauses hinaufsteigt, fühlt sich förmlich in den verzweifelten Überlebenskampf auf dem "Floß der Medusa" hineingestoßen. Szeemann zeigt eine Variation von Pierre-Desire Guillemet und Etienne Ronjat von 1859/60. Theodore Gericaults berühmtes Original war nicht zu bekommen, obwohl sein Monumentalbild zum Untergang einer französischen Fregatte vor Afrika in der Moderne zum Inbegriff jeden Untergangs geworden ist. Eine doppelte Katastrophe ereignet sich in einem Gemälde von Abraham-Louis-Rodolphe Ducros: Schiffbrüchige werden auch noch von der Naturgewalt eines Vesuvausbruchs bedrängt.

Die Katastrophen setzt Szeemann hart nebeneinander. Das Herzstück, die "Medusa", flankieren eine Büste des altrömischen Diktators Nero und Augusto Giacomettis "Adam und Eva" im Schlangenkreis. Gegenüber hängt ein Porträt vom Urvater des Kommunismus, Karl Marx, rechts neben ihm schaut Josef Stalin von einem Plakat, links hat Salvador Dali in dem Gemälde "Das Rätsel Hitler" (1939) ein Führer-Bildchen in einen Teller gelegt, als wäre der die Suppe, die die Welt noch auszulöffeln habe. Da wird Mythologisches und Historisches, ein prophetisches Gespür für die Katastrophen der Zeitläufte, werden Plakat, Plastik und Malerei quer durch die Epochen und Zeiten ineinandergespielt, so wie es nachts in Alpträumen zugeht, wenn Zeit und Raum ihre trennende Kraft verlieren.

Dieses Prinzip macht Spaß und hält die Aufmerksamkeit hoch. Wer das atemlose Röcheln flüchtender Krüppel in der Video-Animation von Magnus Wallin gesehen hat, schaut viel neugieriger Michelangelos "Jüngstes Gericht" aus der Sixtina an, das gleich daneben als Großprojektion gezeigt wird. Wer gesehen hat, wie Hieronymus Bosch die Hölle vor allem als ein Martyrium der Leiber darstellt, ist noch einmal offen für den Schock der Großfotos vom höllischen Inferno eines Vulkanausbruchs, den Katharina Sieverding auslöst, vielleicht auch für Thomas Hirschhorns 20 Stellwände mit Zeitungsausschnitten zu den Katastrophen unserer Zeit - von atomarer Bedrohung bis zum Kosovo-Krieg.

Am Ende wird die Ausstellung dann positiv: Von Videoschirmen und Leinwand verkündet das Künstlerpaar Eva & Adele das Glück neuer Paarbeziehungen und bedeckt die umliegenden Wände mit über 150 bunten Bildtafeln, auf denen das Wort "Futuring" steht - frei übersetzt etwa: die Zukunft gestalten. Da kann selbst Joseph Beuys nicht ernsthaft bleiben: Seine Dekantierwannen "Olivestone", die für positive Energien und Wachstum stehen, sind von knatschrosa Wänden umfangen.

Weltuntergang & Prinzip Hoffnung, Kunsthaus Zürich, bis 7. November. Begleitbuch zum Thema: Ernst Halter und Martin Müller: Der Weltuntergang, Offizin Verlag Zürich, 288 Seiten, Buchhandelspreis 98 Mark, an der Museumskasse 69 Franken.