Ausgabe: 08 / 2001
Seite: 28-41
Elf Klassiker in neuer Eleganz
Von Peter M. Bode
Wohnhäuser und Villen sind die architektonischen Prachtstücke der Klassischen Moderne. In jüngster Vergangenheit wurden viele restauriert. Nun zeigen sie sich wieder in jener schlichten Strenge, für die sie berühmt waren
Die "Moderne Bewegung", das "Neue Bauen", die "Neue Sachlichkeit" - so benannten die Zeitgenossen jene revolutionäre Architektur im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts, die heute - im Rückblick - als "Klassische Moderne" gilt. Diese rationale, helle, glatte und streng geometrische Architektur wurde in Deutschland nicht nur von den "Heimat, Blut und Boden" liebenden Nationalsozialisten geschmäht und verleumdet; sie hatte auch später, in der linken Kulturkritik, keinen guten Stand.
Die berühmtesten ihrer Protagonisten wie Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius wurden pauschal verantwortlich gemacht für die monoton gerasterten Bürohochhäuser und die inhuman gestapelten Wohnblocks, die in der Nachkriegszeit als "International Style" weltweit das gewohnte Bild der Stadt drastisch veränderten. Man warf den Erfindern der Modernen Bewegung zudem vor, sie hätten durch ihre "Licht, Luft und Sonne"-Ideologie, gepaart mit der Forderung nach der räumlichen Trennung von Wohnen und Arbeiten, den Zerfall der zuvor so fest gefügten urbanen Strukturen ausgelöst.
Mittlerweile werden die Leistungen und Absichten der Klassiker der Moderne differenzierter beurteilt. Mies van der Rohe etwa - der in seinem Spätwerk die Einsicht "weniger ist mehr" auf die Spitze von Klarheit, Reduktion und Einfachheit trieb - trägt nicht mehr die Schuld am öden Schematismus seiner gedankenlosen Nachahmer. Die neue Wertschätzung der frühen Moderne hat außer einem Revival dieses Stils (am bekanntesten sind die weißen Haus-Schönheiten des New Yorkers Richard Meier) auch dazu geführt, dass inzwischen etliche ihrer jahrzehntelang vernachlässigten Meisterwerke saniert, renoviert, restauriert und zum Teil sogar rekonstruiert worden sind.
Zu den Wiederentdeckungen der rehabilitierten Moderne vor allem der zwanziger Jahre gehören die programmatische Bauhaus-Architektur von Walter Gropius in Dessau und Mies van der Rohes spektakulär weitläufiges Haus Tugendhat im tschechischen Brünn. Aber auch das ambitioniert durchkomponierte Interieur des so genannten "Gropius-Zimmers" im Weimarer Bauhaus (dem Vorläufer), das faszinierend konsequente Stadtpalais des Wiener Philosophen und Amateur-Architekten Ludwig Wittgenstein und das aparte Raumkunstwerk der Villa Müller von Adolf Loos in Prag. Ein neuer Blick lohnt auch auf die seinerzeit Furore machende Werkbund-Siedlung in Stuttgart-Weißenhof (an der auch Le Corbusier beteiligt war) sowie auf die eleganten weißen Villen von Hans Scharoun im sächsischen Löbau und von Leendert van der Vlugt in Rotterdam. Nicht minder bewundernswert erscheint heute das "abstrakte" Schröder-Haus von Gerrit Rietveld in Utrecht - eine ins Dreidimensionale und Plastische verwandelte Metamorphose der Malerei von Piet Mondrian.
Es war die Stilmaskerade des Historismus im 19. Jahrhundert, die so kritische und kreative Erneuerer wie Hendrik Petrus Berlage, Otto Wagner, Henry van de Velde, Hermann Muthesius, Peter Behrens und Louis Sullivan ("form follows function") nicht länger hinnehmen wollten. Sie verwiesen auf die Kluft, die sich zwischen den technischen Möglichkeiten des Maschinenzeitalters und einer nur aufs Dekorieren der Fassaden versessenen Baukunst auftat. Die Traditionalisten verschwiegen die Konstruktion ihrer Gebäude und verbargen sie unter dem Zierrat beliebiger Stil-Imitationen.
