Ausgabe: 03 / 2002
Seite: 124-125

Elftausend Sonnensegel für New York

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Aktion: Christos Projekt "The Gates" im Central Park hat neuen Auftrieb

Wir sind sehr optimistisch". So kommentieren Christo und seine Frau Jeanne-Claude derzeit die Chancen ihres wichtigsten Projektes, dessen Realisierung seit 1980 stets am Widerstand hartnäckiger Gegner scheiterte. Die Beflaggung des New Yorker Central Parks. Titel: "The Gates" - "Die Tore".

Auf den 46 Kilometer langen Wegen der grünen Lunge von Manhattan möchte das Künstlerpaar 11000 Stahltore mit einer Höhe von 4,5 Metern errichten, von denen Stoffbahnen herabhängen, die etwa zwei Meter über dem Boden enden. Wie bei der Verhüllung des Reichstages (1995) und anderen realisierten Kunstprojekten will das Künstlerpaar alle Kosten tragen. Die Aktion ist auch auf 14 Tage beschränkt. Danach wird abgebaut.

Bislang war der von Christo und Jeanne-Claude beharrlich verfolgte Plan trotz ihrer Zusicherung, Umwelt und Vegetation zu schonen, von den mächtigen Park-Direktoren Gordon J. Davis und seinem Nachfolger Henry J. Stern torpediert worden. Jeanne-Claude: "Wir hatten auch unter dem Erfolg der Reichstagsverhüllung zu leiden. In New York sagten uns die Verantwortlichen, dass sie keine fünf Millionen Besucher zusätzlich haben wollten."

Doch seit dem Terror-Anschlag vom 11. September vergangenen Jahres, der anschließenden Traumatisierung vieler New Yorker und dem Ausbleiben der Touristen hat sich die Situation grundlegend geändert. Christo, der mit seiner Familie selbst im Stadtteil SoHo lebt: "Heute ist New York viel eher bereit, eine große Besucherzahl willkommen zu heißen. Das brauchen wir hier jetzt."

Auch die Reihen der Gegner lichten sich: Park-Chef Henry J. Stern ist nicht mehr im Amt. Außerdem wurde mit Michael Bloomberg ein vehementer Befürworter des Christo-Projektes zum Bürgermeister von New York gewählt. Und Bloomberg, zudem bis zu seinem Amtsantritt noch im Vorstand des spendenfreudigen und höchst einflussreichen Central-Park-Patronats, hat den neuen Park-Direktor Adrian Benepe berufen. Jeanne-Claude: "Schon als Bloomberg seine Kandidatur bekannt gab, so sagte er uns, munkelten die Leute, jetzt würde wohl unser Gates-Projekt verwirklicht. Nach der Wahl sind unsere Chancen also gestiegen."

Schützenhilfe kommt auch aus Berlin: Dort hat ein aus Westdeutschland stammender Investor einen Optionsvertrag unterschrieben, in dem er sich bis Ende Juli verpflichtet, für elf Millionen Dollar (über 12 Millionen Euro) den aus insgesamt 366 Zeichnungen, Collagen, Fotos und Dokumenten bestehenden Werkblock zur Reichstagsverhüllung zu erwerben.

Allerdings knüpft der Interessent an seine Offerte die Bedingung, dass er im Gegenzug ein großes Grundstück im Berliner Stadtteil Mitte zum Kauf erhält. Auf diesem Gelände, das er zum ortsüblichen Preis erwerben möchte, will der Investor ein Geschäftshaus errichten, in dem dann die Reichstagsdokumentation ständig ausgestellt werden soll. Da sich bei der Christo-Ausstellung im Gropius-Bau und im Neuen Berliner Kunstverein jüngst nicht nur Politiker von CDU und Grünen, sondern auch Bundeskanzler Gerhard Schröder für einen Verbleib des Reichstags-Werkblocks in Berlin ausgesprochen haben, dürfte das Angebot des Investors auch politisch Gewicht haben.

Christo und Jeanne-Claude könnten den Geldsegen gebrauchen: Aus dem insgesamt 13 Millionen Dollar (knapp 15 Millionen Euro) teuren Reichstagsprojekt ist ihnen bis heute eine Restschuld von 2,9 Millionen Dollar aus einem Kredit der Deutschen Bank geblieben. Die könnten nach dem Verkauf abgelöst werden.

Gleichzeitig bekäme das Künstlerpaar die Anschubfinanzierung für das New Yorker Gates-Projekt. Diese Aktion, 1980 auf Kosten von acht Millionen Dollar kalkuliert, könnte heute das Vierfache verschlingen. Auch zeitliche Vorstellungen für die Verwirklichung gibt es bereits: "Der früheste Zeitpunkt wäre 2004", so Jeanne-Claude, "und wir brauchen mindestens einen Winter vorher, um die Anker für die Tore entlang der Spazierwege zu installieren." Selbst die Jahreszeit ist festgelegt: "The Gates ist ein Herbst-Projekt", sagt Christo, "wenn die Blätter gefallen sind, kann man die Tore durch die kahlen Bäume sehen. Wir brauchen das Grau des Herbstes. Mit dem safrangelben Stoff bringen wir den Sonnenschein in den Park zurück."

Internet: www.christojeanneclaude.net und www.christojeanneclaude.de

Bildunterschrift: Sollen bis Ende Juli verkauft sein: Zeichnungen und Relikte zur Reichstagsverhüllung 1995 / Scheiterte bislang am Widerstand der Gegner: die Beflaggung des New Yorker Central Park / "New York braucht Besucher": Christo und Jeanne-Claude /