Ausgabe: 05 / 1994
Seite: 73-77

Nach dem Jubel läuft jetzt der Countdown

Von Christian Trster

Mehr als zwei Jahrzehnte lang kämpfte der in New York lebende Verpackungskünstler Christo um seine Idee, Ende Februar hat der Bundestag mit 292 gegen 223 Stimmen entschieden: Bevor der Umbau des Reichstags beginnt und die Parlamentarier aus Bonn nach Berlin ziehen, darf Christo das traditionsreiche Gebäude im Frühsommer 1995 für zwei Wochen verhüllen

Richtig groß findet der Künstler sein Projekt eigentlich nicht.Schließlich, so betont Christo, hätten Menschen schon viel gigantischere Dinge errichtet als er etwa Autobahnen oder Wolkenkratzer.Dennoch, nachdem der Exilbulgare mit Wohnsitz in New York 22 Jahre lang für die Verhüllung des Reichstags gekämpft hat und darüber ein halbes Dutzend Bundestagspräsidenten hat kommen und gehen sehen, nachdem er politische Strukturen erkundet und mit 350 Abgeordneten persönlich gesprochen hat, steht ihm die schwerste Aufgabe erst noch bevor.Die langgehegte Idee muß jetzt umgesetzt werden - ein Unterfangen, das in seiner Komplexität tatsächlich eher an den Bau eines Hochhauses erinnert als an die Produktion eines Kunstwerks.

An kaum einem Gebäude in Deutschland wird Geschichte so beispielhaft sichtbar wie am Berliner Reichstag.Vor 100 Jahren, am 5.Dezember 1894, wurde der Bau des Architekten Paul Wallot eingeweiht.Den Grundstein hatte der Reichskanzler Otto von Bismarck zehn Jahre zuvor gelegt, Philipp Scheidemann rief hier 1918 die Republik aus.Erst danach war der Reichstag Sitz eines demokratisch gewählten Parlaments, das als oberster Souverän das deutsche Volk repräsentierte - nur 15 Jahre lang, dann diente der Reichstagsbrand vom 27.Februar 1933 Adolf Hitler als Vorwand, die Demokratie abzuschaffen.Eine große Zahl oppositioneller Politiker und Intellektueller wurde verhaftet. Die Ruine blieb zwölf Jahre lang weitgehend ungenutzt.Dennoch stieß die Rote Armee 1945 gerade hier auferbitterten Widerstand und mußte das Gebäude Stockwerk um Stockwerk freikämpfen.Das berühmte Foto vom Hissen der sowjetischen Fahne auf dem Dach ging um die Welt. Nach der Teilung der Stadt verlief die Sektorengrenze durch das Gebäude hindurch. 28 Meter der Ostfassade, obwohl westlich der Mauer gelegen, gehörten zu Ost-Berlin.Das verhinderte nicht, daß der Reichstag nach Wiederaufbau und Modernisierung für eine Vielzahl von Tagungen und Sitzungen sowohl bundesdeutscher als auch europäischer Gremien genutzt wurde.Die dort installierte Dauerausstellung "Fragen an die deutsche Geschichte" zog mehr als zehn Millionen Besucher an. Die gläserne Kuppel, einst das markanteste Element des Baus, war schon vor der Hinweihung Stein des Anstoßes.Kaiser Wilhelm II, mißfiel, daß sie sein Stadtschloß überragen würde.Er zwang den Architekten, die Pläne zu ändern.Auch heute wieder ist die Kuppel Thema erbittert geführter Diskussionen und der Grund dafür, daß ein genauer Termin für Christos Verhüllung noch nicht feststeht: Drei Monate nachdem er einen internationalen Architektenwettbewerb zur Neugestaltung des Reichstags gewonnen hatte, wurde der Londoner Baumeister Sir Norman Foster aufgefordert, seinen Entwurf, der ein in 50 Meter Höhe über dem gesamten Parlamentsgebäude schwebendes Glasdach vorsah, zu überarbeiten und einen neuen Plan vorzulegen - ohne freischwebendes Dach, aber mit Kuppel. Der Umbau also wird mit ziemlicher Sicherheit nicht, wie ursprünglich vorgesehen, im Mai 1995 beginnen.Dem wartenden Christo kommt diese Verzögerung entgegen: Sie bringt ihm mehr Zeit, seine Planung auszuarbeiten, außerdem steigen die Chancen, daß während der Verhüllung gutes Wetter herrscht.Wenn