Ausgabe: 08 / 2010
Seite: 40-53
In einem Land zu unserer Zeit
Von Claudia Bodin
Eine neue Generation von Fotografen aus den USA bedient sich bei großen Vorbildern und mischt Stile wild durcheinander. Doch ihre Motive sind uralt: das weite Land, die große Reise, die kleinen Leute
Die Frauen in Alex Pragers Fotos haben einen Hang zum Drama: Sie seilen sich aus dem Fenster eines Bürogebäudes ab, lassen ihren Körper durch eine Asphaltpfütze mit der Tiefe eines Sees treiben oder stehen wie in einem Hitchcock-Film einsam und verloren auf dem Rollfeld eines Flughafens herum. Ihre Modelle staffiert die Fotografin mit alten Perücken und Kleidern aus, so dass die Bilder einer vergangenen Ära entsprungen zu sein scheinen. Gelegentlich wird die altmodische Aura durch eine Plastik-Colaflasche oder einen modernen Pick-up-Truck im Hintergrund gebrochen. Doch selbst dann erinnern die Protagonistinnen mit ihren falschen Wimpern und den Polyesterkleidern an die hysterischen Heldinnen aus alten Hollywood-Melodramen.
Die 1979 in Los Angeles geborene Prager spricht in ihren Bildern die Sprache des Kinos. Die Amerikanerin besuchte keine Kunstschule. Das Fotografieren brachte sie sich im Alter von 21 Jahren selbst bei, nachdem sie eine Ausstellung mit Bildern von William Eggleston im J. Paul Getty Museum gesehen hatte. Der inzwischen 71-jährige Eggleston prägte Amerikas junge Fotografen wie kein anderer: Mitte der siebziger Jahre etablierte er die damals als vulgär geltende Farbfotografie in der Kunst und erklärte jedes denkbare Motiv für abbildungswürdig.
Was einer Revolution gleichkam.
Mit ihrem nostalgischen Blick in die Vergangenheit und ihrer Unverfrorenheit im Nachahmen von Vorbildern ist Alex Prager eine typische Vertreterin ihrer Generation.
Sie klaut Motive von Meister Eggleston, um sie zu einer eigenen Komposition zu mischen. Manche ihrer Bilder verweisen auf die Selbstporträts von Cindy Sherman, andere lassen an Gregory Crewdson denken, der ebenfalls einen starken Einfluss auf die junge Szene hat. In der Generation nach Eggleston machte sich Crewdson einen Namen mit Aufnahmen von surrealen Szenen aus dem amerikanischen Alltag, so perfekt inszeniert wie ein Steven-Spielberg-Film.
Hemmungslos und pragmatisch bedient sich die junge Generation aus Amerikas Bilderfundus.
Die Fotoflut im Internet hat zum Gefühl allgemeiner Beliebigkeit beigetragen:
Die jungen Fotografen experimentieren mit Kameras und Techniken, mischen Analoges und Digitales, manipulieren an Bildern oder belassen sie im Rohzustand. In der allgemeinen Grenzenlosigkeit spielt auch der Gegensatz zwischen Kunst und Kommerz keine Rolle mehr: Fotografen wie Roe Ethridge integrieren auch Arbeiten für Werbekunden ins eigene Werk. Noch in den siebziger Jahren hatte die Antwort amerikanischer Künstler auf die Allgegenwart der (kommerziell eingesetzten) Bilder ganz anders ausgesehen:
Künstler wie Richard Prince, Barbara Kruger oder eben Cindy Sherman gingen als "Pictures Generation" in die Kunstgeschichte ein. Sie begegneten der Werbung und den Medien mit Skepsis und Ablehnung, jedes Bild, das sie herstellten, schien zugleich eine Distanzierung vom Bild zu sein. Diese Haltung ist heute einer neuen Unbefangenheit gewichen, die man entweder als Gelassenheit oder als Kritiklosigkeit betrachten kann.
Ansonsten profitieren die Fotografen von jener natürlichen visuellen Attraktivität der amerikanischen Alltagskultur, der auch viele Spielfilme ihren Zauber verdanken.
So schwärmt Roe Ethridge von der "verführerischen Kraft", eine banale Box mit Kleenex- Tüchern mit der Großformatkamera in ein Objekt zu verwandeln. Er mache keine konzeptuellen Bilder, gesteht der Künstler.
Dieser Aspekt stelle sich erst dann ein, wenn er seine Arbeiten gegenüberstelle und gruppiere - und ein Foto in einem neuen Rahmen neue Bedeutung erhalte.
