Ausgabe: 03 / 1996
Seite: 82-87

Ohne Wolf macht Christo nichts

Von Frank Nicolaus Wolfgang Volz

FOTOS WOLFGANG VOLZ Künstler Christo (links) und sein Fotograf vom Dienst: Sie waren Hauptpersonen bei der großen Berliner Reichstagsverhüllung

Der Aktionskünstler Christo liebt Überrasehungen. Das wußte Wolfgang Volz, als er im Juni 993 heimlich, ohne Wissen des Meisters, den Berliner Reichstag verhüllte. Es war Arbeit eines Wochenendes: Volz schnitzte aus anderthalb Kilo luftgetrocknetem Bündnerfleisch ein Modell des historischen Gebäudes und verpackte das Werk faltenreich in silbergrauen Stof?. Ein Geburtstagsgeschenk für Christo. "Er hat sich sehr gefreut und sofort zu Messer und Gabel gegriffen", erinnert sich Volz.

Alle taten sich gütlich am Reichstagsbatzen : Christos Ehefrau Jeanne-Claude legte ihrem "Cherie" das größte Stück auf den Teller; und Volz sorgte dafür, daß auch er bei dem opulenten Schmaus nicht zu kurz kam. Ein Fest im engsten Kreis. Wolfgang Volz, 48, gehört seit über zwei Jahrzehnten dazu. Der Fotograf hat schon an sieben großen Projekten mitgearbeitet und die Kunst der Christos auf weit über 50000 Bildern "6ir die Ewigkeit festgehalten" (Volz). Bei der Reichstagsverhüllung in Berlin war er 1995 überdies für den logistischen und technischen Ablaufverantwortlich " " 18 Monate lang habe ich mich um jeden Kleinscheiß gekümmert." In jener Zeit saß er oft in Talk-Shows der TV-Anstalten, gab Pressekonferenzen, konferierte mit Politikern. So wurde er ein bißchen berühmt. Doch am 17. Juni 1995, am Tag der Verhüllungspremiere, trat Volz wieder in den Schatten des Meisters zurück. Kärrnerarbeit für die Kunst? "Warum denn nicht?" sagt Volz. "Ich gewinne dabei unendlich viel. Zum Beispiel immer wieder neue visuelle Erfahrungen." Reichtümer allerdings nicht. Die Urheberrechte an den Verhüllungsbildern bringen ihm in guten Jahren zwischen 50 000 und 80 000 Mark. In seinem zweiten Berufverdient er mehr: In den - immer kürzeren - Kunstpausen fbtografiert er für Zeitschriften wie "Geo" oder "Bild der Wissenschaft". Als Fotojournalist richtet er seine Kamera grundsätzlich nicht auf Kunst. Eine Treuepflicht gegenüber den Christo-Werken? "Nein. Die Christos sind auch in dieser Beziehung sehr tolerant." Er hat sich aufwissenschaftliche Themen spezialisiert: Von den monumentalen Verhüllungen wechselt er am liebsten in den Mikrokosmos - und enthüllt Phänomene, die für das menschliche Auge unsichtbar sind: etwa elektrische Spannungsfelder zwischen Gehirnzellen oder monoklonale Antikörper im Blut. Daß er neben seiner Arbeit 6ir das Künstlerpaar auch noch Karriere als Fotoj ournalist gemacht hat, verdankt er allein seinem Können. Denn mit dem Pfünd Christo kann er in diesem Beruf nicht wuchern. Manchmal fragen ihn Kollegen, warum er, der Vertraute des großen Verhüllers, überhaupt noch für Zeitschriften fbtografiere. Seine wohl-überlegte Antwort; "Weil es noch einen anderen Volz gibt: den Volz pur. Und diesen Volz pur will ich - bei aller Liebe zu den Christos - nicht aufgeben." Die Christos respektieren sein Doppelleben. Ein Loft in der Düsseldorfer Birkenstraße. Keine Villengegend. Im Hinterhof rostet Schrott, hinter einer Eisentür 6ihrt eine schmale Treppe in den zweiten Stock. Ein weißgetünchter Arbeitsraum. Regale mit Aktenordnern und Katalogen. Vor einem Glastisch steht ein verhülltes Sofa. "Ein verpacktes Sofa! " berichtigt Wolfgang Volz. "Denn dieses Werk stammt nicht von Christo, sondern von mir. Sie können beruhigt darauf Platz nehmen." Mitten im Raum sind fünf große Aluminiumkoffer aufgetürmt. Darin lagern 20000 Foto-Negative vom Reichstagsprojekt. 