also an einem Montag Mitte kommenden Jahres in einer fünftägigen Prozedur 100 000 Quadratmeter Polypropylen-Folie vom Dach des Reichstages herabgelassen werden und für zwei Wochen der Hindruck eines zeitlupenhaften Wasserfalls entsteht, der an allen vier Seiten des Gebäudes gleichzeitig herabfließt, dann wird kaum ein Betrachter erkennen, welche Überzeugungsarbeit geleistet werden mußte und welcher Aufwand nötig war, um dieses Kunstwerk in Szene zu setzen. Hinter dem Reichstag-Projekt steht ein finanzielles und organisatorisches Imperium, das mit modernsten Mitteln arbeitet - und sich dennoch dem Kunstwerk vollständig unterordnet.Wie schon 1983 bei den "Surrounded Islands" vor der Küste Floridas (ART 7/ 1983), 1985 bei der Verhüllung des Pont-Neuf in Paris (ART 11 / 1985) und 1991 bei den "Umbrellas" in Japan und Kalifornien (ART 11 / 1991 ), wird Christo auch für Berlin eine eigene Gesellschaft gründen. Das Management übernehmen der Düsseldorfer Fotograf Wolfgang Volz, 46, und der Bauträger Roland Specker, 56.Volz dokumentiert seit mehr als 20 Jahren die Werke Christos.Hr ist in dieser Zeit nicht nur zum Freund des Künstlers geworden, sondern hat sich, da bei allen Projekten anwesend, profundes Wissen über deren technische Durchführung angeeignet.Roland Specker, Bauträger im Unruhestand und beim "Wrapped Reichstag" für die Finanzen zuständig, ist über den Verein "Berliner für den Reichstag e.V" zu dieser Aufgabe gekommen.Den Verein hatte er 1986 gegründet - nicht als Unterstützung für den Künstler, sondern um das triste Gebäude wieder einer sinnvollen Verwendung zuzuführen.Christos Projekt war für Specker zunächst nur Mittel zum Zweck, doch bald konnte sich der Bauträger der Faszination des Kunstwerks nicht mehr entziehen - auch er wurde zum Mitstreiter und Freund.Den Verein wird er nach der Verhüllung auflösen. Bis dahin ist viel zu tun.Zur Zeit steht noch nicht einmal fest, ob Christo für das Projekt eine GmbH gründet oder ob er bloß eine Zweigstelle seiner schon lange existierenden "Wrapped Reichstag Corp." in Berlin ansiedelt.Hs ist diese zu gründende Firma, die mit der Bundestagsverwaltung die Verträge schließen, die Hilfskräfte anheuern, das Material ordern und die Aufträge vergeben soll. Wirtschaftlich betrachtet ist die Verhüllung des Reichstags ohnehin ein Verlustgeschäft, das dem einst erfolgreichen Unternehmer Specker die Tränen in die Augen treiben müßte: Zehn Millionen Mark Ausgaben stehen null Einnahmen gegenüber.Die zehn Millionen stammen ausschließlich aus dem Verkauf von Christos Zeichnungen, Collagen und Druckgrafiken.Auf alle weiteren Hinnahmequellen - und das wären angesichts der zu erwartenden weltweiten Aufmerksamkeit nicht wenige - verzichtet der Künstler.Christo will umjeden Preis unabhängig bleiben, will seine Kunst nicht anders als künstlerisch rechtfertigen müssen und seine Zeitpläne nicht an die Wünsche von Sponsoren anpassen.Die aber stehen seit der Entscheidung des Bundestages Schlange.Der Chemiekonzern BASF bot an, das Rohmaterial für den Stoffunentgeltlich beizusteuern, der Axel Springer Verlag ließ anfragen, wie teuer es wäre, das Logo der Bildzeitung am verhüllten Gebäude anzubringen. Aber der Künstler hat, wie immer, alle Angebote dankend abgelehnt.Hr nimmt keinen Hintritt, und er verkauft auch keine Fernsehrechte.Den verhüllten Reichstag hat er urheberrechtlich schützen lassen, nicht um damit Geschäfte zu machen, sondern um eine unangemessene Trivialisierung durch Kitsch und Souvenirs zu verhindern.Wenn Christo doch einmal Rechte vergibt, wie beim Pont-Neuf an einen befreundeten Unternehmer, der T-Shirts bedruckte, dann nur unter einer