Ausgabe: 06 / 2012

Bunte Schollen fragiler Theorie

Was steht eigentlich in den 100 Notizbüchern, die Carolyn Christov-Bakargiev schon vor der documenta herausgegeben hat? art-Autor Till Briegleb hat sich durch den Blätterwald gelesen

Till Briegleb

Wo anfangen? 55 Hefterl, der erste Schwung aus der Aperitif-Reihe der documenta 13, "100 Notizen - 100 Gedanken", auf dem Tisch. Buchhalterisch wäre es, mit Nr. 001 zu beginnen. Aber nachdem ich die osterbunte Garde der schmalen Heftchen einzeln aus ihrer Plastikfolie geschnitten habe, ist die Unordnung groß. Nimm's, wie's kommt. Schließlich ist das Prinzip von Notizbüchern die Zufälligkeit.

Doch schon nach fünf Heften herrscht die totale Überforderung, und ich gestehe mir ein: Ordnung ist die Verzweiflung mangelnden Genies. Also häufe ich selbst Notizen an und führe Strichlisten. Denn thematisch (und vor allem theoretisch) geht es bereits um nichts weniger als den ägyptischen Niedergang seit Staatspräsident Nasser (Nr. 047), Gauguin verstehen (Nr. 019), die verschiedenen Möglichkeiten, Gast zu sein (Nr. 026), Berlusconis Orgien, die aus der italienischen Staatskasse bezahlt werden (Nr. 027), und endlich über eins der "weniger bekannten Werke des im 9. Jahrhundert tätigen irakischen Schriftstellers al-Jahiz" (Nr. 052). Fühle mich sofort schuldig. Bin vermutlich der einzige, der al-Jahiz' andere Bestseller nicht gelesen hat.

Nach einigen weiteren Beiträgen jener intellektuellen Originalität, die man "kryptisch" nennt, dann endlich ein Text, der nur im Titel den Leser watscht: "Allo-Thanatografie oder Allo-Auto-Biografie." Griselda Pollock widmet sich dem großartigen bildnerischen Erzählwerk "Leben? Oder Theater?" der von den Nazis ermordeten Charlotte Salomon (Nr. 028). Im Internetantiquariat finde ich dazu den Reprint-Katalog für 1,50 Euro. Sofort bestellen. Das werde ich noch häufiger tun. Am Ende sind's rund 20 Anregungen zu Thomas Müntzer und Lee Miller, Gregory Bateson und Alan Turing, Joan Didion und William S. Burroughs, die ich zu Discountpreisen aus dem Netz fische. Immerhin. So inspirierend ist diese Zettelsammlung dann doch.

Aber davor steht viel Mühe. Zum Beispiel mit Sätzen wie diesem: "Man betrachte eine fiktive multiple Integralgleichung, die eine fehlerhafte Trope und ein ernster Scherz ist, und versuche dabei, sich vorzustellen, wie eine intersektionale - oder intraaktionale - Theorie in Terrapolis aussehen könnte." Damit beginnt Donna Haraways Wortverhau über "SF: Spekulative Fabulation und String-Figuren" (Heft Nr. 033). Natürlich hat jeder einzelne Satz noch mindestens 70 Zeilen irrwitziger Fußnoten. Wenn das nicht die pure Arroganz des Erratischen ist. Aber so kommt man ins Berater-Team der documenta 13.

Mit pupsenden Kindern und schnarchenden Bärtigen im Zug, im Park an Hamburgs einzigem Frühlingstag oder friedlich verzweifelnd daheim versuche ich mich trotzdem, über die bunten Schollen fragiler Theorien zu bewegen, denen kein Gegenstand zu groß, kein Detail zu nichtig ist: Zeit, Einstein, Macht und ewiges Leben finden sich kurz und knapp zwischen den Pappdeckelchen angerissen, aber auch Gedanken über AIDS, die Unleserlichkeit, die Kybernetik oder 16 Seiten Hieroglyphen von Thomas Mann. Die Ehe einer Frau mit einem Berg, Computer, die Liebesbriefe schreiben, und ein Gedicht aus Google-Suchbegriffen bilden die "romantische" Seite. Aber auch bei der Kojotenanthropologie, den Biopatenten und Dietmar Daths Mauswiesel aus Eis geht es nur scheinbar um Natur.

