Sie erreichten nie die weltweite Popularität wie die männlichen Impressionisten, doch die Malerei von Berthe Morisot, Mary Cassatt, Marie Bracquemond und Eva Gonzalès hält jedem Vergleich stand - das belegt jetzt eindrucksvoll eine Ausstellung in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle

Wahrscheinlich war der Maler Gustave Caillebotte kein übler Macho und Edgar Degas kein emanzipierter Frauenversteher. Aber was Caillebotte sich da erlaubt hatte, regte Degas doch so sehr auf, dass er sich in einem Brief an den Maler Félix Bracquemond Luft machen musste. Die Plakate zur fünften Impressionistenausstellung ab 1.

April 1880 seien fertig, schrieb er. Degas missfiel, was da "mit leuchtend - roten Buchstaben auf einem grünem Grund" gedruckt war - nämlich die Liste der männlichen Teilnehmer.

Der Name der Malerin Marie Bracquemond, der Ehefrau des Freundes, sei, genau wie im vergangenen Jahr, nicht auf dem Plakat. Auch die der Künstlerinnen Berthe Morisot und Mary Cassatt fehlten. Das sei "idiotisch", so Degas. "Alle guten Gründe und aller guter Geschmack der Welt können nichts ausrichten gegen die Gleichgültigkeit der anderen und den Starrsinn von Caillebotte." Dieser Vorfall ist bezeichnend für die Situation der Künstlerinnen Ende des 19. Jahrhunderts. Sie waren nicht minder begabt als die männlichen Kol legen, aber in ihrer Entwicklung und Bewegungsfreiheit so stark eingeschränkt, dass sich dagegen die von heutigen Künstlerinnen zu Recht beklagte Benachteiligung von Frauen im Kunstbetrieb eher harmlos ausnimmt.

Insidern war es durchaus geläufig, dass in den Malerinnen jener Zeit ein ungeheures künstlerisches Potenzial steckte. Berthe Morisot etwa wurde wegen ihres leichten, lockeren Pinselstrichs die "impressionistischste unter den Impressionisten" gerühmt, der Kritiker Théodore Duret hatte auch ihr - wie den berühmten Kollegen Claude Monet oder Auguste Renoir - ein eigenes Kapitel in seinem Buch "Die impressionistischen Maler" gewidmet. Auch waren einige Malerinnen durchaus regelmäßig auf den offiziellen "Salons" vertreten und nahmen auch an den Ausstellungen der Impressionisten teil.

Dass aber im Jahr 1883 rund 3000 professionell arbeitende Künstlerinnen allein in Frankreich tätig waren (so die Zeitschrift "Gazette des Femmes"), ist damals wie heute nicht ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt.

Denn die Juroren der Salons, die einflussreichsten Kunstkritiker, die Händler und Sammler waren allesamt Männer und hatten in der Welt des Fin de Siècle das Sagen.

Und die öffentliche Meinung akzeptierte keine malenden Frauen. Krasser als der Schriftsteller Edmond de Goncourt (1822 bis 1896) kann man es nicht formulieren: Er stellte die abenteuerliche These auf, "dass es keine genialen Frauen gibt und dass, wenn sie Genie zeigen, ein Betrug der Natur vorliegt, insofern sie Männer sind".

Dennoch gelangten im Impressionismus, der "von einer Generation von Kunsthistorikern" zum "Inbegriff moderner Malerei" gemacht wurde, vier Künstlerinnen - drei Französinnen und eine Amerikanerin - "zu Akzeptanz und kurzzeitigem Ruhm", so die Kunsthistorikerin und Kuratorin an der Frankfurter Schirn-Kunsthalle, Ingrid Pfeiffer, die Berthe Mo risot, Mary Cassatt, Eva Gonzalèz und Marie Bracquemond zum ersten Mal eine gemeinsame Ausstellung widmet.