3000 Bilder haben die Christos bereits ausgesucht und mit nach New York genommen; in einem Buch über die Beriiner Verhüllung werden etwa 1000 Volz-Fotos erscheinen. Der Christo-Fotograf Volz arbeitet anders als der Fotojournalist Volz. "Von den unterschiedlichen ästhetischen Aspekten einmal abgesehen: Wenn ich die Projekte im Sucher habe, fühle ichjedesmal eine große Verantwortung der Nachwelt gegentiber." Das konveniert den Christos sehr. Projekt-Aufhahmen anderer Fotografen sind ihnen eher ein Ärgernis. Jüngst teilten sie sätntlichen deutschen Medien mit, daß auch bei Ver-öffentlichung solcher "fremden" Bilder eine Lizenzgebühr fällig sei, zahlbar an Volz. Der Besitzer der Urheberrechte versichert: "Es geht dabei weniger um das Geld als um die Exklusivität." Da Volz auch für das organisatorische Prozedere zuständig ist, kann er die Christo-Kunst nicht mehr als Solist dokumentieren. So engagierte er für die Reichstagsverhüllung sechs Kollegen, die in Christos Namen fotografierten. Bei dem Projekt "The Umbrellas" ( 1984 bis 1991), das auf zwei Kontinente verteilt war, hatte er sogar zwölf Assistenten. Werden Aufhahmen der Mitarbeiter veröffentlicht, wird der jeweilige Name im Fotovermerk genannt. Das Copyright hatjedoch der Christo-Clan. Man sorgt füreinander. "Ohne diese Gewißheit könnte ich dieses Leben gar nicht führen", sagt Volz. Gab es überhaupt ein Leben vor Christo? "Klar. Aber irgendwie führte es ziemlich geradlinig auf Christo zu." Wolfgang Volz wird 1948 in Tuttlingen geboren, wächst im baden-württembergischen Ravensburg auf. Sein Vater, ein Pharma-Vertreter, ist selten zu Hause; die Mutter erzieht ihre drei Kinder milde und musisch. In allen Banden will derjunge Volz stets Häuptling sein. Es sei denn, ein Rivale kann wirklich mehr. Dann springt Volz für ihn auch schon mal durchs Feuer, bei den Pfadfindern beipielsweise. Nach dem Abitur nimmt er sich ein Jahr frei, singt in einer Folkrock-Band, spielt Baß und Gitarre. "Ich habe ein ausgeprägtes Bedürfnis, in vollem Licht ganz vorne an der Rampe zu stehen. Möglicherweise spielt dabei meine eher kleine Stator eine Rolle." 1968 beginat er in Stuttgart ein Architekturstodium, bricht es aber nach einem Semester wieder ab. "Ein Schlüsselerlebnis in meinem Leben: Ich sah, wie ein Fotograf in einer Dunkelkammer ein Blatt Papier in eine Schale mit Flüssigkeit legte. Und dann erschien plötzlich ein Bild auf der weißen Fläche. Das war für mich absolute Magie!" Volz will Fotograf werden. Er kauft eine Minolta, belichtet zwei Kleinbildfilme und bewirbt sich mit den Fotos bei der Staatlichen Lehranstalt für Fotografie in München und bei der Folkwangschule in Essen. Beide Institute wollen ilm auihehmen. Volz entscheidet sich für Essen. Wenige Wochen nach seinem Dunkelkammer-Erlebnis fotografiert er auf der documenta 4 (1968) in Kassel zum ersten Mal ein Christo-Werk: eine 85 Meter hohe, mit Luft gefüllte Wurst, die wie ein gigantischer Phallus in den Himmel ragt. "Ich war beeindruckt, aber noch nicht hingerissen." Im Frühjahr 1971 fährt der Student zum Museum Haus Lange in Krefeld. Dort gibt Christo eine Pressekonferenz zu seinem Projekt "Verhüllte Fußböden und Fenster". Volz kann den Künstler zu einer