Ausgabe: 04 / 2012

Der Rattenfänger

Nichts ist in der Kunst schwerer, als dauernd witzig zu sein. Christian Jankowski unterhält uns nun schon 20 Jahre blendend mit Filmen voller Witz und Hintersinn. Jetzt hat er den Vatikan zu einem Jesus-Casting überredet

Birgit Sonna

Ob es Charisma ist? Gerissenheit? Intellekt?

Christian Jankowski ( Jahrgang 1968) kann alle überreden, sogar den Vatikan zu einem Jesus- Casting. Das muss er auch, schließlich geht ihm es darum, fintenreich, witzig und entlarvend den Kunstbetrieb mit anderen Systemen zu verkoppeln. Seine konzeptuelle Dreistigkeit ging zuletzt so weit, dass er auf der Londoner Kunstmesse Frieze eine Luxusjacht und ein Motorboot unter dem Slogan "The Finest Art on Water" zum Verkauf anbot. Ein ironisch-glamouröser Lockvogel für den prestigebewussten Großsammler.

Die limitierte Edition des Speedboat war schon für schlappe 500 000 Euro zu haben, während man für die rund 65 Meter lange Superjacht 65 Millionen hinblättern sollte.

Erst bei einer Draufgabe von weiteren zehn Millionen Euro hätte Jankowski die Jacht in Duchampscher Manier zum Kunstwerk deklariert.

"Das im Zentrum stehende Fetischobjekt speiste sich hier von zwei Seiten aus der Welt des Luxus - aus dem Kunstmarkt und aus dem Bootskontext", sagt Jankowski.

Und gibt sich bescheiden: "Ich bin eigentlich nur eine Art Vermittler oder vielmehr ein Trickser. Toll, wenn meine Kunst eine Vibration in zwei Welten erzeugt." Wir treffen uns mit dem Künstler in seinem Berliner Domizil in Friedrichshain. Er ist gerade aus Mexiko-Stadt zurückgekehrt, wo er die Folge einer Telenovela abgedreht hat. Zwei Jahre lang hatte Jankowski die Produktionsfirma bearbeitet, bis sie sich auf sein künstlerisches Reenactment einließ, die Neuinszenierung einer Episode mit der gleichen Crew und identischen Schauspielern.

Nun hat er seine persönlich simulierte Folge der Telenovela "La que no podía amar" mit dem Titel "Crying for the March of Humanity" im Kasten. Im Unterschied zum Vorbild einer verhinderten Hazienda-Romanze wird bei Jankowski 22 Minuten ausschließlich geweint. Ein herzerweichendes und zugleich verstörendes Erlebnis, weil Jankowski die redundante Gefühlsduseligkeit der Telenovela zur absolut gesetzten Sentimentalität steigert. Der Künstler wirkt jedenfalls sehr zufrieden mit dem melodramatischen Ergebnis: "Es ist quasi die Crackversion einer Telenovela: die Essenz der Essenz! Die Schauspieler begegneten dem Projekt mit unglaublichem Enthusiasmus.

Man kann sich der Intensität ihres Weinens nur schwer entziehen. Zwischenzeitlich mussten sogar mein Galerist und eine Kuratorin, ja sogar ich mitweinen." Während Jankowski uns in Berlin mit Engelsgeduld noch einmal seine unzähligen Projekte aus den letzten 20 Jahren ins Gedächtnis ruft, versorgt in dem Apartment und Studio seine Mutter gerade den erst ein paar Monate alten Sohn Oskar Neo. Jankowski verkörpert heute mit seiner Partnerin, der ebenfalls ziemlich erfolgreichen Künstlerin Jorinde Voigt, das strahlende It- Paar der Berliner Kunstszene. Ein Therapeut habe ihn einst aufzuklären versucht, dass er selbst etwas "Prinzenhaftes" an sich habe, gesteht Jankowski. "Seiner Meinung nach haben die Eltern in meiner Kindheit zu viel auf meine Sachen gegeben - das ist bestimmt nicht ganz unwahr." Zu dieser küchenpsychologischen Erkenntnis kam Jankowski jedenfalls 1997, als er sich bei einer vermeintlichen Schaffenskrise anlässlich des Steirischen Herbsts in Graz professionelle Hilfe holte. Man sieht in dem damals entstandenen Video "Kunstwerk verzweifelt gesucht" Jankowski zur Abschlusssitzung beim Psychotherapeuten dröge auf der Therapeutencouch herumsitzen. Mit Latschen an den Füßen mimt er den kreativ Verstörten.

