Ausgabe: 08 / 2010
Seite: 104
Parallele Gedankenketten
Von Hans Pietsch
VORSCHAU Fotograf mit vielen Gesichtern: neue Arbeiten von Wolfgang Tillmans
Wolfgang Tillmans Serpentine Gallery, London, 26.6.-19.9.2010
Wolfgang Tillmans hat mit seiner unstillbaren Neugier, seiner Sensibilität und seinem ständigen Infragestellen fotografischer Konventionen in den letzten 20 Jahren die Entwicklung der Fotografie entscheidend mitgeprägt. Die Auszeichnung mit dem Turner-Preis, als erster Fotograf und erster Deutscher, machte ihn 2000 endgültig international bekannt. Seitdem hat er die Bandbreite seines Schaffens ständig erweitert und sich schließlich auf den Vorgang des Fotografierens selbst und die Materialität des Bildes konzentriert.
Sein Interesse an der Präsentation von Fotos im Raum brachte ihn zwangsläufig dazu, seine Ausstellungen selbst zu hängen.
Seine Installationen wie die in der Londoner Serpentine Gallery, die hauptsächlich Werke der letzten fünf Jahre vorstellt, reflektieren, wie er die Welt sieht - "nicht linear, sondern als ", wie er in einem Interview mit Julia Peyton-Jones und Hans Ulrich Obrist, den beiden Direktoren der Serpentine Gallery, erklärt.
Der 1968 in Remscheid geborene Künstler studierte am englischen Bournemouth & Poole College of Art and Design und lebt und arbeitet seither hauptsächlich in London. In den Neunzigern fand die alternative Szene der britischen Hauptstadt in ihm einen kongenialen Chronisten, schon als 22-Jähriger hatte er für die Trendmagazine "Spex" und "i-D" fotografiert. Wie kein anderer fing er das Lebensgefühl einer ganzen Generation ein, vor allem der schwulen Subkultur Londons. Mit einem frischen Blick auf Alltägliches untersuchte er auf Porträts, Stillleben, Landschaftsansichten und Stadtaufnahmen die, wie er sagt, "Möglichkeiten des zeitgenössischen Bildes". Als vermeintliche Schnappschüsse strahlten seine Fotos eine Leichtigkeit aus, die darüber hinwegtäuschte, dass die Flüchtigkeit des Augenblicks oft ganz bewusst komponiert war.
Das Ende des Hedonismus der Neunziger bedeutete auch für Tillmans, den Fotografen mit vielen Gesichtern, "eine Verlagerung der Grammatik". Mit den erst in der Dunkelkammer entstandenen "Silver-Prints" gewann Abstraktion in den letzten Jahren in seinem Schaffen immer mehr an Bedeutung.
Seine jüngsten Werke sind im Grenzbereich zwischen Fotografie und Objekt angesiedelt. Die seit 2005 entstandenen, geknickten oder gefalteten "Lighter", bei denen das belichtete Papier in den Vordergrund rückt, und seine wie Grafiken anmutenden, ohne Kamera entstandenen "Paper Drops" sind mehr Objekt als Abbildung.
Sie fangen das fragile Gleichgewicht zwischen Schönheit und Subversion ein, das den Künstler schon immer beschäftigt hat.
Der Katalog, erschienen bei Koenig Books, kostet in der Galerie 19,50 Pfund
Bildunterschrift:
Chronist seiner Zeit mit Hang zum Abstrakten: Tillmans-Fotos "Dan" (2008) und "in flight astro (ii)" (2010)
