Ausgabe: 01 / 2005
Seite: B24

New York City setzt die Segel

Von Ute Thon Wolfgang Volz

Seit 26 Jahren haben Christo und Jeanne-Claude den Traum, den Central Park in Manhattan mit wehendem Stoff zu einer Kunst-Bühne zu machen. Ab dem 12. Februar 2005 wird er Wirklichkeit

VON UTE THON UND WOLFGANG VOLZ (FOTOS)

Rund 100000 Quadratmeter safranfarbener Nylonstoff, 96500 laufende Meter orangefarbener Kunststoffröhren, 5290 Tonnen Stahl, 165000 Muttern und Bolzen, etwa 600 Arbeiter, zwei beharrliche Künstler und ein weltberühmter Park - das sind die Zutaten für das spektakulärste Kunstereignis der Saison. Am 12. Februar werden Christo und Jeanne-Claude entlang der endlos mäandernden Spazierwege im New Yorker Central Park 7500 goldgelbe Sonnensegel setzen und damit ihr langwierigstes und vielleicht persönlichstes Projekt verwirklichen: "The Gates" - die Tore. Es brauchte 26 Jahre, vier Bürgermeister, zwei Wirtschaftsflauten und einen verheerenden Terrorangriff, bis New Yorks Stadtväter endlich grünes Licht gaben. "The Gates" werde aussehen "wie ein goldener Fluss, der hinter den kahlen Ästen der Bäume auftaucht und verschwindet", schwärmt Christo. So etwas hat es in diesem streng gehegten Heiligtum Manhattans noch nie gegeben. Inzwischen kennen Christo und Jeanne-Claude jeden Stein und jeden Baum im Central Park. Sie sind die Wege unzählige Male abgeschritten, haben jeden Meter Fußweg vermessen, die idealen Torgrößen ermittelt, Witterungstests gemacht, sogar im Windkanal wurden die Tore getestet, damit sie auch harsche Winterstürme überstehen.

Jetzt ist alles zum Installieren der Tore bereit, und Christo hat sich wieder in seinem Atelier im fünften Stock ihres Wohnhauses in SoHo verschanzt, um noch möglichst viele Zeichnungen für "The Gates" fertigzustellen. Er arbeitet dort 15 bis 17 Stunden am Tag, während Jeanne-Claude ein Stockwerk tiefer die meiste Zeit am Telefon verbringt, Sammlerbesuche und Interviewtermine koordiniert und die finanzielle Abwicklung überwacht. Die Kosten sollen sich mittlerweile auf rund 20 Millionen Dollar belaufen.

Genaue Auskünfte wehrt Jeanne-Claude stets mit dem gleichen Argument ab: Ihre Projekte seien "wie Kinder", deren Kosten man schließlich auch nicht genau kalkulieren könne. Wie alle ihre Werke wird auch "The Gates" von den Künstlern komplett selbst finanziert - durch den Verkauf von Zeichnungen, Collagen und frühen Objekten.

Als Hauptquartier für die Logistik dient eine große Lagerhalle im Stadtteil Queens. Dort stapeln sich seit Monaten Stoffrollen, Schraubenkisten, Kunststoffpfosten und riesige Stahlplatten haushoch. An den Wänden hängen überall Landkarten vom Central Park, die Grünfläche ist darauf mit farbigen Markierungen in Einsatzgebiete unterteilt. Die Stabschefs im Christo-Feldzug heißen Vince und Jonita Davenport, ein freundliches Bauunternehmer-Ehepaar aus Kansas und Kalifornien, das seit 1989 mit den Künstlern zusammenarbeitet, er als Chef-Ingenieur, sie als Projektleiterin.

Vince Davenport hat viele der kniffligsten Detailfragen für die "Gates" geklärt. Zum Beispiel wie man sperrige Kunststoffbalken und tonnenschwere Stahlplatten - jede Ankerplatte für einen Torpfosten wiegt über 300 Kilo - auf Spazierwegen transportiert, die keinen schweren LKW-Verkehr zulassen. Der Ingenieur löste das Problem mit eigens entworfenen Handkarren und Hebevorrichtungen, die ohne Maschinenkraft auskommen. Selbst die 165000 Schrauben werden nur mit Hand angezogen.

In der Halle in Queens ist eines der 4,87 Meter hohen Tore in Originalgröße aufgebaut. Am unteren Saum des gelben Stoffvorhangs, den ein Erwachsener mit ausgestreckten Armen berühren kann, sind deutliche Griffspuren zu erkennen. "Wir haben drei Profikletterer daran herumturnen lassen, um festzustellen, wie belastbar das Material ist", sagt Davenport. Hergestellt wurde der Stoff übrigens in Deutschland, von der Industrieplanenweberei Schilgen aus Emsdetten im Münsterland.