besonderen Auflage: Der Lizenznehmer muß auf jedem Produkt deutlich machen, daß die Erlöse nicht an Christo gehen. Bei soviel Konsequenz will Roland Specker - und da hat er Christos geschäftstüchtige Frau Jeanne-Claude als Verbündete - wenigstens dafür sorgen, daß die in Deutschland getätigten Ausgaben in den USA steuerlich geltend gemacht werden können.Allein von dieser Frage hängt ab, welche Gesellschaftsform für die "Wrapped Reichstag Corp." in Deutschland gewählt wird.Denn Christo ist nicht reich,jedes seiner Großvorhaben treibt ihn an den Rand des Ruins."Hier werden Millionen ausgeschlagen", stöhnt Specker, "das glaubt einem keiner!" und zitiert Christos Frau Jeanne-Claude : "Alle unsere Projekte kosten gleich viel: alles, was wir haben, und alles, was wir uns leihen können."Bei den 3100 gelben und blauen Schirmen, die 1991 zeitgleich in Japan und Kalifornien geöffnet wurden, waren das am Ende 26 Millionen Dollar, sechs mehr, als geplant. Bei solchen Beträgen nützt es nicht viel, daß Christos Arbeiten am Kunstmarkt hohe Preise erzielen.Eine zweiteilige Collage zum "Wrapped Reichstag" im Format von insgesamt 85 mal 7l Zentimeter wurde 1991 im Berliner Auktionshaus Villa Griesebach für 110000 Mark versteigert.Gut ein Jahr später, die Krise des Kunstmarkts ist auch an Christo nicht spurlos vorübergegangen, erbrachte eine vergleichbare Arbeit bei Christie 's in London nur rund 44000 Mark.Immerhin: Jetzt rechnen die Experten damit, daß die Realisierung des Berliner Projekts auch die Nachfrage nach den Arbeiten in die Höhe treiben wird; Jeanne-Claude hat die Preise bereits leicht angehoben.Rund 300 Zeichnungen und Collagen sowie zahlreiche Druckgrafiken zum Reichstag gibt es inzwischen, etwa 50 will Christo noch anfertigen.Abgeschlossen ist die Werkgruppe an dem Tag, an dem der Stoff an den Fassaden des Parlamentsgebäudes herabgelassen wird. Die technischen Pläne dafür sind bereits zehn Jahre alt, denn schon 1984/85 schien der Erfolg einmal in greifbare Nähe gerückt.Gemeinsam mit amerikanischen Ingenieuren machte Christo sich damals daran, konstruktionstechnische Modelle und Methoden auszuklügeln.Sie sind die Basis für alle heutigen Planungen. Daß beim Reichstag, anders als bei anderen Projekten, von oben aus gearbeitet wird, liegt an der Geschichte und der besonderen Lage des Gebäudes.Als Christo sich an die Planung machte, gehörten die 28 Meter der Ostfassade noch zu Ost-Berlin, und es war denkbar unwahrscheinlich, daß die DDR dem Amerikaner eine Genehmigung erteilen würde, auf ihrem Territorium die notwendigen Seilzüge zu installieren.Also entschied sich der Künstler dafür, ein Gerüst auf dem Dach zu installieren, das als Arbeitsplattform fungiert, das Dach verstärkt und zugleich dazu dient, die Stoffbahnen daran zu befestigen. Auf einem solchen Gerüst also werden im kommenden Frühjahr 25 Bahnen eines schwer entflammbaren Polypropylen-Gewebes von einem Kran abgelegt, von dort aus werden sie am Tag X mittels Flaschenzügen sowohl nach außen als auch in die Innenhöfe herabgelassen. Nichts haben die Organisatoren unbedacht gelassen, sowohl der Stoff als auch die Fassade sind für das Ereignis sorgfältig vorbereitet.Mindestens 150 Bergsteiger hangeln sich zusammen mit dem Stoff hinab, unterstützt von sogenannten Baumchirurgen, deren Job es normalerweise ist, hoch oben in den Baumkronen morsche und kranke Äste zu stutzen.Sie alle verknüpfen die Bahnen an ihren Rändern miteinander -Ösen sind vorgestanzt - und sorgen zugleich dafür, daß nie größere Flächen des Stoffes frei hängen.Zu groß wäre die Gefahr, daß der Wind dahintergreifen und die Stoffmassen unkontrollierbar machen könnte. Das