Diese Trennung von Struktur und Form sowie die mangelnde Übereinstimmung von Inhalt und Erscheinung bekämpften die Modernisten als verlogen. Den ersten mutigen Schritt wagten die Künstler des Jugendstils, des "Art Nouveau". Zwar hielten auch sie noch am Fassadenschmuck fest, aber die Dekoration hatte keine historischen Vorbilder mehr, sondern orientierte sich an den Gestaltkräften der Natur. Die spielerische Dynamik geschwungener Linien, plastisch modellierter Baukörper und floraler Ornamente war um die Jahrhundertwende charakteristisch für das Werk der fortschrittlichsten Entwerfer.
Die Probleme der Industrialisierung, die qualitative Verbesserung der Massenproduktion - und damit auch die standardisierte Herstellung preisgünstiger und gesunder Mietwohnungen für die arbeitende Bevölkerung - beschäftigte die handwerklich orientierte schöpferische Elite von damals nur am Rande. Erst mit der Gründung des Deutschen Werkbundes 1907 änderte sich die Einstellung zur Technik und auch zum Städtebau. Die Vereinigung von engagierten Architekten, Designern, Fabrikanten, Politikern und streitbaren Publizisten betrachtete die Maschine als eine sinnvolle Weiterentwicklung des Werkzeugs, was schließlich Walter Gropius auch dazu brachte, die Fabrikation von typisierten Wohnbauten hierzulande erstmals anzudenken.
Dieser Architekt - eine Schlüsselfigur des Neuen Bauens - gab der Moderne einen entscheidenden Impuls, als er 1911 für die Fagus-Werke im niedersächsischen Alfeld das progressivste Industriegebäude seiner Zeit errichtete: Es war die Premiere für die vorgehängte Ganzglasfassade, die als dünne, lichte Membran die Stahlskelettkonstruktion transparent bekleidet. Sogar an den Ecken stößt Glas an Glas, es gibt dort keine Stützen mehr.
Der Erste Weltkrieg unterbricht den Fortschritt der Moderne. Als ihre Verfechter desillusioniert von den Schlachtfeldern zurückkehren, empfängt sie die Revolution. Sie schließen sich an und rufen den "Arbeitsrat für Kunst" ins Leben. Adolf Behne, Walter Gropius und Bruno Taut sind die Wortführer. Sie haben idealistische, gesellschaftsverändernde Visionen: "Kunst und Volk müssen eine Einheit werden".
Formal sind ihre Fantasien von der expressionistischen Malerei beeinflusst. Die Architektur-Elite träumte von der himmelstürmenden "Zukunftskathedrale" und bizarren "Stadtkronen". Doch schon bald nach der Gründung des legendären "Bauhauses" (1919) kamen sie wieder auf den Boden zurück. Und nach dem Umzug dieser epochalen Institution von Weimar nach Dessau erhält Gropius 1925 mit dem Auftrag für die Neubauten der Hochschule die Gelegenheit, seine gereiften Vorstellungen von der Neuen Sachlichkeit in die Tat umzusetzen. Er realisierte eine rechtwinklig verschränkte Komposition stehender, breiter und schmaler Baukörper, deren Flügel weit in den Raum ausgreifen. Dunkel gerahmte Glasfassaden und weiße Putzflächen erzeugen einen extremen Kontrast. Der asymmetrisch gegliederte Gebäudekomplex ist nicht mehr frontal zu begreifen; man muss um ihn herumgehen, um in der Bewegung sein ausbalanciertes Gefüge zu erfassen.
Die Strahlkraft des Dessauer Bauhauses war enorm. Seine Architektur wurde bereits in den zwanziger Jahren weltweit publiziert. Der Erfolg und die Anerkennung dieser verwirklichten Utopie verhalfen den parallelen Bestrebungen in anderen Städten ebenfalls zum Aufschwung. In den "weißen Siedlungen" Berlins und der Frankfurter "Römerstadt" wurden im größeren Maßstab die ersten überzeugenden Beispiele für einen humanen Massenwohnungsbau realisiert. Deren Qualität und Ästhetik ist übrigens nie mehr übertroffen worden - schon gar nicht in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg.