Bereits im vergangenen Herbst hat Jonita Davenport aus Tausenden von Bewer-bern die 584-köpfige Arbeiter-Crew zusammengestellt, die die Tore auf- und abbauen wird. Jetzt schwärmen sie in den Park und legen die Stahlanker auf den verschlungenen Wegen aus. Anfang Februar werden dann innerhalb einer Woche alle 7500 Tore aufgestellt. Die Stoffbahnen bleiben in speziellen Kokons verhüllt.

Erst am Morgen des 12. Februar werden alle gleichzeitig entrollt und verwandeln den winterlichen Central Park laut Plan in ein Licht- und Schattenspiel. "Wenn die Sonne durchscheint, wird der Stoff goldgelb", sagt Jeanne-Claude verzückt. Nach 16 Tagen dann werden alle Tore wieder in ihre Einzelteile zerlegt und zum Recycling abtransportiert. "Die Tatsache, dass sie nicht von Dauer sind, verleiht den Arbeiten jenes Gefühl von Dringlichkeit und Zärtlichkeit, das uns wichtig ist", sagt Christo.

Für diese flüchtige Vision haben der 69-jährige, in Bulgarien geborene Künstler und seine französischstämmige Ehefrau unermüdlich gestritten und geduldig gewartet. Den ersten Anlauf machten sie schon 1979. Nach der Vollendung zweier erfolgreicher Großprojekte im Westen Amerikas, "Valley Curtain" (1970/72) und "Running Fence" (1972/76), fühlten Christo und Jeanne-Claude sich gewappnet für eine Aufsehen erregende Kunstaktion in ihrer Wahlheimat. Der Central Park schien nach ihren Erfahrungen auf freiem Feld naheliegend, ist er doch der einzige Platz in der Stadt, wo die konzentrierte, kühl himmelwärts strebende Architektur den Blick freigibt auf ein Stück Natur. Die Idee schien denkbar einfach: Alle Spazierwege des Central Parks sollten im Abstand von drei bis vier Metern mit Toren überbrückt werden, an denen gelbe Texilsegel befestigt sind, die malerisch im Herbstwind flattern.

Die Stadtverwaltung war nicht begeistert. Nach Dutzenden von Anhörungen mit Bezirksverordneten, Vertretern der Parkverwaltung und Anwohnern erteilte der damalige Parkbeauftragte Gordon J. Davis dem Projekt eine Absage. Seine Begründung umfasste 185 Seiten und sagte in vielen Worten, dass das Projekt zu groß, zu teuer und überhaupt unpassend sei, weil es einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen würde.

Frustriert, aber nicht geschlagen, wendeten sich die Künstler anderen Projekten zu. In Miami erhielten sie die Genehmigung, elf kleine Inseln in der Biscayne Bay mit pinkfarbenem Stoff zu umsäumen ("Surrounded Islands", 1980/83). In Kalifornien und Japan pflanzten sie 3100 gelbe und blaue Sonnenschirme ins Gelände ("The Umbrellas", 1984/91). Sie verhüllten Pont Neuf in Paris (1975/85) und den Reichstag in Berlin (1971/95). Zwischendurch sondierten sie immer wieder die Lage in New York, wo aber die wichtigsten Entscheidungsträger, allen voran der neue Parkverwalter Henry J. Stern, noch immer gegen das Gates-Projekt eingestellt waren. Dabei erwies sich auch ihr wachsender Erfolg als Hindernis. "In New York sagten uns die Verantwortlichen, dass sie keine fünf Millionen Besucher haben wollen", erinnert sich Jeanne-Claude. So viele Menschen waren 1995 zur Reichstagsverhüllung nach Berlin geströmt.

Im Jahr 2001 dann die Wende: Durch die schrecklichen Terroranschläge auf das World Trade Center wurde New York traumatisiert und wirtschaftlich geschwächt. Die Touristen blieben aus, Hotelbetten leer. Plötzlich schien ein spektakuläres Kunstprojekt im Herzen der Stadt gar keine so schlechte Idee. Michael R. Bloomberg, ein langjähriger Fürsprecher des Projekts, wurde zum Bürgermeister von New York gewählt. Und mit dem neuerlichen Wechsel in der Parkverwaltung - der alte Widersacher Henry J. Stern wurde durch den wohlwollenden Parkchef Adrian Benepe ersetzt - war dann auch die letzte Hürde genommen. Im Januar 2003 gab Bloomberg das "Go" für die Gates. Die Genehmigung kam allerdings mit einem fetten Preisschild: Die Parkverwaltung verlangte eine Nutzungsgebühr von drei Millionen Dollar vorweg.