Dass es damals nur wenigen Frauen möglich war, zu einigem Ruhm zu gelangen, lag aber auch an der allgemeinen Lebenssituation des weiblichen Geschlechts, dessen Rolle klar definiert war und keinen Platz für berufliche und sonstige "unweibliche" Aktivitäten bot. Eine unverheiratete Frau sollte nicht alleine das Haus verlassen, Cafés, selbst Restaurants und Theater durfte sie nicht ohne Anstandsdame betreten. Verheiratete Frauen hatten sich um den Haushalt und die Erziehung der Kinder zu kümmern. Varietees und Kabaretts waren Männern vorbehalten - gerade in diesem Milieu von Kunst, Lüsternheit und Halbwelt fanden die Kollegen der malenden Frauen die Motive, die sie berühmt gemacht haben: Degas ohne seine zauberhaften Ballettnymphen? Henri de Toulouse-Lautrec ohne die offenherzigen Soubretten des Moulin Rouge und anderer Etablissements? Undenkbar!

In der Ausbildung "galten für begabte Malerinnen und Bildhauerinnen andere Grundregeln", so Ingrid Pfeiffer. Die staatliche Kunstakademie École de Paris öffnete zum Beispiel erst 1897 ihre Pforten für Studentinnen.

"Allerdings gab es frühzeitig Malerschulen speziell für Frauen, und einige bekannte Maler nahmen besonders häufig weibliche Schüler in ihre Malerklassen auf." Und sie ließen sich das Vergnügen, diese ihrer Ansicht nach formbaren Wesen unter ihre Fittiche zu nehmen und sie - wie Auguste Rodin seine Schülerin Camille Claudel - manchmal auch noch zur Geliebten zu machen, teuer bezahlen.

Frauen studierten "oft zum doppelten Preis wie die männlichen Kollegen", konstatiert Pfeiffer.

Wenn die Frauen anerkannt wurden, dann feierte man vor allem die "Weiblichkeit" ihrer Malerei. Der Kritiker Georges de Rivière etwa schrieb wohlwollend über die Kunst der Berthe Morisot, es seien "charmante Bilder, so fein und vor allem so feminin".

Dabei, so betont Ingrid Pfeiffer (und bezieht sich dabei auf das Urteil von Kunsthistorikern wie Tamar Garb oder James H. Rubin) umweht die gesamte impressionistische Malerei ein Hauch von "Weiblichem". Das betrifft zum einen die Motive - nicht nur die Malerinnen, sondern auch ihre Kollegen stellten häufig vor allem Frauen und Kinder in zarten, intimen Bildnissen dar. "Sogar dem Stil wurde unterstellt, explizit 'feminin' zu sein in seiner Hervorhebung der Lichteffekte, seiner hellen, sensitiven Oberflächen, der häufigen Verwendung von Weiß, dem offenen Pinselstrich", so Pfeiffer.

Dass die Frauen des Impressionismus sich eher der Malerei im heimischen Milieu widmeten und nicht so häufig wie ihre männlichen Kollegen mit Staffelei und Palette in die freie Natur zogen, ist wohl auf die Rolle der Frau zurückzuführen. Ob Malerin oder nicht - Aufgaben wie Haushalt und Kindererziehung lagen nun mal traditionell bei den Frauen. Kuratorin Ingrid Pfeiffer ist sich sicher, dass es bei "einer durchmischten Ausstellung ohne Beschilderung" schwer werden würde, "verschiedene roséfarbene Pastelle von Gonzalès, Manet oder Degas hinsichtlich des unterschiedlichen Geschlechts ihrer Produzenten auseinanderzuhalten.

Der von Kritikern so sehr beschworene 'feminine' Stil war eine Projektion und ein Vorurteil".

Termin: 22. Februar bis 1. Juni. Danach: 21. Juni bis 21. September im Fine Arts Museum of San Francisco. Gefördert von Morgan Stanley und Terra Foundation for American Art. Katalog: Hatje Cantz Verlag, 39,80 Euro. Literatur: Meisterinnen des Lichts - Vier Erzählungen zu den Impressionistinnen Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès, Marie Bracquemond, Hatje Cantz Verlag, 9,80 Euro.

Internet: www.schirn-kunsthalle.de

Mehr Bilder zur Ausstellung der vier Malerinnen: www.art-magazin.de/Impressionismus

BERTHE MORISOT Eine brillante Malerin mit hohem Durchsetzungsvermögen und großem Selbstbewusstsein, damals wie heute anerkannt und geschätzt - das war Berthe Morisot (1841 bis 1895). Die Beamtentochter erhielt mit 14 Jahren Zeichenunterricht, kopierte mit 17 im Louvre und stellte 1864 zum ersten Mal im "Salon" aus. Sie lernte 1868 Edouard Manet kennen, wurde jedoch nie seine Schülerin - beide beeinflussten einander. Morisots Bilder haben eine besonders lichte, aufgebrochene Oberfläche, ihre Malerei besticht durch eine lockere, leichte Pinselführung mit oft skizzenhaftem Charakter. Ihr gelang Erstaunliches: Auf einer Auktion 1875 im Auktionshaus Drouot erzielten ihre Bilder die höchsten Preise - noch vor denen von Monet, Sisley und Renoir.