"Während in Europa eher konzeptionell mit Struktur gearbeitet wird, machen die amerikanischen Fotografen einen Einkaufsbummel in der Kunstgeschichte. Sie meinen, dass sie viele Väter und Mütter haben und sich überall bedienen können", sagt Roxana Marcoci, Kuratorin für Fotografie am New Yorker Museum of Modern Art (MoMA).
"Gab es früher klare Abstammungen, geht es heute freier zu. Und vielleicht auch oberflächlicher." Das bestätigt auch die New Yorker Galeristin Yancey Richardson: "Die amerikanische Gesellschaft definiert sich als fließend", sagt sie. "Die Menschen hier erschaffen sich immer wieder neu." Welchen Sinn haben da noch Grenzen? "Ein Kunstfotograf in den USA hat keine Probleme damit, mit Werbung Geld zu verdienen und nicht die Sorge, dass die künstlerische Autorität beschmutzt wird", sagt Jörg M. Colberg, der einen der bekanntesten Blogs der Fotoszene betreibt. Mode, Werbung und Kunst scheinen sich eher gegenseitig zu befruchten.
Kein Wunder: Auch in der Werbung ist schließlich zunehmend Authentizität statt schönem Schein gefragt. Der 32- jährige in New York lebende Ryan McGinley, der Werbekampagnen für Firmen wie Levi's schießt, führt es vor. In den achtziger Jahren war Nan Goldin mit verstörend intimen Bildern aus ihrem privaten Umfeld, zu dem Drogenabhängige, Transsexuelle, Homosexuelle oder Prostituierte zählten, angetreten. Die Bilder, mit denen McGinley seine Karriere Ende der neunziger Jahre begann, schienen Goldins Werk auf charmant harmlose Weise fortzusetzen. Partys, Drogen, Sex, Graffiti-Aktionen - die Kamera hatte McGinley bei den nächtlichen Streifzügen mit seinen Freunden immer dabei.
Mit dem Ergebnis, dass er 2003 mit 25 Jahren als jüngster Künstler eine Einzelausstellung im Whitney Museum of American Art hatte. Später wurden Bilder von nackten, attraktiven, jungen Menschen, die durch die Natur springen, tanzen oder laufen, das Markenzeichen des New Yorkers. Sexy genug, um werbetauglich zu sein; entblößt genug, um provokativ zu wirken. Dass unschuldige Nacktheit, anrüchige Erotik oder Homosexualität nach wie vor als schwierige Themen gelten, mag erstaunen. Doch das zu großen Teilen konservative, puritanisch geprägte Amerika lässt sich immer noch mit Bildern schockieren, die in Europa nur noch ein abgeklärtes Schulterzucken hervorrufen.
McGinleys inszenierte Porträtserien sind das Ergebnis wochenlanger Trips durch Amerika.
"Ich war schon als Kind süchtig nach Geschichten, die von Reisen und Abenteuern handelten", erzählt der Fotograf. Dieses unergründliche Land in all seiner Größe und seinen Nischengesellschaften mit dem Auto zu erkunden ist offenbar ein unsterbliches Thema der Kulturgeschichte. "Der Road Trip ist nach wie vor ein fester Bestandteil der amerikanischen Fotografie", sagt die Galeristin Yancey Richardson, die 2007 eine Gruppenausstellung zu diesem Thema organisierte, Titel natürlich: "Easy Rider". Die großen amerikanischen Fotografen wie Walker Evans, Robert Frank, Lee Friedlander und später Stephen Shore begründeten den Mythos, der vom Nachwuchs mit manchmal verklärtem Blick am Leben erhalten wird. Das Motelzimmer ist ein strapaziertes Motiv, von dem kaum einer die Finger lassen kann. Ein Klischee, das an einen traurigen Country-Song erinnert, so der Fotograf Alec Soth. Jörg M. Colberg glaubt, dass sich die hemdsärmelige Mentalität der Amerikaner auch in der Fotografie niederschlägt. "Es ist das Land der Macher.
Man nimmt sich sein Auto, fährt los und setzt Ideen um." Die Möglichkeit, anhand von Bildern eine Geschichte zu erzählen, werde von den Fotografen wieder neu entdeckt, sagt die MoMA-Kuratorin Marcoci.
"Und es besteht ein großes Interesse, zur Tradition des Dokumentierens zurückzukehren." Emotionen statt Sachlichkeit.