Clowneske Selbststilisierung am Rande des Slapsticks zählt zu seinen hervorstechenden Eigenschaften. Gleichzeitig entblößt sich durch die Dokumentation des nur schwer verträglichen Therapeutenjargons das Regelwerk des psychologischen Notdiensts wie von selbst.

Krisensituationen scheinen seit jeher zu Jankowskis willkommenen Herausforderungen zu gehören. Er, der sich zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn zwei Mal als "30 Jahre zu spät gekommener informeller Maler" vergeblich an der Hamburger Kunsthochschule beworben hatte, schlich sich als "Schwarzhörer" über die Hintertür in die Akademie. Bei Franz Erhard Walther studierte Jankowski schließlich offiziell, in dessen Klasse wurde er in die künstlerischen Prozesse der "Skulptur als Handlungsform" eingeweiht. Mitte der neunziger Jahre bildete er mit John Bock und Jonathan Meese aus der Hamburger Kunsthochschule heraus das launige Dreigestirn einer frischen performativen Kunst, die Ironie, Trash und Groteske neu entdeckte.

Jankowskis Aufzeichnungsmedium wurde die Videokamera. Und wenn es für ihn eine Bibel gab, dann war es zu jener Zeit der von Peter Weibel herausgegebene Katalog "Kontext Kunst". "In aller Munde waren zu unseren Studienzeiten Künstler wie Julia Scher oder Mark Dion, weil sie fremde Professionen zu ihrer eigenen erklärten, sich also etwa in den Security-Sektor, in die Naturwissenschaft oder Archäologie hineinversetzten", erzählt Jankowski.

"Ich dachte mir, diese Form der Aneignung ist gar nicht nötig, wenn ich etwas Artfremdes brauche, dann hole ich mir den Experten einfach selbst." Bis heute gehört das Einschleusen von externen Spezialisten in das Kunstsystem zu seinen taktiererischen Schachzügen. 2010 engagierte er für ein als Ausstellung ausgegebenes Renovierungsprojekt in der Pump House Gallery im Londoner Battersea Park den Interior-Designer Gordon Whistance.

Ein in den britischen Medien gehätschelter Dekorateur, der sich laut der im Video befragten Kuratorin gemeinhin mit "hübschen Kissen und Vorhängen und ähnlich ?dezenten' Gestaltungsfragen" beschäftigt. Das Low-Budget-Ergebnis des eigentlich mehr an der Atmosphäre des Raums als an Kunst interessierten Gordon Whistance ist verblüffend gelungen. Dennoch schleicht sich auch hier ein Comedy-Faktor ein, wenn man das Grand Opening von Jankowskis "Perfect Gallery" im Video sieht. Denn außer der taufrischen Umgestaltung des Raums und einem schleimgrün getönten, eigens für Jankowski kreierten Gallery-Weiß gab es nichts zu bestaunen. Das Publikum spielte wie bei "Des Kaisers neue Kleider" kunstzeremoniell geschult ganz brav mit.

Eineinhalb Jahre vor dieser ästhetischen Intervention in ein Ausstellungshaus hatte der "Rattenfänger" Jankowski im Kunstmuseum Stuttgart hinter den Kulissen die Rollen anarchisch umverteilt - Anlass war seine Werkschau. Während die damalige Direktorin Marion Ackermann sich mit einem Mal in der Hierarchie zur Veranstaltungstechnikerin im Blaumann degradiert fand, durften Mitarbeiter der Sicherheitszentrale als Kuratoren ihr sympathisch dilettantisches Unwesen treiben. "In meiner Arbeit gab es von Anfang an eine multiple Autorenschaft", sagt Jankowski. "Und es schwingt immer die Unsicherheit mit, ob das überhaupt der Künstler selbst ist, der sich da äußert." Ein Kindertraum blieb dem Erfolgsverwöhnten allerdings verwehrt: Die Blutsbrüderschaft mit Pierre Brice alias Winnetou.

Eine ganze Weile stellte Jankowski ihm im Rudel von anderen Fans in der Karl-May- Spielestadt Bad Segeberg mit seinem Anliegen nach. Und obwohl er in längeren Diskussionen mit Brice auch einen Aids-Test vorlegte, war dem Winnetou-Star der Verbrüderungswunsch am Ende doch zu suspekt.

Jankowski schmollt kokett: "Dabei wäre ich doch eine lebenslange Karl-May- Skulptur geworden!" Aber er hat die Niederlage verschmerzt und das für die 48.

Venedig-Biennale 1999 vorgesehene Winnetou- Konzept durch eine viel brillantere Idee ersetzt. Jankowski befragte betont naiv fünf italienische Fernsehwahrsager via Telefon nach seinen Zukunftsaussichten als Künstler.

