Ausgabe: 02 / 2011

"Wir stellen nur dumme Fragen, wir haben keine Antworten"

Luxusboutique in der Wüste, Plattenbau im Museum - das Künstlerduo Elmgreen & Dragset parodiert mit absurden Rauminszenierungen die Wirklichkeit. Ein Atelierbesuch

HANS-JOACHIM MÜLLER

Um die Ecke haben die Guttempler ihr Quartier. Und man schleicht ein wenig schuldbedrückt an der alkoholfreien Brüderlichkeit vorbei.

Zumal auch im Atelierhaus nebenan nur ein Wässerchen auf dem Tisch steht. Wie man ja überhaupt beim Jobprofil "Künstler" nicht gleich an üble Enthemmungen denken sollte. Michael Elmgreen, 49, und Ingar Dragset, 41, empfangen freundlich und sehr manierlich. Und wenn zu ihnen einer die Kinder in die Tageskrippe schickte, dann hätte er nur guten Geschmack bewiesen. Also ein wenig Geduld, wenn man bitten darf, gleich werde Zeit sein für den Gast, nur noch dies und das und danke fürs Verständnis.

Es ist angenehm geheizt in der ehemaligen Pumpstation in Berlin-Neukölln, ein paar Schritte nur vom Abstinenzler-Orden entfernt. Denn es ist so, dass heute Felix da ist, der außer der Unterhose mit dem breiten Gummibund nichts am weißen Knabenleib hat. Was man ein schönes Entree nennen darf, wenn man so mitten ins entstehende Kunstwerk hineingerät. Felix soll jetzt bitte schön das linke Bein noch ein wenig anziehen und dann bitte schön etwas aufrechter im Oberkörper, ja, so, oder doch nicht ganz so, vielleicht so, man wird sehen. Der Proband schaut ein wenig verunsichert in die Runde. Möglicherweise hat ihn die Casting- Agentur zum ersten Mal an Künstler vermittelt, die jetzt um ihn kreisen wie zwei Bildhauer um den Tonklumpen auf dem Modellierbock. Eigentlich ist es ja gut verdientes Geld, für Elmgreen & Dragset in der Unterhose auf einem Felsen aus Theaterbaumaterial zu sitzen und in die Ferne zu schauen wie die Meerjungfrau am Ostseestrand von Kopenhagen.

Und das soll aus der Sitzprobe einmal werden, eine meerjungmännliche Antwort auf das dänische Wahrzeichen. Alles wird von den Spezialisten im kleinen Team fotografiert und gerendert und zur Gussvorlage hochgerechnet. Und zur großen skandinavischen Ausstellung, die Michael Elmgreen, der gebürtige Däne, und der Norweger Ingar Dragset vorbereiten, wird man sehen, ob dem Felsenhocker die Herzen gerade so zufliegen wie dem Mägdlein am Gestade.

Und wenn die Technik mitspielt, wird er alle Stunde die Augen schließen und nach exakt einer Stunde wieder öffnen, so dass niemand, der sich nicht sehr viel Zeit nimmt, sagen könnte, ob er wirklich schläft oder wacht.

Die beiden Künstler waren jahrelang ein Fall für Spezialisten. Mit ihren cool designten Installationen und Fotografien, die sich den aseptischen Charme von Hallenbädern, Toilettenanlagen und Bauhausarchitekturen anverwandelten, fielen sie im verwöhnten Kunstbetrieb nicht gleich auf. Auch ist das Werk vor einem halben Jahrzehnt noch vor allem im Umkreis der politisch agilen Schwulenbewegung gesehen worden. Und tatsächlich deutete die starke Spannung zwischen der klinischen Anordnung der Arbeiten und den mitunter trashigen Bildbeigaben auf eine Verarbeitung persönlicher Erfahrungen und ihre Umarbeitung in öffentliche Relevanz.

So gesehen war es auch immer ein Missverständnis, die Ausführung des Entwurfs der beiden Künstler für den "Gedenkort der im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen" im Berliner Tiergartengelände allzu nahe beim Eisenmanschen Stelenwald zu sehen. Die schräg in den Boden eingelassene Betonzelle mit dem Guckloch folgt mehr noch jenem kantengeraden, alle handschriftlichen Spuren tilgenden Layout, wie es zum Markenzeichen "E & D" geworden ist.

Schlagzeilen gab es erst, als das Duo in der texanischen Wüste, auf einer Landstraße unweit von Marfa, einen Prada-Showroom eingerichtet hat, in dem das Edelsortiment so verloren wirken muss wie ein Kaktus auf der Via Veneto. Jetzt plötzlich wollte man mehr wissen und mehr sehen von den Künstlern, von ihren sinnlichen Strategien, die doch nicht ganz aufzugehen schienen im Bildervorrat der Gay Community. Und mit einem Mal sahen sich Elmgreen & Dragset auch im Besitz des medial verliehenen Komiker-Tickets, das sie bis heute nicht mehr loswerden sollten. Komisch ist der unsinnige Einöd-Shop ja schon. Komisch ist immer, wenn etwas gänzlich Unwichtiges, durch und durch Wichtelhaftes wichtigtut.