Zufällig eingefangene Momente statt strenger Konzeptkunst. Statt auf die Stärke des Einzelbilds zu setzen, versuchen sich die Fotografen lieber am Bildband. Sie schreiben mit ihren Aufnahmen Tagebuch. Sie fixieren Momente, die sonst vergessen wären.
Vielleicht ist es letztlich die neue Liebe zum Erzählerischen, die den Geist dieser Generation ausmacht. Konzeptuelles hat die europäische - und speziell die deutsche - Fotografie zu Genüge geliefert. In der amerikanischen Fotografie spiegeln sich stattdessen die Weite des Landes und die vielen Möglichkeiten, die seine Bewohner haben - oder eben nicht haben. Hinter der Mix-Mentalität in Stilfragen steht also durchaus ein eigenes Projekt. Der 41-jährige Alec Soth fasst die Entwicklung dieser Generation in wenigen Worten zusammen:
"Ich musste mir William Egglestons Einfluss erst eingestehen und mich daran abarbeiten.
Um herauszufinden, was mich besonders macht."
Weitere Fotografien der Künstler finden Sie unter: www.art-magazin.de/amerika
Bildunterschrift:
"Four Girls" (2007) aus der Serie "Polyester"
ALEX PRAGER Mit 21 Jahren sah sie eine Ausstellung von William Eggleston, danach, so sagt sie, musste sie Fotografin werden. Der Einfluss des Begründers der künstlerischen Farbfotografie ist immer noch deutlich, aber Prager entwickelte daraus ihre ganz eigene Bildwelt. Die Fotografien der Autodidaktin erinnern an Filmstills alter Hollywoodschinken, an Alfred Hitchcock, an Modefotografien - und manchmal auch an private Dia- Abende. Der Siebziger-Jahre-Look ist handgemacht. Alex Prager fotografiert meist Frauen aus ihrem Bekanntenkreis, die sie mit Perücken und Retro-Kleidern ausstattet. Die gesättigten Farben und das eigentümliche Licht machen die Illusion perfekt.
"Das Styling spielt in meinen Bildern eine zentrale Rolle", sagt die Künstlerin, die demnächst in der Gruppenschau "New Photography 2010" im MoMA vertreten sein wird.
"Sheryl" (2009) aus der Serie "Week-End"
"Charles Lindbergh's boyhood bed, Little Falls, Minnesota 1999"
ALEC SOTH Der Fotograf ist 1969 in Minneapolis geboren, und er lebt heute noch dort. Sein erstes Buch widmete er dem Mississippi, der in seinem Heimatland Minnesota entspringt, immer wieder zeigte er Menschen und Orte, von dem Ufern des Flusses. Seine Bilder erzählen von Armut, Verfall, Hoffnung und Resignation, sie blicken in die Seele Amerikas. 2009 zeigte Soth mit "The Last Days of W." bei Gagosian in New York Bilder aus der Zeit von 2000 bis 2008 unter Präsident Bush: "Ein Panoramablick auf ein Land, das durch seine katastrophale Führung erschöpft ist."
"Kym, Polish Palace, Minneapolis, Minnesota 2000" aus der Serie "Sleeping by the Mississippi"
"Charles, Vasa, Minnesota 2002" aus der Serie "Sleeping by the Mississippi"
"Running Fireworks" aus dem Jahr 2007
"Ann (Windy Truck)", C-Print (2008). Unten: "Brennan (Clear Poncho)", C-Print (2007)
RYAN MCGINLEY Er ist der Liebling der New Yorker Downtown-Szene. Bekannt wurde der als jüngstes von acht Geschwistern 1977 in New Jersey geborene McGinley mit Schnappschüssen von seinen wilden Künstlerfreunden und nackten jungen Menschen. Sein erstes, noch selbst hergestelltes Buch "The Kids Are Alright" verteilte er 2000 an Leute aus der Kunstszene, das brachte ihm eine Einzelausstellung im New Yorker Whitney Museum of American Art ein. Die Nacktmodelle für seine Trips durch das Land findet der Fotograf bei Castings. Bei seiner letzten Ausstellung in der New Yorker Galerie Team überraschte McGinley mit Studioporträts in Schwarzweiß - doch wie gewohnt waren seine Modelle jung - und ganz selbstverständlich nackt.