Einen letzten Höhepunkt des Neuen Bauens markiert die Stuttgarter Werkbund-Ausstellung "Die Wohnung" von 1927, zu der ihr Organisator, Ludwig Mies van der Rohe, auch führende Architekten-Kollegen aus dem Ausland eingeladen hatte. Die vorwiegend kubischen Musterhäuser mit Flachdach - einzeln, in Reihe oder terrassiert zur Sonne ausgerichtet, gut durchlüftet und durch ideenreiche Grundrisse ausgezeichnet - versetzten die rechtsnationale Reaktion in Aufruhr. Kein Projekt der modernen Bewegung ist mit so viel Hohn und Hass verfolgt worden wie die als "Araberdorf" verspottete Weißenhofsiedlung. Damit war schon klar, wie die Nazionalsozialisten - die ein paar Jahre später an die Macht kamen - mit dem Neuen Bauen umgehen würden. 1933 war der Kampf ums Flachdach entschieden: Das "deutsche" Spitzdach wurde als Zeichen germanischer Befindlichkeit zur verbindlichen Doktrin erkoren.
Der weiße Dampfer im Garten
Das Landhaus Schminke in Löbau von Hans Scharoun (1893 bis 1972)
Das Haus, das mir das liebste war, ließ sich der Fabrikant Schminke in Löbau, in Sachsen bauen." So hoch schätzte der Architekt der gefeierten Berliner Philharmonie selber dieses private Projekt ein, das er 1933 realisierte. Und Hans Scharoun hat Recht. Für den Bauhistoriker Julius Posener zählt das einstige Refugium der Familie des Nudelproduzenten Schminke zu den "subtilsten Schöpfungen der Epoche". Man kennt die signifikante Gartenansicht des weißen Hauses, das wie ein Schiffsbug hervorspringende Flachdach, die organisch abgerundeten Ecken, die an Dampferdecks erinnernden Balkonterrassen, die stählerne Reling, die luftigen Außentreppen: elegant und dynamisch. Der Grundriss ist zweifach abgeknickt, wendet sich, großzügig nach drei Seiten offen, dem Licht zu. Die schräg vorspringende Verglasung des Wintergartens könnte auch die Hülle eines Solarhauses sein.
Die Raumfolge ist fließend: Die Bereiche für Wohnen, Essen, Spielen, Lesen und Musizieren gehen ineinander über. Wände sind verschiebbar. Eine diagonal geführte Freitreppe in der Halle erschließt die oberen Schlafzimmer. Die Schminkes haben nach dem Krieg ihren Besitz aufgegeben und sind in den Westen gegangen. 1951 übernahm die FDJ das Anwesen, und ab 1963 nutzten es die Jungen Pioniere als Clubheim. Zu DDR-Zeiten wurde das Haus nur notdürftig instandgehalten. Mit der grundlegenden Sanierung konnte erst in den späten neunziger Jahren begonnen werden. Die Kosten dafür hat zum größeren Teil die Wüstenrot-Stiftung übernommen. Dieses strahlende Highlight des Neuen Bauens - auch jetzt wieder ein Jugendkulturzentrum.
Adresse: Kirschallee 1b, 02708 Löbau.
Besichtigung: Mo-So 10-17. Internet: www.wuestenrot-stiftung.de/ar/arde2.htm
Die Wiege der Moderne
Die Weimarer Kunstschule von Henry de Velde (1863 bis 1957) und die Rekonstruktion von Walter Gropius' Direktorenzimmer
Das erste, das Weimarer Bauhaus - von Walter Gropius 1919 gegründet - war der Nachfolger der reformierten Kunst- und Kunstgewerbeschule, die Henry van de Velde zwischen 1905 und 1911 errichtet und bis 1914 geleitet hatte. Die Architektur der Kunstschule ist geprägt von einem gereinigten Jugendstil, der an der Schwelle zur frühen Moderne stand. Bemerkenswert sind die sehr großen Fenster, die auch das gewalmte Ziegeldach aufreißen. Dadurch ist der massive Anteil des Baukörpers schon extrem reduziert - ein kühner Schritt in Richtung Licht und Transparenz. 1996 wurde das Bauhaus in Weimar in die UNESCO-Schutzliste des Weltkulturerbes aufgenommen. Danach begann eine grundlegende Sanierung der denkmalwürdigen Substanz.
Während dieser Arbeiten reifte auch der Plan, das zerstörte Direktorenzimmer von Walter Gropius zu rekonstruieren. 1923 sollte aus Anlass der ersten Bauhaus-Leistungsschau mit diesem durchgestalteten Raum die Symbiose von Kunst und Design demonstriert werden.
Das Direktorenzimmer ist ein externer Kubus von fünf Metern Kantenlänge. Ein Raum der Geometrie, in dem alles mit allem in Beziehung steht - die rechtwinkligen Möbel, die Farbflächen, die senkrechten und waagrechten Konturen, die raffinierte Leuchtröhreninstallation. Nur beim abstrakten Teppich und einem Wandbehang ist auch die Diagonale erlaubt.
