Ausgabe: 06 / 2000
Seite: 130
Aus Hingabe erwächst Glück
Von
Burt Chernow: X-TO + J-C. Christo und Jeanne-Claude. Epilog von Wolfgang Volz. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 496 Seiten, 28 farbige und 55 schwarzweiße Abbildungen. 54 Mark
Als der verhüllte Reichstag im Sommer 1995 zum ersten Mal ins rotgoldene Licht der Abendsonne tauchte, da fiel ein Schimmer auch auf das Künstlerpaar: Spätestens jetzt, nach weltumspannenden Projekten in London und Paris, in Japan und Kalifornien waren Christo und Jeanne-Claude eine Legende. Wieder einmal hatten die beiden New Yorker vorgelebt, wie aus Wünschen Tatkraft erwächst und aus Hingabe und Treue wahres, irdisches Glück.
Es war ein Märchen des ausgehenden Jahrhunderts, das Traumbild einer großen Liebe, die allen Widrigkeiten standhält - und jeder, der noch Zweifel hatte, durfte ein Stück vom silbern glänzenden Stoff mit nach Hause nehmen. Hunderttausende kamen nach Berlin, das Schauspiel zu bestaunen, und Hunderttausende empfanden eine Freude und eine Erleichterung, als hätten auch sie Anteil an dem Sieg über Alltag, Griesgram und graue Wolken.
Solche Momente reiner Schönheit und reinen Glücks gehören zum Werk der Künstler, sie sind ihr erklärtes Ziel - und die Doppel-Biografie zum 65. Geburtstag der beiden trägt dem Rechnung. Die Entstehungsgeschichte aller Projekte von der ersten verhüllten Farbdose 1958 bis zur Installation "The Wall" aus 13 000 leeren Ölfässern im Gasometer Oberhausen (1999) wird erzählt, neben alledem aber erfährt der Leser von zweien, die am selben Tag, dem 13. Juni 1935, geboren wurden und die, obwohl sie weite Wege (und manchen Umweg) gehen mussten, doch füreinander gemacht schienen: der Flüchtling aus Bulgarien, der sich zitternd vor Kälte in einem Güterwagen versteckte, und das verwöhnte Gör aus der Pariser Gesellschaft, das aus lauter Langeweile den Falschen heiratete.
Das alles ist saftiger Lesestoff - und wer zögert, sich über die Biografie zweier Künstler ihrem Werk zu nähern, dem gibt Christo selbst, als er sich an seine mazedonischen Großeltern und die politischen Unruhen seiner Jugend erinnert, die Legitimation dazu: "Ich glaube, dass alles, was ich bin, von dort stammt."
Bildunterschrift: Christo und Jeanne-Claude, 1995 /
