Ausgabe: 05 / 2011

Politik der Schönheit

Die Filme des Londoner Künstlers Isaac Julien sind voller Eleganz. Doch sie enthalten beunruhigende Wahrheiten über Rassismus, Katastrophen und Globalisierung - das vergessene Gesicht der Geschichte

HEINZ PETER SCHWERFEL

Eine filmische Reise in die Welt des Schönen: Aus der Vogelperspektive beobachtet die Kamera einen chinesischen Kalligrafen, der den Filmtitel in menschengroßen Schriftzeichen auf den Boden malt. Dann erklingt harmonische Musik, und weitere Leinwände beleben sich: Man sieht märchenhafte Natur mit schroffen, dicht bewachsenen Felsen, einen Bergsee, eine Dschunke unter Segeln. Fischer werden unter Wasser gerissen, ringen um ihr Leben, liegen im nächsten Augenblick schlafend - tot? - am Land. Über ihnen, über dem See, über der Wirklichkeit schwebt eine weiß gekleidete, alterslose Frauengestalt:

Mazu, die Schutzgöttin der Seefahrer. Sie winkt die Bewusstlosen zu sich, bedeutet ihnen zu folgen. Zurück ins Leben? Nach Hause? Ins Jenseits? Mazu trägt die Züge des chinesischen Filmstars Maggie Cheung.

Stillleben exquisiter Landschaft, opulente Interieurs, tanzende Körper - bei Isaac Julien begleitet der gute Geschmack selbst schwierigste Themen. Seine Filme betören die Sinne und kitzeln die grauen Zellen, faszinierende formale Kompositionen, hart am Abgrund der Wirklichkeit gebaut. Der 51-jährige Engländer, immer mit kurzem Haar und breitem Lächeln, im maßgeschneiderten Anzug und mit perfekten Manieren, ist der Ästhet unter den heutigen Künstlern: Jedes Bild eine Komposition, jeder Körper eine Skulptur, jede Bewegung ein Tanzschritt. In "Western Union: Small Boats" (2007) schmiegen sich die Körper der Tänzer in den Sandstein der sizilianischen Küste, in "Fantôme Afrique" (2005) reiben sie sich an der sonnengemeißelten Lehmarchitektur Burkina Fasos. Alle Filme Juliens bestehen aus perfekten Tableaus, sorgfältig ausgeleuchtet und komponiert. Zu sorgfältig, finden manche Kritiker, worauf Julien unwillig reagiert: "Ich denke nun mal wie ein Maler: Jedes Filmbild ist eine malerische Komposition." In seinem jüngsten, hypnotisch schönen Werk "Ten Thousand Waves", 2010 auf der Sydney-Biennale vorgestellt, zur Zeit im Münchner Museum Brandhorst und demnächst in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW zu sehen, geht Julien in der Radikalität seiner verführerischen Ästhetik noch einen Schritt weiter. Auf neun im Raum verteilten Leinwänden verknüpft er eine chinesische Götterlegende aus dem 15. Jahrhundert mit aktuellen Ereignissen. Etwa der rücksichtslosen Flutung ganzer Dörfer im chinesischen Bergland für energiegewinnende Stauseen. Oder dem tragischen Unfalltod von 23 illegalen chinesischen Gastarbeitern vor neun Jahren in Nordwestengland. Der Film springt zwischen Gestern und Heute, Legende und Wirklichkeit, Politik und Poesie. Göttin Mazu taucht plötzlich in den Filmkulissen des kolonialen Shanghai wieder auf, traditionelle Legenden und die Kinogeschichte Chinas treffen sich, Kostümszenen in Filmdekors wechseln ab mit aktuellen Stadtimpressionen. Und immer wieder Aufnahmen vom "Making Of" im Trickstudio, wo Assistenten wie Puppenspieler die Marionette Mazu alias Maggie Cheung wie im Kung-Fu-Film an Fäden, die im fertigen Film unsichtbar sein werden, durch die Lüfte lenken. Der Film im Film ist für Julien ein wichtiges Stilmittel - nur wenn die Mechanik der Produktion sichtbar bleibt, versteht man, dass auch Schönheit inszeniert ist. Und dass sie Abgründe hat: Hinter jedem Tableau steckt das Auge der Kamera, hinter jedem Trick harte Arbeit, in jedem Märchen raue Wirklichkeit. Im Herzen des Londoner Stadtteils Soho liegt in der Poland Street die Postproduktionsfirma "Offline Editing Co", eine operative Zentrale, in der Julien alle seine Filme schneidet. Hier arbeitet auch seine Assistentin und Muse Vanessa Myrie, die in "True North" (2004) als lebende Skulptur leichtgeschürzt über Strände und Packeisbrocken schritt und in "Baltimore" (2003) als weiblicher Cyber durch den Raum schwebte. Willkommen in der Familie Julien, zu der auch Cutter Adam Finch und Kamerafrau Nina Kellgren gehören sowie Mark Nash, Kunsthistoriker, Kurator und Lebensgefährte von Julien, an vielen Filmen als Produzent beteiligt und bis heute der wichtigste Berater. Denn hinter der eleganten Oberfläche sorgfältig getimeter Schnittfolgen verbirgt sich ein gigantischer theoretischer Überbau, in oft jahrelanger Arbeit recherchiert, um anschließend hinter nur Sekunden kurzen Filmbildern zu verschwinden.

