Ausgabe: 03 / 2012

Sympathie für das Merkwürdige

Bizarre Welt des Amerikaners: Heiland als Monster, Rembrandt mit Gruselvisage

22.2.- 28.5. George Condo. Mental States Frankfurt/Main, Schirn-Kunsthalle

Sandra Danicke

Dieser "Jesus" ist eine Frechheit: ein Monster ohne Kinn mit gewaltigem Hals, grotesken Kugelbäckchen und Glupschaugen.

Sein Haar ist verstrubbelt, die Ohren stehen ab, und seine Zähnchen ragen über eine kaum vorhandene Unterlippe. Sieht so der Heiland aus? Ehrfurcht will bei diesem "Porträt" so recht nicht aufkommen. Stattdessen weckt das Bild von George Condo, 54, eine ganze Reihe ambivalenter Gefühle, von Abscheu bis Empathie.

Das gilt genauso für nahezu sämtliche Charaktere, die Condo stets auf so bizarre Art ins Bild setzt, dass man unwillkürlich empört und belustigt zugleich reagiert. Das Seltsame ist:

Nach einer Weile entwickelt man eine gewisse Sympathie für das Merkwürdige, Abstruse, Lächerliche, das die Dargestellten - darunter die britische Queen und diverse kirchliche Würdenträger - auf anrührende Weise besonders macht.

Condos Karriere begann in den frühen achtziger Jahren mit einer Serie von "Fake Old Masters" - deformierten Porträts, für die er Stilmittel von Altmeistern wie Tiepolo, Velázquez oder Goya einsetzte. Bis heute findet man in seinen Werken stets zahlreiche Verweise quer durch die Kunstgeschichte.

Ungeniert zitiert der New Yorker Künstler Kompositionen, Farben oder Kleidungsstücke aus Renaissance und Barock, Kubismus und Surrealismus und garniert das ganze dreist mit Cartoon-Elementen.

Mit "Memories of Picasso" schuf Condo etwa 1989 eine farbenprächtige Abstraktion, die die kubistische Fragmentarisierung des Körpers auf übermütige Weise fortführt. "Memories of Rembrandt" von 1994 wiederum zitiert die düster-warme Farbigkeit von Rembrandts Selbstporträt von um 1668. Statt eines freundlich blickenden Herrn präsentiert uns der Künstler jedoch eine gruselig verwachsene Visage und sabotiert mit einer brüsken Geste die subtile Psychologie des Vorbilds.

In Zusammenarbeit mit der Londoner Hayward Gallery präsentiert die Schirn-Kunsthalle nun erstmals in Deutschland eine umfassende Retrospektive Condos. Neben rund 60 Gemälden sind diverse Skulpturen und neue Arbeiten zu sehen.

Der Katalog ist im Prestel Verlag erschienen und kostet 29,80 Euro, im Buchhandel 39,95 Euro

Bildunterschrift:

Darf der das? "Jesus" (2002, 91 x 91), respektlos porträtiert von George Condo

"Dreams and Nightmares of the Queen" (2006, 51 x 41cm)

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