Ausgabe: 02 / 2011

Marrakesch: Eine Stadt erfindet sich neu

Update

Susanne Altmann

Lange schien es, als sei das Phänomen Marrakesch komplett unter angestaubten Hippie-Klischees der sechziger Jahre verschüttet. Als vitale Stadt jedenfalls trat es auf den Landkarten des Kunsttourismus kaum noch in Erscheinung. Derzeit erfindet sich die legendäre marokkanische Metropole am Fuße des Atlasgebirges wieder einmal neu und revoltiert gegen derlei vorschnelle Urteile. Bereits bei der Ankunft auf dem 1 Menara-Flughafen begrüßt den Reisenden die spektakuläre, 2008 von E2A Architects aus Casablanca gebaute Halle. Eine rhombische Wabenkonstruktion verbindet traditionelle islamische Ornamentik mit kühnen Betonschwüngen. Diese Fusion von Tradition und Moderne ist das neue Credo der alten Berbermetropole. Um zu verstehen, wie die orientalische Inspiration funktioniert, empfiehlt sich ein Besuch im 2 Majorelle-Garten. Dort schuf sich der französische Maler Jacques Majorelle seit 1924 ein grünes Refugium mit prächtigen Pflanzen aus allen Erdteilen. Mittendrin ein leuchtendblaues Atelierhaus, das Bauhauselemente mit islamischer Baukunst verschränkt. Als Yves Saint Laurent das verwilderte Anwesen 1980 erwarb, verwirklichte er hier seine Träume vom Orient. Bis März sieht man hier noch frühe Entwürfe des Designers, mit wildem Farbmix und afrikanischen Accessoires. Saint Laurents Einflüsse leuchten bis heute in den Entwürfen lokaler Kollegen wie Frédérique Birkemeyer oder Kenza Melehi nach. Während man die avantgardistischen Kaftane von Birkemeyer in ihrem 3 Showroom an der belebten Avenue Mohamed V. findet, versteckt sich das Atelier von Melehi in der 4 Ghandouri-passage. In dem eher unansehnlichen Hinterhof drängen sich auch hippe Designstudios wie "Decoriente" oder "Yahya" - Kleinstmuseen des zeitgenössischen Orientalismus. Dass Gegenwartskultur in Marokko ohne Bezug zur Vergangenheit nicht zu haben ist, zeigt die Galerie Matisse. Ebenfalls im quirligen Guéliz-Viertel probt die schicke 5 Galerie david Bloch den Spagat zwischen Heute und Gestern. Seit 2010 gibt es mit der Marrakech Art Fair die erste Kunstmesse im Norden des afrikanischen Kontinents. Sie findet im Casino-Hotel "Es Saadi" statt, womit auch die Unterbringung potenter Kunstliebhaber geklärt wäre. Mehr Lokalkolorit bei der Übernachtung verspricht jedoch eines der renovierten Stadthäuser; die Riads mit ihren lauschigen Innenhöfen und plätschernden Brunnen. Eines der schönsten Hotels dieser Art ist das 6 La Sultana in der Altstadt. Hier sind gleich fünf Häuser in diversen Stilen, von Marmor über Olivenholz und bunten Kacheln, miteinander verknüpft - ein fantastischer Ausflug in die Bau- und Kulturgeschichte der Region. In einem Riad ist auch das kleine 7 Musée de l'art de Vivre untergebracht. Hier erfährt man nicht nur etwas über regionales Kunstgewerbe, sondern kann sich selbst in der marokkanischen "Kunst des Lebens" üben. Am besten bei einem Glas süßen Minztees und köstlichem Gebäck.

Grafik:

1 Menara-Flughafen 2 Majorelle-Garten, Avenue Yakoub El Mansour 3 Intensité Nomade, Showroom von Frédérique Birkemeyer, Avenue Mohamed V 139 4 Ghandouri-Passage mit: Atelier Kenza Melehi, Designstudio Decoriente, Yahya Création, Galerie Matisse, alle Rue de Yougoslavie 61 5 Galerie David Bloch, Rue des Vieux Marrakchis 8 6 Hotel La Sultana, Rue de la Kasbah 403 7 Musée de l'Art de Vivre Marrakech; Derb Chérif 2, Rue Diour Saboun

Bildunterschrift:

Spektakulär: der Menara International Airport

Der Majorelle-Garten mit dem Atelierhaus des französischen Malers

Abo