Der Einfluss des konstruktivistischen De-Stijl-Künstlers Theo von Doesburg, der 1922 als kritischer Unruhestifter die Weimarer Bauhäusler ziemlich in Aufruhr versetzte, ist unverkennbar. Ob allerdings die Rekonstruktion dem Original genau entspricht, ist nicht hundertprozentig sicher: Vom Urzustand existieren nur Schwarzweißfotos. Aber ob wahr oder nicht ganz wahr: Die Atmosphäre stimmt.
Adresse: Geschwister-Scholl-Straße 8, 99421 Weimar. Besichtigung: nach Voranmeldung unter Tel. 03643/58-0
Die Häuser der Meister
Bauhaus-Meisterhäuser in Dessau von Walter Gropius (1883 bis 1969)
Als es die rechten Politiker im Verein mit den reaktionären Bevölkerungskreisen 1925 geschafft hatten, das Bauhaus aus Weimar zu vertreiben, sprang die Stadt Dessau in die Bresche und bot großzügig die Chance zu einem neuen Anfang: Walter Gropius erhielt nicht nur den Auftrag, die Bauhaus-Gebäude zu errichten; er konnte in der Nähe der Hochschule auch die vier so genannten Meisterhäuser für die Bauhauslehrer realisieren. Dort wohnte er selbst in einem Einzelhaus sowie in drei Doppelhäusern Wassily Kandinsky und Paul Klee, Lyonel Feiniger und Laszlo Moholy-Nagy, Oskar Schlemmer und Georg Muche.
Gropius wollte mit den Meisterhäusern exemplarisch vorführen, wie er die Architektur nach den objektiven Bedürfnissen der Nutzer ausrichtet: "Es sind die Funktionen des Wohnens, Schlafens, Badens, Kochens, Essens, die dem gesamten Hausgebilde zwangsläufig die Gestalt verleihen." In der Realität hat sich der Bauhausgründer dem vermeintlichen Zwang der Funktion freilich nur bedingt unterworfen. Denn er nahm sich schon die Freiheit, auch nach formalen Lösungen zu suchen, die er aus ästhetischen Gründen bevorzugte. So steigert sich die stereometrische Komposition der abgestuften und komplex verschränkten Baukörper zu einem plastisch reichen Spiel aus weißen Kuben und Flächen - die Teile fügen sich zum dynamisch ausgewogenen Ganzen. Das ist viel mehr als bloße Bedarfserfüllung. Eine Besucherin der Meisterhäuser notierte ihre Eindrücke 1929: "Überall dieselben zweckvollen horizontalen Schichtungen, die gleichen flachen Dächer und scharfen Geraden der rahmenlosen Tür- und Fensteröffnungen, stets von neuem überboten durch die Glaswand eines Ateliers."
Gropius' eigenes Haus und die Hälfte eines Doppelhauses wurden 1945 durch Bomben zerstört. Die verbliebene Hälfte ist 1993 restauriert worden, die Wiederherstellung des Kandinsky-Klee-Hauses konnte im letzten Jahr abgeschlossen werden - es wird für Ausstellungen genutzt. Die Restaurierung des Schlemmer-Muche-Hauses ist derzeit noch im Gange.
Adresse: Ebertallee 69-71, 06846 Dessau, Tel. 0340/6 61 09 34. Besichtigung: Kandinsky-Klee-Haus, Di-So 10-17.30.
Internet: www.hochtief.de
Die Parabel des Philosophen
Das Wiener Haus des Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889 bis 1951)
Der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein war ein Fanatiker der Präzision, die Genauigkeit des Ausdrucks war seine Leidenschaft. Als seine Schwester - Margarethe Stonborough - 1926 im 3. Wiener Bezirk, in der Kundmanngasse, den Bau eines kompakten Stadtpalais plante, wurde der Bruder zunächst nur allgemein um Rat gefragt. Dann aber interessierte ihn das Projekt so sehr, dass der Autodidakt nach und nach dem eigentlich beauftragten Architekten die Sache aus der Hand nahm und schließlich an dessen Stelle trat.