Gewebe aus Polypropylen hat gegenüber Naturmaterialien den Vorteil, daß es kein Wasser aufnimmt.Wäre der Reichstag in Jute gehüllt, die Konstruktion würde bei Regenwetter unter der Last des nassen Gewebes einstürzen. Um der Kunstfaserhülle einen silbrigen Glanz zu verleihen, wird sie mit einer hauchdünnen Schicht Aluminium bedampft.Mit dem Stoff werden auch schon die Seile, die später für die Christo-typische Verschnürung sorgen, aufs Dach gehoben.Bereits am Boden sind sie durch Schlaufen an der Außenseite gezogen worden, später müssen sie nur noch miteinander verknüpft und strammgezogen werden. Auf der Rückseite des Gewebes befinden sich Gurte, mit denen es die Bergsteiger und andere Helfer an einer Unterkonstruktion festzurren.Damit das Gebäude nicht durch die dafür notwendigen Gerüste beschädigt wird, setzt Christo gummigepolsterte Teleskopstangen ein, die vorher von Gerüstbauern in den Fensterhöhlungen verkeilt werden.Fassadenschmuck wie Statuen und Vasen werden durch extra angefertigte Metallkäfige geschützt, die aber die Silhouette der darunter verborgenen Figur erkennbar lassen. Auch an den Umweltschutz haben die Planer gedacht.Nachdem Kritik an der Verwendung von Kunststoff lautgeworden war, holten Wolfgang Volz und der Publizist Michael S.Cullen, Christos dritter wichtiger Mitstreiter in Deutschland, ein Gutachten des Umweltbundesamtes ein.Das Ergebnis : Die von Christo benötigten 60 Tonnen Polypropylen und zehn Kilogramm Aluminium spielen im Vergleich zu den in Deutschland produzierten und verbrauchten Mengen keine Rolle, die Anteile am Gesamtvolumen sind selbst in Promille kaum auszudrücken.Der Stoff ist zudem im Straßen- und Wasserbau oder zur Abdeckung von Mülldeponien wiederverwendbar.Von einer Regranulierung rät das Amt wegen des zu hohen Energieaufwandes ab. Ganz unten schließlich, am Fuß des Gebäudes, warten Betonklötze, aus denen Metallrohre aufragen.An ihnen wird das Gewebe abschließend befestigt, und zwar an der Rückseite, etwa 30 Zentimeter über dem Boden.Das letzte Ende der Stoffbahnen verdeckt die Betonklötze, es ist der einzige Teil des Stoffes, der frei fällt.Dennoch soll die ganze Verhüllung einen bewegten und lebendigen Hindruck vermitteln.Der Stoff könnte 14 Fußballfelder bedekken.Damit ist er fast doppelt so groß wie die Fassade des Reichstags.Die üppigen Falten, so ist es geplant, sollen frei im Wind schwingen. Bis dahin aber werden viele Kommissionen getagt und eine Menge Behörden sich eingeschaltet haben.Mit 500000 Besuchern rechnet die Berliner Tourismus AG und beruft sich dabei auf ihre Erfahrungen mit der 750-Jahr-Feier der Stadt.Wolfgang Volz weiß es auch nicht besser, verweist aber auf die etwa drei Millionen Besucher, die 1985 nach Paris gekommen waren, um den verhüllten Pont-Neuf zu sehen. Doch ob drei Millionen oder eine halbe, Imbißbuden und mobile Toiletten müssen aufgestellt.Verkehrsströme gelenkt und Feuer verhindert werden.Und dennoch weiß Christo: Der entscheidende Kampf, die Abstimmung im Parlament, ist bereits gewonnen; immer wieder betonen jetzt die beteiligten Behörden ihren guten Willen, und auch die Bundestagsverwaltung im Reichstag will eigentlich schon immer dafür gewesen sein. Christo aber kann das alles nicht mehr kümmern.Er wird, das ist sicher, seinem verpackten Reichstag zwei Wochen lang nicht von der Seite weichen. 600 Ordner patrouillieren dann Tag und Nacht um das Gebäude.Sie tragen nicht nur Informationsmaterial bei sich, sondern halten auch kleine Streifen des Polypropylen-Gewebes bereit - um zu verhindern, daß Souvenirjäger sich Stücke aus dem Kunstwerk schneiden.Christian Tröster Projekt erst richtig aktuel