Schönheit dient Julien als Vehikel für politische Inhalte. Das wird nicht gern gesehen in der bildenden Kunst. "Was mich heutzutage am meisten nervt", erklärt er, "ist nicht die herrschende Political Correctness der aktuellen Gegenwartskunst, sondern die neue Aesthetical Correctness, das Diktat des ästhetischen Konformismus. Dagegen bin ich regelrecht allergisch." Der gelernte Maler und Absolvent von Kunstakademien in London und Brüssel ist Antikonformist in Leben und Werk. Schwarz und schwul, verkörpert er gleich zweimal eine Minderheit. Und verstößt um so gezielter gegen alle guten kulturellen Sitten, wenn er hinter polierter Fassade politische Gewalt beschreibt, Migration und Ausbeutung, koloniales Trauma und rassistische Geschichtsklitterung. "True North" ist eben nicht nur Inszenierung schwarzer Schönheit im Packeis, sondern erzählt die Geschichte von Matthew Henson, dem farbigen Koch des Nordpol-Expeditionsführers Robert E. Peary, der 1909 noch vor Peary als erster den Pol erreichte, was die weiße Forschungselite lange leugnete. Die ebenfalls dreikanalige Filminstallation "Paradise Omeros" (2002), auf der Kasseler Documenta 11 uraufgeführt, klammert afroamerikanische Völkerwanderung und westliche Zivilisationskritik, autobiografische Elemente und aktualisierte mythische Stoffe zusammen. Immer bleibt Julien, dessen Eltern von der Karibikinsel Santa Lucia stammen, nahe an der eigenen Geschichte. Hautfarbe, Herkunft, Historie, Homosexualität - intimes Material für universal verständliche Kunst. Julien seziert die offenen Wunden des postkolonialen Alltags, denn schließen kann er sie nicht. Bekannt wurde er mit seinem ersten, auch in Deutschland vertriebenen Kinofilm "Looking for Langston" (1989), der Biografie eines schwulen Dichters im Harlem der dreißiger Jahre. Es folgte 1991 der Musikfilm "Young Soul Rebels", für den er beim Filmfestival von Cannes ausgezeichnet wurde. Dann bog er angesichts der Probleme, Geld für seine künstlerisch erfolgreichen, aber kommerziell verpuffenden Projekte zu finden, abrupt wieder in die Kunstszene ab, aus der er gekommen war: "England ist einfach zu nahe an Hollywood, das englische Kino ist viel zu kommerzlastig." Zwar verlässt Julien den Kunstbetrieb kurzfristig immer wieder für Kinozwischenspiele, wie seine Langfilme "Frantz Fanon" (1996) über den Erfinder der postkolonialen Psychoanalyse, oder wie "Derek" (2008), eine Hommage an den homosexuellen Künstler und Filmemacher Derek Jarman, mit Tilda Swinton in der Hauptrolle. Eine Ein-Kanal-Version von "Ten Thousand Waves" hatte mit dem Titel "Better Life" auf dem letzten Filmfestival von Venedig Premiere. Aber seine eigentliche Heimat bleibt die Kunstwelt, die allein ihm künstlerische Freiheit garantiert. Denn er betont ausdrücklich: "Ich bin nicht an Kino interessiert, sondern an einer bisher ungesehenen, völlig neuen Filmsprache." Obwohl er mindestens ebenso aufwendig arbeitet wie andere filmende Stars der Szene, etwa Bill Viola oder Doug Aitken, und etwa für "Ten Thousand Waves" vier Jahre und bis zu 100 Mitarbeiter am Set brauchte, hofft er, dass seine Arbeiten dennoch anders aussehen. Schönheit auf den ersten Blick wird beim zweiten konzeptuell gebrochen; er beruft sich weder auf verquaste New-Age-Mystik noch auf barocken Überwältigungskitsch. Seine Filme halten den Betrachter auf Distanz, Struktur und Installation verhindern alle dramaturgischen Eindeutigkeiten. Auch im Multiscreen -Verfahren übliche theatralische Effekte, etwa das visuelle Verknüpfen der Leinwände, um den filmischen Raum zu vergrößern, kommen kaum vor. Stattdessen wird der Raum in Fragmente, sprich Einzelbilder, zerlegt. Wenn in "Ten Thousand Waves" eine Statistin in der Straßenbahn auf der linken Leinwand aussteigt, taucht sie auf keinen Fall sofort auf dem rechten Nachbarscreen auf. Bewegung durch Raum ist für Julien nie Fortbewegung - sie ist Tanz.