"Anonymous, Los Angeles", Archival Pigment Print (2008)
KATY GRANNAN Mit ihren Porträts für "Model American" (2005) will die 41-jährige Fotografin ein Abbild der amerikanischen Gesellschaft liefern. Sie schoss Bilder von Leuten, die sich auf Anzeigen von ihr gemeldet hatten - und sich bereitwillig und nicht selten unbekleidet der Kamera offenbarten. Sich nackt in der Öffentlichkeit zu zeigen, sei in Amerika ein mutigerer Schritt als in Europa, so die Fotografin. "Das ganze Land ist unter Bush und der religiö sen Rechten erstickt. Was mich und viele andere Menschen dazu bringt, rebellieren zu wollen."
Oben: "Nicole, Potrero Hill, 2006", Archival Pigment Print aus der Serie "The Westerns". Rechts: "Ghent, NY, 1999", C-Print
"Maya with Diet Coke", C-Print (2008)
ROE ETHRIDGE Der 1969 in Miami geborene Ethridge ist seit Jahren als kommerzieller Fotograf erfolgreich und wird vom mächtigen Galeristen Larry Gagosian vertreten.
Seine Arbeit lässt sich kaum klassifizieren:
Stillleben und Schnappschüsse aus dem Alltag hängen in Ausstellungen neben Collagen, Porträts und Modefotos. Der Künstler will Bilder aus ihrem Zusammenhang reißen und aufzeigen, wie veränderlich ihre Bedeutung sein kann. Zu seinen Vorbildern zählt auch der deutsche Künstler Thomas Ruff.
Links: "Sunset #4" (2008). Rechts: "Sarah Beth with Pipe" (2006), beide C-Print
"Apple and Cigarettes", C-Print (2004/06)
ZOE STRAUSS Erst vor zehn Jahren, zu ihrem 30. Geburtstag, bekam sie eine Kamera geschenkt und fing an, Schnappschüsse von Menschen und vergessenen Orten in ihrer Heimatstadt Philadelphia zu machen.
Ihr Bildband "America", der 2008 erschien, 50 Jahre nach Robert Franks legendärem Buch "The Americans", zeigt die dunkle Seite der amerikanischen Gesellschaft; die "New York Times" empfand die Bilder als "Schlag ins Gesicht". Viele Jahre betrieb sie ein Projekt, das einfachen Leuten Zugang zu ihrer Kunst erleichtern sollte: Jedes Jahr zeigte sie ihre Fotos an den Pfeilern unterhalb einer Autobahn in Philadelphia und verkaufte sie für fünf Dollar das Stück.
Links oben: "Detail 1-95 (Holding Christmas Present)". Links unten: "Detail 1-95 (All Americans)". Oben: "Detail 1-95 (Camden Mattresses)". Rechts:
"Detail 1-95 (Victoria's Hysterectomy Scar)". Alle Fotos entstanden 2000/10
Hemmungslos und pragmatisch bedient sich die junge Generation aus Amerikas großem Bilderfundus
"William Gregory, Wick's Parlor, Louisville, Kentucky, mit seiner Verlobten Vicki Kidwell, mit der er vor seiner Verurteilung zusammen war, Gregory war Pool-Billard-Champion im Gefängnis, verbüßte 7 Jahre einer Strafe von 70 Jahren für Vergewaltigung und Einbruch, 2002"
TARYN SIMON Bekannt wurde die 1975 geborene New Yorkerin mit der Dokumentation "The Innocents" (2002); zu sehen sind darin Bilder zu unrecht Verurteilter, die Jahre in den Zellen von US-Gefängnissen saßen. Simon fotografierte die Justizopfer am Ort der Festnahme, am Ort der vermeintlichen Tat oder am Ort ihres tatsächlichen Alibis und versah die Fotos mit ausführlichen Titeln, die das Schicksal der "Unschuldigen" erzählen. Ebenso spektakulär war ihr darauf folgendes Projekt, das "verbotene Orte" zeigt, etwa das CIA-Hauptquartier oder ein HIV-Forschungslabor.
"Larry Mayes, Ort der Festnahme, The Royal Inn, Gary, Indiana, die Polizei fand Mayes unter einer Matratze versteckt in diesem Raum, er verbüßte 18,5 Jahre einer Strafe von 80 Jahren für Vergewaltigung, Raub und rechtswidriges abweichendes Verhalten, 2002"
"Ronald Jones, Ort der Festnahme, South Side, Chicago, Illinois, verbüßte 8 Jahre eines Todesurteils für Vergewaltigung und Mord, 2002"
Mit ihren Bildern schreiben die Fotografen Tagebuch. Sie fixieren kostbare Momente, die sonst vergessen wären