Porträtfoto- Serie überreden. Einige Wochen danach betritt Volz ein Apartmenthaus im New Yorker Stadtteil SoHo. Er will die Porträtfotos persönlich vorlegen. Christo ist unterwegs; Jeanne-Claude findet die Bilder "ganz lustig", lädt den Deutschen zu einem Vernissagen-Trip ein. Zurück in Essen. Volz resümiert: Das war's wohl. Doch dann bekommt er im Dezember 1971 einen transatlantischen Anruf. Christo speaking. Er fragt, ob "dear Wolfgang" ihn auf der documenta 5 vertreten wolle. Wolfgang will. Im Sommer 1972 teilt Volz sich mit Ioseph Beuys einen Raum im Kasseler Museum Fridericianum. Er ist Christos Repräsentant. Mit aktuellen Fotos informiert er die documenta-Besucher über das "Valley Curtain"-Projekt in Colorado. Die Zusammenarbeit beginnt. Volz ist selig. Jedoch mit Vorbehalt. Gleich am Anfang macht er den Christos klar:"Ich will auch selber in Colorado fotografieren." Er darf. In der Schlucht am Highway 325 trifft er seine Konkurrenz, Christos damalige Leibfotografen Janos Kender und Harry Shunk. Beide unterstützen den Newcomer. Und der Zufall hilft auch: Kender und Shunk geraten in Streit und reichen ihren Abschied ein. Im Frühjahr 1973 ernennen Christo und Jeanne-Claude Wolfgang Volz, damals 25, zu ihrem Projektfotografen. Zunächst geht alles nach Wunsch. Volz schließt sein Folkwang-Studium mit der Examensnote 1 "9 ab, organisiert mehrere Christo-Ausstellungen. 1975 reist ermit dem Künstlerpaar einen Sommer lang durch Kalifornien und bereitet mit ihnen das Projekt "Running Fence" vor. Ein Jahr später "läuft" der 39,5 Kilometer lange Zaun. Volz soll fotografieren. Er kommt - und erlebt "eine Art Liebesentzug". Die Christos haben noch einen zweiten Fotografen engagiert: den Italiener Gianfranco Gorgoni. "Wir waren uns sofort spinnefeind und kämpften aggressiv um Platz und Sieg." Im Hotelzimmer von Jeanne-Claude und Christo findet schließlich ein Showdown statt. Gorgoni bekommt den größeren Teil der "Running Fence"-Publikation zugesprochen; Volz darf dafür die Ausstellung zum Projekt einrichten. "Christo und ich reisten mit der Ausstellung um die ganze Welt. Da entstand eine sehr intime Zusammenarbeit." So wird Wolfgang Volz endgültig der Dritte im Christo-Bunde. "Und sein ganz alleiniger Fotograf." Die Christos wissen, was sie an ihm haben: Jeanne-Claude lobt: "Wir schätzen ihn nicht nur als Fotografen. Er arbeitet an allen unseren Entscheidungsprozessen mit. Wenn wir mit Politikern verhandeln müssen, wirkt sein diplomatisches Geschick Wunder." Auch Volz weiß, was sie an ihm haben. "Es stimmt: Das Reichstagsprojekt hing unter anderem auch von meinem Verhandlungstalent ab. Ich habe beispielsweise 352 Bundestagsabgeordnete aufgesucht." Begleitet wurde er auf dieser politischen Parforce-Tour von seiner Frau Sylvia. 1988 haben sie geheiratet. Auf den Hügeln von Grapevine in Kalifornien, wo drei Jahre später die gelben Schirme des "Umbrellas"-Projekts standen. Ihre Trauzeugen: Christo und Jeanne-Claude. "Wir sind eine große Familie", sagt Volz. Als Fesseln hat Volz die engen Familienbande noch nie empinnden. Sie können ihm nicht eng genug sein. Und wenn sich die Christos eines Tages von ihm trennen würden? "Das wäre thrchtbar." Gibt es ein Leben nach Christo? "Ja. Zumindest für Volz pur." Auszelchnung; Für seine Dokumentation der Reichstagsverhüllung wurde Volz jetzt vom International Center of Photography in New York mit dem "Annual Infinity Award" (1995) geehrt.