Ausgabe: 04 / 2007
Seite: 22-31
Künstler auf der Flucht
Von Kito Nedo
Seine lakonischen Graffiti werden aus den Wänden gerissen oder bei Sotheby's versteigert - doch Banksy pflegt noch immer den Mythos des anonymen Sprayers und Rebellen. Porträt eines Phantoms
Dreißig Tage Gefängnis und 250 Pfund Schadensersatz lautete das Urteil eines Londoner Gerichts für den 25- jährigen Literaturstudenten James Matt hews im Mai 2000. Was war geschehen? Überwachungskameras der Polizei hatten den jungen Mann dabei gefilmt, wie er in den Wirren der Demonstration am ersten Mai nach dem Erklimmen der Churchill-Statue auf dem Londoner Parliament Square ein längliches Rasenstück auf dem Kopf des großen Staatsmannes drapierte.
Sogleich sah der ehemalige Premier aus, als trüge er einen punkigen Irokesenhaarschnitt, einen "Turf Mohican", wie es später in der Presse hieß. Vor Gericht wurde klar: Bei derartigen Handlungen hört selbst im Mutterland des schwarzen Humors der Spaß auf. Er sei doch ein intelligenter Mensch, von dem man mehr Nüchternheit und Sensibilität verlangen könne, ließ der zuständige Richter den Verurteilten noch wissen, dann war die Verhandlung geschlossen.
Was das Gericht als Akt der Missachtung gegenüber einem Helden der Geschichte und Beleidigung der britischen Nation insgesamt verurteilte, ist für den englischen Graffitikünstler Banksy einfach nur ein gelungenes Kunstwerk. "Das war ein aufregendes Stück Vandalismus", sagt der Engländer, der seine wahre Identität sorgfältig geheim hält. In seiner ersten, "Turf War" betitelten Einzelausstellung vor vier Jahren in einem leerstehenden Lon doner Lagerhaus zeigte Banksy als Hommage an den "Turf Mohican" denn auch ein überlebensgroßes Schablonengraffiti mit Winston Churchill und Irokesenfrisur. Die Polizei besuchte die dreitägige Präsentation dann jedoch wegen einer Tierschützerin, die sich aus Protest in den Ausstellungsräumen festgekettet hatte. Als besonderen Gag hatte der Künstler lebende Kühe, Schafe und Schweine mit Graffiti besprüht und in der Show präsentiert. Als sie nicht wieder gehen wollte, wurde die Aktivistin von den Ausstellungsorganisatoren kurzerhand zum Teil der Installation erklärt.
Ein gefundenes Fressen für die Medien: Keine Londoner Zeitung ließ es sich nehmen, über die bunten Tiere in der Show und ihren phantomhaften Stylisten zu berichten, der seit etwa Mitte der neunziger Jahre die Häuserwände britischer Städte mit eigenartigen Schablonengraffitis beglückt: wild knutschende Bobbys, eine Mona Lisa mit Panzerfaust und allerlei renitentes Rattenvolk, das zuweilen im Stile von René Magrittes Melonenmännern mit Regenschirmen vom Mauerwerkshimmel segelt. Als Teil der internationalen Street-Art-Bewegung verwandelte er so die urbanen Räume in große Freiluftgalerien, in denen jede und jeder das Recht haben sollte, nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen zu forschen. Von dieser Künstlergeneration, die in den Neunzigern die Techniken der französischen Pochoir-Schule der frühen achtziger Jahre um Blekle Rat oder Miss Tic übernahm und weiterentwickelte, hat es Banksy bislang sicherlich zu größtem Ruhm gebracht. Vielleicht hängt die große Popularität des Künstlers auch mit seiner strikten Geheimhaltungspolitik zusammen:
Damals wie heute weiß niemand seinen tatsächlichen Namen, wie er wirklich aussieht, woher er kommt und wie er genau arbeitet. Je weniger sie über ihn wissen, desto begieriger sind die Medien jedoch nach neuen Informationen und lassen sich gern mit Bildern und Aktionen und diesem einen Pseudonym füttern: Banksy.
Andy Warhol habe da etwas durcheinander gebracht, erklärt das Phantom selbstbewusst: in Zukunft gehe es nicht um 15 Minuten Ruhm, sondern um 15 Minuten Anonymität. Er jedenfalls habe kein Interesse daran, jemals seine Identität zu enthüllen, sagt der Street-Art-Künstler - einerseits gäbe es aufgrund seiner nächtlichen Graffiti-Streifzüge noch offene Rechnungen mit der Polizei, andererseits würde es sicher ein paar 15- jährige Kids ziemlich verprellen, wenn herauskäme, wer er wirklich sei. In den Zeitungen hält sich unterdessen das hartnäckige Gerücht, dass es sich bei dem großen Unbekannten um einen Mann Anfang 30 aus der westenglischen Hafenstadt Bristol handelt, dessen Eltern denken, er arbeite als Maler oder Innendekorateur.
Der Popularität von Banksys Bildern hat die Heimlichtuerei jedenfalls nie geschadet. Das Jahr 2003 dürfte das Jahr gewesen sein, in dem seine Kunst endgültig den Geheimtipp-Status unter eingeweihten Fanzirkeln der Street- Art-Szene verlor und zum Mainstream- Phänomen avancierte. Es war das Jahr, in dem er unter anderem ein CD-Cover für die britische Rockband Blur gestaltete. Im Vereinig ten Königreich ist das kein gewöhnlicher Job, sondern man stellt sich damit bewusst in die lange Tradition der komplexen Allianz von Pop und Kunst, die seit den sechziger Jahren auf der Insel noch in jeder Dekade neu besiegelt wird. Am nächsten ist ihm hier sicherlich Jamie Reid, der Ende der siebziger Jahre verstörende Collagen für Cover und Plakate der britischen Punkband "The Sex Pistols" entwarf. Doch weil es naturgemäß ziemlich lange dauert, bis man als Künstler mit bunten Kühen, Plattencovern und Schablonengraffitis in die großen Museen Einzug hält, nahm Banksy seinen großen Durchbruch in die Museumslandschaft in die eigenen Hände. Nach dem Motto "Die Sachen sind gut genug, um dort zu hängen, warum sollte ich also warten?" bewaffnete sich der Aktivist mit Schnellkleber, schlich sich 2003 in die Tate Britain und ergänzte in einem unbeobachteten Augenblick die dortige Präsentation mit einem von ihm verfremdeten Flohmarkt-Ölgemälde.
