Ausgabe: 04 / 2012

Die Verkannte

FUND Warum "Mona Lisas" Zwillingsschwester im Madrider Prado jahrelang kaum beachtet wurde

Manuel Meyer

Die Dame mit dem berühmtesten Lächeln der Kunstwelt hat also eine "Zwillingsschwester". Sie ist zeitgleich mit Leonardo da Vincis berühmter "Mona Lisa" und wohl auch im Atelier des Meisters entstanden - eine kleine kunsthistorische Sensation. Denn diese zweite "Mona Lisa" befand sich schon seit Jahrzehnten im Madrider Prado, doch keiner der anerkannten Experten dieses renommierten Hauses zollte dem Porträt besondere Aufmerksamkeit.

Nach Archivangaben sollte das Bild aus dem 17. Jahrhundert stammen.

Wichtigstes Indiz für diese Annahme war der Hinweis, das Frauenporträt vor schwarzem Hintergrund sei auf Eichenholz gemalt. Florentiner Renaissance-Maler wie Leonardo (1452 bis 1519) benutzten aber meist Nussbaumholz. Also wurde das Madrider Porträt der flämischen Schule zugeschrieben und als wertvolle, aber weitere Kopie der "Gioconda" ausgestellt.

Bis vor zwei Jahren der Pariser Louvre für seine Leonardo-Ausstellung die Madrider "Mona Lisa" als Leihgabe anfragte.

Bei den vor einer Verschickung üblichen Routineuntersuchungen zum Zustand des Bildes kamen Ana González Mozo aus der Forschungsabteilung des Prado erste Zweifel am angeblichen Eichenholzgrund.

Sie ordnete eine Laboruntersuchung an und die ergab: "Das Bild war auf Nussbaum holz gemalt, wie Leonardo und seine Werkstatt es gewöhnlich für kleine Bildformate benutzten", sagt González Mozo.

Das Gemälde wurde näher unter die Lupe genommen. Infrarotaufnahmen brachten hinter dem schwarzen, offensichtlich nachträglich aufgetragenen Hintergrund, die gleiche toskanische Landschaft zum Vorschein wie sie das Original ziert. Zudem zeigten die Aufnahmen, dass der Kopist die gleichen Vorzeichnungen und auch die gleichen Korrekturen wie Leonardo bei seiner "Mona Lisa" vorgenommen hat. "Wir können also davon ausgehen, dass dieser Maler Leonardos Schritte genau verfolgte, während dieser am Original arbeitete. Ein späterer Kopist hätte ja nur nachzeichnen können, was er auf der Oberfläche sah", erklärt González Mozo.

Die Kunstexpertin schließt aus, dass es sich gar um eine zweite "Mona Lisa"-Version Leonardos handeln könnte, da das Bild weder die Strichführung noch die vom Meister entwickelte Sfumato-Technik aufweist. "Als Maler kommen Francesco Melzi oder Andrea Salai in Frage", so González Mozo, "zwei bedeutende Schüler Leonardos." Die Zwillings-Mona-Lisa, da ist sich die Prado-Frau sicher, wird dazu beitragen, den "Entstehungsprozess des Originals besser verstehen zu können". So seien die Originalfarben der restaurierten Kopie kräftiger, viele Details am Kleid oder am Haar deutlicher zu erkennen als auf Leonardos Werk, das nicht mehr restauriert werden darf.

Vom 29. März bis zum 25. Juni wird die lange verkannte Zwillingsschwester aus Madrid bei der echten "Mona Lisa" im Louvre zu Besuch sein.

Bildunterschrift:

Stark vergilbt: Leonardos "Mona Lisa" im Louvre erhält Besuch von ihrer Zwillingsschwester

Jünger, farbiger: Die "Mona Lisa" des Prado stammt aus Leonardos Werkstatt

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