Ausgabe: 08 / 2010
Seite: 102-103
Die Legende von der Wirklichkeit
Von Thomas Wagner
KRITIK Die Kunst will auf das blicken, "was draußen wartet". Tatsächlich aber bleiben bei der 6. Berlin-Biennale beide Seiten in ihrer Welt
6. Berlin-Biennale für zeitgenössische Kunst KW Institute for Contemporary Art und andere Orte, Berlin, 11.6.-8.8.2010
Auf dem ehemaligen Kaufhaus am Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg weht eine rote Fahne. Gehisst hat sie der Künstler Marcus Geiger. Nicht triumphal, sondern etwas abgerissen flattert sie im Wind. Im Gebäude ist "Kommune" nur noch ein Wort, das in schwarzen Lettern auf einem roten Teppich prangt. Taugen Kollektiv und Protest nur noch fürs Museum? Es mag sein, dass viele der 45 Künstlerinnen und Künstler, die Kathrin Rhomberg als Kuratorin der "6. Berlin-Biennale für zeitgenössische Kunst" an insgesamt sechs Orten versammelt hat, gängige Erwartungen irritieren möchten. Allein, die Gesten wirken oft verbraucht, ganz gleich, ob die Arbeiten zum wiederholten Mal von "existenziellen Erfahrungen vor dem Hintergrund gegenwärtiger gesellschaftlicher Prozesse", von Geschlechterverhältnissen oder von Krieg und Armut handeln. Daran ändert auch das Versprechen nichts, mit dem der Titel der Biennale lockt: "Was draußen wartet". Eine "Blickrichtung" soll er vorgeben, "aus dem Kunstraum hinaus auf die Wirklichkeit". Doch wer glaubt, hier würde tatsächlich wie "draußen vor der Tür" in unkalkulierbaren Nachbarschaften agiert, wird enttäuscht.
Während sich auf den Kreuzberger Straßen Menschen, Religionen und Kulturen mischen, werden drinnen im Kunst-Bau mehr oder weniger plakativ all jene Gegensätze beschworen, von denen weder Kunst noch Politik wissen, wie sie aufzulösen sind.
Wenn etwa der in Boston geborene Mark Boulos auf der einen Seite Börsenhändler in Chicago zeigt, die mit Erdöl handeln, und auf der anderen Bewohner des Nigerdeltas, die durch die Ausbeutung der Ölquellen ihrer Lebensgrundlage beraubt wurden, so verharrt jeder in seiner Welt. "Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt" hieß das einst bei Peter Handke.
Womöglich hat die Kuratorin etwas anderes im Sinn gehabt, als sie nach dem Verhältnis des Menschen zur Realität gefragt hat: das, was vor allen Welterklärungen, vor allen Ideologien, aber auch vor Wut, Trauer und Ohnmacht liegt. Wollte Rhomberg tatsächlich den Versuch wagen, der Entfremdung zwischen dem Auge und den Tatsachen auf die Spur zu kommen, so ist dies gescheitert. Der Blick unter die Oberfläche misslingt, weil die Künstler keinen Weg heraus aus der Kunst finden. Film und Fotografie sind nicht zufällig die bevor- zugten Medien. Beide schaffen sie eine Distanz, in der das Rohe sich auflöst. Und weil man im Falschen nach dem Richtigen sucht, tritt ein ums andere Mal die Theatralisierung an die Stelle des Wirklichen. Hinzu kommt: In Berlin muss das Jugendliche ebenso Staat machen wie der Blick in den Hinterhof. Schließlich entspricht das dem Image und wird entsprechend gefördert. 2,5 Millionen Euro hat die Bundeskulturstiftung diesmal investiert. Sogar der Staatsminister für Kultur ist anwesend, wenn sich Berlin als wirkliche Wirklichkeit feiert.
Trotzdem gelingt es einigen Arbeiten, näher heranzukommen an die Brüchigkeit der Gegenwart. Zur Entdeckung wird Petrit Halilaj, ein junger Künstler aus dem Kosovo. Er hat in den zentralen Raum der Kunst-Werke die Betonschalungen des zerstörten und im Wiederaufbau befindlichen Hauses seiner Eltern gezwängt und betreibt so den Wiedereinbau der Wirklichkeit in die reine, weiße Zelle. Solche Arbeiten hätte man gern öfter gesehen, trotz der Politromantik, die auch in diesem Störenfried steckt. Weiter "draußen" agiert auch der Fotograf Michael Schmidt, ein Realist von ganz anderem Schlag. Seine Schwarzweißaufnahmen junger Frauen aus den neunziger Jahren, die auf Plakatwänden auftauchen, legen das Bild einer selbstbewussten Weiblichkeit frei, indem sie schonungslos alles Geleckte abstreifen.
Und dann gibt es noch Adolph Menzel.
Es ist ein geschickter Schachzug, den Realisten des 19. Jahrhunderts - mit gebührendem Abstand - mit den Wirklichkeitssuchern von heute zusammenzuspannen, zumal man mit dem Kunsthistoriker Michael Fried einen kundigen Kurator gewinnen konnte. Hat man die recht kleine Schau in der Alten Nationalgalerie gesehen, fragt man sich aber doch, was das einbringt. Sieht man Menzel nun anders? Die Menzel-Schau braucht die Berlin-Biennale nicht, diese aber braucht Menzel, weil er, anders als viele der Heutigen, staunend eintaucht ins rätselhaft Wirkliche und sich selbst dabei zum Maßstab macht. Am Ende erweist er sich als derjenige, der am weitesten "draußen" ist.
So war es wohl nicht gemeint.
Der Katalog (in der Ausstellung 12,95 Euro, im Buchhandel 14,95 Euro) und ein Reader (25 Euro) sind im DuMont Buchverlag erschienen
Bildunterschrift: art-Autor
Reichlich ausgetreten: Marcus Geigers Bodenläufer mit der Aufschrift "Kommune" (1995)
Das Elternhaus von Petrit Halilaj wurde im Kosovo-Krieg zerstört. Der Künstler zeigt in Berlin die Betonschalung vom Wiederaufbau, kombiniert mit echten Hühnern.
Seine Installation trägt den Titel "The places I'm looking for, my dear, are utopian places, they are boring and I don't know how to make them real" (2010)
Mark Boulos' Videoinstallation "All That Is Solid Melts into Air" (2008) zeigt Profiteure und Verlierer des globalen Ölgeschäfts