MARY CASSAT Ihre erste Monografie trug den Titel "Eine Malerin der Kinder und Mütter" - ein Thema, das die gebürtige Amerikanerin (1844 bis 1926) neben hervorragenden Porträts meisterlich beherrschte. Nach ihren impressionistischen Anfängen änderte Cassat ihre Malweise:

Inspiriert durch das Studium der Alten Meister konzentrierte sie sich auf die Zeichnung als Gerüst der Malerei.

Das füllte sie mit kraftvollen Farbflächen, was ihren Kompositionen eine ausgeprägte Monumentalität verlieh. Mit 70 erblindete Cassatt und starb 1926. Durch sie wurde in ihrem Heimatland der Impressionismus früh populär.

MARIE BRACQUEMOND Die Kapitänstocher (1840 bis 1916) hatte Talent und Engagement für eine große Karriere. Das Ende ihrer Laufbahn ist ein Musterbeispiel für die Rolle, die viele Frauen in jener Zeit spielen mussten. Marie Bracquemond hatte 1857 im Salon debütiert, wandte sich nach anfänglicher Begeisterung für Jean-Auguste- Dominique Ingres der impressionistischen Malerei zu und nahm mehrmals an den Ausstellungen der Impressionisten teil. Ihr Mann aber, der Maler Félix Bracquemond, setzte alles daran, ihre Karriere zu verhindern.

Er kritisierte ihre Malerei so heftig, dass sie schließlich zermürbt aufgab und ihre Malerei nur noch im Stillen betrieb.

EVA GONZALÈS Edouard Manet porträtierte Gonzalès, Modell und Schülerin zugleich, wie sie mit unbeteiligtabgewandtem Blick, à la mode gekleidet, lustlos auf einer Leinwand herumtupft. "Dieses Bild beschwört die Stereotype der ,Dame Amateur' und leugnet die Ernsthaftigkeit von Gonzalès' Haltung zur Kunst", kritisiert die Kunsthistorikerin Tamar Garb. Die engagierte Malerin starb 1883 mit nur 34 Jahren bei der Geburt ihres Sohnes. Schon zwei Jahre nach ihrem Tod wurde sie durch eine erste Retrospektive mit 98 Werken in den Räumen der Zeitschrift "La Vie Moderne" gewürdigt. Eines der bezauberndsten Bilder der Frankfurter Ausstellung, "Das Erwachen", malte sie 1877/78 (siehe Seite 70).

Eva Gonzalès:

"Das Erwachen" (1877/78, 82 x 100 cm)

"Die Hortensie", Gemälde (74 x 61 cm) von 1894

Berthe Morisot, porträtiert von einem unbekannten französischen Fotografen

"Eugène Manet und seine Tochter im Garten" (1883, 60 x 73 cm) - Berthe

Morisot hatte den Bruder des Malers Edouard Manet geheiratet

Mit Pastellfarben zeichnete Mary Cassatt 1896 die sensible Studie "Zwei Schwestern" (37 x 54 cm)

Porträt von Mary Cassat im Alter von 70 Jahren.

Rechts: "Kind mit Strohhut" (um 1886, 65 x 49 cm)

Kraftvoll und monumental: "Frau im roten Mieder und ihr Kind" (1901, 69 x 52 cm)

"Der Imbiss" (82 x 62 cm), Gemälde aus dem Jahr 1880

Was wäre aus ihr geworden, wenn sie weitergemalt hätte? Marie Bracquemond auf einem undatierten Foto

Marie Bracquemond malte 1880 das Bild "Auf der Terrasse bei

Sèvres" (57 x 65 cm)

"Der Haarknoten" (1865/70, 51 x 40 cm), Gemälde von Eva Gonzalès

Eva Gonzalès, fotografiert um 1874

"Die Pfingstrosen und der Maikäfer" (1871/72, 26 x 35 cm)

PETRA BOSETTI

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