Schon "The Long Road to Mazatlán" (1999), die übermütige Reise dreier Drag Queens in eine mexikanische Küstenstadt, besteht fast ausschließlich aus Tanzszenen, Persiflagen kultiger Männerkinos, etwa Hockneys "A Bigger Splash", Gus Van Sants "My Own Private Idaho" oder Warhols "Lonesome Cowboys". Tanz auch in "Western Union: Small Boats", wo in einem von Saharawinden verwehten Sizilien Mythen des mediterranen Altertums auf afrikanische Boat People treffen. Die Arbeit wurde zusammen mit dem Choreografen Russell Maliphant entwickelt und auch als Live-Performance aufgeführt.

Künstlerfilm als Kulturkampf, gewürzt mit Performance, Poesie, Politik, postkolonialer Theorie, Psychoanalyse und Zivilisationskritik: Julien ist ein Tüftler, seine Werke funktionieren wie Puzzles, die der Betrachter - ohne explizite Anleitung durch den Künstler - im Kopf selbst zusammensetzen muss. Das ist nicht immer leicht, die verführerische Schönheit der Bilder erweist sich oft als Falle, nicht als Krücke. "Aber mich interessiert nun mal das Basteln, das Suchen nach neuen Formen." Tüfteln führt in einer durch kommerziellen Ehrgeiz geglätteten Gegenwartskunst auf prekäres Gelände. Julien sorgt sich, dass das Interesse für Medienkunst nur eine Zeiterscheinung sei, da sie bisher bei Auktionen keine Rolle spielt und deshalb leicht wieder vom Markt verschwinden könnte. Die Finanzierung jedes neuen Projekts, das auch schon mal die Millionengrenze erreicht, verlangt langen Atem und Durchhaltemoral. Gefragt ist die Einsamkeit des Langstreckenläufers, deshalb fühlt sich Julien nur geborgen in seiner Familie treuer Mitarbeiter. Und denkt nicht daran, wie die von ihm hochgeschätzten filmenden Künstlerkollegen Steve McQueen oder Douglas Gordon, England zu verlassen, um in hippere Exile zu ziehen. Im Gegenteil: "Ich bin so viel gereist, habe in den USA und Frankreich unterrichtet, bin Professor in Karlsruhe, habe in Grönland, Burkina Faso, Sizilien oder in China gedreht - Schauplatz meiner nächsten Arbeit muss London sein."

Kasten:

Ausstellungen: "Ten Thousand Waves", bis 31.

Dezember in der Sammlung Brandhorst, München. Als Teil der Ausstellung "Move" vom 19. Juli bis 25. September in der Kunstsammlung NRW. Katalog: "Ten Thousand Waves", über Buchhandlung Walther König, 68 Euro

Bildunterschrift:

Isaac Julien stellte im Herbst 2010 seine Filmarbeit "Ten Thousand Waves" in der Londoner Victoria Miro Gallery vor. Hier mit einem Still aus dem Film, in dem es um Chinas Mythen und Chinas Modernisierung geht

"Ten Thousand Waves" (2010) ist eine Installation auf neun Leinwänden. In elegischen Bildern verknüpft Julien Vergangenheit und Gegenwart des Riesenreichs China miteinander. Leitgedanke ist die unvollendete Reise, die Standbilder zeigen mythologische Szenen, oben die Schutzgöttin Mazu, gespielt von Maggie Cheung

Landschaften, opulente Interieurs, tanzende Körper - der gute Geschmack begleitet schwierigste Themen

Bilder aus dem Film "Looking for Langston" (1989): die Geschichte des schwulen Dichters Langston Hughes im Harlem der dreißiger Jahre

"Ich denke nun mal wie ein Maler", sagt Isaac Julien. "Jedes Filmbild ist eine malerische Komposition"

"True North" (2004) kreist um den schwarzen Koch Matthew Hanson, der noch vor dem Expeditionsführer Robert E. Peary den Nordpol erreicht hat

Der Musikfilm "Young Soul Rebels" kam 1991 in die Kinos, beim Filmfestival in Cannes gewann er einen Preis. Kurze Zeit sah es so aus, als sehe sich Julien (unten rechts bei einem Gastauftritt im Film) eher als Kinoregisseur - doch er kehrte schnell zur Kunst zurück

Schwarz und schwul - Isaac Julien verkörpert gleich zwei- mal Minderheit. Sein Thema ist die politische Gewalt

Isaac Julien arbeitet mit Leinwänden, die er oft großzügig im Raum verteilt. Hier die Installation des Films "Baltimore" aus dem Jahr 2003

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