Ausgabe: 10 / 2011

Der Trick der Enkelinnen

BETRUG Am Landgericht Köln hat der Prozess um den wohl größten Kunstfälscher-Skandal der Nachkriegszeit begonnen

MICHAEL KOHLER \ ANGELIKA KINDERMANN

Die Zahlen sprechen für sich: Mindestens 40 Verhandlungstage sind angesetzt, 168 Zeugen sollen gehört werden und zehn Sachverständige zu Wort kommen. Der Fälscher- Prozess unter Vorsitz von Richter Wilhelm Kremer soll Klarheit in einen äußerst spektakulären und verzwickten Fall bringen:

Es geht vorrangig um die fingierte Sammlung Werner Jägers sowie um die ebenfalls erfundene Sammlung Wilhelm Knops, aus deren angeblichen Beständen die vier Angeklagten seit 1995 gefälschte Werke in den internationalen Kunstmarkt geschleust haben sollen. Auf der Liste der geschädigten Kun den stehen unter anderem der schwäbische Großsammler Reinhold Würth und auch der amerikanische Schauspieler und Kunstfreund Steve Martin. Den Beklagten, die fast 16 Millionen Euro vor allem auf Konten in Andorra angehäuft haben sollen, wird gewerbsmäßig begangener, bandenmäßiger Betrug und Urkundenfälschung in 14 Fällen zur Last gelegt (in 33 weiteren Fällen dauern die Ermittlungen gegen sie noch an). Ihnen drohen Strafen zwischen einem und zehn Jahren Gefängnis. Gegen drei weitere Personen laufen in einem abgetrennten Verfahren weitere Untersuchungen. Am ersten Verhandlungstag vor dem Kölner Landgericht konzentrierte sich das öffentliche Interesse auf die bis dato noch weitgehend unbekannten Angeklagten. Der 60-jährige Wolfgang Beltracchi, der nach Überzeugung der Experten "künstlerisch versiert" die Fälschungen hergestellt haben soll, schien den Auftritt vor Gericht regelrecht zu genießen. Der Mann mit dem lockigen, schulterlangen Haar wirkte entspannt, lächelte in die zahlreichen Kameras, winkte ins Publikum und umarmte innig seine mitangeklagte Ehefrau Helene. Die 53-jährige ehemalige Zahnarzthelferin aus Bergisch-Gladbach, stilsicher in Schwarz gekleidet, und ihre ebenfalls beschuldigte Schwester Jeanette Spurzem, 54, gaben sich zurückhaltender und ernst. Eine Aussage machte keiner der vier Angeklagten an diesem ersten Verhandlungstag. Doch ließ der 67-jährige Otto Schulte-Kellinghaus - der Bäckermeistersohn aus Krefeld soll als Cheflogistiker des Quartetts tätig gewesen sein - durch seinen Anwalt mitteilen, er habe im Gegensatz zu den übrigen Beklagten keineswegs einen luxuriösen Lebenswandel geführt.

Im März nächsten Jahres sollen die Urteile verkündet werden. Doch egal, wie sie ausfallen: In die Geschichte der Kunstfälschungen dürfte dieser Fall wohl als der "Enkelinnentrick" eingehen. Denn die Schwestern Helene und die spätestens seit 2003 eingeweihte Jeanette schrieben ihrem 1992 verstorbenen Großvater Werner Jägers eine bislang unbekannte, sagenhafte Kunstsammlung zu. Sie beglaubigten diese Legende, indem sie etwa beim Kölner Aktionshaus Lempertz einige zweifelsfrei echte zeitgenössische Werke einlieferten und so das Vertrauen des Handels erwarben. Der Löwenanteil der angeblichen Erbstücke aber stammte laut Anklage von Helenes Ehemann, einem handwerklich begabten Künstler aus Geilenkirchen nahe Aachen, der schon früh die Techniken des Projizierens, Kopierens und Kompilierens erlernte. Er konzentrierte seine Produktion auf Frühwerke moderner Maler wie Max Ernst, Fernand Léger oder Max Pechstein, die in der kunsthistorischen Literatur als verschollen galten und selbst vom renommierten Auktionshaus Sotheby's als sensationelle Fundstücke gehandelt wurden.

Die besondere Brisanz des Falls liegt darin, dass er die offenbar allzu leichtfertige Provenienzforschung des Kunsthandels ans Licht der Öffentlichkeit bringt. Experten bewerteten gefälschte Werke nach bloßem Augenschein, und Auktionshäuser gingen der Bande trotz deutlicher Warnsignale auf den Leim. Erst die Käufer eines 2,9 Millionen teuren, dem rheinischen Expressionisten Heinrich Campendonk zugeschriebenen Gemäldes schöpften Verdacht und ließen das bei Lempertz in Köln versteigerte Großformat einer strengeren Prüfung unter ziehen. Bei der naturwissenschaftlichen Durchleuchtung von Leinwand und Farben stellte sich das Bild als Fälschung heraus; weitere Indizien wie die in plumper Manier nachgeahmten Klebezettel des legendären deutschen Kunsthändlers Alfred Flechtheim bestätigten den Befund.

Der Betrug flog auf. Im Herbst 2010 kam es zu ersten Verhaftungen.

Auf Seiten des Kunsthandels stehen seitdem vor allem Henrik Hanstein, Chef des in mindestens fünf Fällen betroffenen Kölner Auktionshauses Lempertz, sowie der renommierte Kunsthistoriker und Max-Ernst-Experte Werner Spies in der öffentlichen Kritik. Spies wertete sieben angebliche Werke des surrealistischen Malers Max Ernst auf, indem er schriftlich versicherte, sie in das von ihm erstellte Werkverzeichnis aufnehmen zu wollen. Bei der späteren Vermittlung derselben Arbeiten soll er zudem eine sechsstellige Summe an Provisionen kassiert haben. Im Kölner Prozess sind Werner Spies und Henrik Hanstein als Zeugen geladen - wie auch Burkhard Leismann, der Direktor des Kunstmuseums Ahlen, gegen den gar wegen möglicher Komplizenschaft in zwei Fällen gesondert ermittelt wird.

Insgesamt wird der bei europäischen und amerikanischen Sammlern, Galerien und Museen entstandene Schaden auf einen zweistelligen Euro-Millionenbetrag geschätzt. Nicht zu bemessen ist dagegen der immense Vertrauensverlust, den der internationale Kunsthandel durch diesen Fälscherskandal erlitten hat.

Bildunterschrift:

Zeugen der Anklage: gefälschte Gemälde (links ein angeblicher Kees von Dongen, daneben ein vermeintlicher Max Pechstein) im LKA in Berlin

Großer Medienandrang herrschte im Landgericht Köln bei der Eröffnung des Prozesses um die spektakulären Kunstfälschungen

Genoss den Auftritt vor Gericht sichtlich: der mutmaßliche Fälscher Wolfgang Beltracchi

Henrik Hanstein (links) vom Auktionshaus Lempertz und Max-Ernst-Experte Werner Spies sind vom Gericht geladen

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