Wittgenstein verband mehrere abgestufte Quader zu einem differenzierten Baukörper mit glatten Wänden, harten Kanten und scharfgeschnittenen Öffnungen. Der Grundriss der Villa ist so beschaffen, dass sich die Räume im angehobenen Hauptgeschoss radial um eine zentrale Halle gruppieren. Das wirklich Besondere jedoch sind die schmalen, hohen Innen- und Außentüren, alle aus Glas in schlanken Rahmen und alle nur je einmal senkrecht geteilt. Da es sich dabei auch noch um zweiflügelige Doppeltüren handelt, ist jede Öffnung mit vier Flügeln bestückt, die paarweise nach innen und nach außen aufgehen. Wer diese Flügel bewegt, erlebt so ganz bewusst das Betreten und das Verlassen eines Raumes.
Weil der asketische Architekt in "seinem" Haus Vorhänge nicht zuließ, dachte er sich für die Abdunklung der Fenstertüren bei Nacht eine technisch extravagante Lösung aus: Die Öffnungen werden von innen durch Metallplatten verschlossen, die am Tag durch einen Bodenschlitz im Keller zu versenken sind. Unsichtbare Flaschenzüge mit Gegengewichten halten die einzelnen Platten gleichsam in der Schwebe, so dass sie ohne jede Anstrengung bewegt werden können.
Ludwig Wittgensteins Haus war Anfang der siebziger Jahre vom Abriss bedroht. Doch dann erwarb es der bulgarische Staat, um dort ein Kulturinstitut einzurichten. So konnte zwar die gebaute Parabel des Philosophen gerettet werden, doch die Wiederherstellung in den elegant-minimalistischen Urzustand steht immer noch aus.
Adresse: Parkgasse 18, A-1030 Wien.
Besichtigung: Mo-Fr 9-17 Uhr
Der BarcelonaPavillon zum Wohnen
Die Villa Tugendhat im tschechischen Brünn von Ludwig Mies van der Rohe (1886 bis 1969)
A ls Fritz und Grete Tugendhat zu Ludwig Mies van der Rohe kamen, um sich von ihm ein repräsentatives Privathaus für ein großes Hanggrundstück oberhalb der Brünner Altstadt entwerfen zu lassen, arbeitete der Berliner Architekt gerade an der Ausführung des später weltberühmten "Barcelona-Pavillons". Die Tugendhats waren beeindruckt von der ebenso abstrakten wie opulenten Schönheit dieses schwebend offenen Bauwerks, das zum Symbol des Modernen Bauens schlechthin wurde. Die 1930 errichtete Villa in Brünn ist so etwas wie die Fortsetzung des Pavillons - allerdings für Wohnzwecke umfunktioniert.
Man betritt das Haus von oben und gelangt über eine halbrunde Treppe vom Terrassengeschoss in die tiefer gelegene Beletage, den "Allraum", der 24 Meter lang und 15 Meter breit ist. Schier unbegrenzte Weite. Keine festen Wände, befreites Wohnen. An zwei Seiten Glas in voller Höhe und ganzer Breite. Keine störenden Streben in der Fassade. Die tragenden Kreuzstützen stehen im Großraum und sind aus verchromtem Stahl. Bei warmem Wetter können zwei große Glasscheiben elektrisch ins Untergeschoss versenkt werden. Um trotz des total offenen Grundrisses unterschiedliche Nutzungsbereiche zu definieren und eine gewisse Geborgenheit zu schaffen, hat Mies van der Rohe zwei Elemente als Raumteiler wie Versatzstücke im Theater frei aufgestellt.
1938 musste die jüdische Familie Tugendhat flüchten. Nach der deutschen Besatzung quartierte sich die Gestapo im Haus ein. 1945 übernahm es die russische Kavallerie. Danach wechselten die Nutzungen.
Entstellende Umbauten verhunzten die Villa, deren zwangsläufige Bauschäden zudem jahrzehntelang nicht behoben wurden. Erst nach 1980 wurde mit der Renovierung in mehreren Etappen begonnen. An der kompletten Rekonstruktion des verloren gegangenen originalen Interieurs wird immer noch gearbeitet.