Das passt zum Überthema dieser Serie über das Notizbuch: sein fehlender roter Faden. Das wird in Nr. 001 erklärt vom Anthropologen Michael Taussig. Endlich wird mir klar, dass die Liebe zur Denknotiz, die hier hundertfach gefeiert wird, vor allem die Anbetung eines Fetisch ist. Das Notizbuch berühmter Menschen als Reliquienverehrung, wie es diese documenta-Reihe huldigt, braucht dann natürlich ganz viel Faksi- mile. Und das freut den Durchleser aus ganz anderen Gründen. Da ich weder Finnisch noch Arabisch kann, und auch Französisch zu schlecht, um die seitenlang reproduzierte Handschriften entziffern zu können, erspart mir diese Zumutung viel Zeit.

Nach einigen Tagen Lesemarathon (je nach Größe und Umfang braucht man für die Hefte eine bis 30 Minuten) finde ich schließlich bei der documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev (Nr. 003) auch eine Erklärung, warum der Blätterwald aus Diskurslyrik zur Einstimmung auf die documenta dient. Es gehe um eine Untersuchung, "wie Denken entsteht". Doch dann wird offensichtlich kaum in Afrika, Asien oder Osteuropa "gedacht", denn diese Erdzonen sind zumindest bis Heft 055 unterrepräsentiert. Dafür verantworten rund die Hälfte westliche Akademiker, davon 15 US-Professoren, sechs allein aus New York. Der Grund hierfür offenbart sich mir in einem der ganz wenigen lustigen Groschenheftchen für Studierte: Kenneth Goldsmith, ein bizarrer New Yorker Poet der Verweigerung, schreibt einen Brief an Bettina Funcke, in dem er erklärt, warum sein Gedichtband "Day" aus dem vollständig abgeschriebenen Text einer "New York Times"-Ausgabe besteht, in dem er aber auch von Sex mit Frau Funcke schreibt. Diese Bettina Funcke - die vermutlich keinen Sex mit Kenneth Goldsmith hatte - ist die Herausgeberin der documenta-Schriftenserie, lebt eben in New York und spürt wohl eher große Zuneigung für die meistzitierten Suhrkamp-Autoren. Walter Benjamin ist der absolute Top-Scorer mit rund 50 Verweisen innerhalb der Reihe (plus der ihm gewidmeten Nummer 045), hart gefolgt von Friedrich Nietzsche. Mit einigem Abstand folgen Adorno, Deleuze, Derrida und mit Hannah Arendt sogar eine Frau.

Die haben es ansonsten bei der documenta-Chefin nicht so schwer. In Christov-Bakargievs Team besetzen Frauen die meisten und besten Posten. Und in der Schriftenreihe ist das Verhältnis immerhin 43 Männer zu 25 Frauen. Das ist schon mehr als die für Deutschlands Medien geforderte Frauenquote von 30 Prozent. Aber offensichtlich trotzdem keine Rettung davor, dass der neugierige Mensch am Ende vor allem eins ist: verloren in der Zufälligkeit.

Die Notizbuch-Serie "100 Notizen - 100 Gedanken" erscheinen im Hatje Cantz Verlag und kosten einzeln 4, 6 oder 8 Euro. Gesammelt reproduziert im documenta-Katalog "Das Buch der Bücher" (68 Euro)

Bildunterschrift:

Fotos: Julia Knop

"Seitenlang reproduzierte Handschriften": Blick in verschiedene Notizbücher mit Faksimiles von Künstlerzeichnungen, Notenblättern, Fotoalben und persönlichen Tagebuchnotizen

"Doch schon nach fünf Heften herrscht die totale Überforderung, und ich gestehe mir ein: Ordnung ist die Verzweiflung mangelnden Genies. Denn thematisch geht es um nichts weniger als den ägyptischen Niedergang, Berlusconis Orgien und String-Figuren"

art-Autor Till Briegleb beim Lesemarathon: Er hat sich die ersten 55 Hefte der "100 Notizen - 100 Gedanken" angeschaut, jedem Band widmete er zwischen einer und 30 Minuten

Diskurslyrik: Rund die Hälfe der Notizbuch-Beiträge stammt von westlichen Akademikern

Die Erklärung, warum der Blätterwald zur Einstimmung auf die documenta dient, liefert die Chefin im Notizbuch Nr. 003 selbst: Es gehe um eine Untersuchung, "wie Denken entsteht"

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