Fragt man die beiden Künstler, ist es trotz der immensen Kosten, trotz schwindelerregender Kredite und haarstäubender Logistik alle Mühe wert. "Wir machen das in erster Linie für uns selbst, um zu sehen, wie es wirklich aussieht", sagt Christo. "Ich bin immer im Zweifel darüber und kann in meinen Zeichnungen nicht alles simulieren. Es dann endlich in Wirklichkeit zu sehen, gibt uns einen unglaublichen Schub von Energie." Und der Welt ein Kunstwerk, das man so schnell sicher nicht vergessen wird.

In der Wahlheimat New York verwirklicht das Paar sein persönlichstes Projekt

Jeanne-Claude hält die Fäden des Projekts in der Hand, Christo verschanzt sich zu Hause, um zu zeichnen

Die Wende kam, als ein Befürworter der "Gates" Bürgermeister wurde

"The Gates": Tipps und Termine

Wo: Der Central Park erstreckt sich als langgezogenes Rechteck zwischen der 59. Straße im Süden, der 110. Straße im Norden, der Fifth Avenue im Osten und dem Central Park West im Westen.

Wann: Das Projekt läuft vom 12. bis 28. Februar. Die Aufbauarbeiten können in der Woche davor beobachtet werden. Der Park schließt offiziell um ein Uhr nachts, Zugang ist jedoch rund um die Uhr möglich.

Hilfe: Im Park sind rund 300 Helfer zur Stelle, erkennbar an grauen Capes mit orangefarbener Aufschrift, die Karten und Stoffproben ausgeben und Fragen beantworten.

Tipps: Bequemes Schuhwerk und warme, wetterfeste Kleidung werden empfohlen. Da sich das Projekt über fast 40 Kilometer Fußwege erstreckt und am besten zu Fuß zu erkunden ist, planen Sie längere Märsche ein, zumal einer der schönsten Abschnitte im nördlichen Teil des Parks rund um den Harlem-See gelegen ist.

Kunstkauf: Christo und Jeanne-Claude verkaufen keine Merchandising-Produkte, der Eintritt zur Beschichtigung ist frei. Wer die Künstler unterstützen will, kann Zeichnungen oder Lithografien erwerben. Kontakt über die Webseite: www.christojeanneclaude.net

Buch: Christo & Jeanne-Claude. The Gates, Central Park, NYC, 1979-2005. Wolfgang Volz/Anne L. Strauss, 128 Seiten, 14,99 Euro Taschen Verlag.

Ausstellung: Im Dezember 2005 zeigt die Berliner Neue Nationalgalerie Arbeiten zu dem Projekt "The Gates".

Bild(er):

Bild: So wie in dieser Zeichnung von Christo (oberer Teil 38 x 244 cm, unterer Teil 107 x 244 cm, 2004) wird der Central Park ab dem 12. Februar 2005 aussehen: Über den Spazierwegen flattern goldgelbe Sonnensegel, die an Tausenden, jeweils 4,87 Meter hohen Toren befestigt sind

Bild: Diese zweiteilige Zeichnung (244 x 107 cm und 244 x 38 cm, 2003) zeigt das Projekt aus der Vogelperspektive. Christo spricht von "einem goldenen Fluss, der hinter den kahlen Ästen der Bäume auftaucht und verschwindet"

Bild: Vor der Installation wurden die 7500 Tore sogar im Windkanal getestet, um sicherzugehen, dass die Stoffsegel auch die stärksten Stürme des New Yorker Winters aushalten: zweiteilige Collage (31 x 78 cm und 67 x 78 cm, 2004) mit gezeichneten Toren und fotografierter Stadtkulisse

Bild: Triumph: Im Januar 2003 verkündet New Yorks Bürgermeister Michael R. Bloomberg die Genehmigung

Bild: Produziert werden die Sonnensegel von einer deutschen Firma: In der Industrieweberei Schilgen im münsterländischen Emsdetten wird der Stoff hergestellt (oben), zurechtgeschnitten und - vernäht (unten)

Bild: Erste Versuche: Das Künstlerpaar wird 1980 beim Parkverwalter Gordon J. Davis (ganz rechts) vorstellig