Ausgabe: 01 / 1999
Seite: 8-10

Im Kunstwald tanzt die Sonne auf den Bäumen

Von Gerhard Mack Wolfgang Volz

Das Reichstagsprojekt vor drei Jahren war ein Höhepunkt ihrer Karriere - doch es geht weiter: In Riehen bei Basel verhüllte das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude 178 Bäume. Der Berowerpark um das Museum der Fondation Beyeler wurde zu einem Natur-Kunstwerk voller Zauber und Schönheit

Wenn die Sonne hinter den men stand schimmerte der blaue Himmel durch den Stoff. Hatte der Betrachter jedoch das Licht im Rücken, so verdichteten sich die Baumkronen im Park der Fondation Beyeler zu mächtigen, massiven Volumen: dunkelbraune Seile gaben ihnen eigenwillige Konturen. Bald türmten sie sich wie Felsen gegen den Himmel, dann schwebten sie wie Ballons über den Stämmen.

Jeder Baum erhielt seine eigene Mütze, maßgeschneidert in einem deutschen Betrieb, verschlossen mit Reißverschlüssen. 55000 Quadratmeter Stoff wurden verarbeitet, 23 Kilometer Seil verschnürt. Am Sonntag nach der Vernissage wurde vor mehr als 20000 Kunstfreunden und bei klirrender Kälte der 178. und letzte Baum verhüllt.

Christo und Jeanne-Claude hatten die Idee für das Polyester-Material aus Japan mitgebracht. Dort kleiden Gärtner im Herbst damit kostbare Bäume ein, damit der Schnee keine Zweige bricht. Licht und Luft dringen durch den feinen Stoff. Das Künstlerpaar hatte überdies die kalte Jahreszeit für seine Aktion gewählt, weil dann die Bäume im Winterschlaf sind. Die städtischen Grünpfleger waren von so viel Umsicht beeindruckt. Der World Wildlife Fund und Greenpeace hatten ihre Zelte aufgeschlagen. Hier konnten sich die Besucher verpflegen. Die Baumverhüllung rechnete mit dem Betrachter als Flaneur. Und tatsächlich: fast jeder Spaziergänger war mit Fotoapparat oder Videokamera bestückt. "Wir sind glücklich darüber, daß wir warten mußten, bis wir Bäume verhüllen konnten" wiederholte .leanne-Claude bei den vielen Interviews, zu denen sich das Künstlerpaar bereitfand immer wieder. "Hier in Riehen", ergänzte Christo, "entfaltet sich die Arbeit im Raum." Erste Ideen für die Verhüllung von Bäumen gehen in die sechziger .Jahre zurück. Für eine Ausstellung im Van Abbe Museum in Eindhoven wurde 1966 ein einzelner Baum verhüllt. Drei .Jahre später wurden für einen Sammler in Sydney zwei liegende Bäume verpackt. Versuche am lebenden Objekt scheiterten jedoch immer wieder an Einsprachen: 1966 in Missouri, 1968 heim Museum of Modern Art in New York das um seinen Skulpturengarten fürchtete, und 1969 in Paris. Damals verhinderte der Stadtpräfekt Maurice Papon, daß die 330 Alleebäume zu beiden Seiten der Champs-Elysees in Stoff gepackt wurden.

Das Projekt und seine Geschichte sind in einer retrospektiv angelegten Ausstellung der Galerie Beyeler in Basel dokumentiert. Dort belegen die Verpackungsobjekte aus den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren auch, wie sehr die großen Verhüllungsprojekte von der Kunsthalle Bern 1968 über den Pont-Neuf in Paris 1985 bis zum Reichstag in Berlin 1995 im Klima der fünfziger Jahre wurzeln. Christos Kunst der Verpackung reagiert auf die Objektbegeisterung des Nouveau Réalisme und versucht, gegen den Kult des Banalen die Verlockungen des Geheimnisses zu inszenieren. Das war in den sechziger Jahren noch ein Schock, in den ersten Dezemberwochen wurde daraus ein Schönheitserlebnis für Hunderttausende.

So lustwandelten die Besucher ganz unentgeltlich, im Berowerpark von Riehen in einer einzigartigen skulpturalen Landschaft auf Zeit. Die meisten kamen anschließend ins Museum der Fondation Beyeler, wo die Künstler-Kollegen sich des Themas Baum angenommen haben. Eine "Magie der Bäume", so der Ausstellungstitel, ist zwarnichtunbedingt zu entdecken, aber auf 120 Kunstwerken - von Caspar David Friedrichs "Eichbaum im Schnee" (1829) bis zu Wolfgang Laibs Blütenstaubfeld ( 1998) zeigt sich alles, was Baum ist, in Hochform. Die erstrangigen Werke aus aller Welt sprechen für sich. Wer wollte da nach einem Konzept fragen'? Gerhard Mack Die ursprünglich his rum 24. Januar vorgesehene Verhüllungs-Aktion wurde am 14. Dezember abgebrochen. Katalog ("Wrapped Trees: Das Projektbuch") im Benedikt Taschen Verlag, Preis: 29,95 Mark (limitierte, signierte Sonderausgabe mit Originalstoffstück und -foto 500 Mark). Ausstellung in der Fondation [Text nicht OCR-lesbar]