Aber nur der Komik zuliebe hätte es des nicht unbeträchtlichen Einrichtungsaufwands vielleicht doch nicht bedurft. Die Nobelmarke am Zivilisationsrand, wo nicht einmal schützenswerte Juchtenkäfer krabbeln, das ist wie die Inszenierung einer Leere, die sich mit Lehre füllt. Ein Schaustück über die Unverhältnismäßigkeit von Flitter und Funktion, über die Bedarfsvergessenheit des ästhetisierten Alltags.

Und nun sitzt man am langen Tisch zwei Stockwerke über dem Set, wo Felix inzwischen dreinschaut, als sei er auf seinem Theaterfelsen angeschraubt worden, und redet über das Komische, das nicht komisch ist. Vielleicht müsse etwas komisch sein, sagt Michael Elmgreen, wenn es sich im Unterhaltungsbetrieb durchsetzen wolle.

Komisch sei in der Medienwelt zum Codewort fürs volkstümliche Format geworden.

Und dafür interessierten sie sich sehr, für die Gesetzmäßigkeiten in der Unterhaltungskultur.

Schließlich gehörten sie als Künstler dazu und könnten an sich selber die Regeln studieren, unter denen Erfolg erst möglich wird. Wozu Ingar Dragset eine leise Nickgeste macht, dass es nicht wie Zustimmung aussieht, eher wie Nachdruck, als ob er mit dem Marker über die Sätze fahren wollte.

Und so findet einer, wenn er mit der Fotoausrüstung im Atelier vorbeikommt und die Scheinwerfer aufbaut, die Künstler auch allemal auftrittwillig vor und offensichtlich bedenkenlos bereit, den Unsinn mitzuspielen, den das Drehbuch öffentlicher Schaustellung vorschreibt. Nur sollte man nicht meinen, dass die Darsteller ihre Rollen nicht sehr genau kennen würden und den Erfahrungsstoff ungenutzt liegen ließen.

Marfa 2005 war nur eine Versuchsanordnung für den Reflextest am lebenden Körper der "Celebrity Culture". Auf der letzten Biennale in Venedig wurden die Dinge ungleich verwickelter. Zwei Erzählfäden verknoteten sich zu einem Kunstparcours, den man mit seltsamen Gefühlen durchschritt, ohne dass man ganz genau hätte sagen können, was einem da erzählt wurde. Im dänischen Pavillon soll eine Familie A. gewohnt haben, deren Interieur im postmodernen Barock zum Verkauf stand, während vor dem nordischen Nachbarhaus ein schwuler Kunstsammler "Mr. B." tot im Pool trieb und drinnen außer Bett und Boudoir nicht viel zu bewundern war. Wieder fanden viele das komisch und jubelten über die feineren und deftigeren Gimmicks, mit denen E & D in der Doppelrolle als Künstler und Kuratoren das venezianische Kunst-Allerlei würzten.

Von nun an war man "Star", zählte zu den Leistungsträgern auf der zeitgenössischen Kunstbühne. Und das nächste Stück, das Michael Elmgreen und Ingar Dragset einstudierten, handelte eben davon, von der Abstrahlreichweite der Stars, vom Leistungs- mechanismus der Starkultur. Und wieder mussten erst einmal Kulissenhäuser gebaut und Räume eingerichtet werden. Als Kunstwanderer ist man wahrlich schon manchem Palast- oder Hüttennachbau begegnet, den Plattenbau nahmen erst Elmgreen & Dragset in Angriff. Ihr Wohnblock für den Lichthof des Museums für Neue Kunst in Karlsruhe bot alles, was zur Organisation der Lebenstristesse gehört. Oben im zweiten Stock gelinde Zerstörung. Rollo kaputt, Scheibe kaputt, ein Zimmer frei. Aber wer wollte da schon rein? Zweimeterfünfzig auf zweimeterfünfzig. Da hat man mit Hartz IV mehr Grundriss-Anspruch. Aber vielleicht braucht es ja die Enge, damit die Fantasien umso kühner werden, und das Gedudel aus dem Radio die Glücksleiter bauen kann, auf der man aus der Miniküche in die unvorstellbare Freiheit stolziert. Publikum, das einen beim Ausbruch beklatschen würde, wäre schon da. Ausstellungsbesucher, die um das hermetisch verschlossene Haus streifen, von den Galerien mit Fernrohren in die Zimmerchen linsen und doch nur den Voyeur betrügen, weil niemand zu Hause ist, und alle Spuren nur vom unmöglichen möglichen Leben zeugen.

Ein paar Schritte weiter ist der Lebensplan entschieden großzügiger ausgefallen.

Nur hat man dort keinen Zulass, wenn man sich nicht zu den Illustren, nicht zu den Eingeladenen rechnen darf. Ein riesenhafter Festsaal, klassizistisch eingerichtet.

