Ausgabe: 05 / 2011

Geheime Welten

Projekt Der Hamburger Bahnhof in Berlin startet eine auf drei Jahre angesetzte Ausstellungsreihe über Künstler abseits des Kunstbetriebs

Birgit Sonna

Outsider-Kunst, Bildnerei der Geisteskranken, Art Brut von psychisch Behinderten.

All die untauglichen Begriffe und Zuschreibungen, welche man bislang autark arbeitenden Künstlern mit einer aus dem Rahmen fallenden, übermächtigen Imaginationsgabe unterschob, sollten längst der Vergangenheit angehören. Innerhalb des Kunstbetriebs zeichnete sich kaum ein Umdenken ab, auch wenn etwa die in kindliche Illustrationen gefassten Gewaltobsessionen von Henry Darger längst die Ausstellungshallen erobert haben. Ein Manko, das nun im Hamburger Bahnhof in Berlin behoben wird. Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie, wird die ab 13. Mai unter dem Titel "Secret Universe" zu sehende, auf drei Jahre angesetzte Ausstellungsreihe eröffnen. Es sei ein langer Herzenswunsch von ihm, sagt Kittelmann, Außenseiter-Künstler ohne jedes Netzwerk vorzustellen. "Künstler, die nicht so einfach in der Kunstwelt zu integrieren und deshalb vielleicht verdächtig sind." Es gehe darum, deren singulären Bildwelten jenseits therapeutischer Zwecke in ihrer reinen künstlerischen Qualität zu entdecken. Als externe Kuratorin wurde Claudia Dichter herangezogen. Die Kölner Kunsthis- torikerin befasst sich seit 25 Jahren mit dem Thema. "Losgelöst von der Kunstwelt und ihrer Geschichte haben diese Künstler unbewusst ästhetische Fragestellungen von der Art Brut bis zur Konzeptkunst aufgeworfen ", so schwärmt die Expertin. Zur Premiere wird der im letzten Jahr gestorbene Horst Ademeit gezeigt (art 10/2010). Ademeit, kurzzeitiger Student von Joseph Beuys, machte seinen Glauben an "Kältestrahlen" fotografisch sichtbar. In der Folge sind dann die kosmischen Mandala-Bilder von Paul Laffoley und Morton Bartletts Szenarien aus lebensgroßen Puppen zu sehen. Finanziell wird die Ausstellungsreihe von der Stiftung "About Change" getragen, hinter deren Kulissen Christiane zu Salm agiert. Die Sammlerin erklärt, warum sie von dem Thema spontan angetan war: "In Secret Universe' treffen die parallel existierenden, geheimen Welten der Künstler auf die Realität des Museums. Die Kunst vom Rande des Systems wird ins Zentrum der Kunstinstitution gerückt, eine Grenze wird zur Mitte." Kittelmann steckt mit dieser Ausstellungsreihe eine weitere unorthodoxe Perspektive innerhalb der Museumslandschaft ab. Ein Schritt, der in dem oft allzu selbstreflexiven Kunstbetrieb Beachtung verdient.

Bildunterschrift:

Polaroidfotos des 2010 gestorbenen Horst Ademeit sind zum Auftakt der neuen Ausstellungsreihe ab 13.

Mai in Berlin zu sehen

Im Hamburger Bahnhof-Museum für Gegenwart startet das Ausstellungsprojekt "Secret Universe"

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