Adresse: Cernopolni; 45 Brno-Cerna Pole
Besichtigung: Mi-So 10-18
Die weißgraue Kiste
Die Villa Müller in Prag von Adolf Loos (1870 bis 1933)
A dolf Loos' nüchtern weißgraues Haus, 1930 für den Bauunternehmer Frantisek Müller in Prag erbaut, birgt ein reiches Geheimnis, das man ihr von außen nicht ansieht: den "Raumplan". Nach diesem Entwurfsverfahren soll jeder Raum die ihm eigene Höhe entsprechend seiner Größe und Bedeutung bekommen. Loos: "Vor Immanuel Kant konnte die menschheit noch nicht im raum denken und die architekten waren gezwungen, die toiletten so hoch zu machen wie den saal." Deshalb bediente sich der in Wort und Tat radikalste Wiener Architekt der Klassischen Moderne beim Verfertigen der Gedanken nicht nur der zwei Dimensionen des Grundrisses, sondern hatte zugleich auch schon die dritte Dimension vor Augen. Das führt dazu, dass ein dreigeschossiges Haus - wie die Villa Müller - sechs Ebenen aufweist, die gegeneinander versetzt sind.
Unterschiedliche Höhensprünge ermöglichen ein kontinuierliches und sich durchdringendes Raumgefüge, welches sich gleichsam simultan horizontal und vertikal ausdehnt. So schließt an die mit Marmor verkleidete große zweigeschossige Wohnhalle das etwas höher gelegene Esszimmer an. Beide Räume stehen in offener Verbindung; ein paar Stufen und Podeste überwinden den Niveau-Unterschied.
Der nächste Höhensprung ist für das so genannte Damenzimmer reserviert - ein behaglich eingerichteter Alkoven, ebenfalls mit Blickbeziehung zur Halle. Hat Loos hier an ein Theater gedacht - mit Rang, Logenplatz und Bühne?
Für die Maße und Proportionen des Ganzen verließ sich dieser Architekt statt auf Zahlen auf sein Auge: "Wenn ich will, dass eine Holzverkleidung eine bestimmte Höhe habe, stelle ich mich hin, halte die Hand in einer gewissen Höhe, und der Zimmermann zeichnet die Stelle mit einem Bleistiftstrich an. Dann trete ich zurück, schaue mir den Strich genau an und versuche dann unter Aufbietung aller meiner Kräfte mir das Endergebnis vorzustellen."
Das Interieur ist luxuriös, üppig, konventionell. In seinem Spätwerk hat sich der Autor der Streitschrift "Ornament und Verbrechen" also offensichtlich von seinen früheren Grundsätzen distanziert. Die Villa Müller ist kürzlich restauriert worden und kann besichtigt werden.
Adresse: Nad hradnim vodojemem 14, CS-Praha 6 Striesovice. Besichtigung: nach Voranmeldung, Tel. +42/2/2431202
Die Ikone des Jahrhunderts
Das Schröder-Haus in Utrecht von Gerrit Rietveld (1888 bis 1964)
Die vom Kubismus beeinflusste holländische Künstlergruppe "De Stijl" formierte sich 1917 als konstruktivistische Bewegung gegen den "herrschenden Barock". Sie wollte durch die Komposition einfachster rechtwinkliger Körper und Flächen und die Klarheit unvermischter Primärfarben die Prinzipien der abstrakten Kunst auch auf das Bauen anwenden. Zum Inbegriff der Stijl-Architektur wurde der geniale Wurf eines Außenseiters: Das von dem gelernten Möbelentwerfer Gerrit Rietveld 1924 in Utrecht ersonnene Wohnhaus für Truus Schröder ist unbestritten das radikalste Werk der Klassischen Moderne - eine Ikone des Jahrhunderts.
Von fern sieht der virtuose kleine Bau wie ein fragiles Kartenhaus aus, das aus Scheiben waagerecht und senkrecht zusammengesetzt wurde. Die Elemente kragen weit aus, sie gleiten über die Kanten hinweg, und dünne Stahlstützen - frei in den Luftraum vorstoßend - stabilisieren das equilibristische Gebilde aus Flächen, Linien und Farben. Bestechend auch das raffinierte Gleichgewicht von geschlossenen und offenen Partien. Im Inneren hat Rietveld die meisten Möbel fest eingebaut, so dass sie zu unverzichtbaren Teilen der raumplastischen Architektur werden. Beweglich sind die Zwischenwände - damit wird zum ersten Mal der "flexible Grundriss" realisiert. Die Farben der Böden, Wände, Türen, Fenster und Möbel sind Rot, Gelb und Blau, ergänzt durch die "Nichtfarben" Schwarz, Weiß und Grau. Das Schröder-Haus wurde 1987 restauriert und ist seitdem als Museum zu besichtigen.