Vor einem TV-Sternenhimmel beschwören die Kartenleger in dem Video "Telemística" gloriose Dinge, so etwa: "Christian ... so weit ich es sehen kann, wirst du letztlich Erfolg in deinem Leben haben ... Du wirst es schaffen." Wie sich zeigt, hatten die meisten der hellseherischen Damen mit ihren positiven Prognosen Recht. Mit dieser satirischen Reflektierung der TV-Unterhaltungsbranche und der Karriere als Glückspiel gelang Jankowski letztlich der internationale Durchbruch.

Sein bislang größter Coup gelang ihm dann aber letztes Jahr in Rom, als er Würdenträger des Vatikans in einer Jury nach dem Super-Jesus fahnden ließ.

"Ich hatte diese Eingebung, als ich in der römischen Filmstadt Cinecittà den blutüberströmten Jesus während einer Drehpause von Mel Gibsons "Passion Christi" mit einem Mal um die Ecke biegen und auf mich zulaufen sah", behauptet Jankowski. Eine dreiköpfige Jury, darunter der Kunstkritiker der vatikaneigenen Zeitung, entschied im Complesso di Santo Spirito über Märtyreraussehen, Leidensfähigkeit, Segensgestik und Kreuztragung von 13 professionellen Schauspielern. Die selbstverständlich durchgehend bärtigen Jesusmimen traten im härenen Büßergewand auf, sie wirken wie lebende Heiligenbildchen. Es bleibt einem teils das Lachen im Hals stecken über die in den Showeffekt gewendeten Pathosformeln Christi, dann wiederum fiebert man mit seinem favorisierten Jesusdarsteller wie in einer veritablen Casting-Show mit.

Christian Jankowski mag ein künstlerisches Schlitzohr par excellence sein, letztlich steckt in ihm aber auch ein Philanthrop, der hinter dem allzu Ritualisierten immer wieder das Menschliche hervorzukitzeln weiß. Und genau das macht sein gewisses Etwas aus.

Ausstellungen: "Casting Jesus", 16. März bis 6.

Mai, Museo d' Arte Contemporanea, Rom; 20. Mai bis 1. Juli, Brenzkirche, Stuttgart. Galerien: Klosterfelde, Berlin und Lisson Gallery, Londo

Bildunterschrift:

Mikrofonrodeo: Christian Jankowski bei Dreharbeiten 2012 in Mexiko.

Porträt: Ana Lorenzana

"Ich bin eigentlich nur eine Art Vermittler oder vielmehr ein Trickser"

"Casting Jesus" (2011)

13 professionelle Schaupieler traten beim Jesus-Casting im Complesso di Santo Spirito vor die ehrwürdige vatikanische Jury (links): Kreuztragung, Brotbrechen und Wunder vollbringen gehörten zu den Disziplinen in Jankowskis römisch-katholischem Mehrkampf. Wer den Erwartungen an einen modernen Jesus (oder den geliebten Klischees) am besten entsprach, wurde in mehreren Runden ermittelt - wie in jeder anderen Casting-Show auch. Das Bild rechts zeigt, wie das Video in Ausstellungen präsentiert wird

"Telemistica", 1999 Zur Venedig-Biennale befragte Jankowski italienische Fernsehwahrsager über seine Karriereaussichten und schnitt die (platten, aber sehr optimistischen) Live-Prophezeihungen mit. Die professionellen Lügner sollten Recht behalten: Mit dieser Aktion startete die internationale Karriere

"Perfect Gallery" (2010) Publikumsverhöhnung auf höchstem Niveau: Zur Retrospektive in der Londoner Pump House Gallery zeigte Jankowski nichts als die von einem beliebten TV-Einrichtungsberater mit einem eigens kreierten Weiß getünchten Räume. Die Kunstwelt fand es wunderbar

"Weinen für den Marsch der Humanität" (2012) Der Titel seines Remakes einer Telenovela-Folge, bei dem ausschließlich geweint wird, zititert ein Wandbild von David Alfaro Siqueiros in Mexiko-Stadt. Wie die Murales, so sagt Jankowski, haben die modernen Seifenopern eine Propagandafunktion

"Zwischenzeitlich mussten sogar mein Galerist und eine Kuratorin, ja sogar ich mitweinen"

"Die Jagd" (1992/97) Eines der genial lapidaren Frühwerke: Urmensch Jankowski zieht mit Pfeil und Bogen durch den Supermarkt und schießt sich einfach, was er braucht

Jankowski mag ein künstlerisches Schlitzohr par excellence sein, letztlich steckt in ihm aber auch ein Philanthrop

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