So bereicherte er den Pariser Louvre im da rauf folgenden Jahr mit einer Mona Lisa mit Smiley-Gesicht und bestückte vor zwei Jahren auf einer Tour durch New York gleich vier große Museen: das MoMA, das Metropolitan Museum of Art, das Brooklyn Museum sowie das American Museum of Natural History mit frischer Kunst. Manchmal dauerte es nur ein paar Stunden, bis die eingeschmuggelten Exponate vom Museumspersonal entdeckt und entfernt wurden, manch mal dauerte es auch Tage.
Einmal passierte sogar das eigentlich Unmögliche: Ein Stück Mauer, dass Banksy mit einer Darstellung im Stil einer frühen Höhlenzeichnung mit Urmensch, Einkaufswagen und verwundetem Wild versehen hatte, gefiel der Verwaltung des Londoner British Museums so gut, dass die Arbeit Eingang in die ständige Sammlung fand.
Was mit den anderen abgenommen Werken geschah, ist nicht bekannt.
Es könnte allerdings sein, dass man nun im Lager des MoMA oder im Metropolitan diskret nach den einst verschmähten Schmuggelbildern sucht.
Denn seit einigen Monaten erzielen besprühte Leinwände und Siebdrucke mit Banksy-Motiven Rekordpreise auf Versteigerungen. Im letzten Herbst ging ein Grafitti-Gemälde eines Pärchens mit Taucherhelmen für knapp 100 000 Euro über den Tisch des Londoner Auktionshauses Bonhams, und erst im Februar übertraf das Bild "Bombing Middle England" bei Sotheby's in London mit 150 000 Euro selbst die kühnsten Erwartungen. Der Künstler kommentierte die Kunstmarkt-Banksymania in den Auktionshäusern auf die ihm eigene, coole Art und Weise.
Kurz nach der Versteigerung war auf seiner Webseite zu lesen: "Ich kann es kaum glauben, dass ihr Idioten das Zeug wirklich kauft." Literatur: Banksy: Wall and Piece. Publikat Verlag 2006; Tristan Manco: Stencil Graffiti. Thames & Hudson 2006. Internet: www.banksy.co.uk, www. artofthestate.co.uk/banksy
Banksy, der politische Kommentator: Er zeigt den Straßenkämpfer als Blumenkind (links), lässt in London eine Palastwache zum Anarchisten werden (oben rechts)
Gesprayte Leitartikel:
Das linke Bild zeigt sinngemäß "Amerikaner bei der Arbeit", rechts macht Banksy den Geldautomaten zum dämonischen Roboter
Knutschende Polizisten, pazifistische Soldaten, eine aufgesprayte Hotline zur Entfernung von Graffiti: Banksys Interventionen leben von inszenierten Widersprüchen - ein heiterer Clash der Bilder
Als Teil der internationalen Street- Art-Bewegung verwandelt Banksy den Stadtraum in eine Freiluftgalerie voller subversiver Botschaften
Die Ratte ist Banksys Symboltier geworden.
Seit jeher wird das Tier mit Dreck, Krankheiten und Unheil verbunden; der Sprayer treibt seine Scherze mit diesen Klischees
Niemand weiß Banksys echten Namen, wie er wirklich aussieht, wo er lebt und wie er heute arbeitet
Graffiti und Videokameras, übertragen in altmeisterliche Idyllen:
Banksy spielt gern mit Versatzstücken aus der Kunstgeschichte und bezieht sie ironisch auf die Gegenwart
Auf einem Flohmarkt fand Banksy dieses Landschaftsbild. Er malte Absperrungsbänder hinein und schmuggelte das Bild in die Tate Gallery (oben). Nach zweieinhalb Stunden fiel es von der Wand - der Kleber war schlecht
Banksy wandelt den berühmten Satz von Andy Warhol ab: In Zukunft gehe es nicht um 15 Minuten Ruhm, sondern um 15 Minuten Anonymität
Eine ganz besondere Käfer-Spezies dachte sich Banksy für das Museum of Natural History in New York aus: Der "Withus Oragainstus" ist mit Luftwaffen ausgestattet - eine Anspielung auf den amerikanischen Militarismus.
Zwölf Tage vergingen, bevor das Exponat von der Direktion abgehängt wurde
Banksys schönster Coup: Ins Londoner British Museum schmuggelte er das antike Werk des römischen Graffiti- Künstlers Banksymus Maximus ein. Erst nach acht Tagen fiel einem Besucher auf, dass es im Römischen Reich noch keine Einkaufswagen gab. Das Werk wurde in die permanente Sammlung übernommen
Manchmal dauert es nur Stunden, bis das Museumspersonal die eingeschmuggelten Bilder entdeckt, oft aber auch Tage
Eine typische Handbewegung: Angeblich steckt hinter dieser Maske Banksy
Der Soldat als Pazifist:
Im Brooklyn Museum sahen Besucher im Jahr 2005 für acht Tage das Bildnis eines Befehlshabers, der allerdings zum sprühenden Pazifisten mutiert war
