Ausgabe: 09 / 2001
Seite: 92

Durch Verhüllung sichtbar machen

Von Katrin Wittneven

BERLIN: CHRISTO UND JEANNE-CLAUDE / Im Gropius-Bau und im Neuen Berliner Kunstverein werden die Anfänge des Künstlerpaares, die Reichstagsverhüllung und noch nicht realisierte Projekte dokumentiert

Fragten Demoskopen auf der Straße nach dem beeindruckendsten Kunstwerk der neunziger Jahre, so würden unzählige Passanten wohl den verhüllten Reichstag von Christo und Jeanne-Claude nennen. Fünf Millionen Menschen besuchten das historische Gebäude 1995, als es für zwei Wochen hinter 100000 Quadratmetern silbernen Stoffs verschwunden war. Die internationale Kunstkritik jedoch warf dem Spektakel schon mal Effekthascherei vor, bezeichnete es als Materialschlacht, mancher hielt es für viel zu schön.

Christos frühe Werke dagegen bleiben von solchen Angriffen verschont. Sie integrierten alltägliche Dinge wie Stühle, Bücher, Konservendosen, Ölfässer, Schubkarren oder Koffer, mit Folie und Seilen verschnürt, in die Kunstproduktion und bewegten sich damit jenseits des gängigen Skulpturbegriffs. 348 dieser zwischen 1958 und 1969 entstandenen Werke vereint nun eine Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau - Arbeiten aus Privatsammlungen und Museen in aller Welt. Die Organisation der Ausstellung hat das Künstlerpaar weitgehend selbst in die Hand genommen.

Von den legendären Groß-Projekten sind Entwürfe und Zeichnungen zu sehen. Von Installationen selbst bleiben - anders als bei den frühen Objekten - nur Fotos, Filme und die Erinnerung. "Niemand kann diese Werke kaufen, niemand kann sie besitzen, niemand kann Gewinn aus ihnen schlagen, niemand kann Eintrittsgeld dafür verlangen", sagt Christo.

Diese Unabhängigkeit hat sich der 1935 in Bulgarien geborene Christo Vladimiroff Javacheff im Laufe seiner Karriere erarbeitet. 1956 entflieht er dem Ostblock und erreicht - nach zwei Jahren in Wien und Genf - 1958 Paris. Er legt seinen Nachnamen ab und finanziert seinen Lebensunterhalt zunächst mit Porträts der feinen Gesellschaft. Dabei lernt er die Tochter des französischen Generals de Guillebon kennen: Jeanne-Claude. Es war die Begegnung zweier Menschen, die sich in ihren Visionen, ihrem Kunstverständnis und einer außerordentlichen Geschäftstüchtigkeit so ergänzten, dass der weltweite Erfolg des einen ohne die andere nicht denkbar wäre. In Köln baut das Paar 1961 die erste größere temporäre Außeninstallation "Hafenverpackungen" und "Gestapelte Ölfässer". 1964 zieht die Familie mit Sohn Cyril nach New York. Hier entstehen die legendären "Ladenfronten" - Schaufenster, die Christo in Skulpturen verwandelt, indem er sie mit Stoff oder Papier verkleidet. Die Präsentation der 15 Objekte, die eine Vorstufe der späteren architektonischen Arbeiten bilden, gehört zu den Höhepunkten der Ausstellung im Gropius-Bau.

1969 realisieren Christo und Jeanne-Claude das erste Großprojekt, die "Verhüllte Küste" an der Little Bay bei Sydney. Viele beeindruckende Aktionen folgen: der 39 Kilometer lange "Laufende Zaun" in Kalifornien, "Der verhüllte Pont Neuf" in Paris und schließlich der "Verhüllte Reichstag". Die Diskussion um die Verhüllung dokumentiert eine zweite Ausstellung, ebenfalls im Gropius-Bau.

Zwei noch nicht realisierte Projekte stellt der Neue Berliner Kunstverein vor: "Über dem Fluss", eine 10,7 Kilometer lange Strecke von Stoffdächern über dem Arkansas River, Colorado, wird frühestens im Sommer 2004 umgesetzt. Noch keinen Termin gibt es für das seit 1980 geplante Projekt "Die Tore" - Christo und Jeanne-Claude wollen im New Yorker Central Park 11000 mit safranfarbenen Stoffbahnen behängte Rahmen aufstellen.

Termin: 9. September bis 30. Dezember. Katalog: "Works in Progress", zwei Bände in einer Box, Verlag Guy Pieters, 40 Mark. "Early Works", 39,95 Mark und "Verhüllter Reichstag", 29,95 Mark, beide Verlag Taschen

Bildunterschrift: Heute eine begehrte Rarität: "Ladenfront" (235 x 220 cm, 1964) aus Holz, Metall, Lackfarbe, Kunststoff, Stoff und Papier / Christo und Jeanne-Claude: Collage zu "Über dem Fluss - Projekt für den Arkansas River, Staat Colorado" (43 x 56 cm, 2000) - es wird frühestens 2004 realisiert / "Verpackung auf einer Schubkarre", 1963 / Beeindruckendstes Kunstwerk der neunziger Jahre: Der verhüllte Berliner Reichstag lockte 1995 fünf Millionen Besucher an /