Schon von weitem blickte man auf die verschlossenen Glastüren wie auf eine Projektionswand, auf der die Schatten einer feiernden Gesellschaft tanzten, während diesseits in der großen Leere ein missmutiger Knabe im Kamin hockte und seiner Einsamkeit frönte. "It's fiction, not a reality show", sagt Ingar Dragset. Und sagt noch: "Wir stellen nur dumme Fragen, wir haben keine Antworten." Und Michael Elmgreen sagt:

"Wir sind Teil der Celebrity Culture, das ist wahr." Wahr sei aber auch, dass sie sich gut vorstellen könnten, wieder ganz außerhalb der Celebrity Culture zu stehen. Was nichts weniger als die Aporie beschreibt, aus der auch das Kunstmachen nicht hilft. Kann man was dafür, dass einem in beiden Teilen der Karlsruher Installation, in der Bierhütte wie im Schaumweinplast, gleich der alte Athener eingefallen ist, Plato und seine armen Höhlenmenschen, die nicht wussten, wie sie zwischen den Dingen und dem Schein der Dinge unterscheiden sollten? Der Philosoph empfahl bekanntlich die Flucht ans helle Licht der Aufklärung. Bei Elmgreen & Dragset hörte die Aufklärung im Festsaal am eigens gekennzeichneten Notausgang auf, wo zur Not halt auch kein Ausgang war. Raus, das ist die gänzlich unkomische Moral des Celebrity-Stücks, raus kommt keiner aus seiner Geschichte. Die Plattenhausbewohner nicht aus der Realität ihrer Wunschwelten, die Celebritys nicht aus der Surrealität ihrer Champagnerrituale, der Trotzkopf nicht aus der Irrealität seines Widerstands. Die Rollen sind verteilt.

Unten wird jetzt Felix aus seiner Rolle entlassen. Oben reichen sich Michael Elmgreen und Ingar Dragset so freundlich und so manierlich die Stichworte, wie man sich am schön gedeckten Tisch den Teller mit Feingebäck zuschiebt. Die beiden sind kein Paar mehr. Der eine wohnt in London, der andere in Berlin. Aber das Team hält. Und die Versuchung, wieder einzeln, Mann für Mann, Kunst zu machen, habe noch keiner verspürt. Verständlich, wenn man eine Weile zugesehen hat, wie die beiden um ihr Modell herum kreisen und ihre Beobachtungen und Einfälle fein tunen, ohne dass man sagen könnte, wer für welchen Part zuständig wäre. Das hat dann Felix vielleicht doch gelernt, wenn er wieder Pullover und Jeans anhat, dass man auch dazu Kunst sagen könnte, wenn einem mitten in der strikt arbeitsteiligen Celebrity Culture der unmerkliche Wechsel der vorgefertigten Kostüme gelingt. a Ausstellungen: ZKM Karlsruhe , "Elmgreen & Dragset - Celebrity. The One & The Many", bis 27. März 2011. Vom 3. September bis 22. Januar 2012 im ARoS Aarhus Kunstmuseum. Katalog: Verlag der Buchhandlung Walter König 2011, 38 Euro.

Literatur: Der große Preis. Kunst zwischen Markt und Celebrity Kultur. DuMont Verlag 2008; Prada Marfa.

Verlag der Buchhandlung Walther König 2006

Bildunterschrift:

PORTRÄTFOTO: PETER RIGAUD

Ingar Dragset und Michael Elmgreen in ihrem Berliner Atelier; im Hintergrund nehmen Assistenten eine Gipsform von einem Modell

Ausstellungsansicht der aktuellen Schau "Celebrity - The One & The Many" im ZKM in Karlsruhe

Ihr Wohnblock für den Lichthof des Karlsruher Museums bietet alles, was zur Organisation der Lebenstristesse gehört

Plattenbau mit Innenleben:

Akribisch inszenierte Räume sind Teil der "Celebrity"- Ausstellung in Karlsruhe (2010)

Die gänzlich unkomische Moral des Celebrity-Stücks: Keiner kommt raus aus seiner Geschichte

Teil der Ausstellung im ZKM ist auch ein Ballsaal unweit des Plattenbaus (unten) - das Geschehen hinter verschlossener Tür ist nur als Schattenspiel zu sehen

Schmollen im Kamin:

Detail der Ausstellung "Celebrity - The One & The Many" (2010)

Museumsmessi:

2005 veranstalteten Elmgreen & Dragset in der Wiener BAWAG Foundation ihre "The Welfare Show"

Ihre Spannung beziehen die Arbeiten von Elmgreen & Dragset aus ihrer klinischen Anordnung und den trashigen Bildbeigaben

"Death of a Collector", Teil der "The Collectors"-Installation auf der Venedig-Biennale 2009

Der dänische Pavillon, das fiktive Heim einer Sammlerfamilie, 2009 in Venedig

Mit einem Mal sahen sich E & D in Besitz des medial verliehenen Komikertickets, das sie bis heute nicht mehr richtig loswerden

Atelier von Elmgreen & Dragset in einer ehemaligen Pumpstation in Berlin-Neukölln

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