Adresse: Prins Hendriklaan 50, NL-3583 EP Utrecht. Besichtigung: Führung Mi-Sa ab 11, So ab 12.30. Internet: www.centraalmuseum.nl
Die Villa aus Quadern und Glas
Haus Sonneveld in Rotterdam von Leendert van der Vlugt (1894 bis 1936)
Die holländische funktionalistische Architektur kulminierte in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Rotterdam. Am bekanntesten ist die gläserne Tee-, Kaffee- und Tabak-Manufaktur Van Nelle, erbaut 1925 bis 1931 von Johannes Andreas Brinkman und Leendert van der Vlugt.
Diese 275 Meter lange und acht Geschosse hohe Fabrik mit rundem Konferenzsaal auf dem Dach entsprach auf die damals fortschrittlichste Weise der Forderung nach "Licht, Luft und Raum". Außerdem wies die perfekt auf die Nutzung abgestimmte Anlage frühe Formen jener Merkmale auf, die heute mit dem Begriff "High-Tech" umrissen werden. So modern wie ihre Fabrik waren auch die Direktoren. Deshalb ließen sie sich von den geschätzten Werksarchitekten auch ihre Privathäuser entwerfen. Die Villa von Albertus Sonneveld, der bei Van Nelle die Tabakproduktion leitete, wurde kürzlich renoviert und als Museum dem benachbarten Niederländischen Architektur-Institut angegliedert. Das Haus, fertiggestellt 1933, ist ein Paradebeispiel des Neuen Bauens - eine Komposition aus weißen Quadern, aufgelöst durch viel Glas. Auf jeder Ebene, auch auf dem flachen Dach, sorgen große Terrassen, Veranden und Balkone für die Verbindung nach außen und zum Garten.
Lange Zeit glaubte man, die meisten Puristen der Modernen Bewegung hatten auch im Inneren ihre Häuser vorzugsweise in Weiß gehalten und kräftige Farben seien verpönt gewesen. Die Villa Sonneveld widerlegt jedoch diese Vorstellung: Ziegelrot sind die Küche und die Diensträume des Personals ausgemalt, das Ankleidezimmer leuchtet apfelgrün, türkis gefliest ist das Bad, gelb lackiert wurden die Einbauschränke. Ebenfalls rot, gelb - und hellgrau - sind die Stahlrohrmöbel im beige-braunen Wohnraum gepolstert.
Die Villa wurde in vierjähriger Arbeit akribisch in den Zustand zurückversetzt, wie ihn die Sonnevelds erlebt haben. Die wiedergewonnene Authentizität verblüfft. Das Niederländische Architektur-Institut bietet einen Rundgang durch das Haus im Internet an.
Adresse: Nederlands Architectuur Institut, Museumpark 25, NL-3015 CB Rotterdam, Tel. +31/10/4401200. Besichtigung: Di-Sa 10-17, So 11-17. Internet: www.nai.nl/sonneveld
Das Einfamilienhaus auf Stelzen
Die Häuser von Le Corbusier (1887 bis 1965) in der Stuttgarter Weißenhof-Werkbundsiedlung
Der Beitrag von Le Corbusier und seinem Cousin Pierre Jeanneret zur Stuttgarter Werkbund-Ausstellung "Die Wohnung" (1927) hatte einen fundamentalen Einfluss auf die Entwicklung der modernen Architektur. Bei den beiden Corbusier-Häusern wurden weitgehend konsequent die fünf Leitsätze verwirklicht, die der französische Protagonist des Neuen Bauens bereits früher formuliert hatte. Danach soll die tragende Konstruktion eines Wohnhauses nur aus Stützen und Deckenplatten bestehen. Das erlaubt einen flexiblen Grundriss, weil es keine störenden festen Wände mehr gibt. Auch das Erdgeschoss ruht auf Stützen, um es vom Boden abzuheben. Lange Fensterbänder belichten die Räume gleichermaßen wie hohe Formate. Und schließlich: Die Unabhängigkeit der Fassade von der Tragkonstruktion gibt dem Architekten jegliche Gestaltungsfreiheit.
