Ausgabe: 05 / 2011

Roter Reiter am Bodensee

Künstler reagieren auf die Bilder aus der psychischen Krise: eine Ausstellung zum zehnjährigen Bestehen des Museums Sammlung Prinzhorn

7.5.-14.8. Von Kirchner bis heute Heidelberg, Sammlung Prinzhorn

MARTIN TSCHECHNE

Da waren Stimmen, die ihr zuflüsterten. Da waren dunkle Szenen aus der Kindheit.

So genau weiß das heute keiner mehr. Fest steht: Else Blankenhorn brauchte einen Ort, an dem sie sicher war vor den Anfeindungen der Welt. Das Bellevue in Kreuzlingen am Bodensee bot ihr eine kleine Suite, behutsame Ansprache, die freien und fortschrittlichen Methoden des Psychiaters Ludwig Binswanger. Die Familie in Karlsruhe konnte es sich leisten. Die Patientin bekam Farben, es gab Leinwand. Und Else Blankenhorn malte, was ihr auf der Seele lag.

Ernst Ludwig Kirchner ist der Kollegin selbst wohl nie begegnet. Scheu sei sie gewesen, verletzlich, sagt der Kunsthistoriker Thomas Röske, der Blankenhorns Werke heute in der Heidelberger Sammlung Prinzhorn bewahrt. Ihre Bilder habe sie weggeschlossen, niemand sollte sie sehen: die feurig -expressiven Lichtspiele, das rote Pferd mit Reiter, die verlorenen Liebespaare mit großen, schwarz umrandeten Augen. Doch irgendwann muss der Mitbegründer der Künstlergruppe "Brücke" einen Blick darauf erhascht haben, als er im Oktober 1917 selbst ins Bellevue kam, verstört vom Wahnsinn des Weltkriegs, verwirrt vom Morphium.

Da sei eine Malerin, deren Spiritualität ihn gefesselt habe, notierte er, ihre symbolische Tiefe, der rote Reiter. "Lange hat man geglaubt, dass Kirchner eine Fantasiefigur erfunden hat", sagt Röske heute. Aber dann gelang es, eine Brücke zu schlagen. "Er hat etwas gesehen. Die fantastische Farbigkeit, die belebte Natur - das alles ist in seinen späteren Werken wiederzufinden." Kirchner sollte nicht der Einzige bleiben, dem die Bilder aus der Heilanstalt Impulse für die künstlerische Arbeit gaben. Nachdem der Nervenarzt und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn 1919 damit begonnen hatte, Zeichnungen, Skulpturen und Gemälde aus psychiatrischen Anstalten in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz an der Universitätsklinik in Heidelberg zusammenzutragen, ließen sich viele faszinieren von der Intensität, der Wahrhaftigkeit und der bildnerischen Kraft dieser Arbeiten. Die Wahrnehmung der Welt von außen, das innige Bedürfnis nach Struktur und Form: Oskar Schlemmer und Alfred Kubin, Jean Dubuffet und Georg Baselitz nahmen auf, kommentierten und interpretierten, was die Sammlung an Vorlagen bot. Für die Surrealisten in Frankreich wurde Prinzhorns 1922 erschienenes Buch "Bildnerei der Geisteskranken " zu einem regelrechten Musterkatalog:

187 Abbildungen boten ein ungew öhnlich reichhaltiges Programm - dass die Erläuterungen in der Fremdsprache Deutsch gegeben wurden, konnte die Kraft der Bilder nur noch steigern.

Seit 2001 unterhält die Kollektion ein eigenes Museum im ehemaligen Hörsaalgeb äude der Heidelberger Neurologie. Zum zehnjährigen Bestehen dokumentiert das Haus die Vielfalt der Begegnungen: August Natterer und Arnulf Rainer, Joseph Schneller und Richard Lindner, die bestickte Anstaltsjacke der Agnes Richter und eine "Antwortbluse" von Jennifer Gilbert.

Bildunterschrift:

"Wunder-Hirthe" (1911/17, 25 x 20 cm) von August Natterer und von Jennifer Gilbert bestickte Bluse mit dem Titel "Verlust der Vernunft" (2006)

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