Ausgabe: 02 / 2012

"Spielräume nutzen"

PC-DATEN In Stuttgart wird ein rekonstruiertes Majerus-Schriftbild gezeigt - der Künstler starb 2002

nachrichten und debatten

ADRIENNE BRAUN

Michel Majerus soll mitunter chaotisch gewesen sein, in seinem Computer aber herrschte beste Ordnung. Grundrisse, Aufrisse, Schriftgrößen - alles hat er dokumentiert.

2002 ist der Luxemburger mit nur 35 Jahren bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen. Die Festplatte seines Notebooks, das der Computerfreak stets dabei hatte, konnte gerettet werden - und damit sind auch Werke realisierbar, die es eigentlich gar nicht mehr gibt. Das Kunstmuseum Stuttgart widmet Majerus derzeit eine Retrospektive (bis 9 April). Die größte Arbeit "One by which you go in one by which you go out", bei der sich ein Schriftzug über 100 Meter zieht, ist nach ersten Angaben des Museums von 1998. Das ist nur bedingt richtig, denn das Wandbild entstand postum. "Sämtliche Beschriftungen wurden anlässlich der Eröffnung nochmals mit dem Nachlass diskutiert und im Anschluss zeitnah ergänzt", erklärte Direktorin Ulrike Groos jetzt gegenüber art. Über solch postume Majerus-Arbeiten "könne man diskutieren", räumt Susanne Küper ein, die bei der Galerie Neugerriemschneider in Berlin den Künstlernachlass betreut. Man könne sich fragen, ob man sich "akribisch an das Werk hält oder Spielräume nutzt", sagt Küper - und hat sich in Absprache mit den Erben für die zweite Möglichkeit entschieden.

Der Computer war ein wichtiges Instrument für Majerus. Er hat mit Scanner und Bildprogrammen gearbeitet und seine Motive am Computer wie ein DJ gesampelt. Die Comic-Helden und Mangafiguren sowie die Zitate aus der Kunstgeschichte hat er auf die Leinwand übertragen - traditionell mit Pinsel und Farbe. Gemälde von Majerus kommen heute auf den Markt meist zu Preisen um 30 000 bis 50 000 Euro. Seine Arbeiten hat der Künstler genau dokumentiert, so- dass auf seiner Festplatte auch genaue Angaben zum Beispiel zu Schrifttypen gefunden wurden. Den Stuttgarter Schriftzug "One by which you go in one by which you go out" hat Majerus ursprünglich in einer Galerie in Athen ausgeführt, die zwei Treppen hatte, die Majerus inhaltlich mit dem Benutzen eines Computers inVerbindung brachte:

"Auch in ein Computerprogramm steigt man ein und wieder aus", erläutert Küper.

Das Kunstmuseum Stuttgart habe eine ähnliche Treppensituation wie die griechische Galerie, nur viel größer. Bei Schrifttype, Farbe und Abständen habe man sich an die Vorgaben gehalten - nur bei der Größe nicht. Majerus habe selbst viel mit Zoom gearbeitet und Vergrößerung zugelassen, so Küper. Das Ergebnis sei keine "wilde Rekonstruktion", schließlich sei die Arbeit im Nachlass vorhanden. Ein Original ist es freilich auch nicht. "Wir bezeichnen es als temporäre Adaption", sagt Küper und versichert, dass die Stuttgarter Arbeit nach der Ausstellung zerstört wird. Kaufen aber könne man sie schon. Sofern die Erben zustimmen, erhält der Käufer ein Zertifikat, in dem erklärt wird, wie die Arbeit in den neuen Räumen auszuführen ist.

Bildunterschrift:

Stuttgart: "One by which you go in one by which you go out", nach Angaben von Majerus gestaltet und kombiniert mit einigen Arbeiten aus seiner Werkgruppe "MoM Block"

So hat Majerus (rechts) das Schriftbild, das für Stuttgart "adaptiert" wurde, 1998 in Athen ausgeführt

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