Als Skelettbauten haben Le Corbusiers Stuttgarter Doppelhaus und das benachbarte Einfamilienhaus diese potenzielle Offenheit, die Alternativen ermöglicht - zum Beispiel den Einbau einer Galerie im doppelt hohen Wohnraum. Um im Zweifamilienhaus keinen Platz zu verschwenden, hat Corbusier den Erschließungsflur so schmal gemacht wie den Gang in einem D-Zug. Das Vorbild Eisenbahn hat den Architekten dazu animiert, die Bereiche mit den Betten wie Schlafwagenabteile zu entwerfen: Tagsüber werden sie umgebaut und erweitern die Wohnzone. Diese unkonventionelle Raumökonomie hat seinerzeit die meisten Besucher der Werkbund-Ausstellung auf dem Weißenhof nachhaltig irritiert. Mitte der fünfziger Jahre drohte dem Einfamilienhaus der Abriss. Die Proteste dagegen bewirkten, dass dann aber alle noch vorhandenen Gebäude der Weißenhofsiedlung - elf von 21 - unter Denkmalschutz gestellt wurden.
Adresse: Am Weißenhof, 70191 Stuttgart.
Besichtigung: Info über das WeißenhofInformation-Center, Tel. 0711/2 57 91 87 (Di-Sa 10-14). E-Mail: info@weissenhofsiedlung.de Ausstellungen: Mies van der Rohe in Berlin. Museum of Modern Art. Bis 11. September. Mies van Rohe in Amerika. Whitney Museum. Bis 23. September. Beide New York. Literatur: Scharoun. Haus Schminke. Die Geschichte einer Instandsetzung. Hrsg. von Berthold Burkhard. Karl Kraemer Verlag, Stuttgart (erscheint Frühjahr 2002). Henry van de Velde. Hrsg. von Klaus-Jürgen Sembach und Birgit Schulte. Köln 1992. Bauhausbauten Dessau. Berlin 1997. Architektur und Kunst. Das Meisterhaus Kandinsky-Klee in Desssau. Leipzig 2000. Bernhard Leitner: Das Wittgenstein Haus. Ostfildern 2000. Daniela Hammer-Tugendhat, Wolf Tegethoff: Ludwig Mies van der Rohe. Das Haus Tugendhat. Wien 1998. Roberto Schezen: Adolf Loos. Architektur. Salzburg 1996. Adolf Loos: Villen. Berlin 2001. Ida van Zijl, Bertus Mulder: The Rietveld Schröder House. New York 2000. Jürgen Joedicke: Weißenhofsiedlung Stuttgart. Stuttgart 1990. Karin Kirsch: Die Weißenhofsiedlung. Stuttgart 1999
Bildunterschrift: Ikone der Moderne: Hans Scharoun baute die Villa des sächsischen Fabrikanten Schminke 1933 / Große Fensterfronten und sparsames Mobiliar: Die Grenzen zwischen Innenraum und Außenwelt werden fließend / Liebe zum Detail: Das Landhaus Schminke wurde bis in die Farbgebung genau rekonstruiert / Jugendstil und Moderne: Die zwischen 1904 und 1911 von Henri van de Velde errichtete Kunstschule in Weimar / Spiel aus Linien und Flächen: das Wohnhaus für Lyonel Feininger von Walter Gropius / Frühe Wohngemeinschaft: Wassily Kandinsky und Paul Klee teilten sich ein Meisterhaus / Ausblicke überall: Innen- und Außentüren sind aus Glas mit schlanken Rahmen / Unterschiedlich hohe Quader: Der Philosoph Ludwig Wittgenstein entwarf 1926 das Haus seiner Schwester / Traumlage: Für ein Hanggrundstück über der Altstadt von Brünn entwarf Ludwig Mies van der Rohe 1930 die Villa Tugendhat / Kostbares Material: Den Innenraum dominieren Säulen und eine Trennwand aus Onyx / Innen warm, außen kalt: Die Fassade der Villa Müller in Prag (1930) hielt Adolf Loos in Weißgrau, im Inneren entschied er sich für Holz / Wie ein Bild von Mondrian: Das Haus Schröder (1924) in Utrecht konstruierte Gerrit Rietveld aus rechtwinkligen Elementen / Gebaute Skulptur: Die Außenfassade gilt als radikalstes Bauwerk des 20. Jahrhunderts / Licht, Luft und Raum: Im Haus Sonneveld setzte Leendert van der Vlught 1933 die Anforderungen seiner Zeit an moderne Architektur um / Eleganter Schwung auf kleinem Raum: das Treppenhaus in Haus Sonneveld / Lange vom Abriss bedroht: Wohnhaus von Le Corbusier (1927) in Stuttgart / Inzwischen unter Denkmalschutz: Doppelhaus in der Weißenhofsiedlung (1927) /
